Wallfahrtsort Mariaschein in Böhmen

 

(Aus der „Geschichte des Wallfahrtsortes Mariaschein“, Andreas Prinz, 1855)

 

Da, wo die waldigen Anhöhen des Erzgebirges, gegen Mittag zu, in Obstbaumhügel sich verlieren, liegt, umsäumt von lieblichen Auen und fruchtbaren Feldern, wie in der Mitte eines großen Obstgartens in einer so zu sagen paradiesisch schönen Gegend, eine Stunde nordöstlich von der Badestadt Teplitz in Böhmen, der berühmte Wallfahrtsort – Mariaschein.

 

Tausend und abermals tausend leidende Christen haben ihren Mitchristen verkündigt, dass ihnen Gott durch die angerufene Fürbitte Marias hier, an dieser Stätte, außerordentliche Gnaden erwiesen habe. Gewiss ist es, dass Gott keinem Menschen, so wie zu keiner Zeit, so auch an keinem Ort der Erde seine Gnade versagt, schon deshalb, da eben er der unbeschränkte Herr der Gnade ist, so steht es ihm vollkommen frei, sie sowohl zu gewissen Zeiten, als an gewissen Orten, reichlicher auf den hilfsbedürftigen Menschen herabströmen zu lassen.

 

Die Geschichte unserer heiligen Kirche ist aber ganz besonders reich an wunderbaren Gebetserhörungen, die auf die Fürbitte Marias, Unserer Lieben Frau, geschehen sind.

 

Das Gnadenbild zu Mariaschein, die schmerzhafte Muttergottes darstellend kam aus dem ehemaligen Frauenkloster Schwatz bei Bilin, hierher.

 

Die grimmigen Hussiten stürmten nämlich im Jahr 1421 das genannte Kloster, und – außer der Plünderung und Zerstörung des Klosters – steckten sie alles, was sonst noch übrig geblieben war, in Brand. Die gottgeweihten Jungfrauen wurden teils ermordet, teils retteten sie sich durch eilige Flucht in das nahe Erzgebirge, und zwar in die Gegend, wo jetzt Mariaschein steht. Die Klosterfrauen hatten auf ihrer Flucht von Schwatz als ihr kostbarstes Gut – das Gnadenbild ihres Kirchleins mitgenommen. Hieraus lässt sich ermessen, dass man schon damals diesem Gnadenbild eine besondere Aufmerksamkeit und Verehrung gewidmet hatte. Die Gegend von Mariaschein war zu jener Zeit eine dichtverwachsene Wildnis, die den armen Vertriebenen wenigstens den Vorteil gewährte, dass sie sich vor den herumschweifenden Kriegsleuten verbergen konnten. Wie mühselig und jammervoll es ihnen ergangen sein mag, wird daraus ersichtlich, dass man den Aufenthaltsort Mariaschein nur „Maria im Elend“ nannte.

 

(Nach Vollendung des Baues der Gnadenkirche, wurde sie durchweg „Mariaschein“ genannt. Veranlassung hierzu gab das Dorf an der Gnadenkirche „Scheune“ oder „Scheine“ benannt. Vermutlich stand an der Stelle des Dorfes vor alter Zeit nur eine Scheune, in deren Nähe die Arbeiter sich nach und nach Wohnungen bauten. Sehr passend ist übrigens der Name „Mariaschein“ für einen Wallfahrtsort zur Ehre Marias, die von unserer heiligen Kirche ja der „Morgenstern“, und „schön wie der Mond“, „auserlesen wie die Sonne“ usw. genannt wird.)

 

Da die Hussiten unter Prokop dem Kahlen wild in der ganzen Umgegend hausten, Dux, Teplitz und Graupen einnahmen und verwüsteten, und alles, was sich als katholisch zeigte, ohne Schonung niedermetzelten, so mussten die armen Klosterfrauen am Tag in die wildverschlungensten Gebüsche sich verstecken, und konnten nur zur Nachtzeit sich herauswagen, um etwas Nahrung zu holen. Die Hussiten hausten so über zwölf Jahre lang, bis zum Jahr 1434, in dem sie am 30. Mai – also im Monat Mariä – eine entscheidende Niederlage erlitten, wodurch das unglückliche Land von dieser furchtbaren Plage befreit wurde. Während der Blut-Herrschaft der Hussiten durfte sich unter Lebensgefahr keine Klosterfrau blicken lassen. Es war deshalb nicht anders möglich, als dass die armen Nonnen ihrem Elend bald unterlagen und eine nach der anderen vom Tod hingerafft wurde. Die letzte der so schwer heimgesuchten Klosterfrauen verbarg vor ihrem Hinscheiden das Gnadenbild in einen Lindenbaum, es dem Schutz der göttlichen Vorsehung anvertrauend.

