Mariazell in der Steiermark

 

Maria-Zell in der Steiermark – Das Gnadenbild zu Maria-Zell

 

1. Besorgt für das Seelenheil der zerstreut wohnenden Untertanen seines Stiftes, fasste Otto, der siebente Abt von St. Lambrecht, den schönen Gedanken, einige Priester in entferntere Gegenden zu senden, um das Wort Gottes dort zu lehren und den Gläubigen die heiligen Sakramente zu spenden. So kamen fünf fromme Mönche in das „Avelenz-Tal“, und von denen wurde wieder einer gewählt, der ausschließlich denjenigen Teil des Tales, den seit Jahrhunderten das wunderherrliche Maria-Zell ziert, in seine geistliche Obhut nahm. Es war im Jahr des Heils 1157, am St. Thomastag, als er hier anlangte. Eine von Brettern zusammengeschlagene Hütte diente ihm zur Wohnung und auch zur Kirche. Seine ganze Habe bestand aber in einer aus Lindenholz geschnitzten Statue der heiligen Muttergottes, die er bereits im Kloster zum Gegenstand seiner besonderen Verehrung erkoren. Er stellte sie auf einen abgehauenen Baumstamm und verrichtete bei ihr seine tägliche Andacht.

 

2. Einige Zeit nachher wurden Wladislaw, der Markgraf von Mähren, und seine Gemahlin Agnes von einem schweren körperlichen Übel befallen, das beide eine geraume Zeit lang auf das Krankenbett warf und endlich den Ärzten als unheilbar erschien. Da ermunterte sie ein Traumgesicht: „Vertrauen zu der Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria zu haben und, nach erhaltener Gesundheit, zum Zeichen der Dankbarkeit und zur Beförderung der Verehrung der göttlichen Gnadenmutter in einem noch wenig bekannten Tal der oberen Steiermark die daselbst schon errichtete Kapelle zu vergrößern. Den gleichen Traum sich gegenseitig erzählend, erkannten sie in ihm den Wink der göttlichen Vorsehung; schnell war daher das angedeutete Gelübde gemacht, schnell die Genesung erfolgt und ebenso schnell in der Begleitung von vielen Personen die Wanderung angetreten. – Aber wie vermochte man in den rauen, unwirtlichen Gegenden den heißersehnten Ort zu finden?! – Da erschien ihnen unbemerkt der heilige Wenzeslaus, und führte sie zu der Zelle des Mönches und zu seiner Marien-Statue auf dem abgehauenen Baumstamm. Gerührt brachten nun die Genesenden dem „Heil der Kranken“ ihr Dankgebet dar, ließen (um das Jahr 1200) mit großen Kosten eine steinerne Kapelle errichten und kehrten dann voll Verehrung und Andacht zur gebenedeiten Jungfrau Maria in ihr Land zurück. –

Seit dieser Zeit nahm die Zahl der Pilgrime hierher mächtig zu und der Ruf des gnadenreichen Bildnisses Unserer Lieben Frau in Zell verbreitete sich in alle Lande. –

 

3. Als die Türken Ungarn zu verheeren und in ihre Gewalt zu bringen vermeinten, hat sich allda der alte unüberwindliche König Ludwikus erhoben, und ist mit 20.000 Reitern und Knechten dem türkischen Heer entgegen gezogen. Da er aber die große Zahl der Feinde wahrnahm, deren ihrer mehr als 80.000 gewesen, hat er sich entsetzt und geglaubt, sein und der seinigen Leben mit der Flucht erhalten zu müssen. In dieser Traurigkeit überfiel ihn der Schlaf und es bedünkte ihm, was er von vielen zuvor gehört, wie nämlich die allerseligste Jungfrau Maria zu Zell mit gar großen Wundern und Gnadenzeichen geziert sei. Darauf ist ihm die glorwürdigste Jungfrau selbst erschienen, und hat ihr Bildnis auf seine Brust gelegt und ihm befohlen: „er solle nur beherzt den Feind angreifen und mit ihm eine Schlacht schlagen.“ – Als nun König Ludwig erwachte und das Bildnis Unserer Lieben Frau auf seiner Brust gefunden, hat er sogleich die Sache seinen Gefährten erzählt, die, hoch erfreut und gestärkt, mit ihm einen Angriff auf den Feind getan, und glücklich mit ihm den Sieg über sie errangen. Dann hat sich König Ludwig mit seinem ganzen Heer aufgemacht, und ist, wie er gelobt hat, gegen Zell zu Unserer Lieben Frau gezogen. Und da hier das Kirchlein zu eng und nicht zum besten gebaut war, hat er schnell dasselbe abbrechen und 1363 einen herrlichen Tempel auf seine Kosten aufbauen lassen. Auch opferte er damals das Bildnis Unserer Lieben Frau, das auf seiner Brust gelegen, mit Gold und Edelsteinen geschmückt, der Kirche. –

