Maria zu Albendorf in Schlesien

 

Trotz einer etwas unruhigen Nacht zogen wir doch frisch und wohlgemut diesen Morgen (6. September 1862) hinaus und hinauf in die romantische Bergwelt (Glatzer Gebirge in Schlesien), die im Morgenschleier gehüllt vor uns lag, und gerade durch diese geheimnisvolle Hülle, die halb zeigte, was sie verbergen wollte, uns noch mehr zum Wandern reizte. Nach mehreren Seiten hin, bald unter uns in den nahen duftigen Wiesen, bald neben uns auf den sanften Abhängen weideten bunte Herden, und läuteten im lieblichen Durcheinander ihre hellen Glöckchen uns zum Gruß. Ein fröhliches Hirtenmädchen sang ein heiteres Liedchen und begleitete sich dazu durch den geschickten Knall der Peitsche, und jagte sich dabei spielend und neckend bald mit einer Kuh, bald mit einer Ziege auf der Wiese herum. Der beginnende Herbst hatte schon an manchem Baum und Gesträuch seinen Buntdruck versucht und seine Blätter rötlich gefärbt.

 

Hätten wir nicht schon, ein jeder von uns in der Stille seines Herzens, mit freudigem Dank des Schutzes und der Gnade des Herrn gedacht, so hätte uns eine Wanderin daran erinnert. Vor uns her nämlich zog eine junge Frau, mit schwerer Bürde beladen, die Bergstraße hinauf. Als sie da vor einem steinernen Kreuz anlangte, warf sie sich mit ihrer Last auf dem Rücken nieder auf ihre Knie, bekreuzte sich und betete still, unbeirrt durch den Schritt der vorbeiziehenden Männer. Dieser Anblick eines gläubigen und innigen Gebetsopfers erfüllte uns mit solcher Scheu, dass wir möglichst still und geräuschlos vorüberzogen, um die Betende nicht zu stören. Es muss aber auch ein Menschenherz aller religiösen Gefühle entledigt sein, wenn es, selbst bei eigenem Unglauben, nicht vor dem scheute, der im Gebet auf seinen Knien liegt.

 

Einen wundersamen Anblick hatten wir, als wir die erste Berghöhe erreicht hatten, wo zu beiden Seiten des Weges ein junges, lichtes Fichten- und Kieferngebüsch uns umgab. In den einzelnen Zweigen nämlich, und von Ast zu Ast, von Bäumchen zu Bäumchen hatten tausende von Spinnen ihre kunstreichen Netze in den verschiedensten Geflechten gezogen. Auf die kleinen Tautröpfchen, die darauf hingen, fiel der Sonnenstrahl und schuf Millionen Diamanten. Wie hochherrlich ist Gott auch in den kleinsten seiner Werke. Wir mussten wiederholt stehen bleiben, um diese natürliche Ausstellung der kunstreichsten Gewebe zu bewundern. Wo ist eine Menschenhand, die solche Kunst versteht? Der feinste Faden der vorzüglichsten Maschine ist, durchs Vergrößerungsglas betrachtet, gegen den Faden der Spinne – ein rauer, holpriger Strick.

 

In Neuhaide, einigen an der Hauptstraße vereinzelt gelegenen Häusern, schlugen wir, da für uns die Festung Glatz, in deren Nähe wir uns befanden, keine Anziehungskraft hatte, den links abgehenden Weg nach Albendorf ein und schritten auf den Ausläufern der „Heuscheuer“ hin, die, da sie schon ziemlich hoch liegen, fast bei jeder Wendung des Weges neue, überraschende Aussichten bieten. Zumeist zog uns der etwas zerklüftete Rücken der „Heuscheuer“, auf die wir zuwanderten, selbst an. Die Gruppe der einzelnen, senkrechten, riesigen Felsen, die fast alle an dreitausend Fuß hoch sind, namentlich der „Backofen“ und der „Großvaterstuhl“, drängen sich in den Blick. Man wünscht vor Ungeduld Flügel, um auf diese luftigen Kuppen hinauffliegen zu können, besonders da man von der bereits errungenen Höhe wieder hinabsteigen muss ins Tal, wo der Wallfahrtsort „Albendorf“ liegt, berühmt durch sein Gnadenbild der heiligen Muttergottes.