 

Wie viele Jahre das Gnadenbild sich in der Verborgenheit befunden hat, ist nicht bekannt. Ohne Zweifel war es vor der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, dass eine Magd aus der Bergstadt Graupen am 8. September, dem Fest Mariä Geburt, zu dieser Linde kam, an deren Fuß eine kräftige Quelle hervorsprudelte und üppiges Gras wuchs, um grünes Futter zu holen. Während sie Gras sammelt, springt eine furchtbare Schlange aus dem Gras auf und schlängelt sich um ihren entblößten Arm. Das entsetzte Mädchen lässt vor Schrecken die Sichel fallen und bricht in einen kläglichen Angstruf aus und fleht die heilige Muttergottes um Hilfe an. Während dieses Gebetes aber erhebt die Schlange ihren Kopf zu der Höhlung der Linde hin, wo das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter verborgen war, und zischt zu ihm hin auf eine so grimmige Art, dass dies selbst dem schwerbedrängten Mädchen auffallend wurde. Nach langem Zischen und Pfeifen (Dieses Zischen der Schlange erinnert unwillkürlich an die Stelle der Heiligen Schrift, wo Gott Feindschaft zwischen der Mutter des verheißenen Erlösers und der Schlange setzt. Gen 3,15) fällt die Schlange, als wäre sie allplötzlich erlahmt, von ihrem Arm herab in das Gras, ohne die Magd im Mindesten verletzt zu haben, und verschwand spurlos. Wundersame Lichtstrahlen gingen aber von dem Lindenbaum aus. Das zuerst so unglückliche Mädchen, das hier sichtbar von Maria war beschützt worden, eilte heim, erzählte ihrem Dienstherrn das Geschehene, und diesem Mann schien hier Außerordentliches zu geschehen. Er besprach sich mit einem anderen Bürger in Graupen, und beide begaben sich zu der Linde, um die Sache näher zu untersuchen. Vielleicht hoffte er dort einen verborgenen Schatz zu finden, den, einem vielfach im Volk verbreiteten Aberglauben nach, eine Schlange zu bewachen pflegt. Einer der beiden untersucht die Höhlung der Linde und findet dort wirklich einen großen Schatz – zwar keinen irdischen – aber einen reichen Seelenschatz – das hier verborgene Bildnis der schmerzhaften Muttergottes. Von Ehrfurcht ergriffen getraute sich der Finder nicht, dieses Bild anzurühren, sondern begab sich mit seinem Begleiter zu dem Pfarrer von Graupen und beide erzählten ihm, was mit der Magd sich zugetragen hatte, und dass sie in einer hohlen, drunten im Tal stehenden Linde eine Statue der heiligen Muttergottes gefunden hätten. Das, was diese beiden, dem Geistlichen gewiss als Ehrenmänner bekannten Bürger, erzählt haben, ist ihm ein genügender Grund – eine feierliche Prozession anzuordnen, um auf eine geziemende Weise das Muttergottesbild in die Pfarrkirche nach Graupen zu übertragen. Die feierliche Prozession und Übertragung des Bildes wurde unter großer und andächtiger Teilnahme des Volkes abgehalten und der kostbare Schatz in der Graupener Pfarrkirche beigesetzt. Wie groß aber war das Staunen des Volkes, als das Bild am nächsten Morgen an seinem Platz nicht mehr zu finden war. Nachdem man es in der Kirche überall vergebens gesucht hatte, sah man wieder in der Höhle der Linde nach – und man fand es wieder an seinem alten Platz. Es wurde nun abermals feierlich in die Graupener Kirche übertragen, verschwindet wieder und wird aufs Neue in der Linde aufgefunden. Und so geschah es zum dritten Mal. Wie listig auch jemand es immer hätte anstellen wollen, das Bild heimlich in der Nacht aus der Kirche in die Linde zurück zu bringen, so ist es nicht denkbar, dass er dies bei der allgemein erregten Aufmerksamkeit der Stadtbewohner zum zweiten oder zum dritten Mal hätte durchführen können, ohne dass irgend ein Mensch etwas davon gemerkt hätte. Das Volk schrieb daher mit gutem Grund diese Übertragung unsichtbaren Händen zu, nämlich den Händen der Engel, als deren Königin wir Maria in der von der Kirche gebilligten Lauretanischen Litanei begrüßen.

