Über 300 Jahre Wallfahrtskirche Maria Trost

 

Mutter Gottes, breit den Mantel – Deiner Liebe um uns aus,

Dass wir sicher sein und bleiben – Mach ein schützend Dach daraus.

Da die Feinde uns bedrängen, - Lass uns all darunterstehn,

Bis wir sehn in deinem Schutze – Die Gefahr vorübergehn.

 

(Auguste Poestion: „Kriegswallfahrt“)

 

Die schöne, weitbekannte Gnadenstätte Maria Trost bei Graz stand im Jahr 1914 im Zeichen des Jubiläums. Papst Pius X. hat mit Reskript der Kongregation S. officii dd. 31. Januar 1914 bewilligt, dass die Gläubigen, die innerhalb dieses Jahres die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Trost besuchen und nach Empfang der heiligen Sakramente die üblichen Ablassgebete verrichten, einmal einen vollkommenen Ablass gewinnen können, der auch den Armen Seelen zugewendet werden kann. Auch wurde bewilligt, dass alle zugereisten Priester am Gnadenaltar die Votivmesse von Mariä Geburt lesen können, wenn nicht ein höherer Festtag gefeiert wird. Damit war das Maria Trost-Jubiläum eingeleitet, dem im September große Feierlichkeiten folgen sollten und wir Grazer Katholiken freuten uns schon sehr auf dieses schöne Jubelfest Unserer Lieben Frau draußen im waldumrauschten Gnadenort. Doch dies blieb ein schöner Traum!

 

Wie ein Sturmwind fegte plötzlich das Wort „Krieg!“ über alle Gebiete unseres weiten Landes, entflammte Begeisterung für Kaiser und Vaterland, für Recht und Pflicht, brachte aber auch namenloses Leid über die Völker.

 

Da stand auch unser Maria Trost im Zeichen des Krieges und wurde den Zurückbleibenden im wahrsten Sinne das, was sein Name ausdrückt: die Zuflucht der Verlassenen und Traurigen, die bei der himmlischen Mutter Trost suchen. Auch viele Soldaten kamen zum Abschied heraus, erbaten sich Kraft und Ausdauer zum schweren Kampf und legten ihr Geschick in Marias Hände.

 

Da zog von Graz unter Führung des Fürstbischofs Dr. Leopold Schuster am 27. September 1914 ein endlos langer Zug frommer Waller aller Stände nach Maria Trost. Keine Jubelprozession war es mehr, sondern eine mächtige Kriegswallfahrt erhebend und tief ergreifend in ihrer ernsten Bedeutung.

 

Und es zogen viele tausend

Fromme Pilger betend aus,

Dorthin, wo von freier Höhe

Ihnen winkt das Gotteshaus.

Bangen Herzens waren alle,

Von der Leiden Sturm umtost.

Doch schon legen sich die Stürme

Vor dem Wort: Maria Trost.

 

Aus den Wolken strahlt die Sonne

Auf der Beter große Schar,

Und ihr Schimmer leis umzittert

Dort das Bild am Hochaltar.

Es geschieht, was tausend Male

Schon geschah am heil`gen Ort:

Die in Schmerzen zu ihm kamen

Geh`n getröstet wieder fort.

 

(Auguste Poestion)

 

Bei 12.000 Personen füllten die Gnadenkirche und bedeckten den Kirchberg bis hinunter zu den Abhängen, flehten in inbrünstigem, heißem Gebet um Schutz im Krieg und erbaten sich bei der teuren Gnadenmutter die Vermittlung des Friedens. Diese große Prozession, verbunden mit der 200jährigen Jubiläumsfeier, gab zugleich Zeugnis von dem Vertrauen und der hohen Verehrung, die das Volk dem altberühmten Gnadenort entgegenbringt.

