Maria Straßengel

 

Es blickt von steiler Höhe

Ein Kirchlein in das Tal,

„Straßengel“ ist sein Name,

Gepriesen tausendmal.

Du Stätte süßen Friedens

Du wundervoller Wald!

Euch wählt die Mutter Gottes

Sich aus zum Aufenthalt.

 

Hier strömt ihr reichster Segen

Auf euch, die krank ihr seid,

So Herz wie Seele stärkend

In stiller Einsamkeit.

Zieht gläubig, fromme Pilger,

Empor zum Gnadenort!

Ihr naht euch schwerbeladen

Und geht erleichtert fort.

 

Eugen Graf Aichelburg

 

Einer der lieblichsten Wallfahrtsorte der grünen Steiermark ist das nahe von Graz an der Südbahnstation Judendorf gelegene Gnadenkirchlein Maria Straßengel, das in seiner Schönheit als leuchtendes Diadem den dunklen Waldhügel krönt.

 

Die schöne landschaftliche Lage des im Sommer vielbesuchten Kurortes Judendorf mit ihren bewaldeten Höhen, besitzt als besonderes Juwel den in den Vordergrund tretenden Hügel Straßengel, mit seinem uralten, wunderlieben Kirchlein, das als eines der prächtigsten Bauwerke gotischen Stiles in Österreich gilt.

 

Die Gründung Straßengels reicht bis in die Zeit der berühmten Ottokare, der regierenden Markgrafen von Steier. Ottokar VII. (reg. 1129 bis 1164), der an dem leider misslungenen zweiten Kreuzzug teilnahm, brachte ein auf hartem Holz gemaltes Marienbild mit, das die genaue Nachbildung eines Gemäldes zu Jerusalem darstellte, das Maria in ihrer frühesten Jugend zeigt und der heilige Lukas mit eigenen Händen noch bei Lebzeiten der allerseligsten Jungfrau entworfen haben soll. Ottokar ließ dieses teure Kleinod in der von ihm auf dem dicht bewaldeten Hügel „Straßindel“ einige Jahre vorher erbauten hölzernen Kapelle zur allgemeinen Verehrung aufstellen und schenkte (1157) die Kapelle samt den umliegenden Besitzungen dem Gerlach von Dünkenstein, dem ersten Abt des Klosters zu Rein.

 

Ottokars Eltern, Markgraf Leopold der Starke und Sophia Herzogin von Bayern, gründeten 1128 das Zisterzienserkloster Rein ( http://www.stift-rein.at/ ), das gegenwärtig das einzige ist, das von den zur Zeit des heiligen Bernhard gestifteten noch besteht und in dessen imposanten Kirche der Gründer begraben ruht.

 

Etwa hundert Jahre nach der Errichtung der Marien-Kapelle, trug sich an einem der die Kapelle umgebenden Bäume ein großes Wunder zu. Aus einer Tanne wuchs, deutlich und sichtbar, das Bild des gekreuzigten Heilands hervor. Rasch verbreitete sich diese seltsame Kunde. Unter großer Feierlichkeit und in Gegenwart des damaligen Erzbischofs von Salzburg, wurde dann das wunderbare Kruzifix vom Baum losgelöst und in die Marien-Kapelle übertragen.

 

Der Ruf und die Verehrung dieser Waldkapelle verbreiteten sich immer mehr und der Zudrang der Gläubigen wurde immer größer. Da beschloss Abt Hartwig von Rein eine neue Kirche zu erbauen und so wurde 1346 der Grundstein zur jetzigen Kirche gelegt. Sie wurde im Jahr 1355 unter Abt Seyfried vollendet. Voll Verwunderung betrachtet der Beschauer das herrliche Kirchlein, mit seinen zierlich-schlanken, wunderbaren Turm, der das Staunen aller Kunstfreunde erregt. Im Kronprinz Rudolf-Werk: „Die Österr.-Ungar. Monarchie in Wort und Bild“ steht über den Turm: „welcher mit seinem durchbrochenen Steinhelm, den die Laternenfenster überdeckenden Wimpergen mit dazwischen auf Säulchen postierten Engelsfiguren und den die unteren Geschosse zierenden Bogenfriesen, Wappen und Blendmarkwerken ebenso geistreich in der Entwicklung, wie reizend in seiner Durchbildung ist.“

 

1754 wurde die Kirche durch den Zubau der St. Anna-Kapelle und Sakristei erweitert, aber leider nicht in der erhofften Weise verschönt.

 

Unter der Regierung Kaiser Josef II. drohte im Jahr 1788 der Kirche die Gefahr der Demolierung und nur auf inständiges Bitten des Volkes, das sich an den Kaiser selbst wandte (Dekret vom 11. Jänner 1789), wurde das kostbare Heiligtum vor der Vernichtung gerettet.

 

Unter Abt Vinzenz wurde in den Jahren 1868-1870 die Kirche nach außen einer gründlichen Renovierung unterzogen, desgleichen 1884 und 1885 das Innere unter demselben Abt.

 

Dieser Renovierung ist es zu danken, dass die edle Schönheit der Gotik zur vollen Geltung kam. Konservator Joh. Graus schrieb 1885 im „Kirchenschmuck“: „Wir wüssten kein anderes Bauwerk Steiermarks, das den Charakter der entwickelten Gotik so klar und wohltuend zum Ausdruck bringen könnte, wie das jetzige Straßengel.“ Aus den letztgenannten Jahren stammt auch der schöne Marmor-Hochaltar, auf dem sich das wunderbare heilige Kreuz und das Gnadenbild befinden. Maria ist auf diesem Bild als sogenannte Ährenkleid-Madonna abgebildet; einer seltenen alten Darstellung im langen, blauen, mit goldenen Ähren übersäten Kleid. „Es ist zu wissen, dass dies Bild von Unserer Lieben Frau, als sie im Tempel war und die Engel ihr dienten, ehe sie fand Josef . . .“

 

Eine große Verehrung wird in Straßengel der heiligen Mutter Anna dargebracht. Vor allem durch die 1667 von Abt Balthasar errichtete St. Anna-Bruderschaft.

 

Die überlebensgroße Statue, der mit echten Gewändern bekleideten hohen Heiligen, zeigt hier eine seltsame Darstellung. Die heilige Anna trägt nämlich auf dem rechten Arm das Jesuskindlein, auf dem linken das Kindlein Sankt Johannes des Täufers. Hier in der St. Anna-Kapelle ruht in einem Glasschrein der Leib des heiligen Märtyrers Bonifatius, der vordem in den römischen Katakomben begraben war.

 

Zahllos sind jährlich die frommen Pilger, die entweder einzeln oder in Pilgerzügen hierher kommen, große Gnaden erlangend, wie dies die vielen Votivgeschenke bezeugen.

 

Vor wenigen Jahren erhielt das liebe Kirchlein eine neue Orgel; und so vereint sich alles in schöner Harmonie zum Preis des Höchsten und seiner himmlischen Mutter.

 

Bericht aus dem Jahr 1911 im Monatsheft für Marienverehrung „Ave Maria“

 

Das Hochaltarbild Madonna im Ährenkleid in der Wallfahrtskirche zu Maria Straßengel, das aus den Jahren um 1430/1440 stammte, wurde leider 1976 gestohlen, dann durch eine Kopie ersetzt.

 

http://www.cusoon.at/wallfahrtskirche-judendorf-strassengel-at