Romfahrt 1575

 

(Wie mühsam die Pilgerfahrt nach Rom in früheren Jahrhunderten war, kann man sich nach alten Reiseberichten und Tagebüchern ausmalen. Unsere Fahrten zum Hl. Jahr sind dagegen nur harmlose Vergnügungsreisen. Der Münchener Hofprediger Dr. Jakob Rabus, der in Dillingen konvertierte, , beschrieb in einer interessanten ungedruckten Handschrift, die bis zur Säkularisation im Münchener Augustiner-Eremitenkloster lag, begeistert seine Romfahrt 1575, die Karl Schottenloher 1925 in München in einem hübschen Büchlein herausgab. Wir entnehmen einen Auszug daraus dem wie alljährlich im Verlag Schnell u. Steiner erscheinenden „Baiernkalender“ für das Jahr 1950, der allen Freunden des bayerischen Volkes und Landes zugedacht ist.)

 

Johann Jakob Rabus hatte seine Jugendjahre in Straßburg und Ulm verlebt, studierte an den Hochschulen in Wittenberg und Tübingen und trat dann zur katholischen Kirche über. Er beendete seine Studien in Rom, betätigte sich in Löwen und Köln als Schriftsteller und wurde Hofprediger bei Herzog Albrecht V. in München. Nachdem Papst Gregor XIII. zur Feier des Jubeljahres 1575 eingeladen hatte, warb Dr. Rabus für eine bayerische Pilgerfahrt. Der herzogliche Jägermeister Hans Georg von Etzdorf schenkte ihm hierzu ein Maultier.

Die Romfahrt, der sich Geistliche und Laien anschlossen, begann am 18. Januar 1575. Die erste Nacht verbrachte man in Benediktbeuren. Keine Mühe und Beschwernis brachte die Pilger vom Ziel ab. In Florenz, das sie über Innsbruck, Bozen, Mantua erreichten, wurden die Pilger von der Herzogin Anna von Bayern und der Schwester Kaiser Maximilians II. gütig bewillkommnet. Als sie am 18. Februar Rom erblickten, stimmten sie das „Te deum laudamus“ an.

 

Die Pilgerschar betete eifrig auf ihrer Reise, aber auch für die unzähligen Kunstgegenstände und ihre Schönheiten war sie genauso wie für die christlichen Heiligtümer aufgeschlossen. Rabus schreibt z.B. von der Franziskanerkirche in Mantua: „Ist auch ein stattlich, sehr herrlich wunderbar Werk, der Hochaltar . . . dabei hatten die Pilgram nit weniger auch ihr Andacht und befahlen sich der Fürbitt der lieben Heiligen, deren Heiltumb allda rastet. Subtile Künstler mögen in diesem Gotteshaus solchen Altar neben dem Sakramentshäuslein fleißig beschauen. Da werden sie in die Schul geführt werden. Hab ich allda Mess gelesen und etliche Pilgram gespeist.“ In Modena ließen sich die bayerischen Pilger am Lichtmesstag Kerzenstücklein weihen, in Bologna sahen sie einen Dorn von der Krone des Herrn. Florenz aber zeigte sich in so herrlichem Ansehen, dass einer, der aus Deutschland hineinziehe, nicht anders meinen könne, als er sähe eine ganze Welt und gleichsam die große Stadt Babylon vor sich. Im Predigerkloster liegt Erzbischof Antonius (+ 1459) begraben, der von Papst Hadrian VI. zugleich mit St. Benno, dem bayerischen Landespatron, heiliggesprochen worden war. In Rom eilten die Pilger sofort zu „St. Peters Hauptkirchen und der gulden Pforten daselbst und sagten Gott Dank umb alle seine Gnaden“.

 

Rabus schildert fast alle Kirchen Roms, vor allem aber St. Peter und seine sechs Portale. „Die 6. Porten steht auch zur rechten Hand zum allerobristen, wird genannt aurea porta, die guldene Pfort, die steht nit allwegen, sondern nur alle 25 Jahr ein Jahr offen, wenn man nach alter christlicher Gewohnheit das Jubeljahr hält und den guldin, das ist höchsten Ablass austeilt und empfängt; wird hernacher, wann das Jahr verflossen, wiederumb zugemauert. Und wird diese hl. Porten mit folgenden Ceremonien geöffnet:

 

Auf dem hl. Weihnachtsabend, wann ein 25. Jahr vorhanden, nach Mittag, legt päpstliche Heiligkeit ihre gewöhnliche pontificalische Ornat an und verfügen sich allsdann alle Kardinäl, Bischof und Prälaten samt ihr Heiligkeit fürnehmbsten Hofgesind in Palast und begleiten ihr Heiligkeit in die Capell S. Sixti. Daselbst tut jeder männiglich dem h. h. Sacrament gebührende Reverenz und verrichtet sein Gebet. Und unter dem, dass päpstliche Heiligkeit also vor dem hl. Sacrament kniet, nehmen die Prälaten, Kardinäl, Bischof, Aebt, etc. angezündte große Dortschen (Fackeln) oder Windlichter, die werden ihnen von ihren Caplänen überreicht. Päpstliche Heiligkeit aber intoniert und hebt an zu singen den schönen Hymnus „Veni creator spiritus“, Komm du Schöpfer, o heiliger Geist. Den singen die Prälaten gar aus bis ans End. Darauzf nimbt ihr Heiligkeit auch ein brennende Fackel und geht also der Prozession fort bis zu der guldin Porten. Da setzt ihr Heiligkeit sich nieder und wartet, bis die Herren und Prälaten alle zusammen kommen. Wann das geschehen, steht ihr Heiligkeit auf, nimbt ein silbern Hammer in die Hand, geht für die Porten, schlägt mit dem Hammer daran und singt im Schlagen hernach folgende Versikel: Tut auf die Porten der Gerechtigkeit. Darauf antwortet ihr der Chor: Wenn ich durch sie hinein wird gehen, will ich den Herrn loben . . . Auf solches nimbt der obriste Poenitentiarius, dazumal der fromme Kardinal Hosius seligster Gedächtnis, auch ein Hammer und schlägt auch an die Porten. Die Mauerer aber brechen dazwischen die Stein aus und eröffnen dieselb, die wird bald mit Rauchwerk und Weihwasser besprengt. Und singt darauf die Klerisei den 65. Psalm Davids: „Jubilate Deo omnis ferra“ chorweis und umb einander. Der Papst aber, ehedann er durch die Porten hineingeht, singt zuvor noch etliche Versikel:

 

Dies ist der Tag, den Gott selbst gemacht hat.

Lasst uns dran frohlocken und fröhlich sein.

 

Nach diesem allen nimbt der Papst ein guldins Kreuz in die Hand und faht an zu intonieren den schönen Lobgesang Augustini und Ambrosii: Te deum laudamus, Herr Gott, dich loben wir; den vollführt die Klerisei und geht der Papst fort zum hohen Altar, da setzt er sich in sein gewohnlichen Stuhl und hört die Vesper, wie die zu S. Peter von den Thumbherren gehalten wird.“

 

Bis 4. Mai blieben Rabus und seine Pilgergesellschaft in Rom. Die Ewige Stadt beeindruckte sie sehr. Das antike, das kaiserliche, das frühchristliche Rom und die Stadt der damaligen geistigen Erneuerung nahm sie gefangen: „Rom ist einem jeglichen das, was er sich selber ist. Ist einer fromm, heilig, gottesfürchtig, so findet er der Leut dieshalben allen Vorrat, wie ers nur haben will. Ist einer gelehrt und sucht Gelehrte, so findet ers. Ist einer ein Weltmann und sucht Weltleut, so hat ers. Ist einer aber bös, unrein, üppig und begehrt seinesgleichen, so findet ers abermal. Wer dem Guten in Rom nachgehen und nachsetzen will, der wird in Deutschland von Rom gewißlich anders nichts denn alles Liebs und Guts wissen zu sagen“.

 

Venedig gefiel ihnen ungemein. „Ist eine lustige Fahrt von Chioggia dahin . . .“; unsere Pilger hatten allerdings auch große Schwierigkeiten auf der Seefahrt erleben müssen. „In der Stadt sein über die 8000 Gondole oder kleine Schifflin fein zugericht, darauf man zu Venedig durch die Gassen und sonsten hin und wider fährt, der Brucken sein 400, zum Teil aus Stein und zum Teil aus Holz gemacht.“ Ergreifend aber ist, wie dieser gelehrte Mann der Renaissancezeit den hohen Wert der Katakomben gegenüber der strahlenden Schönheit von St. Markus in Venedig erlebt hat.

 

„Denn wiewohl allhie, nämlich zu Venedig bei S. Marx, alles von Silber, Gold, köstlichem Gestein gleißt, dort aber zu Rom in bemeldten Oertern alles dunkel, unter der Erden, scheußlich, zerrütt und zerfallen ist, dass einem darb grausen möchte, der sie nur von außen ansieht, so hab doch ich in einer Viertel Stund mehr Andacht und Erquickung des Geistes darin gefunden, denn die Tag über und über, während wir zu Venedig still gelegen. Und also war mein Pilgramsbrüdern auch. Denn zur Erweckung des Geists tut ein Pilgram die alte Simplicität der hl. Martyrer, die vor den Tyrannen aus Forcht der untersten Teil der Erden sich zu ihrem Gottesdienst haben gebrauchen müssen, item ein alts zerbrochens Kapellin, das mit der hl. Märtyrers Blut vor Zeiten besprengt, befeuchtigt und consecriert worden, dergleichen wir oben viel beschrieben, mehr gut denn die schönste Kirche, die man finden mag. In dieser werden die Sinn des Menschen zerstreut, dort bleiben sie bei einander, da man auf kein Köstlichkeit der Gebäu oder ander Zier nit gaffen kann, und erheben sich einmütiglich zu Gott, dass der Mensch anders nichts tun kann, denn der Andacht pflegen wegen der Gedächtnis dessen, dass so viel heilige Leu tumb Christus willen an dergleichen Oertern überstanden und gelitten haben, dadurch der Mensch von Betrachtung zeitlicher Ding, meins Erachtens, mächtiglich abstrahiert und allein auf göttliche Ding erhebt wird.“

 

Über Sterzing zogen unsere Romfahrer den Brenner hinauf, und „wiewohl sonsten heiß war, so war es doch auf dem Berg so kalt, dass ich meine Winterkleider antun mußt“. Im Kloster Schäftlarn an der Isar wurde noch ein Dank-Amt gefeiert, und am 1. Juni trafen alle wohlbehalten nach viereinhalb Monaten in München ein. Rabus aber schreibt in seiner Handschrift „Mein Leben lang tat mir kein Scheiden weher, denn wie dieses Scheiden von Rom und von St. Peter getan hat“.

Aus „Baiernkalender“

Verlag Schnell und Steiner

München 1950