Maria von der Eiche in Burgund (erzählt um 1850)

 

Wir erzählen eine Legende aus der Gegend, die unsere Heimat ist, eine Legende, von der allerseligsten Jungfrau Maria, die wir oft an den Abenden haben erzählen hören, wo unsere Großeltern ihren Enkeln die Geschichten vergangener Zeiten verkündeten. „Die von der Ferne zu uns gelangten Früchte“, bemerkt ein sinniger Lehrer, „können sehr süß sein, aber die Früchte unseres Vaterlandes, die Früchte unserer Heimat, sind noch viel süßer und köstlicher.“

 

Es ist schon sehr lange her. Die ältesten Eichen unserer Wälder waren noch nicht da, und es gab damals noch mehr Religion als jetzt.

 

Nun geschah es eines Tages, dass ein kleiner frommer Hirtenknabe vom Dörfchen Avaleur in Burgund seine Ochsen in dem Gehölz hütete, das man in unseren Tagen das „Gehölz Unserer Lieben Frau“ nennt, und das gleichsam das Haupthaar eines uralten Hügels ist. Dieser Hügel erhebt sich senkrecht über der kleinen Stadt, die zwischen ihm und der Seine sich ausbreitet, und er bedroht sie eher, als dass er sie beschützt. – Der junge Hirt nun, der mit den Ochsen seines Vaters, oder der „Comthurei“ im Wald sich aufhielt, hatte Stock und Hut beiseitegelegt und sich auf die Knie hingeworfen, um unter der schönsten Eiche des Waldes sein Gebet zu verrichten. Sein Herz war rein und seine Seele unschuldig, und sein Gebet stieg zu Gott empor gleich wohlduftendem Weihrauch. Seine Andacht kam, nach den Tränen, die seine Augenlider benetzten, zu urteilen, aus dem innersten Herzen. Vielleicht betete das arme Kind um die Heilung einer schon lange kranken Schwester, oder um die heiß ersehnte Rückkehr eines Bruders, der da in den Krieg gegen die Ungläubigen gezogen war. In der Inbrunst seines Gebets erhob der Hirtenknabe seine Augen und sah den Himmel an. – Und – was für eine selige Überraschung – er erblickt über seinem Kopf und in dem Stamm der Eiche, die ihn sanft mit ihren Schatten umgibt und ihn leise mit ihrem Blattgeflüster umsäuselt, eine anmutige Statue der heiligen Jungfrau Maria. Er steht auf, und sieht sie an und glaubt, dass ihr Antlitz die Farbe wechselt, wie das im Angesicht einer lebenden Person zu geschehen pflegt. Er nimmt mit zitternder Hand die Statue herab, und es scheint ihm, dass ihr Gewicht sich auch verändere, indem sie bald mehr und bald weniger schwer ist. Er fällt wieder auf die Knie und stammelt mit gefalteten Händen ein „Ave Maria“ und alles, was er sonst von Gebeten weiß.

 

Als der Abend eintrat, bemächtigte er sich des benedeiten Fundes und trägt ihn voller Freude in das Dörfchen, darin die väterliche Hütte stand. Und gerade an diesem Abend kam ihm seine Mutter entgegen, denn die Witterung war stürmisch geworden und sie fürchtete für ihr Kind von der Dunkelheit des Waldes und von der Raubgier der Wölfe. – Sobald ihr Sohn sie erblickt, läuft er zu ihr und übergibt ihr das heilige Bild, vor Entzücken hüpfend, wie der König David ehedessen vor der Bundeslade. Nachdem die Mutter ehrfurchtsvoll es geküsst und ihr Gebet zum Preis der Himmelskönigin davor verrichtet hatte, legte sie es in den alten wurmstichigen Kasten, in dem ihre, der armen Dörfnerin, Brautkleider und kostbarsten Sachen lagen. Wie die Frau im Evangelium, die die verlorene Drachme wiederfindet, ruft die Mutter des Hirtenknaben am nächsten Morgen in aller Frühe ihre Freundinnen und Nachbarinnen, um ihnen die „kleine Muttergottes“ zu zeigen, die ihr liebes Kind gefunden hat. – Aber siehe, das Bild ist verschwunden. – Der Hirtenknabe kehrte deshalb in den Wald zurück und zwar mit kummerschwerem Herzen und tränenfeuchten Augen. Er ging geradewegs auf die Eiche zu, wo er das Bild gefunden hatte, das am Abend vorher ihn so überaus glücklich gemacht hatte, und ihn jetzt mit Verängstigung peinigte. – Doch, o Wunder, das Bild war wieder an seine vorige Stelle zurückgekehrt. –

 

Als die letzten Strahlen der Sonne ihn an die Heimkehr mahnten und die Abenddämmerung bereits ihr Grau in das Dickicht des Waldes verwebte, streckte er aufs neue, wenn auch nicht ohne Furcht, seine Hand nach dem frommen Bild aus. Er bat es in kindlichster Weise um die Erlaubnis, es mitnehmen zu dürfen, und trat wieder in seines Vaters Hütte, freudetrunken über den Besitz des so wundersamen Bildes, das er im Triumph zurückbrachte.