 

Das Gnadenbild wurde nun an seiner Stelle in der Linde gelassen und die frommen Graupener Bürger bauten sogleich vor der Linde für die andächtigen Beter eine hölzerne Kapelle. Wahrscheinlich war die Bürgerschaft durch die Nachwehen der Hussiten-Bedrängnisse so sehr verarmt, dass sie eine Kirche nicht zu erbauen vermochte. – Gar oft pilgerten nun Preßhafte und Leidende zu dieser Stätte, riefen inbrünstig die schmerzhafte Muttergottes um ihre Fürbitte an, und es begannen jetzt jene wunderbaren Gebetserhörungen, die die Stätte hier als einen „Gnadenort“ bezeichneten. Der Ort wurde immer berühmter und besuchter, und bald stand an der Stelle der hölzernen Kapelle eine aus Stein. Der Dank derjenigen, die hier auf eine außerordentliche Weise Hilfe gefunden haben, kündete sich der Mit- und Nachwelt durch die fast unzähligen Votiv-Tafeln an. Das noch vorhandene älteste Votiv-Bild trägt die Jahreszahl 1433 und den Namen Wenceslaus Zyma von Nowosedt (Neusattel). Die Kleidung dieses Verehrers der schmerzhaften Muttergottes und sein Wappen lassen an ihm einen edlen Ritter seiner Zeit erkennen.

 

Zu der Kapelle aus Stein wurde 1500 ein Langhaus angebaut, so dass die alte Kapelle nur als Presbyterium blieb. Zu diesem Bau hat der ebenso fromme als geschäftskundige Kanzler des Königreichs Böhmen Albrecht Kolowrat auf Liebstein das meiste beigetragen.

 

Zur Zeit der sogenannten Reformation, die gleichfalls, wie ehedessen die Hussiten, den Bildersturm hervorrief, war das Gnadenbild zu Mariaschein in größter Gefahr, besonders weil der damalige Besitzer des Grundes sich zur lutherischen Lehre bekannte. Dieser Edelmann, Albrecht Kekule mit Namen, Besitzer der Geiersburg, führte einen gar unchristlichen Lebenswandel, so dass man ihn nur den „Epikuräer“, d.h. „Genussmenschen“, nannte. Er unterließ nichts, um das Zuströmen der Wallfahrer unmöglich zu machen und die Verehrung der heiligen Muttergottes gänzlich zu untergraben, ja er hätte überaus gerne die Kirche dem katholischen Gottesdienst entzogen, oder gar geschleift und das Gnadenbild zermalmt, wenn ihn die Furcht vor seinem katholischen Landesherrn nicht gezügelt hätte. Es grenzt wirklich ans Wunderbare, wie in jener stürmischen Zeit das Gnadenbild so vielen feindlichen Händen entgangen, erhalten und unverletzt geblieben ist.

 

Im Jahr 1584 kaufte der edle Georg Popel von Lobkowitz die Herrschaft Graupen. Sein Eifer für den katholischen Glauben und seine kindliche Andacht zu der göttlichen Gnadenmutter ruhten nicht, bis er die Kirche von Mariaschein außer Gefahr gebracht hatte. Auf seine Schilderung über den Zustand der Mariascheiner Kirche wurde sie von der Kammer des Königreiches im Namen des Kaisers Rudolph II. als unter seinem Patronat stehend erklärt. Sogleich ließ er die ruinierte, fast verfallene Kirche wieder herstellen, führte um sie herum eine Ringmauer mit sieben Kapellen auf, in denen die sieben Schmerzen Marias abgebildet waren. – Dies legte den Grund zu dem jetzigen schönen Kreuzgang mit seinen ansehnlichen Kapellen. Die Erneuerung der Kirche und der Bau der Ringmauer mit den Kapellen wurde von dem glaubenseifrigen Beförderer im Jahr 1590 vollendet.

 

Es war aber bis jetzt noch kein Priester an der Kirche angestellt. Damit nun das heilige Messopfer doch wenigstens manchmal hier gefeiert würde, machte der großmütige Wohltäter des Gotteshauses eine Stiftung, durch die in jeder Woche, und zwar an dem der heiligen Muttergottes geweihten Tage, dem Samstag, eine heilige Messe hier gelesen werde. Nach dem hierüber ausgefertigten Stiftungsbrief soll die heilige Messe dazu dienen: „um das Aufblühen der Andacht zu Maria, die Ausbreitung des heiligen katholischen Glaubens, Aufhebung der Glaubensspaltungen, Beendigung des Krieges zwischen den christlichen Fürsten und Abwendung aller Übel vom Königreich Böhmen, besonders der Pest, des Hungers und Krieges, von Gott zu erlangen.“ – Diese Stiftung besteht noch bis auf den heutigen Tag, und bereits mehr als viereinhalbhundert Jahre wird an jedem Samstag das heilige Messopfer auf die innig fromme Meinung des Stifters hier zelebriert.