 

Seit 200 Jahren erhebt sich nun schon die majestätische, weiße Kirche mit ihren charakteristisch roten Türmen auf der freien, luftigen Höhe, weit ins Land hinausblickend und sich vom dunklen Hintergrund der wälderreichen Hügellandschaft wie eine leuchtende Blüte abhebend.

 

Der Ursprung des Gnadenortes reicht in ferne Zeiten zurück. Schon zur Zeit des Kreuzzugs gegen die Sarazenen soll hier eine Kirche gestanden sein. Viele der aus Palästina glücklich heimgekehrten Kreuzfahrer besuchten diese Kirche, in der sie ein Stück vom heiligen Kreuz verehrten, weshalb sie die heilige Kreuzkirche genannt wurde. Später errichtete man daneben eine Herberge für kranke Pilger und war nun dieser Ort weit und breit unter dem Namen bekannt: „Heiligkreuz zum Landestrost“. Mehr als 300 Jahre hielt diese Kirche vielen anstürmenden Feinden stand, bis sie 1480 von den Türken nach tapferer Gegenwehr erobert und durch Brand vernichtet wurde. – Das sogenannte „Landplagenbild“ an der Außenseite der Grazer Domkirche, ein kunsthistorisch höchst wertvolles und interessantes Freskengemälde, zeigt unter den „Landplagen“, von denen die Steiermark hart heimgesucht war, auch den Einbruch der Türken und die Erstürmung der von Ringmauern umgebenen Heiligenkreuzkirche.

 

Der kahle Berg, nun „Purberg“ genannt, kam in verschiedene Hände, bis 1676 Hans Freiherr von Wilfferstorf, der letzte des berühmten Geschlechtes, sich auf der Höhe ein Schlösschen erbaute. Als er einmal seinen im Zisterzienserstift Rein oder Graz lebenden Bruder besuchte, sah er in dessen Zelle eine hölzerne Muttergottesstatue mit dem Jesuskind auf dem Arm, die sein Wohlgefallen erweckte und ihm über seine Bitte überlassen wurde. Er brachte sie in seine Stadtwohnung nach Graz und als seine damals kranke Tochter auf die Fürbitte der Mutter Gottes gesund wurde, ließ der Freiherr am Purberg eine kleine Kapelle errichten, in der er die Madonnenstatue zur allgemeinen Verehrung aufstellte. Er befasste sich weiterhin mit dem Plan, die zerstörte Kirche wieder aufzubauen, starb jedoch noch ehe er zur Ausführung kam und erst im Jahr 1693 wurde unter Franz C. Canduzzi Edler von Heldenfeld, mit Unterstützung der Fürstin Karoline von Eggenberg, die Kapelle im Sinne von Wilfferstorf vergrößert. Die neue Kirche: „Maria zum Landestrost“ genoss bald einen weitverbreiteten Ruf, und als 1708 der Orden der Pauliner das Heiligtum übernahm, unter deren eifrigen Tätigkeit sich der Andrang der Gläubigen beständig mehrte, wurde beschlossen, die Kirche umzubauen und zu vergrößern. Es fanden sich bald viele Wohltäter, besonders unter dem steirischen Adel, deren größter aber war Kaiser Karl VI., unter dem am 18. Dezember 1714 Fürstbischof Graf Lamberg den Grundstein zur jetzigen Kirche weihte. Schon 1719 war der Bau zum großen Teil hergestellt, verzögerte sich aber in der Folge wegen Geldmangel und fand erst 1746 seine Vollendung. Die in vollkommener Symmetrie sich zu beiden Seiten der Kirche anschließenden Klostergebäude bilden mit ihr eine schöne, stattliche Front. Auf dem Hochaltar steht – gegenwärtig im reichsten elektrischen Lichterglanz – die liebliche Gnadenstatue, zu deren Füßen unzählige kummervolle Menschenherzen Hilfe und Trost suchen und auch finden. An den beiden ersten, der aus kostbarem Marmor verfertigten neun Seitenaltäre befinden sich Gemälde der berühmten italienischen Maler Giordano Luca und Tiapolo. Einen prächtigen Schmuck bilden die schönen Fresken von Maler Scheid. Sie wurden im Lauf der letzten Jahre restauriert oder besser gesagt, übermalt und geben nun dem Gotteshaus ein zwar farbenfrisches und festliches Gepräge, allein der Altertumsfreund wird mit Bedauern die verblassten, alten und darum umso interessanter wirkenden ursprünglichen Gemälde vermissen. Die Kirche ist in Kreuzform erbaut und wird von einer mächtigen Kuppel gekrönt. Unter dem Haupteingang befindet sich die alte Klostergruft, in der über 30 Pauliner in ihrer Ordenstracht ruhen.