 

4. Als im Jahr 1529 die Türken die Hauptstadt Wien mit einer großen Macht belagerten, haben sich etliche Scharen unterstanden, gar bis nach Zell hineinzusetzen, der Meinung, sich dort einen großen Schatz zu holen. Nun sie aber zu derjenigen Marien-Säule, die gleich außerhalb des Marktfleckens auf der Wiener Straße sich erhebt, gekommen und der Türken Anführer mit großer Gewalt auf Unserer Lieben Frau Bild, das auf dieser Säule gestanden, losgerannt, um es herabzustürzen, hat er zwei Mal zurückweichen müssen. Endlich, wie er zum dritten Mal mit noch größerer Gewalt ansetzte, ist er verblendet worden und vom Ross zu Boden gefallen, so dass die übrigen Türken, hierüber erschreckt, wieder zurückgewichen sind, Zur selben Zeit hat man eine schöne glänzende Krone über der Kirche gesehen. Es ist aber bei diesem noch nicht geblieben, sondern des anderen Tages sind noch größere Scharen der Türken angekommen, welche den Markt Zell in Brand gesteckt und in Asche gelegt haben; und obgleich sie mit brennenden Pfeilen in das Kirchendach geschossen haben, hat doch nichts Feuer fangen wollen, sondern nur die Pfeile sind verbrannt, das Dach aber samt der Kirche ist unversehrt geblieben. Diese Türken sind alsdann zur wohlverdienten Strafe im Neuwald von den Christen geschlagen und alle getötet worden. –

 

Jetzt erst war Maria-Zell in die Zahl der großen Wallfahrtsorte eingereiht; dennoch dauerte es bis ins 16. Jahrhundert, das Maria-Zell der Privatandacht überlassen blieb; erst die steierische Linie des alten Regentenhauses nahm sich mit wahrhaft Marianischem Eifer dieser Gnadenstätte an. Dieser Eifer erkaltete auch in der neugegründeten Dynastie von Lothringen nur einen Augenblick unter Kaiser Joseph II., um desto heller unter Leopold II., Ferdinand und Franz Joseph aufzuflammen. –

 

Die Wallfahrten nach Maria-Zell (1866)

 