 

Ich gestehe, dass ich erst hier die Bedeutung eines Wallfahrtortes kennengelernt habe, ein solches Leben hatte ich mir nicht vorgestellt. Schon auf dem „Kalvarienberg“, an dessen Gehänge wir ins Tal hinabstiegen, begegneten uns drei Chöre von Prozessionen, weiter unten trafen wir auch noch vier andere. Jede Abteilung bestand etwa aus vierzig bis fünfzig Menschen, zumeist ältere Frauen und jüngere Mädchen und einzelne Burschen und ältere Männer. Ihrer Kleidung nach waren es Leute aus den ärmlichsten Verhältnissen, viele barfuß, andere in elendem, zerrissenem Schuhwerk, von abgetragenen und übel gestickten Kleidern umhüllt, zumeist hagere, blasse, krankhafte Gesichter, das Haupt der Männer unbedeckt, alle mit den Rosenkränzen in den Händen, und ein Bild der allerseligsten Jungfrau Maria an einer Schnur am Hals tragend, Ein Kreuz eröffnete den Zug, den sichtbar die herzlichste Andacht verklärte. Vorn, zuweilen auch in der Mitte des Trupps, ging der Vorsänger, der mit heller, kräftiger Stimme jede einzelne Strophe des Pilgerliedes vorsang, worauf dann der Chor einfiel, und unisono nachsang, und das bergauf, bergab unermüdet,- ohne alle Unterbrechung. So lange sie wallen und von einer Station zur anderen ziehen, singen sie, So verschieden nun die Länder waren, der diese Wallfahrer angehörten (denn die Leute kommen an fünfzig Meilen weit her, und noch weiter), so verschieden die Dialekte und Sprachen gewesen sind, in denen man sang, (außer deutsch war böhmisch und polnisch genau herauszuhören), so war es mir auffallend, dass alle nur eine Melodie vernehmen ließen. Aber diese eine Melodie hat den tiefsten Eindruck auf mich gemacht. Schon im Andante-Takt war sie so gemütlich, im Ganzen so schlicht, so kindlich fromm und hehr. Diese Melodie klang tagelang mir immer aufs Neue im Gedächtnis. – Wiederholt begegneten sich die Züge, die von den Stationen zurückkehrten, mit denen, die zur Gnadenkirche hinauf stiegen. Singend zogen sie aneinander vorbei, zwar in derselben Melodie, aber bald höher, bald tiefer im Ton, ohne dass ein Chor durch den anderen sich hätte irre machen lassen. Vor allem muss ich eines jungen Mädchens gedenken, von kräftiger, hoher Gestalt und blühendem Ansehen. Sie ging an der Seite des Chorsängers als Führerin des Zuges voraus, eine zweite Jungfrau von Orleans mit ritterlichem Anstand und begeisterungsvollen Augen. Ihre Stimme war so rein, voll und sonor, dass sie vor allen anderen herausdrang. Und wenn sie namentlich beim Beginn der letzten Zeile in das d einsetzte, drang dies wie ein Jubelruf in die Luft hinaus. Eine solche Frau trägt die Kreuzesfahne in den blutigsten Kampf. – Das ist die ritterliche, die romantische Seite dieser Prozession.

 

Der Ort Albendorf selbst soll, ähnlich wie das heilige Grab bei Görlitz, die Stadt Jerusalem mit ihren Umgebungen darstellen. Da sind denn zwölf Tore, die in das Städtchen hineinführen, der Bach, der die Gasse durchströmt, heißt „Cidron“. Der kleine Teich heißt „Bethesda“. Auch fehlt nicht das „Haus der heiligen Anna“, sowie das „Richthaus des Pilatus“.

