Maria Schnee beim heiligen Stein

 

Eine Stunde von der oberösterreichischen Grenze entfernt, im südlichen Böhmen, befindet sich der vielbesuchte Wallfahrtsort „Maria Schnee“, auch beim heiligen Stein genannt. Schon aus weiter Entfernung sieht der fromme Pilger den schmucken Kirchturm emporragen und überrascht wird jeder, der zum ersten Mal die hübsch gezierte Kirche betritt.

 

Kein Pfeiler hindert ihn beim Anblick der fünf Altäre, oder ihm wölbt sich ein künstlich nachgeahmtes Gewölbe, das mit schöner Stukkaturarbeit und blaugemalten Feldern verziert ist. Daselbst befinden sich die Ehrennamen, mit denen die Mutter Gottes in der lauretanischen Litanei gepriesen wird.

 

An die Kirche schließt sich ein schöner Kreuzgang an und nördlich an das Presbyterium ist eine Kapelle angebaut. Staunen ergreift jeden, der hier eintritt, denn zwei große Steinblöcke sieht er hier stehen.

 

Auf dem größeren, der einen Umfang von 13,5 m und eine Höhe von 2,10 m hat, ruht die Mutter Gottes, von Engeln umgeben. Auf dem kleineren, dessen Umfang 13 m und die Höhe 1,90 m beträgt, befindet sich eine Statue des heiligen Josef. Dies ist der berühmte „heilige Stein“.

 

Auf diesem Stein soll, so erzählt eine fromme Sage, die Mutter Gottes um das Jahr 1500 im himmlischen Glanz, umgeben von Engeln, wie es jetzt die Statuen darstellen, erschienen sein. Der Stein sei damals ein einziger Block gewesen und hätte sich später von selbst in zwei Hälften geteilt. Wenn die Entfernung zwischen den beiden Steinen, so erzählt sich das Volk, so groß sein wird, dass ein beladener Wagen durchfahren kann, dann sei das Ende der Welt nicht mehr fern. Jetzt beträgt die obere Entfernung 1,60 m, die untere 90 cm.

 

Schon zu jener Zeit, als die dortige Gegend noch dichter Wald war, pilgerten Verehrer Mariens hin zum „heiligen Stein“, über dem sich zuerst nur ein turmartiges Häuschen befand.

 

Anfangs unter dem Schutz der Klarissinnen von Krumau stehend, nahm die Verehrung Mariens beim heiligen Stein immer mehr zu, es musste zum Bau einer größeren Kirche geschritten werden. Durch fromme Wohltäter, unter denen sich auch ein Oberösterreicher namens Georg Freiherr von Harucker befand, der als Bürgerssohn 1662 in Schenkenfelden geboren wurde und der sich als Junge geäußert hatte, „wenn ich einmal ein großer Herr sein werde, will ich am Thierberg bei Schenkenfelden eine Kirche bauen“, wurde dann später die jetzige Kirche erbaut. Einige Schritte westlich von der Kirche steht die sogenannte Brunnkapelle, in der Wasser aus einem künstlichen Felsen quillt.

 

Am Hauptportal der Kirche steht unter anderem auch zu lesen: „Mein liebes Kind, wo gehst du hin, gedenke, dass ich deine Mutter bin!“ Und dessen gedenken alljährlich viele und viele, insbesondere auch aus dem Mühlviertel und pilgern hin zur Gnadenstätte „Maria Schnee“, um Maria zu verehren oder bei ihr Trost und Hilfe zu suchen.

 

Und dass ihr Vertrauen nicht unbelohnt blieb, davon geben in der Kapelle zum „heiligen Stein“ befindlichen schriftlichen Danksagungen ein beredtes Zeugnis.

 

(Aus: „Ave Maria“, Heft 2, 1914, S. 29)