 

Da jedoch die Pilger zu dieser Gnadenstätte auch an anderen Wochentagen als am Samstag kamen und aus Mangel eines hier weilenden Priesters der Gelegenheit entbehrten, die heiligen Sakramente zu empfangen, so glaubte Georg Popel von Lobkowitz diesem Missstand nicht besser abhelfen zu können, als wenn er die Kirche zur schmerzhaften Muttergottes den Vätern der Gesellschaft Jesu, für die er unlängst ein Kollegium in Komotau gegründet hatte, für immerwährende Zeiten übergäbe. Dies wurde im Jahr 1591 ausgeführt.

 

Der hohe Adel von Böhmen an dessen Spitze der damalige Erzbischof von Prag Carl von Lamberg stand, gab 1610 allen Gläubigen ein recht erbauendes Zeugnis seines katholischen Glaubens und seiner Andacht zur heiligen Muttergottes durch die fromme Wallfahrt, die er am Fest Mariä Geburt nach Mariaschein unternahm. Dieses Beispiel hochgestellter Personen verlieh der Verehrung Unser Lieben Frau und dem Vertrauen auf ihre mächtige Fürbitte bei Gott einen neuen Aufschwung, und die andächtigen Pilger begannen nun sehr zahlreich zu werden.

 

Auf die Bitte der ehrwürdigen Jesuiten-Väter verlieh Papst Paulus V. den frommen Besuchern der Kirche von Mariaschein unter den herkömmlichen Bedingungen einen vollkommenen Ablass für das Hauptfest „Mariä Geburt“.

 

Mit dem Jahr 1618 brach ein furchtbarer Sturm über unser Vaterland los. Die Protestanten hatten in Böhmen die ihrem rechtmäßigen König Ferdinand geschworene Treue gebrochen und Friedrich von der Pfalz zu ihrem König gewählt. Die vorherrschend protestantischen Stände Böhmens wünschten mit ihrem protestantischen Afterkönig nichts sehnlicher, als den katholischen Glauben aus dem Land zu verdrängen. Eine ihrer ersten Beschlüsse war: eine Achterklärung aller Jesuiten in Böhmen. – Noch bevor der damalige Rektor des Komotauer Collegiums, P. Daniel Stigelius für die Sicherheit seiner in Komotau und Mariaschein befindenden Mitbrüder Anstalten traf, war er um die Rettung des Gnadenbildes besorgt. Er bat zu diesem Zweck den damaligen Dechant von Dur, Johannes Simonis von Rosenfels, ob er es nicht in seine Obhut nehmen könnte und wollte. Dazu erklärte sich der fromme Dechant sofort bereit. Beide ritten nun, der drohenden Gefahr wegen, in weltlichen Kleidern nach Mariaschein. Das Gnadenbild wurde gleich in aller Eile fortgenommen. – Aber schon hatte eiligst der berüchtigte Besitzer der Geiersburg Albrecht Kekule bewaffnete Leute gesammelt, und während der gewöhnlichen Zeit der Predigt die Kirche und die Jesuiten zu überfallen, die beide ihm sehr verhasst waren. Noch in der vorhergehenden Nacht hatten die Jesuiten die ankommenden Wallfahrer Beichte gehört, die heilige Kommunion gespendet und nach Mitternacht die Heilige Messe gelesen. Während der Pater Rektor von Komotau die Heilige Messe feierte, brachte ihm der Messner die Nachricht: die Bauern von Scheine (Scheune – der jetzige Ort Mariaschein) versammelten sich bereits im Wirtshaus. – Der Pater Rektor beendete ganz ruhig das heilige Opfer, konsumiert die vorhandenen konsekrierten Hostien (um sie vor gottesräuberischem Frevel zu schützen) und bereitete sich so, als ob er die letzte heilige Wegzehrung empfangen hätte, auf den Tod vor. Weil aber am Schluss des Gottesdienstes noch kein Bewaffneter erschienen war, gewann er die hinreichende Zeit, seinen vorausgeeilten Mitbrüdern nachzufolgen. Während der Zeit der Predigt stürmte der wüste Kekule mit seinem Anhang in die Kirche, und fand, zu seinem größten Verdruss, sowohl das Gnadenbild als auch die Jesuiten verschwunden; nur noch wenige Wallfahrer, die still und andächtig in der Kirche knieten, waren seinen Misshandlungen ausgesetzt. Nun war in Kekule der sehnlichste Wunsch, die Marianische Gnadenkirche zu einem protestantischen Bethaus zu machen. Aber eine gewisse Scheu und unwillkürliche Furcht hielt ihn auf eine unerklärliche Weise zurück, die Kirche selbst dem gestifteten Zweck zu entziehen. Er begnügte sich deshalb nur mit einer der größeren Kapellen.