Der gewöhnliche Pfad der Wallfahrten, die von Wien oder seiner näheren Umgebung kommen, führt über Mödling, Heiligenkreuz, Lilienfeld und dem Annaberg nach Maria-Zell. Es ist dies die alte Wallfahrerstraße. Der Weg führt durch ein schönes romantisch-malerisches Stück Landes: da kommt man gleich, nachdem die Brühl bei Mödling, die sich mit den bizarrsten architektonischen Formen ihrer vielen Höfe und Landhäuser offenbart, durchschritten wurde, durch ein kühles schattiges Waldtal nach der alten Abtei Sattelbach, dem heutigen „Heiligenkreuz“. Diese Zisterzienser-Abtei ist eines eigenen Besuches wert. Wenn sich auch mancher Anbau zu dem mittelalterlichen Kern des Klosters nicht recht schicken mag, so bringt doch das Ganze der Baulichkeiten den günstigsten Eindruck hervor. Es ist so angenehm, im Dämmerlicht der kühlen schweigenden Kreuzgänge, deren Ruhe nur das Plätschern des vielmündigen Bleibrunnens stört, zu wandeln und die sinnigen Wandgemälde, deren Stoff dem Leben des heiligen Bernardus entnommen ist, zu betrachten, oder das Grabgewölbe des ersten österreichischen Dynastengeschlechtes der tatkräftigen Babenberger zu besuchen. Der berühmte Kreuz-Partikel, die Hauptzierde des Klosters und der Schwer- und Mittelpunkt des Ganzen, wird in einem Erker der Sakristei aufbewahrt. – Gegen „Lilienfeld“ steigen die Berge höher an, das umgebende Grün wird frischer, die ganze Gegend gewinnt an Farbe und Reiz. Nicht die spanischen und portugiesischen Mönche allein haben die schönsten und gesegnetsten Fluren zum Bau ihrer Klöster zu wählen verstanden, ihre deutschen Brüder teilten dieses Verständnis von der Schönheit und dem Reichtum der Natur. Gibt es reizendere Stellen im Land unter der Enns als jene, wo sich die Mönche vom Kloster Neuburg, Zwettel, Mölls, Göttweih, Heiligenkreuz und Lilienfeld ihre Klöster gründeten? Wer den Klostergarten von Lilienfeld besucht, glaubt in ein klösterliches Paradies zu treten. Man kann sich nichts Freundlicheres denken als diese hellgrünen Lauben, welchen sprudelnde Brunnen Kühlung zuwehen, als jene fremdländischen Pflanzen mit farbenprächtigen Kelchen mitten in der zaubervollen Gebirgslandschaft, als jene schattigen Bäume, aus dessen dichtem Gezweig ein hundertstimmiger Chor von Waldvöglein niedertönt. Über Lilienfeld hinaus liegen die einst so gefürchteten Berge St. Anna-, St. Joachims-, St. Josephs- und St. Sebastiansberg, die ehemals nur mit Lebensgefahr mit dem Wagen überschritten werden konnte. Seit die jäh abfallende Straße durch, in sanften Schlangenwindungen geführte, Wege ersetzt worden ist, gehört diese bange Furcht der Pilgrime des 18. Jahrhunderts der Geschichte an. – Das erste Grenzdorf auf steiermärkischer Seite wird ausschließlich von Protestanten bewohnt, und so berühren sich auch hier die Gegensätze auf eine merkwürdige Art, denn dieses protestantische Dorf ist gleichsam die Vorhut des nunmehr eine Viertelstunde entfernten erzkatholischen Wallfahrtsortes.

 

Noch wenige Schritte, und Maria-Zell, das wunderverherrlichte, hochberühmte, liegt vor uns. – Hier schallen täglich und stündlich Posaunenklänge und Paukenwirbel ankommender und scheidender Pilgerzüge. Kaum verlässt eine Schar das Gotteshaus, so verkünden Lieder und Musik, Glockengeläut, Kreuz und Fahne das Nahen einer anderen. Die Kirche wird von Sonnenaufgang bis kurz vor Mitternacht nicht leer von frommen Betern. Jedes Haus des bescheidenen Ortes wird zur Herberge, jeder Raum zur Schlafstelle für die Pilger. Weihrauch und Orgelton erfüllen den weiten Platz rings um die Kirche und dringen bei geöffnetem Fenster bis in die weit entfernt stehenden Wohnhäuser.

 

Es macht einen ganz eigentümlich hehren Eindruck, dem sich niemand so leicht entziehen kann, wenn die heiligen Gesänge noch durch die schweigsame Nacht von der Kirche herüberschallen, oder wenn der stille kaum heraufdämmernde Morgen schon mit festlichem Geläut begrüßt wird. Auch vermag sich der Besucher der Kirche, zu welchem Glauben er sich immer bekennt, bei dem Anblick so vieler und so heißer Andacht, bei so mächtigem Vertrauen und so innigen Gebeten der Teilnahme und Rührung nicht zu entziehen.