 

Der „Kalvarienberg“ sieht von weitem aus wie die Lagerstätte eines wandernden Volkes, etwa wie die der Israeliten auf dem Zug nach Kanaan. Achtundfünfzig Kapellen, in denen die Leidensgeschichte des göttlichen Heilandes Jesu Christi Zug für Zug dargestellt ist, sind auf demselben erbaut, und bilden zugleich die Stationen, wo die Wallfahrten anhalten und ihre bestimmten Gebete verrichten. Rechnet man nur auf jede Station eine Viertelstunde, so gibt dies schon an fünfzehn Stunden, die ununterbrochen auf eine Prozession zu verwenden sind, die sich dadurch wahrhaft zu einer anstrengenden Buß-Fahrt gestaltet. Auf der Höhe des Kalvarienberges, zu der man auf siebenundvierzig Stufen hinaufsteigt (die Zahl der Blutungen, die nach der Tradition der Herr in seiner Leidenszeit aus seinen Wunden vergossen hat), ist „Golgotha“, die „Schädelstätte“ errichtet, mit ihren drei Kreuzen, von denen erzählt wird: dass das Kreuz zur Linken, das den unbußfertigen Schächer trägt, bei seiner Errichtung von selbst um einige Schritte zurückgewichen sein soll, um die Scheu des Bösen vor dem allerheiligsten Lamm Gottes auszudrücken.

 

Überraschender noch, als das alles, tritt die Wallfahrtskirche vor das Auge. Sie stellt den Tempel Salomos dar mit seinen Zinnen, dreiunddreißig breite und gewiss ebenso viel Ellen lange steinerne Stufen (zur Erinnerung an die dreiunddreißig Lebensjahre Christi auf Erden) führen hinauf. Da diese Stufen von den Gläubigen nur kniend und unter steten Gebeten erklimmt werden dürfen, so ist schon dieser Teil einer Wallfahrt nach Albendorf ein leibliches Kreuztragen im Geist der Buße und der Selbst-Kreuzigung. Der Anblick der einzelnen Gruppen, die hie und da die anstrengendste Kniewanderung vollzogen hat, besonders der Anblick eines alten Mütterchens, das sich von einem kräftigen Mädchen, vielleicht ihrer frommen Enkelin, jede Stufe halb hinaufheben ließ, weil den altersschwachen wandermüden Knien die Kraft gebrach, machte einen herzerschütternden Eindruck. Man dachte unwillkürlich an Simon von Cyrene, der dem unter der Kreuzeslast zusammensinkenden Heiland auf der „via dolorosa“ das Holz der Sühne mittragen half.

 

Das Ganze dieser Wallfahrtsstätte ist von wunderbarer Wirkung, und gewinnt dadurch, dass gerade hinter dem Tempel die prachtvolle Felsenmasse der „Heuscheuer“ ihr stolzes Haupt erhebt, noch an ergreifender Schönheit. – Und bedenkt man, dass hier alljährlich an siebzig- bis achtzigtausend Wallfahrer zusammenkommen, dass um die Zeit der Pfingsten und des Festes „Maria Heimsuchung“ zuweilen zwanzigtausend fremde Pilgrime an einem Tag hier übernachten, von denen Hunderte und Tausende im Freien, auf den dreiunddreißig Stufen, in den Nischen des Tempels und sonst auf hartem Boden die Nacht zubringen, so gewinnt man hier die beste und eindringlichste Einsicht von katholischer Pilger-Andacht, Bußfertigkeit und opferwilligster Selbst-Abtötung. Die Nähe des Gnadenbildes der gebenedeiten Himmelskönigin versüßt und erleichtert den frommen Marienkindern auch alle, selbst die bitterste Mühsal.

 

Ich rate jedem, der in die Nähe kommt, diesen berühmten Wallfahrtsort Albendorf zu besuchen. Geistig unerquickt wird er ihn gewiss nicht verlassen! –