Der Marien-Wallfahrtsort Philippsdorf

 

(Zum 50jährigen Jubiläum der Gnadenstätte 1916 – Von Josef Kunte)

 

Im nördlichsten Teil Böhmens und damit zugleich im nördlichsten Teil der ganzen Monarchie erhebt sich, von der Reichsgrenze gegen Sachsen nur einen Steinwurf weit entfernt, eine herrliche marianische Wallfahrtskirche romanischen Stiles, die Gnadenkirche von Philippsdorf.

 

Philippsdorf, nur zehn Minuten von zwei Bahnen entfernt, ist von Prag aus mit dem Schnellzug in wenigen Stunden, von Reichenberg oder Dresden aus in noch kürzerer Zeit zu erreichen.

 

Die marianische Gnadenstätte von Philippsdorf zählt zu den jüngsten und doch bereits zu den besuchtesten Wallfahrtsstätten unserer ganzen Monarchie. Am 13. Dezember 1916 werden es 50 Jahre, dass die Mittlerin der Gnaden einem armen Webermädchen namens Magdalena Kade erschien und es von einem nach dem übereinstimmenden Urteil der behandelnden Ärzte unheilbaren schweren Leiden plötzlich befreite. Magdalena Kade, geboren zu Philippsdorf am 5. Juni 1835, lebte nach dem frühzeitigen Tod ihrer Mutter unter der Hut ihres Vaters mit einem Brüder höchst zurückgezogen in einem kleinen Häuschen, das in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1866 der Schauplatz einer himmlischen Erscheinung werden sollte, durch die der Name der armen Weberstochter weithin bekannt wurde. Seit ihrem 19. Lebensjahr litt Magdalena an den Folgen eines Erschreckens. Zunächst von Krämpfen befallen, erkrankte das Mädchen in den folgenden zehn Jahren wiederholt an Lungen-, Rippenfell- und Gehirnhautentzündung so schwer, dass sie mehrere Male mit den Sterbesakramenten versehen werden musste. Seit Oktober 1864 war sie ganz ans Bett gefesselt. Im Februar 1865 traten heftige Brustschmerzen hinzu und es bildeten sich eiternde Blasen an der linken Seite des Oberkörpers, die sich dann über den ganzen Körper ausbreiteten und zu großen Geschwüren ausbildeten. Nach dem Urteil des sie behandelnden Arztes Doktor Ulbrich aus dem nahen Georgswalde und dem gleichen Parere des Arztes Gürlich aus dem protestantischen Neugersdorf war die Krankheit unheilbar.

 

In der Nacht vom 12. zum 13. Januar 1866 war der Zustand der mit großer Geduld und Hingebung an Gott Leidenden derart bedenklich, dass mit dem baldigen Ableben der stillen Dulderin gerechnet werden musste. In der Stube, in der Magdalena Kade im Bett lag, war als Pflegerin eine treue Person, Veronika Kindermann, anwesend, die mit der Schwerkranken zeitweise betete. Eben war Veronika für einige Minuten neben dem Bett auf der Ofenbank eingeschlummert, als die bei vollem Bewusstsein heftige Schmerzen Leidende plötzlich einer himmlischen Erscheinung gewürdigt wurde. Magdalena Kade selbst schilderte den wunderbaren Vorgang mit folgenden Worten:

 

„Auf einmal wurde es licht in der Stube, noch lichter als am Tag. Da erschrak ich und fing zu zittern und zu beben an. Ich stieß die Veronika mit dem Ellbogen und sprach zu ihr: Veronel, steh nur auf, siehst du nicht, wie es licht wird? Da sprang sie von der Ofenbank und fing mich zu halten an, sonst wäre ich vor Schreck und Zittern aus dem Bett gestürzt. Veronika sagte: Ich sehe ja nichts! Es wurde beim Bett, an seinem unteren Ende noch lichter und glänzender. Da stand am Ende des Bettes eine lichte, ganz weiß glänzende Gestalt, eine gelbe Krone auf dem Haupt, und ich dachte zugleich, dass dies die Mutter Gottes sei. Da sprach ich zu Veronika: Knie nur nieder! Siehst du nicht die Mutter Gottes da stehen? Sie hielt mich aber und kniete nicht nieder. Sie fing zu weinen an und ich mit ihr. Ich hielt mir beide Hände vor die Augen, weil diesen Glanz nicht gesunde, viel weniger kranke Augen ertragen konnten. Veronika nahm mir die Hände vom Gesicht weg und ich faltete sie und fing zu beten an: Hochpreiset meine Seele den Herrn und mein Geist frohlockt in Gott meinem Heiland! Nach diesen Worten hörte ich mit ungewöhnlicher, nicht menschlicher Stimme sprechen: Mein Kind, von jetzt an heilt`s! Und ich fühlte keinen Schmerz mehr. Darauf betete ich den angefangenen Lobgesang bis zu Ende und Veronika mit. Hierauf fragte ich die Veronika, ob sie nichts gesehen habe, was sie jedoch verneinte. Darauf forderte ich sie auf, sie möge die Angehörigen wecken. Sie entfernte sich und weckte den Bruder. Als er eintrat, rief ich ihm entgegen: Ich bin frisch, ich bin frisch! Darauf kam die Schwägerin und sie standen eine Weile und sie fingen an, mich zu trösten. Weil ich merkte, dass sie meinen Worten nicht glaubten, sagte ich: Nein, nein, die Mutter Gottes hat es gesagt. Als ich in ihren Gesichtern noch Misstrauen sah, nahm ich das Pflaster vor ihren Augen rasch ab. Auf dem Pflaster war besonders viel Eiter zu sehen, auf dem Leib aber keiner. Auf der Brust blieb eine Stelle, die lind und nässend war, in der Größe eines Pfennigs.“ Soweit Magdalenas eigene Worte.