Die Kirche ist ein geräumiges, weitläufiges massives Gebäude, das mit seinen Türmen hoch über den niedrigen Häusern des Marktfleckens emporragt. Alte Gewohnheit hat die Reihe einförmiger Buden, die die Kirche halbmondförmig umgeben, errichtet. In den mehr als hundert Buden werden Rosenkränze, Heiligenbilder, Muttergottespfennige, unterschiedliches Rauchwerk, aus Gusseisen bestehende Weihbrunnenkessel, Kreuze, Ringe, dann silberne Andenken an Maria-Zell usw. feilgeboten. Alle diese Gegenstände, die die Pilger in ihre Heimat mitnehmen, werden vorher von den Priestern in der Gnadenkirche geweiht.

 

Wir haben bisher nur in der Vorhalle des Heiligtums verweilt; werfen wir nun auch einen Blick in das Innere. – Der an sich weite Raum des Kirchenschiffes, das dreiundfünfzig Schritte in der Breite und hundertzweiundvierzig Schritte in der Länge misst, wird durch die in der Mitte sich erhebende Gnadenkapelle verherrlicht. Das Innere der Kirche, dem schlichten Äußeren entsprechend, ist einfach; ebenso die uralte Gnadenkapelle, die aber in ihrem Inneren einen massenhaften Silberprunk enthält. Gitter und Altar, Lampe und Heiligenschrein, selbst der über der Kapelle schwebende Engel sind aus gediegenem Silber, die überlebensgroßen Statuen zu beiden Seiten des Altares bestehen aus gleichem Metall. Das Silbergeschirr wiegt 400 Mark, das von Franz Adam Schwarzenberg zum Grabdenkmal gestiftete Antipendium 200, zwei Engelsstatuen 47 und das halbe Dutzend hoher silberner Leuchter ebensoviel. Der Hintergrund der Kapelle ist blau bemalt und mit goldenen Sternen besät, die aber wieder von den vielen aus wirklichem Metall bestehenden Silberwolken verdunkelt oder doch eingehüllt werden. Das Gnadenbild selbst, die bereits erwähnte Statue Marias, aus Lindenholz geschnitzt, übergipfelt ein schwer seidener, reich vergoldeter Baldachin; das Marienbild selbst misst achtzehn Zoll und ist bekleidet; das kostbarste Gewand, mit dem es zeitweilig geschmückt wird, rührt von der geschichtlich bekannten Caroline von Neapel, der Gönnerin Nelsons und der Lady Hamilton, her. Dem Prachtgewand fügte Graf Stephan Almasy auch noch die Halszierde bei, die nur an Gold drei und sechzig und ein Viertel Dukaten wiegt. Außer diesem Schmuck dienen noch andere kostbare Halsbänder und Perlenschnüre zur Auszierung.

 

Am Feierlichsten erscheint die Kirche des Abends in der Fackel-Beleuchtung; bei den schwankenden Umrissen, die das Halbdunkel hervorbringt, wird in den Herzen eine ernste, mitunter wehmütige Stimmung erweckt, und man wird unwiderstehlich gemahnt ans Gebet für die Armen Seelen im Fegfeuer.

 

