Wallfahrtsort Marienbaum

 

Wer sich die Geschichte der Wallfahrtsorte und Gnadenbilder in Deutschland genauer anschaut, wird eine ganz überraschende Entdeckung machen. Die meisten Wallfahrtsorte sind in der Zeit zwischen 1400 und 1500 entstanden. Alle Gottesliebe und Marienminne der Vorzeit flammt noch einmal am Abend des Mittelalters in wunderbarer Pracht auf, bevor die kühle Nacht der glaubensschwachen Neuzeit hereinbricht.

 

Damals entstand auch die Wallfahrt zum Gnadenbild in Marienbaum, das zwischen Kalkar und Xanten liegt.

 

Um das Jahr 1430 lebte hier auf einsamer Heide ein gelähmter und siecher Schäfer. Eines Nachts sah er im Traum einen hohen Eichbaum. Der Stamm der Eiche war nach oben stufenförmig aufgewachsen. In den Zweigen stand eine wunderschöne Muttergottesstatue. Dabei wurde ihm eingegeben, diesen Baum mit dem Bild der Mutter Gottes im nahen Wald zu suchen und es vertrauensvoll zu verehren. Dann werde er gesund werden. Der Glaube und das feste Vertrauen des Schäfers sollten nicht vergeblich sein: er wurde gesund an Ort und Stelle von seiner Krankheit. Das war der Anfang des Gnadenortes und der Wunder. Pater van Gerven berichtet in seinem Buch „Historie van Marienboom“ von 30 Wunderheilungen aller möglichen Krankheiten. Allein 5 Blindenheilungen werden erwähnt. Bei allen Fällen nennt er die geheilten Personen mit Namen; nur in zwei Fällen nennt er keine Namen, da die Originalurkunden durch einen Klosterbrand vernichtet wurden. Auch der nüchterne und vorurteilsfreie Forscher der Unterlagen kann sich im Pfarrarchiv von Kalkar und Kleve von der zweifellosen Echtheit der Wunder überzeugen.

 

Noch heute hängt in der Pfarrkirche zu Marienbaum ein Muttergottesbild mit folgender Inschrift: „Die Anno 1636 von der Pest befreite Stadt Calkar hat das Bild 1637 zu Ehren des dreimal gütigsten und höchsten Gottes, der allerseligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen dargebracht.“ Unter dem Bild steht das Chronogramm: „Frei von den Banden der Pest leb Calcar wiederum neu auf. Deiner Fürbitte verdankt es dies, o selige Jungfrau.“ Die Kalkarer hatten während des Wütens der Pest eine Wallfahrt deswegen nach Marienbaum gemacht; denn 2000, d.h. zwei Drittel der Einwohner Kalkars, hatte die Pest schon dahingerafft. Nach der Wallfahrt hörte die Pest sofort auf.

 

„Um die Herkunft des Bildes hatte sich früher niemand gekümmert. Bischof und Volk genügte es, dass die Mutter besonders verehrt werden wolle, was die Wunder und Gebetserhörungen bewiesen und bekräftigten. Man vermutet, dass das Bild nicht allzu weit von dem heutigen Standort entstanden ist. Jedenfalls stellt es eine der hervorragendsten Arbeiten niederrheinischer Plastik des Spätmittelalters dar. 40 cm hoch, hält die stehende Mutter Gottes in ihrer rechten Hand einen Apfel, auf ihrem rechten Arm ruht der Jesusknabe. In der freien und edlen Haltung und dem huldvollen Lächeln liegt eine eigene Anmut und Grazie über dem Ganzen.“ (Alban Stolz) Vor einem solchen Bild kann man gut beten.

 

Wer die fast sechshundertjährige Geschichte dieses Gnadenbildes rückblickend verfolgt, kommt vielleicht auf den Gedanken, was Maria eigentlich mit Marienbaum vorhatte. Denn dass sie hier verehrt werden wollte, bewiesen Wunder und zahlreiche Gebetserhörungen. Warum ließ sie 200 Jahre später Kevelaer entstehen? Genügte ihr Marienbaum nicht mehr? Wenn es schon schwer ist, die verworrenen Fäden weltlicher Politik zu entwirren, wieviel schwieriger wird dies erst bei der geheimnisvollen Politik des Himmels sein. Ganz begreifen können wir sie nicht.

 

Schon van Gerven macht darauf aufmerksam, Marienbaum liege genau in der Mitte zwischen Xanten und Kalkar, dass Maria beide trotz ihrer Heiligtümer und prächtigen Kirchen nicht ausgewählt habe, vielmehr den einsamen Ort in der Mitte beider Städte, die damals hervorragende Kultur- und Handelszentren des Niederrheins waren und noch nicht ihren Dornröschenschlaf schliefen. Wollte sie vielleicht einen ruhigen Ort für ihre Pilger? – Ein anderer Gedanke: Im 15. Jahrhundert entstand der Gnadenort; volle 200 Jahre vor Kevelaer. Ins 16. und 17. Jahrhundert fielen die angstvollen Zeiten des niederländischen Freiheitskrieges und des Dreißigjährigen Krieges. Das Pestgespenst wütete damals in Stadt und Land und jagte den Menschen unheimliches Grauen und dumpfe Verzweiflung ein. Diesen heimgesuchten Menschen wollte Maria ganz nahe sein. Darum ließ sie mitten im Gebiet des Elends diesen Gnadenort entstehen. Durch Wunder belohnte sie das Vertrauen der Pilger und Machte die Menschen aufmerksam, nicht zu verzweifeln und müde zu werden mit ihren Gebeten. Waren Hungersnot, Pest und Elend nicht geeignet, den Glauben an die Vorsehung eines gütigen Vatergottes, der nichts von ungefähr geschehen lässt, und aus dessen Hand alles kommt – auch diese unsägliche Not –, aus ihren Herzen auszulöschen? Und wo blieb die barmherzige Fürsprecherin Maria? Was hätte in solchen Kriegskatastrophen Kevelaer, wenn es überhaupt schon bestanden hätte, bedeutet? Eine mehrtägige Pilgerfahrt in dieser Zeit war doch viel zu gefährlich. Wenn auch später Kevelaer der Wallfahrtsort schlechthin für den Niederrhein und weit darüber hinaus wurde – und wir sollen uns der hier unerschöpflichen Barmherzigkeit Mariens freuen –, so hat Maria gezeigt, dass sie Marienbaum nicht verlassen habe, dass sie es liebkose, ihr Marienbaum. Als Kevelaer schon längst in Macht und Ansehen stand, geschahen hier immer noch Wunder auf Wunder. Und heute? Eins steht fest: sie hat noch nie einen Ort ihrer Gnade aufgegeben. Das tut sie nie, das ist ganz gegen ihre Gewohnheit. Sie vergisst uns nie, wohl vergessen wir sie. Es fehlt uns an lebendigem Glauben und Vertrauen zu ihr, dass sie in allem uns helfen kann und will, wenn wir es nur wollen. Bei allen holen wir eher Rat und Hilfe als bei Maria. Höchstens, wenn alle versagen, kommen wir zu ihr. Wir nennen sie Mutter des guten Rates und Hilfe der Christen, aber wir glauben es nicht aus tiefstem Herzen. Doch auch heute steht sie nicht verlassen da. Noch ist sie hier die ewig Angerufene und die ewige Fürbitterin. Könnten wir das Unsichtbare sichtbar machen, dann würden wir tausend Wunder der Gnade sehen.

 

Marienbaum