 

In den zum Teil offenen Särgen kann man die merkwürdigerweise unverwesten, eingetrockneten Leichen der Mönche sehen. Leider wurde der Grufteingang von der Kirche aus im Jahr 1895 vermauert aus dem Grund, weil pietätlose Besucher in der Gruft Unfug trieben.

 

Ein ergreifend schönes Kapitel aus der steirischen Heimatgeschichte, das mit Maria Trost in innigstem Zusammenhang steht, möge hier Platz finden.

 

Im Jahr 1680 wütete in Granz die Pest in verheerendster Weise. In den Häusern, sogar auf den Straßen lagen die Toten, niemand wagte es, sie anzurühren. Die Stadt schien dem Aussterben nahe. Da machten sich unter Führung von Paul Menitzer 60 Taglöhner aus Graz auf und pilgerten zur neuen Kapelle Maria vom Landestrost. Dort empfingen sie mit großer Andacht die heiligen Sakramente, bereiteten sich auf einen nahen Tod vor und gelobten, sich dem Schutz Gottes und Mariens empfehlend, die Stadt vor dem Untergang zu retten. Nach Graz zurückgekehrt, begab sich Paul Menitzer zum Pestkommissar, dem Grafen Dietrichstein, und stellte sich ihm und seine Zunftgenossen zur Verfügung. Sie wollten die Leichen begraben, was sonst niemand um teures Geld getan hätte. Gerührt dankte der Graf dem edelmütigen Anerbieten und gab die nötigen Anordnungen. Also gleich machten sich die braven Taglöhner an die schreckliche Arbeit, luden die Toten auf Fuhrwägen und schafften sie eiligst fort, verbrannten die verpesteten Betten und gingen an die Säuberung der Stadt. Als sie sich am anderen Morgen, wie verabredet, wieder am Hauptplatz trafen, zählte Menitzer besorgt seine tapfere Schar. Doch, o Wunder!, alle waren vollzählig erschienen. Da sprach er unter Tränen: „Großer Gott, sei gelobt! Keiner ist verloren.“ Mutvoll begannen sie ihre schauerliche Tätigkeit von neuem, fanden sich tags darauf wieder alle insgesamt am Hauptplatz ein und setzten unter Gebet und Gottvertrauen die gefährliche Arbeit solange fort, bis die Seuche im Schwinden und die Stadt gerettet war. Sie waren alle wunderbarer Weise vom Tod verschont geblieben und pilgerten nun zur Danksagung nach Maria Trost, wohin sie eine alljährliche Wallfahrt gelobten. Diese hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Noch jetzt zieht jedes Jahr die Taglöhner-Bruderschaft in Prozession hinaus nach Maria Trost. Maria ist den Österreichern schon oft in schwerem Kampf beigestanden und verhalf ihnen zum Sieg. Als im Jahr 1683 die Türken vor Wien besiegt wurden, schrieb man dies der Fürbitte der Gottesmutter zu und führte als Danksagung das Fest Mariä Namen ein. Dieses Fest wird in Maria Trost als Patroziniumsfest gefeiert, darum ist unser Vertrauen zu Maria auch groß, sie wird uns wieder zum Sieg führen!

 

(A. Matura in „Ave Maria“ vom Januar 1915)

 

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