Hinter der Gnadenkapelle steht eine Mariensäule aus Marmor, mit Steingeländer umgeben; hier entflammt fromme Liebe täglich hundert und hundert Lichter zum Gedenken an die Armen Seelen und als Ausdruck des Flehens: dass Gottes Huld und Erbarmen, bewegt durch der Himmelskönigin mildeste Fürbitte, sie in das ewige Licht und in den ewigen Frieden aufnehmen möge. – Um diese Statue halten viele Pilger eine Bußprozession auf den Knien zur zeitlichen Sühne für manches begangene Unrecht. Wir sahen viele hundert Männer und Frauen, Rosenkränze in den Händen, laut betend und singend, oft auch weinend und schluchzend, auf den Knien den Weg um die Bildsäule zurücklegen. Der Anblick dieser Büßer ist ein herzerschütternder, und hat schon manchen Zuschauer, der eben noch aufrecht stand, gleichfalls auf seine Knie niedergeworfen. Andere strecken sich in Kreuzesform auf den Steinboden der Kirche hin und verharren unbeweglich viele Stunden im Gebet. Man sagte uns, dass namentlich die Slaven oft ganze Nächte in dieser Lage auf dem Pflaster der Kirche zubringen. Überhaupt muss bemerkt werden, dass es dieser Volksstamm jeder anderen Nationalität an den Übungen der Frömmigkeit im allerreichsten Maß zuvortut, nirgends bekundet sich innigere, fast schwärmerische Religiosität als bei den Pilgerzügen slavischer Herkunft.

 

Wahrhaft großartig ist der Eifer, der zu Maria-Zell exponierten Klostergeistlichkeit im Dienst der Seelsorge für die Pilger. Die Ausdauer dieser Priester ist staunenswert; sie hören oft von Sonnenaufgang bis abends zur Beichte und haben doch noch für das letzte Beichtkind ein freundliches Lächeln des guten Hirten, der das seither verirrte Schäflein versöhnt zum Herzen Gottes und auf die Weide Jesu Christi zurückführt. Alle die Tausende, die im großen Pilgerzug oder einzeln nach dem Gnadenort wandern, betrachten eine reumütige Beicht und würdige Kommunion, außer der andächtigen Empfehlung in den mütterlichen Schutz Marias, als den Hauptzweck ihres Hierseins; und es dürfte, mit Ausschluss der Kirchen Roms, wohl schwerlich einen Ort geben, wo so viele Bußfertige und Sakramentsbegierige zusammenströmen als zu Maria-Zell in der Steiermark.

 

Der Hochaltar steht mit der übrigen Ausschmückung des Tempels in Einklang; wie das zu Ausgang des 17. Jahrhunderts abgebrannte Gotteshaus selbst, wurde auch der Altar im Jahr 1693 wieder erhoben und teilt in seiner Ausführung das Gepräge des Zeitgeschmacks; jedoch trifft man auch an ihm einen großen Aufwand von edlem Metall an. Das mächtige Kreuz aus Ebenholz, die beiden silbernen Statuen des himmlischen Vaters und des gekreuzigten Heilandes, so wie die am Fuß des Kreuzes befindliche Weltkugel aus Silber sind Geschenke Carls VI., des letzten Habsburgers. Die beiden Figuren werden nach Angabe der Sachverständigen auf 600 Mark im Wert geschätzt. Der kolossale Silberglobus mit ziemlich richtiger geographischer Einteilung hat sechs Schuh im Durchmesser und wurde bisher als Sakramentshäuschen verwendet.

 

Zu beiden Seiten des Altars befinden sich Votiv-Bilder von geschichtlichem Interesse; sie sind Verehrungen des Brünner Magistrats. Das ältere Bild stellt die Belagerung Brünns durch die Schweden, das zweite die derselben Stadt durch die Preußen dar; als Anno 1742 im Winter das ganze Markgrafentum Mähren die „königlich preußischen und sächsischen Truppen überschwemmt hatten“, lautet die Inschrift des jüngeren Votiv-Bildes, an dem mit der roten Farbe nicht gespart wurde, um die Wildfeuer recht grell erscheinen zu lassen. Unter den zahlreichen Votiv-Gemälden führen wir noch dasjenige auf, das die Entwaffnung jenes Unglücklichen darstellt, der auf den damaligen kaiserlichen Kronprinzen von Österreich, Ferdinand, bei Baden ein zur rechten Zeit vereiteltes Attentat versuchte.

