Pompeji als Wallfahrtsort

 

Es gibt auch ein christliches Pompeji!

 

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts begann sich die Verehrung der Rosenkranzmadonna von Valle di Pompeji zu verbreiten, eines damals kleinen, unbedeutenden Ortes unweit des durch den Vesuvausbruch im Jahr79 n. Chr. Zerstörten und vor gut 150 Jahren wieder ausgegrabenen antiken Pompeji.

 

Don Bartolo Longo, ein Rechtsanwalt, nahm sich der Sache besonders an und begann dort mit bescheidensten Mitteln den Bau einer Kirche für die Unterbringung des bekannten Wallfahrtsbildes der Rosenkranzmadonna. Die Rechnung für den Bau dieser Kirche ist noch erhalten. Der Grund und Boden, auf dem die Kirche errichtet wurde, kostete 1630 Lire. Eine von der Gattin Bartolo Longos veranstaltete Sammlung erbrachte 1732 Lire und 85 Centesimi. Dem Maurermeister Cirillo und seinen Arbeitern wurden monatlich 336 Lire bezahlt Auch freiwillige Helfer boten sich an.

 

Eines Tages besuchte Don Bartolo einen seiner Freunde und traf dort einen älteren Herrn, den er nicht kannte. Als er von der Erbauung der neuen Kirche zu erzählen begann, fragte der Fremde: „Wer ist der Architekt?“ „Wir haben keinen“, erhielt er zur Antwort. „Haben Sie wenigstens einen Plan, nach dem Sie arbeiten?“ „Gewiss“, erwiderte Don Bartolo stolz und zeigte den Plan, den er immer bei sich trug. „Ein junger Priester aus Pompeji, mit dem ich befreundet bin, hat ihn angefertigt.“ Der Fremde begann zu lächeln, als er die primitive Zeichnung erblickte. „Aber warum nehmen Sie sich zu einem solchen Bau keinen tüchtigen Architekten?“ „Weil wir kein Geld haben.“ „Geben Sie mir die Zeichnung! Ich werde Ihnen einen vollständigen, fachgerechten Plan liefern, ohne dass das, was bereits fertig ist, wertlos wird.“ Don Bartolo waren schon oft solche „Gratis-Angebote“ gemacht worden. Meist hatte er aber hinterher noch dafür zahlen müssen. Sein Freund begriff, was ihm durch den Kopf ging, und sagte: „Der Herr hier ist Professor Cua, der bekannte Mathematiker unserer Universität. Sei unbesorgt, du wirst einen ausgezeichneten Plan bekommen, ohne auch nur einen Soldo dafür bezahlen zu müssen.“ Don Bartolo vermochte kaum ein Wort des Dankes hervorzubringen. Der berühmte Mathematiker schnitt ihm jedes weitere Wort ab und sagte: „Ich werde nicht nur den Plan ausarbeiten, sondern Ihnen auch persönlich bei der Arbeit helfen.

 

So begann man den Bau der Basilika, die aus Vulkangestein erstellt wurde. Zwei als Aufseher in Pompeji Scavi (dem Ort der antiken Ausgrabungen) angestellte Männer hatten damals gerade begonnen, in der Nähe der Straße Neapel-Salerno Vulkangestein zu brechen. Don Bartolo bat um Überlassung von Steinen für den Bau seiner Kirche, und sechs Monate lang, von Januar bis Juni 1877, lieferten die beiden monatlich für 100 Lire Steine an. Bald erwies es sich als notwendig, eine Straße anzulegen, um mit Wagen an den Steinbruch heranfahren zu können. Prof. Cua leitete auch diese Arbeit.

 

Während so der Bau der Kirche trotz vieler Schwierigkeiten Fortschritte machte, wurde Don Bartolo eines Tages eine Besucherin gemeldet, die von einem Aufseher aus Pompeji Scavi begleitet war. Es war Lady Herbert, die Mutter Lord Pembrokes, des bekannten englischen Politikers. Die Dame, die kurz vorher zur katholischen Kirche übergetreten war, hatte das antike Pompeji besucht und dabei von weitem das auf der Baustelle errichtete Holzkreuz erblickt. „Ein Kreuz in Pompeji?“ hatte sie überrascht ausgerufen. Das Ergebnis ihres Besuches war, dass kurz darauf, zu einer Zeit, als noch kaum in Italien etwas von dem bekannt war, was in Pompeji vor sich ging, die bekannte englische katholische Zeitschrift „The Tablet“ einen Artikel darüber brachte. Daraufhin begannen von überallher, aus London, Dublin, Malta, den USA usw., ein Strom meist anonymer Spenden zu fließen, der heute noch (1950) anhält. Der größte Teil davon wurde in drei großen Wohltätigkeitswerken angelegt, die Don Bartolo Longo gründete.

 

Seitdem ist das neue Pompeji nicht nur ein berühmter Wallfahrtsort, sondern auch eine Stätte der Liebe und der Barmherzigkeit geworden. Im Schatten des großen Glockenturms aus Granit, der über 80 Meter hoch emporragt, finden mehr als tausend arme, bedauernswerte Menschen Hilfe. Das dort entstandene Waisenhaus nimmt heute (1950) allein über 300 Kinder zwischen 3 und 7 Jahren auf. Sie werden liebevoll erzogen und gründlich für das Leben geschult. Ein zweites Institut ist für die „Waisen des Gesetzes“ gegründet worden. Hier werden, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Italiener, Franzosen, Deutsche oder Engländer handelt, Jungen von 4 Jahren an aufgenommen, deren Väter oder Mütter zu längerer Kerkerhaft verurteilt sind. Das dritte Institut entspricht dem zweiten, nimmt aber nur Mädchen auf. Ihrer Art und ihrem Zweck nach sind diese Institute die einzigen in ganz Europa. Die Jugendlichen erlernen hier einen vollwertigen Beruf. Mit 20 Jahren verlassen sie das Institut.

 

Don Bartolo erlebte die Vollendung des letzten seiner Hilfswerke nicht mehr. Seit dem 5. Oktober 1926 ruht er in der Krypta der von ihm erbauten Kirche. Sein Seligsprechungsprozess steht kurz vor dem Abschluss. Dann werden Millionen Gläubige nicht mehr „für den Advokaten Don Bartolo Longo“, sondern „zum seligen Bartolo Longo“ beten, dem frommen Laien, der neben dem antiken heidnischen Pompeji ein christliches Pompeji schuf.

 

(Gekürzt aus „Sintesi“, Via S. Antonio 5, Mailand, Dezember 1950)

 

Anmerkung: Bartholomäus Longo wurde am 26. Oktober 1980 durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 5. Oktober.