Rocamadour

 

Wo der Himmel die Erde berührt - Rocamadour

 

Einer der Namen, die man nicht mehr los wird, wenn man sie einmal gehört hat, einer von denen, die mit ihrem urtümlichen Klang den Widerhall aufwecken in den tiefsten Kammern der Seele, ein Name, so herb ansetzend, fortschreitend so machtvoll und endigend in der Süßigkeit einer vollen Wabe. Rocamadour!

 

Wir kamen von Spanien herauf, wo wir der uralten Pilgerstraße nach Compostela nachgezogen waren. Beinahe waren wir übersättigt von den Denkmälern des ewigen Heimwehs vergangener Geschlechter, sicher übermüdet von den Beschwerden der Reise unter der unbarmherzigen Augustsonne – und vielleicht war es nur der geheimnisvolle Klang des Namens, der uns letztlich dazu vermochte, den Wagen hinter Cahors von der Verbindungsstraße Toulouse-Brive nach rechts wegzulenken in die zerklüfteten Täler der Zuflüsse der Dordogne, um als letztes der großen Marienheiligtümer unserer Reise jenes zu erleben, das einst für die Santiago-Pilger den bedeutendsten heiligen Rastort in Südfrankreich darstelle: Rocamadour.

 

Malerische Landschaft, umwittert vom Geheimnis des Ursprungs, der Vorzeit der Legende, der Geschichte: tiefeingeschnittene, saftgrüne Täler, von ockerfarbenen Kreidefelsen über Eichen und Akazien gekrönt. Bäche, die plötzlich verschwinden und einige hundert Meter tiefer wieder emporquellen, unterirdische Seen und Höhlen, die noch Spuren eiszeitlicher Bewohner bergen. Schafherden im Ginstergestrüpp und darüber der wilde Schrei der Stoßvögel. Ortschaften mit seltsam bannenden Namen, mit wehrhaften Gehöften und farbenprächtigen Gärten – eine Landschaft, die das Große mit dem Lieblichen vereint, das Harte mit dem Linden, so wie es der Name und die Gestalt des Heiligtums tut, das jetzt wie eine Verzauberung vor uns aufsteigt: Rocamadour.

 

„Felsen der Liebenden“, so wird der Name gedeutet. Die Legende hält hartnäckig daran fest, dass er zurückgeht auf Zachäus, den Zöllner, der sich hier im Felsen niedergelassen und wegen seiner großen Liebe zu Jesus und Maria von den Bekehrten den Namen Amator erhalten habe. Die Aussage der Legende, dass er über Spanien hierhergekommen sei, verdankt sicherlich seinen Ursprung der Lage des Ortes am Pilgerweg nach Compostela. In dem Umstand, dass der nächste große Wallfahrtsort an dieser Straße Roncesvalles war, wo nach der Sage einst Rolands Horn Karl den Großen als Rächer seines jammervollen Todes herbeirief, mag der Kritische auch die Grundlage für die Überlieferung sehen, wonach schon Kaiser Karl und sein edelster Paladin an der heiligen Stätte ihr Knie gebeugt haben. Wahrscheinlich aber reicht die Verehrung Mariens in dem Felsenheiligtum des Tales Alzou noch weiter zurück – man vermutet, dass sie die Anbetung einer der beliebten keltischen Muttergottheiten ablöste.

 

Der Beginn der Pilgerfahrten lässt sich zeitlich nicht festlegen. Die berühmte kleine Glocke des Heiligtums stammt aus dem 6. oder 7. Jahrhundert. Urkunden aus Tulle vermerken Schenkungen im 10. Jahrhundert. Im Lauf des 11. Jahrhunderts wird die Wallfahrtskapelle zum Gegenstand eines langen Prozesses zwischen der Abtei von Tulle und der von Marcilhac, die endgültig im Jahr 1193 auf ihren Anspruch verzichten muss. Damals hatte die Wallfahrt bereits Weltruhm erlangt. Seit 1130 kamen, angezogen von den unzähligen Wunderberichten, die Pilgermassen aus ganz Europa zur Jungfrau im Felsen, darunter Heilige, Könige, kirchliche und weltliche Fürsten, so der hl. Bernhard, der hl. Dominikus, der hl. Engelbert von Köln, der hl. Antonius von Padua, weiter König Ludwig der Heilige und seine Mutter Blanche, seine drei Brüder: Philipp der Schöne, Karl IV., Philipp VI., Johann, Herzog der Normandie und Karl VII., Ludwig XI., Heinrich II. von England und viele andere große Herren. Sie alle kamen, um zu Füßen der Himmelskönigin zu beten und zu büßen.

 

Nicht alle Pilger fanden sich freiwillig ein, nur von ihrer Frömmigkeit getrieben, sondern häufig handelte es sich um eine Bußwallfahrt, die von den Gerichten zur Sühne für einen schweren Frevel auferlegt worden war. Seit dem Jahr 1130 z.B. ordneten holländische Tribunale in bestimmten Fällen an, dass die Übeltäter nach Rocamadour pilgern müssten. Weg und Unterkünfte waren dabei genau vorgeschrieben.

