Maria Lankowitz in der Steiermark

 

(aus: „Ave Maria“, Heft 2, 1916, von A. Reif)

 

Es haben ihre Lieder viel Sänger dir geweiht,

Sie singen immer wieder von deiner Herrlichkeit.

(Auguste Pöstion)

 

Unter den vielen steirischen Gnadenstätten nimmt in der westlichen Steiermark der altberühmte Wallfahrtsort Maria Lankowitz im romantischen, burggekrönten Kainachtal eine hervorragende Stelle ein. Aus nah und fern kommen alljährlich zahlreiche Marienverehrer hierher gepilgert, um der Gnadenmutter ihre Liebe zu bezeigen und im frommen Vertrauen Gnaden zu erbitten. Über die Herkunft der hölzernen, der Mariazeller Mutter ähnlichen Madonnenstatue, die aus dem 11. oder 12. Jahrhundert zu stammen scheint, erzählt die Legende das Folgende:

 

Bis zum Jahr 1426 befand sich diese Statue in der Pfarrkirche des nächst der Stadt Radkersburg in Steiermark gelegenen ungarischen Dorfes Wert, wo es hoch verehrt wurde. Beim Einfall der Türken im selben Jahr wurde die reichgeschmückte Marienstatue nebst anderen Schätzen von ihnen geraubt und nachdem sie ihr alles Kostbare wegnahmen, warfen sie das nur mit einem Kleidchen – das noch in der Schatzkammer von Lankowitz gezeigt wird – angetane Madonnenbild in ein Dorngestrüpp, woselbst es durch sieben Jahre verborgen lag. Eines Tages (1433) traf ein in jener Gegend weidender Hirte einen Teil seiner Herde vor jenem Gebüsch auf den Knien. Es gelang ihm nicht, die Tiere davon wegzubringen, und so untersuchte er den Dornbusch, in dem er zu seiner größten Freude die Marienstatue entdeckte.

 

Seine Anstrengungen, sie hervorzubringen, waren jedoch vergeblich, und auch der von ihm herbeigerufene Pfarrer, der das „Liebfrauenbild“ gleich wieder an seinen früheren Ort in der Kirche zurücktragen wollte, vermochte nicht, es wegzubringen. Es gelang ihm nur, es aus dem Gebüsch zu heben. Er lud es daher auf einen Karren, der mit zweien der knienden Ochsen bespannt wurde. Doch sie wollten nicht zum Dorf fahren und, als auch Anwendung von Gewalt nichts half, ließ man den Tieren freien Lauf, die zum größten Leid der Dorfbewohner, die ihr „Liebfrauenbild“ gerne wieder zurückbekommen hätten, sich immer weiter entfernten und nach Steiermark hineinfuhren. Drei Tage lang fuhren sie unaufhaltsam ohne Futter und ohne Anleitung längs der Mur und der Kainach entlang bis zum Dorf Lankowitz unterhalb der Stubalpe, wo sie bei der Dorflinde, an der ein Bild des Heilands angebracht war, Halt machten und nicht mehr weiterwollten. Man hielt dies für ein besonderes Zeichen und brachte die Marienstatue an dieser Linde an, woselbst sie mehrere Jahre verblieb. Bald verbreitete sich der Ruf von der wunderbaren Mutter Gottes und der Andrang des frommen Volkes wurde zusehends größer, so dass Kaiser Sigismund eine Kapelle errichten ließ.

 

Im Jahr 1446 erbaute der Schlossherr von Lankowitz, Georg Ritter von Gradner, mit Bewilligung Kaiser Friedrichs IV. eine Kirche samt Kloster, die 1468 eingeweiht wurde, und die Franziskaner bezogen das Kloster. – Kaiser Friedrich III. (auch der IV. genannt) nahm bei seinen häufigen Jagden in dieser Gegend im Kloster Wohnung. Noch hängt vor seiner einstigen Zelle sein Bild und eine Aufschrift trägt die Worte: „Sacristissimi et invictissimi Romanorum Imperatoris Friderici IV. cubiculum.“

 

In der Zeit der Reformation kamen auch über das Heiligtum von Lankowitz traurige Tage. 1566 wurden die Franziskaner von den protestantischen Ständen vertrieben, die Kirche geplündert und entweiht. Mit der Gnadenstatue trieb man seinen Spott und die Gemahlin Amalia Christophs von Kainach soll an ihm schwer gesündigt haben. Sie lästerte es, riss es vom Altar, zerbrach es an mehreren Stellen und zerstach das Antlitz mit Nadeln. Doch diesem Frevel folgte eine schreckliche Strafe. Die Unglückliche wurde gleich darauf von einer grausamen Krankheit befallen, der sie unter vielen Qualen erlag.

 

Endlich 1588, unter der Regierung Herzog Karls II., der sich der katholischen Religion annahm, wurde auch die Gnadenkirche aus ihrer Verwahrlosung errettet. Die Franziskaner konnten wieder zurückkehren und nahmen sich gleich mit Eifer der Wiederinstandsetzung von Kirche und Kloster an, und so nahmen auch die Wallfahrten rasch wieder zu. Auch der fromme Kaiser Ferdinand II. kam öfter nach Lankowitz.

 

Da in der Folge der Andrang zur Gnadenstätte immer größer wurde, die Kirche ihm aber nicht entsprach, ging man 1681 daran, sie umzubauen, wozu Johann Seyfried Fürst von Eggenberg das Meiste beitrug und auch den prächtigen Hochaltar errichten ließ, woselbst das Gnadenbild schon 1684 feierlichst übertragen werden konnte. Verschiedene Wunder trugen das Ihre zur Verbreitung des Rufes, den der Gnadenort erlangte, bei und Papst Klemens XII. verlieh auf immerwährende Zeiten allen Pilgern, die hierher kommen, einen vollkommenen Ablass. Im Jahr 1786 erhob Josef II. Lankowitz zur Pfarre. – Mehrfache herbe Schicksalsschläge brachten es dahin, dass der Gnadenort später allmählich in Vergessenheit geriet, bis er im vorigen Jahrhundert (19. Jhd.) durch den unermüdlichen Eifer des Franziskaner-Provinzials P. Antonius Ortner (+ 1828) wieder neu erblühte.

 

Die ganze Gegend von Voitsberg, Köflach und Lankowitz birgt ein mächtiges Kohlenlager, in dem die schönsten Steinkohlen vorkommen.

 

Das Lankowitzer Kohlenlager, das seit 1772 in Betrieb ist, brachte den Gnadenort bereits in höchste Gefahr. Darüber berichten uns mehrere Artikel des „Grazer Volksblatt“ vom Jahr 1868, nach denen der im Jahr vorher ausgebrochene unterirdische Steinkohlenbrand immer größere Dimensionen annahm und auch in einen Stollen geriet, der „in nächster Nähe von der Wallfahrtskirche zur hl. Maria von der Gnaden in Lankowitz vorbeigeht“. Dadurch waren Kirche und Kloster aufs höchste gefährdet. Es dauerte aber ein Jahr, bis nach mehrmaligen kommissionellen Untersuchungen und langweiligen Unterhandlungen endlich energisch an die Eindämmung und Erstickung des Feuers geschritten wurde.

 

So war denn die Gefahr für den Gnadenort „auf dem brennenden Vulkan“ glücklich beseitigt und neue Scharen zogen nach dem freundlichen, blütengeschmückten Markt mit seinem trauten Heiligtum.