Vor einem der Gänge vom Hochaltar rechts gelangt man zu der in der gleichen Höhe gelegenen Schatzkammer. Man sieht hier eine Mannigfaltigkeit von Dingen, die teils historischen, teils künstlerischen Wert haben. – Das älteste Andenken sind wohl Schwert, Steigbügel und Sporen des Ludwig von Anjou und die Kleidung seiner Königin, jener später so unglücklichen Elisabeth. Das Grün des Damastbrautrockes ist verblichen und der Stoff so rissig, dass man mit leichter Mühe ganze Stücke lostrennen könnte. Die Königin muss, nach dem außerordentlich langen und umfangreichen Kleid zu schließen, von riesiger Gestalt gewesen sein. – Ein Stück von innerem Kunstwert ist die kleine Engelsfigur, die Matthias Corvinus schenkte; Metallwert hat dagegen das jüngste Geschenk, nämlich die Abbildung des Kardinal-Primas von Ungarn, Johana Szitowsky, in Silber, wie er den Graner Dom als Weihegeschenk der heiligen Gottesmutter von Maria-Zell darbringt; auf silbernem Aufsatz kniet der Kirchenfürst und trägt auf flacher Hand die neuerbaute Kirche von Gran, und vor ihm steht die Bildsäule der allerseligsten Jungfrau; die Figur des Kardinals hat Portrait-Ähnlichkeit. Diese auf 24.000 Gulden geschätzte Opfergabe wurde bei Gelegenheit des siebenhundertjährigen Jubiläums des Gnadenortes Maria-Zell im Jahr 1857 dargebracht. – Interessant ist die goldene Schreibfeder des deutschen Dichters Zacharias Werner, ursprünglich ein Geschenk des Primas Carl von Dalberg. Werner vermachte sie in seinem Testament dem Wallfahrtsort mit dem Bedeuten: „er wolle dasjenige Werkzeug der Gnadenkirche opfern, mit dem er am meisten gesündigt habe“; und verband damit den Wunsch, „dass ein jeder, der hier dieser Feder ansichtig würde, ein Gebet für seine arme Seele opfern möge“. – Noch verdient ein goldener Eichenzweig Erwähnung, in dessen Eichel die Kugel eingeschlossen ist, womit das schon erwähnte Attentat auf das Leben des Kronprinzen, des nachmaligen Kaisers Ferdinand, verübt wurde. Die Spende kam aus den dankbaren Händen der Kaiserin Maria Anna. – Ein Behältnis aus Schildplatt birgt einen Schleier. Es ist derjenige, den die Prinzessin Wasa während der Ablegung des katholischen Glaubensbekenntnisses trug, als sie in Brünn zur katholischen Kirche zurücktrat. – Von schöner Arbeit ist die silberne Monstranz, die Papst Pius IX. zur Jubiläumsfeier spendete.

Im südwestlichen Turm begegnet dem Auge des Pilgers ein religiöses Schauspiel, nämlich die plastische Darstellung der Krippe, des bethlehemitischen Kindermordes, der Hochzeit zu Kana und des ersten Menschenpaares im Paradies. Ein wahrhaft kindlich frommer Sinn spricht sich in allen Gruppierungen aus, und die Naivität, die das ganze gestaltet, ist köstlich. Z.B.: Die Stadt Bethlehem stellt sich als altehrwürdige deutsche Reichsstadt, ein anderes Nürnberg oder Regensburg, dar; sie ist mit zahlreichen Kirchen, Kapellen, Glockentürmen und Klöstern geschmückt. Die Landleute, die dem göttlichen Christkind ihre Ehrfurcht und Anbetung bezeugen, sind österreichisches Volk, und man trifft darunter, damit alle Nationalitäten vertreten sind, ungarische Rastelbinder, Kroaten, die mit Leinwand handeln, Zigeuner und böhmische Musikanten usw.

 

Noch verdienen die zwei Standbilder Erwähnung, die zu beiden Seiten des Eingangs zum Dom sich erheben. Es sind dies die Denkmale der Dankbarkeit Heinrichs des Mährers und Ludwigs des Großen von Ungarn.