 

Von dieser Stunde an war Magdalena so gesund, dass sie schon am nächsten Morgen die Arbeit aufgenommen hätte, wenn man es ihr erlaubt haben würde. Als der Arzt sie bald darauf untersuchte, bemerkte er staunend: „Das ist ein großes Wunder!“ Und zum Bruder der Geheilten sagte er: „Das bleibt mir ein Rätsel, so lange ich lebe!“ Eine kirchliche Untersuchung, die vom 7. bis 10. März 1866 dauerte und bei der die geheilte Kranke und alle Zeugen ihre Aussagen mit einem Eid bekräftigen, befreite die Geheilte von jedem Verdacht unredlichen Vorgehens. Magdalena führte bis zu ihrem erbaulichen Tod (10. Dezember 1905) ein ärmliches, abgehärtetes, frommes Leben, enthielt sich bis in die letzte Woche ihres Lebens jedes Fleischgenusses und verwendete das, was ihr geschenkt wurde, zum Bau der Gnadenkapelle (eingeweiht am 13. Januar 1873) und zur Verschönerung der herrlichen Kirche (konsekriert am 11. Oktober 1885 durch Bischof Dr. Em. Joh. Schöbel).

 

Kirche und Kapelle waren, wie bereits erwähnt, schon gegen Ende des abgelaufenen Jahrhunderts erbaut und zum größten Teil auch im Innern vollendet worden, doch verdankt der Wallfahrtsort auch dem neuen Jahrhundert manche Verschönerung und Erneuerung. So wurde im Jahr 1906 der imposante Hochaltar, der größte Schmuck der Gnadenkirche, herrlich zur Vollendung gebracht. Ein kunstsinniger Benediktiner-Laienbruder brachte die elektrische Beleuchtung in dem herrlichen Gotteshaus zur vollen Geltung. So zieren nun an Festtagen mehr als 800 elektrische Lämpchen den Hochaltar, während rund 500 solche Sterne den Lichterschmuck der Seitenaltäre bilden.

 

Ein wahres Schmuckkästchen ist die Gnadenkapelle, die an die Stelle der ersten, schon baufälligen Kapelle trat und nach Entwürfen eines Beuroner Künstlers mit herrlichen Deckengemälden geschmückt wurde. Auch diese Gnadenkapelle zieren 500 elektrische Glühlämpchen.

 

Was das Gebets- und Andachtsleben an der heiligen Stätte betrifft, so ist es von Jahr zu Jahr in größerer Steigerung begriffen. So betrug beispielsweise im Jahr 1900 die Zahl der empfangenen Kommunionen 36.200. Bis zum Jahr 1909 hatte sie sich auf 60.ooo vermehrt, also nahezu verdoppelt. Auch die Zahl der Prozessionen wächst noch immer an.

 

Unmittelbar neben dem stattlichen Mariendom liegt das Kloster der Redemptoristen, die seit ihrer Berufung in diesen Gnadenort unermüdlich nicht nur auf der Kanzel, und in den Beichtstühlen dieser Kirche tätig sind, sondern auch durch Abhaltung von Exerzitien für Geistliche, Lehrer, Studenten, Frauen und Jungfrauen, durch Abhaltung von Volksmissionen an zahlreichen Orten des weiten Deutschböhmens und durch Förderung des katholischen Vereinswesens seit Jahrzehnten viel dazu beigetragen haben, dass auch auf dem harten Boden Nordböhmens das religiöse Leben an vielen Orten neu zu sprossen beginnt.

 

Wenn ich als Laie mir ein Urteil über die Zukunft dieses Gnadenortes erlauben darf, dann geht es dahin, dass Philippsdorf, dessen Fremdenzuzug ich seit fast 30 Jahren in etwa zu beobachten Gelegenheit hatte, noch lange nicht auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung angelangt ist. Bezeichnend ist, dass die Gnadenstätte schon seit Jahrzehnten besonders von Katholiken aus dem Deutschen Reich, Deutschen wie Wenden, darunter vielen Angehörigen der Intelligenzberufe, oft besucht wird, während Österreichs Katholiken erst in neuerer Zeit in größerer Anzahl erkennen, welch reichen Schatz sie an dem Sanktuarium in Philippsdorf besitzen. Dass in den trauten, herrlichen Räumen dieser Kirche auch so mancher Protestant in den Schoß der Mutterkirche aufgenommen wurde, sei nur nebenher erwähnt.

 

http://de.poutni-mista-sluknovsko.cz/basilika-minor-der-jungfrau-maria-helferin-der-christen.html