 

Der Sieg, den die Katholiken im Jahr 1620 in der Schlacht am weißen Berg bei Prag, nachdem sie sich feierlich unter den Schutz Mariens gestellt hatten, erfochten hatten, brach die Macht der Sektierer in Böhmen, und nach einem Zeitraum von drei Jahren bezogen die Väter der Jesuiten in Mariaschein wieder ihre Wohnung, und zwar gerade an dem Tag (am Pfingstdienstag), an dem sie vor drei Jahren vertrieben worden waren. Kekule hatte in der Zeit der Unruhe seine Frevel gegen die Gnadenkirche nach Möglichkeit fortgesetzt. Aber schon am 21. August 1622 brachte ihn ein jäher, schauererregender Tod nach einem gar ärgernisvollen Leben vor den Richterstuhl Gottes. Es erhoben sich gegen ihn Klagen von allen Seiten. Nachdem das Gericht ihn als „Majestätsverbrecher“ verurteilt hatte, wurden seine Güter Geiersberg und Sobochleben eingezogen und später an Alexander Regniers Freiherrn von Bleyleben verkauft. Dessen fromme Gemahlin Maria Anna geborene Freiin von Pichelberg, die ihren Gatten und Sohn überlebte, vermachte in ihrer letztwilligen Anordnung diese ganze Besitzung dem Gotteshaus Mariaschein. Und so leitete es die göttliche Vorsehung, dass die Güter des ehemaligen Erzfeindes dieses Hauses dazu dienen mussten, es bald umso schöner zu erbauen und einzurichten.

 

Während des dreißigjährigen Krieges erbrachen in der Nacht vom 13. November 1632 sächsische Soldaten die Kirche und plünderten sie so vollkommen aus, dass nur sechs alte Messgewänder und ein alter Vespermantel zurückblieben. Diese Gegenstände schonte man aber nur, weil sie sich als unverkaufbar erwiesen. Das Gnadenbild wäre bei dieser Gelegenheit von den glaubensfeindlichen Soldaten wahrscheinlich zertrümmert worden, wenn nicht glücklicher Weise Carl Maximilian, Sohn des erwähnten Besitzers der Geiersburg, und Alexander Regniers, über die Annäherung der Feinde vorläufig verständigt, es in Sicherheit gebracht hätten. Sie sandten es nämlich, wohl verpackt, ehe noch jemand ernsthafte Furcht zeigte, nach Prag, wo man es den Patres der Jesuiten in der Altstadt übergab und es dort bis zum Jahr 1633 aufbewahrte. In jenem Jahr kam zwar das Gnadenbild an seine alte ehrwürdige Stätte zurück, musste jedoch 1639 aus Gefahr vor den Schweden wieder nach Prag gesendet werden. Im Jahr 1641 wurde es zuerst nach Komotau gebracht und von da in einem feierlichen Triumphzug unter dem Jubel der Bürger von Komotau, Brüx, Dux und Teplitz nach Mariaschein zurückgeleitet. Die Komotauer Bürgerschaft hatte einen herrlichen Triumphwagen für das Gnadenbild verfertigen lassen und sechs zierlichst geschmückte Schimmelpferde zogen ihn. Die Brüxer Bürger empfingen vom Schloss Landschwerdt aus mit einer dreimaligen Salve des großen Geschützes das Gnadenbild. Sie selbst aber waren zu Pferd und in militärischer Ordnung unter Trompetengeschmetter und Paukenschall dem Gnadenbild entgegengeeilt. Dieser Triumphzug war somit ein herrlicher öffentlicher Beweis für den frommen Sinn dieser Städte und besonders ihrer Andacht zu der göttlichen Gnadenmutter.

 

Der Wechsel des Kriegsglücks zwang jedoch während der Dauer des unglückseligen dreißigjährigen Krieges das Gnadenbild noch zwei Mal, seinen ursprünglichen Wohnsitz zu verlassen und eine vom Kriegsgetümmel entfernte, friedliche Stätte aufzusuchen.