 

Wie konnte das Städtchen, das sich ungefähr noch in den früheren Grenzen auf der schmalen Talsohle an den Fuß des Felsens schmiegt, die Pilgermassen nur beherbergen? Zumal in den Tagen des „großen Nachlasses“ (grand pardon), der mit unzähligen Ablässen jeweils in den Jahren gewährt wurde, in denen Fronleichnam auf Johannes fiel! Nun, man half sich: man nächtigte in Zelten und im Freien, wie man es heute noch in größtem Umfang in Fatima erlebt. Sogar die heiligen Handlungen fanden unter freiem Himmel statt. Fast jeder Baum wurde zum Beichtstuhl, und die niedrigen Grenzmauern zwischen den verschiedenen Ackerstreifen dienten als Kommunionbänke, an die sich die Massen drängten.

 

Ein solches Jahr des großen Nachlasses, das außer der ordentlichen Reihe von Papst Martin V. gewährt wurde, bemerkten die Stadtregister von Cahors ausdrücklich in einem besonderen Zusammenhang: zur selben Zeit, als Jeanne d’Arc in Chinon ihre Mission begann, flehten in Rocamadour die Pilgerscharen um die Befreiung ihres Vaterlandes vom Joch der fremden Eroberer.

 

Sie vermochten hier mit besonderem Vertrauen um den Frieden beten: Auf die Wallfahrt von Rocamadour geht die Einrichtung des mittelalterlichen „Marienfriedens“ zurück, der dem Vorbild des Gottesfriedens folgte, der „treuga Dei“. Er bestand darin, dass es den Pilgern unter den Zeichen des Friedens möglich wurde, unbehelligt zwischen feindlichen Armeen hindurchzuziehen. Der Brauch bestand Jahrhunderte hindurch und wurde später auf eine Reihe anderer Marienwallfahrten übertragen.

 

An all das denken wir, während wir, an einer Straßenbiegung rastend, den Zauber des im ganzen mittelalterlichen Bildes in uns aufnehmen. Ein zarter Sonnenstrahl tastet sich aus der milchigen Wolkendecke hervor und streift wie kosend über die roten Ziegeldächer der gotischen und barocken Bürgerhäuser, über den grauen Schiefer der an den Felsen sich kauernden Heiligtümer, über die wehrhaften Zinnen der darüber ragenden Burg. Er weiß nichts mehr von der Zerstörung, die hier in den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts wütete und vom Hass der „großen Revolution“ vollendet wurde. Er findet aber auch nur wenig vor von dem früheren Glanz der heiligen Stätte, den der Wiederaufbau durch die Bischöfe von Cahors nicht wieder konnte erstehen lassen. Auch die Wallfahrt hat ihre frühere Bedeutung nicht mehr erlangt.

 

Es ist schwer, einen Parkplatz in den winkligen, von Torbögen überspannten Straßen zu finden. Aber schließlich steigen wir die heilige Treppe der 216 Stufen zum Heiligtum hinauf. Die mittelalterlichen Pilger, auch Könige, machten diesen Weg auf den Knien. Davon berichtet eine Marmortafel, die an der Stirnmauer der Treppe angebracht ist. Aber die Stufen sind hier noch nicht zu Ende: auf und ab führen sie uns in das Halbdunkel der verschiedenen Heiligtümer, die unregelmäßig wie die Zellen einer Hummelwabe an den Felsen angeklebt sind: Die Kapellen des hl. Johannes des Täufers, des hl. Johannes Evangelist, der hl. Anna, des hl. Michael, die Kirchen des hl. Blasius und des hl. Amadour, und schließlich die Kapelle der hl. Jungfrau. Trotz aller Zerstörung – wieviele Erinnerungen bergen diese Mauern, wieviele Gebete wehen wie unsichtbare Flügel um uns!

 

Wir betrachten die Nachbildung des Durandarte des Helden Roland, das in einer Felsspalte steckende Schwert, stehen am Felsengrab des hl. Amadour und vor der Holztruhe, deren Schloss bis vor dreißig Jahren die weiblichen Pilger berührten, um Kindersegen zu erlangen, schauen auf zu der berühmten kleinen Glocke, die – das ist durch mehrere amtliche Protokolle überliefert – von selber läutete, wenn Schiffer in Seenot die Jungfrau von Rocamadour anriefen.

 

Und dann knien wir nieder vor dem uralten Gnadenbild, vor dem sich die Pilger drängen – leider auch die Touristen. Die Kapelle der hl. Jungfrau, nicht sehr glücklich wiederhergestellt, ist völlig dunkel, die Augen müssen sich erst gewöhnen. Oben längs des Gewölbes zieht sich ein schmaler Gang hin, zu dessen Seiten die Opfergaben aufgehängt sind: Fahnen, Militärorden, Brautkränze Krücken, Fesseln, Kerzen, Marmortafeln, Modelle von Segelschiffen und aus jüngster Zeit sogar das – eines Maschinengewehrs.

 

Auf dem neugotischen Hochaltar thront das Gnadenbild, uralte Nachbildung eines noch älteren von fast magischer, gewaltsamer Schönheit. Landläufiger Geschmack wird es geradezu abstoßend finden. Was aber zog daran – außer seiner Wunderkraft – die Pilger immer und immer wieder an? Hatten sie wohl noch den Blick für die strenge Güte, für die erbarmende Majestät, die aus dem Antlitz dieser Königin und dieses „kleinen Königs“ spricht? O du große, liebe Frau von Rocamadour, senke uns wieder das erhabene, das königliche Gesetz deines Sohnes in unser Herz, welches das Gesetz der Glieder überwindet und die friedlose Welt unter das Joch biegt, das süß, unter die Bürde, die leicht ist. Amen.

 

Gerhard Hermes

in „Rosenkranz“, Juni 1956

http://rocamadour.eu/