 

Dieses Mal verschloss man nun (o heilige Einfalt!) den Kasten mit doppeltem Schloss. – Unnütze Vorsicht, denn am anderen Morgen war keine Statue mehr da. Sie war noch einmal zu ihrer geliebten Eiche zurückgekehrt. Die Geistliche Obrigkeit wurde nun von diesen Ereignissen benachrichtigt. – Die Geistlichkeit der Stadt zog in Prozession hinaus in den Wald, um die heilige Jungfrau von der Eiche herabzuholen und in die Kirche zu führen, wo man für sie eine schöne Kapelle und einen Ehrenbogen bereitet hatte. Aber das holde Marienbild verlangte ebensowenig nach der Stadt als nach dem Dörfchen. Sie wollte nicht die Pfarrkirche und auch nicht die durchräucherte Hütte. Es war der Wald, der ihr dort fehlte, der grüne, friedliche Wald, den sie bewohnen wollte, und ihre alte Eiche war das Tabernakel, für das sie eine besondere Vorliebe hatte. Man fühlte sich also genötigt, sie dort zu lassen, und man baute eine Kapelle, die noch in unseren Tagen besteht, und in der die verehrte Eiche eingeschlossen ist, die die heilige Jungfrau auserkoren hatte, um dort ihren Wohnsitz aufzuschlagen. Die Nische für das heilige Bild ist in das Holz des uralten Baumstammes gehauen. Ohne Unterlass nimmt man von diesem Stamm beträchtliche Stücke, um daraus kleine Kreuzlein zu verfertigen. Es sind schon viele Jahrhunderte, dass man für besagte Kreuzlein den Stammausschneidet, und doch scheint der geliebte Baum Marias nicht abzunehmen. Tag und Nacht, Sommer und Winter bewohnt die Statue diesen Wald.

 

Nur wenn schwere Trübsale die Gegend heimsuchen, wenn der Himmel etwa wie in Wasser zerfließt, oder wenn er wie von Erz zu sein scheint, dass er kein Tröpflein Tau und Regen gibt, erwacht in allen umliegenden Landschaften ein Not- und Gebetschrei aus jedem Mund der Gläubigen und jeder verlangt eine Prozession und eine neuntägige Andacht zu Unserer Lieben Frau von der Eiche.

 

Und wenn der Hochwürdigste Bischof die im Namen aller Pfarrangehörigen durch den Pfarrer begehrte Prozession und neuntägige Andacht gestattet, dann wird Prozession und Andacht mit innigster Freude gehalten. Mit großer Pracht und Feierlichkeit trägt man die Marien-Statue aus ihrer Wald-Einsamkeit in die Stadt herunter. Maria empfängt da jeden Tag die inbrünstigsten Bitten um ihre milden Fürbitten bei Gott und zugleich auch die ehrfurchtsvollsten Huldigungen der Dankbarkeit. Nach der Vollendung der neuntägigen Andacht trägt man unter denselben Zeichen der Ehrfurcht und in Prozession die Statue in ihre friedliche Waldkapelle zurück. –

 

Das christliche Volk erzählt wundersame Dinge von dieser Marien-Statue, die es wie seinen „Hort und Schirm“ erachtet.

 

Und Tatsache ist es, dass in Folge von Prozessionen oder Wallfahrten und neuntägigen Andachten zu Unserer Lieben Frau von der Eiche zu Bar-sur-Seine in Burgund große Gnaden erlangt worden sind. Plötzliche Veränderungen in der Witterung sind zu oft in auffallendster Weise zusammengetroffen mit einer andächtig betenden und singenden Prozession zur heiligen Jungfrau Maria von der Eiche. – Man führt namentlich das plötzliche Aufhören der Regengüsse an, die Frankreich während des Frühjahres 1789 verwüsteten. Die Ströme des Regens hielten mit einem Mal inne, die Wolken zerstreuten sich und die Sonne erschien gerade in dem Augenblick, in dem die Marien-Statue aus ihrer Wald-Kapelle hervorging, begleitet von Jung und Alt, wie auch von allen National-Garden der Stadt und ihrer Umgebungen. Die National-Garden waren eben gebildet worden und einer ihrer ersten großartigen und zahlreichen Versammlungen fand für den Distrikt von Bar-sur-Seine bei dieser Gelegenheit statt. – Man hat sagen hören, dass selbst die Pariser Blätter das allplötzliche Aufhören des so furchtbaren und lang schon andauernden Regenwetters als etwas Außerordentliches hervorgehoben hatten, indem sie die Stunde bezeichneten, in der der Himmel wieder heiter geworden war. Diese zu Paris beobachtete Stunde war aber genau dieselbe, in der die Statue Marias von der Eiche, deren Waldstätte vierzig Meilen von Paris entfernt liegt, aus ihrer Kapelle gegangen war.

 

Ein Ereignis von ganz ähnlicher Art trug sich auch im Jahr 1816 zu. Die Prozession von Bar war ausgezogen, um bei sehr ungünstiger Witterung zu Unserer Lieben Frau von der Eiche zu gehen. Und kaum hatte die Marien-Statue die Waldkapelle verlassen, so warf die Sonne ihre prachtvollsten Strahlen auf die frommen Waller und beleuchtete auch noch freundlichst ihren ganzen Rückweg.

 

O wie wunderbar lieblich klingt darum aus dem englischen Gruß in dieser Kapelle, wenn es ihn vertrauensvoll der kindliche Glaube singt, das Trosteswörtlein hervor: „Maria, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir.“ –