Maria Rast in Stampfanger

 

Wer das liebliche Söllandl im tirolischen Unterinntal besucht, der soll es nicht versäumen, einen Gang nach dem nur eine Viertelstunde vom Pfarrdorf entlegenen Wallfahrtskirchlein Stampfanger zu machen. In weltverlorener, waldschattiger Einsamkeit erhebt sich auf steilem Felsblock mitten im tosenden Wildbach, mit dem Berghang durch eine kühngeschwungene Brücke verbunden, das kleine Gotteshaus mit grauem Schindeldach und rotbrauner Kuppel. Den offenen Umgang zieren buntfarbige Bilder und in einem kleinen Gärtlein vor der Brücke ragen die Kreuze eines Kalvarienberges empor. Dieses Wallfahrtskirchlein wird unter dem Namen St. Mariae ad Quietem in alten Schriftwerken zuerst im Jahr 1662 gedacht. Ausdrücklich geschieht von ihm Erwähnung 1679, da in diesem Jahr der alte Bau renoviert wurde. Im Jahr 1757 wurde ein Teil des Gebäudes abermals umgebaut und mit einem Turm versehen, nachdem schon im Jahr 1707 das Kirchlein im Auftrag des Bischofs Rudolf von Chiemsee durch den Domherrn Sigmund Karl konsekriert worden war. Von da ab hob sich in der ganzen Gegend die Verehrung der Mutter Gottes zu Maria Rast in erheblichem Maße. Am 2. Februar 1862 wurde der Felsen, auf dem das Kirchlein steht, bei einem Gewittersturm durch die Fluten des darunter strömenden Salvenbaches gespalten, so dass die schöne, steinerne Brücke, die zur Kapelle führt, in die Tiefe stürzte. An ihrer Stelle wurde nun eine einfache Holzbrücke erbaut. Im Jahr 1863 ließ gelegentlich einer Redemptoristen-Mission der damalige seeleneifrige Pfarrer Niklaus Ullrich Kapelle und Altar reich verzieren. Auch die nachfolgenden Pfarrherren Georg Schachner, Jakob Müller und Barthlmä Staberl sorgten emsig für die Ausschmückung des beliebten Kirchleins, so dass es gegenwärtig (1911) eine wahre Zierde der Gemeinde bildet.

 

Wenn du nun eingekehrt bist in das kleine Heiligtum und deine Andacht vollendet hast vor dem Anmutigen Gnadenbild, so lenken sich deine Blicke auf zwei große, schöne Votivtafeln an der Wand, die uns von den Kämpfen der Unterinntaler Schützen zur Zeit der großen Befreiungskriege erzählen. Sie wurden vom wackeren Hauptmann der Kufsteiner Scharfschützen-Kompagnie aus Söll, Josef Rainer, hier angebracht zum Dank für die glückliche Heimkehr aus den Kämpfen der Jahre 1797 und 1800. Auf dem einen sieht man eine getreue Darstellung des alten Kufstein, in dessen von Franzosen erfüllten Landschaft die treuen Tiroler Landesverteidiger, zum Angriff gerüstet, am Tierberg niedersteigen, auf der anderen ist der Fahnenschwur in der Pfarrkirche zu Söll und der Auszug der Schützen abgebildet.

 

Schweren Herzens nehmen wir Abschied von diesem altehrwürdigen Heiligtum. Tausende frommgläubige Bewohner aus nah und fern haben vor diesem Gnadenbild in ihren Bedrängnissen neuen Mut, Rat und Hilfe gefunden, wie dies die zahlreichen Erinnerungstafeln am Kirchlein bezeugen und auch ich und meine Familie suchen und finden alljährlich bei dieser Gnadenmutter süße Tröstung und neue Schaffensfreude, wenn wir nach einem mühe- und opfervollen Berufsjahr immer wieder hierher pilgern, um auszuruhen im kühlen Schatten der Maria Rast-Kapelle von Söll.

 

(Direktor Hans Mayr in Wels, „Ave Maria“, Heft 6, 1911, s. 127)

 

https://www.meinbezirk.at/kufstein/freizeit/wallfahrtskapelle-stampfanger-in-soell-d1932981.html