 

Als die durch Alter und mehrfache Unfälle dem Einsturz nahe Kirche dringend einen Umbau verlangte, wurde das Gnadenbild innerhalb der Zeit, die der Bau der jetzigen Kirche in Anspruch nahm, in die Leitmeritzer Kapelle übertragen. In der neuen Kirche, die noch steht und ihre Gestalt nach der Angabe der Jesuitenväter erhielt, wurde der Hochaltar mit dem Gnadenbild gerade an jene Stelle gesetzt, wo einst die so merkwürdige Linde gestanden hatte. Der Neubau ging, aus Mangel an zureichenden Mitteln, nur langsam vor sich. Der wohltätige Sinn der ganzen Nachbarschaft, besonders des löblichen Stiftes Osseg, des hochwürdigen Dechants von Brüx, Johannes Franziskus Kometa, der Stadt Aussig, des Grafen Octavius von Cavriani (damaligen Besitzers von Priesten) hat sich bei diesem Bau aufs Neue bewährt. Nach einem Zeitraum von vier Jahren, nämlich 1706, war die Kirche in so weit vollendet, dass der Gottesdienst in ihr konnte gehalten und das Gnadenbild dahin zurückgebracht werden. Die Übertragung des Gnadenbildes in die neue Kirche geschah am 5. September 1706 unter Begleitung zahlreicher Priester und eines zahllosen Volkes und zwar mit einer großartigen Feierlichkeit.

 

Aber schon im Jahr 1707 musste das Gnadenbild – wegen Feindesgefahr – wieder in Sicherheit gebracht werden. Man sandte es nach Prag. Glücklicherweise kam es aber noch in demselben Jahr vor dem Fest Mariä Geburt an seine Wohnstätte zurück und diese Heimkehr geschah gleichfalls unter großem Jubel der Gläubigen und mit herzerhebender Feierlichkeit. Ein frommer Priester hatte von Prag aus zumeist mit seinen eigenen Händen das Gnadenbild nach Mariaschein getragen. Zum Lohn dafür wurde er von den heftigen Steinschmerzen, an denen er litt, befreit. –

 

Über dem herrlichen Portal der Kirche steht eine Statue der schmerzhaften Muttergottes von Stein, ihr zur Seite zwei ebenfalls steinerne Statuen von Engeln. Rechts erhebt sich das Standbild des heiligen Ignatius von Loyola und links das des heiligen Franziskus Xaverius. Ganz oben an der Frontseite der Kirche stehen die Statuen der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus, an der Mittelseite jene der heiligen Ludmilla, des heiligen Wenzeslaus, des heiligen Johannes von Nepomuk und des heiligen Procopius, an der Mitternachtsseite die Statuen der heiligen Anna, des heiligen Vitus, des heiligen Joseph und des heiligen Adalbertus.

 

Tritt man nun durch das Haupttor in die Kirche selbst ein, so wird die Würde und die Lieblichkeit dieses Gotteshauses auf den Beschauer einen tiefen Eindruck machen.

 

„Wie lieblich bist du Gnadenort,

An dem Marias Liebe scheinet

Gleich einer Sonne fort und fort:

Wo Erd und Himmel sich vereinet!“

 

Der harmonische Bau misst in seiner Länge 170 und in seiner Breite 82 Fuß. Da über die ganze Breite der Kirche sich nur ein einziger Wölbungsbogen in einer schwindelnden Höhe schwingt, so ersetzt dies das Majestätische eines gotischen Baus – ohne das Anmutige zu verlieren, was ja einer Kirche unserer himmlischen Gnadenmutter nie mangeln soll.

 

Der Hochaltar macht einen großartigen, feierlichen und erhebenden Eindruck. Die Form eines auf vier Säulen ruhenden Triumphbogens ist imposant und sinnreich, sie erinnert uns an jenen Ehrentitel der lauretanischen Litanei, mit dem wir die heilige Gottesmutter die „Himmelspforte“ nennen. Das herrliche Schnitzwerk, das sich über die vier steinernen Säulen zum Gewölbe in der Gestalt von Blättern hinaufschwingt, erinnert an die merkwürdige Linde, die hier an jener Stelle wurzelte, wo jetzt der Hochaltar steht. An dem oberen Teil des Hochaltars begegnen unseren Blicken die Statuen der vier Evangelisten und mehrerer heiligen Engel, die die Leidenswerkzeuge des göttlichen Heilands tragen. Die Weltkugel mit dem schönen Kreuz, das den Altar mit dem Gewölbe verbindet, ziehen unwillkürlich Auge und Gemüt zu sich empor.