 

Zu den geschichtlichen Ereignissen des Ortes werden die großen Wetterschaden, Wildfeuer und Besuche hoher und höchster Personen gezählt, jene als traurige Heimsuchungen, diese als die Mittel, den angerichteten Schaden wieder zu ersetzen.

Maria-Zell brannte wiederholt ab, der fromme Sinn der Gläubigen aber gewährte rasch die Mittel zum Aufbau. – Nach dem letzten furchtbaren Brand am 2. November 1827 eilte Erzherzog Johann persönlich herbei und verteilte binnen einiger Stunden achttausend Gulden aus seinem eigenen Besitztum an die schwer Betroffenen. – Noch wohltätiger hatte sich der Erzherzog Johann zehn Jahre früher erwiesen. Im Jahr 1818 wurde das Hochplateau von Maria-Zell von Hagel und Stürmen heimgesucht, während Überschwemmungen das Gelände der Niederungen gänzlich verdarben. Ein schreckliches Missjahr war die Folge dieser Unglücksfälle, die Lebensmittel stiegen zu unerschwinglichen Preisen, die Hungersnot mit ihrem grässlichen Gefolge von Seuchen stand bevor. Erzherzog Johann wandte nicht nur durch schnelle Unterstützungen das Übel ab, sondern bewahrte Maria-Zell und die Umgebung selbst vor der Wiederkehr. Augenblicklich wurde auf des Erzherzogs Betrieb der Anbau der Erdäpfel allgemein eingeführt und jeder einzelne Landwirt unentgeltlich mit den nötigen Samenknollen versorgt. Eine Lebensmittel-Unterstützungsanstalt wurde von dem echt christlichen Menschenfreund gleichzeitig gegründet und so eine Erneuerung dieser Gefahr unmöglich gemacht.

 

Wir behaupten, dass die regierende Kaiserfamilie von Österreich ihren besonderen Schutz dem Gnadenort angedeihen ließ. Die Beglaubigung hierfür finden wir in den zahlreichen Wallfahrten der Fürsten Österreichs und in den milden Spenden, die sie andächtig auf den Marien-Altar je niederlegten. – Carl VI., Maria Theresia, Leopold II., Franz I., Ferdinand und der jetzt regierende Kaiser Franz Joseph wallfahrteten nach dem Gnadenort, die nachmalige so unglückliche Königin von Frankreich Maria Antoniette, die Witwe eines französischen Kaisers Maria Louise, ihr Sohn, der Herzog von Reichsstadt, in der Kaisergeschichte Frankreichs Napoleon II. genannt, besuchten Maria-Zell. Die Namen der Erzherzoge Rudolph, Franz Carl und Johann verherrlichen die Gedenkbücher des Marktfleckens. Die vertriebene Königsfamilie Frankreichs, der Graf von Chambord und die verewigte Herzogin von Angouléme suchten an diesem Gnadenort Trost und Erhebung. Der letzte Polenkönig trug seinen Schmerz an die geweihte Stätte. Die arme Josepha von Bayern, die ungeliebte Gemahlin des in unseliger Verblendung reformatorischen Kaisers Joseph II. mochte hier zur heiligen Jungfrau gefleht haben, dass sich das Herz des Gatten ihr zuwende. – Der Adel des kaiserlichen Hofes folgte gleichfalls dem von oben gegebenen Beispiel. Die erlauchtesten Namen der österreichischen Aristokratie sind in den Aufenthaltsbüchern verzeichnet; manch reichgesticktes Messgewand, die Arbeit schöner hochadeliger Hände, manches stattliche Geschmeide wurde von den Lichtensteinen, Lobkowitzen, Schwarzenbergen, Esterhazy usw. in die Schatzkammer niedergelegt.

Was bei dieser überaus großen Begünstigung des Wallfahrtsortes durch Hoch und Niedrig merkwürdig bleibt, ist die fortdauernde Mäßigkeit der Preise, die Güte der Kost, die freundliche Aufnahme und höfliche Behandlung der Fremden. Es gibt kein Gasthaus in Maria-Zell, wo man überteuert wird; sind sie auch nicht gleichen Ranges, so ist doch der Wallfahrer und Reisende wohl besorgt. Die Kost ist einfach, aber in ihrer Einfachheit ausgezeichnet, der Wein gut und unverfälscht. Mit der Fülle der guten Gaben verbindet sich holländische Reinlichkeit.