 

Wir lenken nun unsere ganze Aufmerksamkeit zu dem merkwürdigsten Gegenstand dieser Kirche, zu dem Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes, das in der Mitte des Altars über dem Tabernakel sich befindet. – Es ist eine kleine Statue – beiläufig fünf Zoll hoch und ein Pfund im Gewicht – anspruchslos wie alle Gnadenbilder Marias – eine lebendige Predigt der Demut. Der Stoff, aus dem das Gnadenbild besteht, ist eine Ton-Art, die, wie Chemiker nach gepflogener Untersuchung bezeugten, sich bei uns nicht vorfindet. Da im 11. Und 12. Jahrhundert die meisten Heiligenbilder aus Palästina gebracht worden sind, ja der Orden jener Klosterfrauen, von denen dieses Bild herrührt, aus Palästina stammt, von wo er durch die Sarazenen vertrieben worden ist, so hält man mit gutem Grund dafür, dass die „Gnadenstatue“ gleichfalls aus dem Heiligen Land sei. – Da man das Gnadenbild den Wallfahrern zum Küssen zu reichen pflegt, so wurde es 1709, um es gegen Abnutzung mehr zu schirmen, mit Goldblech überzogen. Der herrlich geschnitzte Hochaltar, der so eingerichtet ist, dass auch auf dessen Rückseite die Heilige Messe gefeiert werden kann, ist ein Werk des Andreas, Bildhauer aus Prag, und wurde mit seiner Vergoldung 1714 vollendet. Ringsherum an dem Altar stehen Statuen der heiligen Apostel. Ebenso befinden sich rings um den Altar, sowie auch bei den Nebenaltären, Kästen, bestimmt zur Aufopferung der Votiv-Tafeln und Opfer, die die Gläubigen aus Dankbarkeit für die Erhörung ihrer Gebete dargebracht haben.

 

Die zahllosen in der Kirche aufgehängten Votiv-Tafeln und die Jahresberichte von Mariaschein bekunden in den vielen und wunderbaren Gebetserhörungen: dass hier wirklich eine „Marianische Gnadenstätte“ sich befinde.

 

Wie groß mag erst die Zahl der wunderbaren Gebetserhörungen sein, die zu keiner öffentlichen Kenntnis kommen.

 

Wichtiger noch als die wunderbaren Heilungen körperlicher Gebrechen, sind die übernatürlichen Gnaden für die unsterblichen Seelen, besonders für jene, die in dem schauerlichen Schatten der Todsünden sich befinden, vor Gott, dem Allerheiligsten, und vor Maria, der Allerreinsten, also geistig tot sind. – Viele Personen, und unter denen auch Personen aus den höheren Kreisen der Gesellschaft, haben bekannt, dass sie an diesem „heiligen Ort“ innerlichst bewegt wurden – dass sie zur Erkenntnis ihres sündhaften Zustandes, zur vollkommenen Reue und einem ernstlichen Vorsatz der Besserung, sowie zu einer aufrichtigen Beicht ihrer von Kindheit an begangenen Sünden sich machtvoll angeregt fühlten. Die heiligen Schutzengel allein wären imstande, all jene zu zählen, deren Seelenwunden hier geheilt wurden, die den Frieden mit Gott, die Ruhe ihres Gewissens, das ist, das „übernatürliche Leben“ ihrer unsterblichen Seelen hier wieder finden. Es bleibt uns ja durch die Heilige Schrift verbürgt: „Gott ist reich für alle, die ihn anrufen“, Röm 10,12 „du gibt allen reichlich“ Jak 1,5.

 

Und dennoch wird mancher nicht erhört, obgleich er als Pilger kam und für sein Anliegen die Fürbitten Marias angerufen hat, nämlich:

 

1. Wenn er um irgendetwas bittet, was ihm schädlich wäre. Ach, wie viele törichte und gefährliche Wünsche hat der Mensch. Es ist nicht zu bezweifeln, dass gar manche ihr Seelenheil in Krankheit und Armut wirken, die die Gesundheit und den Wohlstand zu ihrem zeitlichen und ewigen Verderben missbraucht hätten. Gott nun kennt in seiner Allwissenheit dasjenige am besten, was uns wahrhaft frommt oder schadet. Manchen Betern müssten darum ernstlich die Worte des Herrn zugerufen werden: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.“ Mt 20,22

 

2. Eine andere Ursache bezeichnet uns St. Jakobus mit dem Ausspruch: „Ihr bittet und erlangt es nicht, weil ihr in der üblen Gesinnung bittet, dass eure Lüste befriedigt werden.“ Jak 4,3

 

Wir bitten schlecht auch, wenn wir ohne Andacht, ohne Demut, besonders aber mit einem durch die Sünde verunreinigten Herzen bitten. In letzterem Fall müssen wir unsere Missetaten und Fehltritte erkennen, sie aufrichtig bereuen und besonders durch den würdigen Empfang des heiligen Sakramentes der Buße uns wieder in den Stand der Gnade Gottes zu versetzen trachten.

 

3. Eines der Haupthemmnisse der Erhörung unserer Bitten ist der Mangel an Glauben und Vertrauen für unsere glaubensarme, für den Dienst Gottes und Mariä gleichgültige, und in Sinnengenüsse tief versunkene Zeit. – Als Petrus, auf den Befehl des Herrn über dem Wasser wandelnd, zu zweifeln anfing, begann er auch unterzusinken, und der Herr machte ihm die Ursache davon in dem gegebenen Vorwurf kund: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Mt 14,31

 

4. Endlich verschiebt Gott öfters die Gewährung unserer Bitte auf eine günstigere Zeit, die mehr in seine unerforschlichen Ratschlüsse und zu unserem wahren Heil passt. Dies ist uns besiegelt in dem Wort Jesu Christi: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Joh 2,4 Und da können wir nichts Besseres tun, als Gott alles anheimzustellen und nur mit gänzlichster Ergebung in seinen allerweisesten Willen unsere Bitten auszusprechen und der Huld Marias anzuempfehlen. –

 

Der Marienbrunnen entspringt unter dem Hochaltar in der Kirche, an jener Stelle, wo ehedessen die Linde stand, in der das Gnadenbild verborgen gewesen war. – Eben am Rand dieser Quelle hatte die Magd aus Graupen, durch die das Gnadenbild entdeckt wurde, Gras gesammelt. Die Quelle ist unterirdisch bis hierher geleitet und fließt mitten durch den Fußboden der ovalförmigen, schön gewölbten Halle. Durch vier runde Öffnungen, die am Fußboden der Halle angebracht sind, kann das helle frische und wohlschmeckende Wasser dieser reichlichen Quelle geschöpft werden. Das Gewölbe der Halle verliert sich in eine Kuppel, an deren Spitze ein vergoldetes Hirschlein prangt, erinnernd an die Worte der Heiligen Schrift: „Gleichwie der Hirsch nach Wasserquellen lechzt, so sehnt sich meine Seele nach dir, o Mein Gott!“ Psalm 41,2 Das Wasser wird sehr bezeichnend als ein Sinnbild der göttlichen Gnade dargestellt. Dahin bezüglich lautet die Weissagung des Propheten Jesaja: „Ihr werdet mit Freuden aus den Quellen des Erlösers Wasser schöpfen.“ Jes 12,3 Und gar tröstlich spricht Jesus Christus, der Verwirklicher dieser Verheißung, zu einem jeden von uns: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, der wird in Ewigkeit nicht dürsten. Das Wasser, dass ich ihm gebe, wird ihm zu einer Quelle werden, die in das ewige Leben hinüber strömt.“ Joh 4,13-14 – Das Wasser aber reinigt den Leib und löscht den Durst usw., die Gnade Gottes aber läutert und stärkt unsere Seelen und stillt ihren Durst nach himmlischen Dingen. Unsere Kirche nennt darum auch Maria die „Mutter der göttlichen Gnade“, weil, wie die heiligen Väter einstimmig sagen: der Gottmensch Jesus Christus, die durch seinen Opfertod am Kreuz verdiente Gnade durch die milden Hände seiner gebenedeiten Mutter ausspendet. Da nun das Wasser ein Symbol der Gnade ist, so erinnert es uns zugleich an die Mutter der göttlichen Gnade. Und es erweist sich geradezu als höchst merkwürdig: dass fast bei allen jenen Kirchen, in denen Maria auf eine besondere Weise verehrt wird, eine Wasserquelle hervorsprudelt. Das ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob eine solche Quelle übernatürliches Wasser besäße, oder übernatürliche Wirkungen durch sich selbst hervorbrächte. Aber es ist ein Mittel: uns an die unbefleckt empfangene und stets allerreinst gebliebene Jungfrau, die die Mutter der göttlichen Gnade ist, zu erinnern. Der Trunk aus der Marienquelle soll uns zu dem Trunk aus der Gnadenquelle – durch kindliches Gebet und den Empfang der heiligen Sakramente – sinnig und anmutig gemahnen. Und es lässt sich auch nicht leugnen, dass Gottes Allmacht, auf die demütigst angerufene Fürbitte Marias, an dieser Quelle wunderbare Wirkungen bei vielen Menschen hervorgebracht hat, die allerdings ihr Herz im heiligen Bußsakrament durch die Gnade des Herrn von aller Sünde gereinigt hatten. Der geistigen Hilfe und Erquickung folgte bei den Pilgern zumeist auch die leibliche. Jedenfalls bezeugen die jährlichen Rechenschaftsberichte von Mariaschein viele wunderbare Heilungen, besonders an Augenkranken, die mittelst des Genusses des Wassers aus dieser Quelle erfolgt sind. Zum sichtbaren Ausdruck des Dankes dienen auch hierüber die vielen, vielen Votiv-Tafeln der von Gott durch Marias Fürbitte hier gesegneten und geheilten Pilger.