 

Wie die Ankunft der Prozessionen durch Einholung mit Trompeten und Pauken, Fahnen und geistlichem Conduct geschieht, so wird auch der Abschied feierlich begangen. Wieder hallen die Glocken, tönen die Posaunen, wieder erscheint die Mariazeller Geistlichkeit mit Kreuz und Fahnen und geleitet die Scheidenden bis zum Urlaubs-Kreuz, das eine halbe Viertelstunde außerhalb des Ortes an der Wiener Straße aufgerichtet ist. – Wenn eine einzelne Gesellschaft von Maria-Zell Abschied nimmt, so gibt es zwar keine kirchlichen Zeremonien, dafür aber die umso eifriger befolgte Sitte des „BuschenAufsteckens“. Der Kutscher erhält nämlich von Seiten des Wirts einen goldglitzernden Strauß künstlicher Blumen, inmitten zumeist das Gnadenbildchen bergend, dessen Kosten auf die Rechnung gestellt werden. An diesem Busch ist jeder von Maria-Zell zurückkehrende Fuhrmann mit Zuversicht zu erkennen.

 

Auch ist eine Merkwürdigkeit Maria-Zells noch zu gedenken, nämlich des „Augenbrünnleins“. Am nordöstlichen Ende des Marktes, bereits auf einer Anhöhe, liegt eine Kapelle. An den Hörnern ihres Altars ist rechts und links je ein Engel angebracht, der eine Urne hält, aus der das klarste Gebirgswasser in marmorne Becken niederfällt, das aus der Höhe künstlich mit Röhren niedergeleitet wird. Diesem Wasser wird besondere Heilkraft für Augenübel zugeschrieben. Die Wallfahrer waschen hier die Augen, und fangen sorgsam den Wasserstrahl in zu Maria-Zell erkauften böhmischen Flaschen auf, um das Wasser als Heilmittel gegen alle Gattungen von Augenleiden für sich, Anverwandte und Freunde heimzubringen. Das Wasser ist in der Tat frisch, klar und schmackhaft und zum Labetrunk nach langer, mühevoller Wallfahrt geeignet.

 

Maria-Zell hat außer der Wallfahrtskirche sonst nichts Ausgezeichnetes oder Erwähnenswertes, desto reizender ist die Umgebung. Vom „Kalvarienberg“ oder von der „Bürgeralpe“ aus genießt man den freiesten Überblick der Gegend. Höhere Berge werden leicht aufgefunden, selten mannigfaltigere und schönere Formen; diese schimmernden Gipfel heben sich auf das Wundervollste von den frischgrünen Wiesenteppichen, die den Saum der Berge bilden, ab. Kristallhelle Bäche beleben das landschaftliche Gemälde, und die „Aflenzer und Zellerstaritzen“, mächtige Ausläufer der Schwabenkette, sorgen für einen des Gesamtbildes würdigen Hintergrund. Oft erscheinen die Spitzen der zuletzt genannten Alpen in einen glänzenden Schneemantel eingehüllt, während Wald und Flur im warmen Sonnenstrahl glitzern und leuchten und die Sonnenhitze den einsamen Wanderer niederdrückt. Alles, was zum Malerischen einer Landschaft beitragen kann, ist freigebigst über Maria-Zell ausgestreut, selbst Wasserfall und See mangeln nicht. Es hat dieser Gnadenort der Gebenedeiten des Herrn so etwas Liebliches und Trauliches, dass es die Neigung zum Wiederholen des Besuchs über kurz oder lang in der Brust des Pilgers wie des Reisenden erweckt. Vor allem ist ja die Pilgerfahrt dahin eine Wanderung zum Marien-Segen und zum Marien-Frieden! –