Maria Kirchental

 

Ein österreichisches Seitenstück zur „Weinenden Madonna von Syrakus“

 

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An der bekannten, südöstlich durch den Pinzgau führenden Wanderstrecke Lofer – Saalfelden – Zell am See – Großglockner liegt, drei Kilometer vom erstgenannten Ort entfernt, das alte Pfarrdörfchen St. Martin (635 m ü. M.). Hier mündet von Westen her ein Fahrsträßchen ein, das sich zum Wallfahrtsort Maria Kirchental (880 m ü. M.) emporschlängelt. Viele Fußgänger aus dem Westen ziehen freilich der Straße den Feldweg vor, der von Lofer nach Bad Hochmoos leitet und von da ab als „Tiroler Steig“ an der bewaldeten westlichen Berglehne hinaufklimmt. Es mögen insgesamt wohl 30 000 bis 40 000 fromme Pilger sein, die alljährlich dem beliebten Marienheiligtum zustreben. Sie kommen zumeist aus dem Salzburger Land, aus Tirol, Oberösterreich und Oberbayern. So ist es zum Beispiel Sitte geworden, dass jedjährlich neben zahlreichen Einzelwallfahrern aus Bad Reichenhall und seiner Umgebung eine Autobuskolonne mit mehreren hundert Teilnehmern aus den dortigen beiden Stadtpfarreien eintrifft.

 

Auf der Höhe angelangt, schreiten wir zwischen ein paar Gebäuden und Verkaufsständen hinunter in eine schmale, kurze Einbuchtung der Loferer Steinberge. Wald-, matten- und feldbekleidete Steilhänge umranden auf drei Seiten das Hochtälchen. Über dem Westabschluss starrt eine Partie schroffer, kahler Gipfel, Zacken und Grate der Steinberge gen Himmel, während rückwärts aus dem ferneren Südosten das Kammerlinghorn (gegen 2500 m) herübergrüßt. Zu Füßen der westlichen Halde aufragend, schimmert uns die Wallfahrtskirche Maria Kirchental in festlich-hellem Gewand entgegen. Mit ihrer einfachen, vornehmen, von zwei gedrungenen Türmen flankierten Fassade fügt sie sich glücklich in den ernsten, gewaltigen Bergrahmen ein. Wegen ihrer äußeren und inneren Schönheit und wegen ihres für die Landesverhältnisse ungewöhnlichen Fassungsvermögens - 2000 –is 2500 Personen – legt man ihr mancherseits auch den Nebentitel „Pinzgauer Dom“ bei.

 

Die lateinische Inschrift über dem schlichten Kirchenportal und ein Wappen künden, dass Johannes ernst Graf von Thum, Fürsterzbischof von Salzburg, als Bauherr dieses Gotteshauses fungierte. Wie kam der Kirchenfürst zur Aufführung eines solch imponierenden Werkes in einem weitverlorenen Erdenwinkel? Die Frage führt von selbst zu kurzer Schilderung der Entstehungsgeschichte dieser Wallfahrt.

 

Um 1670 herum errichtete ein biederer Bürger von St. Martin unweit der jetzigen Wallfahrtskirche eine kleine Holzkapelle. Nach seiner löblichen Absicht sollte sie eine Stätte der Andacht und Besinnlichkeit sein, und zwar in erster Linie für die „Kircher“. So bezeichnete man die Umwohner der Pfarrkirche St. Martin, die in dem besagten Hochtälchen Holz- und Weiderechte besaßen. Danach hieß das hochgelegene Tal „Kirchental“. Etwa 20 Jahre später ersetzten die 21 Interessenten der „Gesamtnachbarschaft“ von St. Martin das baufällige Kapellchen durch eine aufgemauerte Kapelle. Dahin übertrugen sie mit kirchlicher Genehmigung am 26. Juni 1688, dem Fest der Wetterheiligen Johannes und Paulus, ein vielverehrtes gotisches Marienbild, das seit 200 Jahren einen Seitenaltar der Pfarrkirche geziert hatte, im Zug des ausgehenden 17. Jahrhunderts aber mit der übrigen gotischen Ausstattung des Gotteshauses dem Barockstil hatte weichen müssen. Es handelt sich hier um ein 80 cm hohes Schnitzwerk. Auf einem Thron sitzend trägt Maria das Gotteskind auf ihrem Schoß und umfängt es mit ihrer Rechten. Das Kind hält in der einen Hand ein Vögelchen, ein Sinnbild der Seele, mit der anderen deutet es darauf hin, als wolle es diese Seele dem Schutz der Mutter empfehlen.

 

Die Andachtsstätte im Kirchertal erfreute sich wachsenden Zuspruchs. Bald verbreitete sich das Gerücht, Mariens Gesichtszüge auf dem Madonnenbild zeigten bisweilen Trauer, Tränen kämen aus ihren Augen und flössen über ihre Wangen. Der Erbauer der ursprünglichen Holzkapelle wollte diese Beobachtung zuerst gemacht haben. Das gleiche versicherten mehrere St. Martiner und Loferer, die an „Mariä Geburt“ und „Mariä Namen“ ins Hochtal aufgestiegen waren. Die Kunde davon zog natürlich noch mehr Menschen hinauf ins Kirchertal als bisher. Die kirchliche Oberbehörde in Salzburg wurde von all dem in Kenntnis gesetzt. Eine Kommission traf von dort zur Untersuchung des Tatbestandes ein, prüfte genau den Leumund der zu verhörenden Personen, weiterhin die Wahrnehmungen, die sie gemacht haben wollten usf. Die Kommission ließ sich von der festen Absicht leiten, Selbsttäuschung oder Suggestion auszuschließen oder solche herauszufinden. Die betreffenden Zeugen wurden eidlich vernommen. Dann erging am 22. Dezember 1690 seitens des erzbischöflichen Konsistoriums in Salzburg ein ausführlicher Bericht über die ganzen Vorgänge nach Rom zugleich mit der Anfrage, was in diesem Fall zu tun sei. Die Antwort aus Rom vom 20. Januar 1691 lautete, dem Inhalt nach, folgendermaßen:

 

Wegen so vieler eidlicher Zeugnisse dürfe man die Sache nicht einfach zurückweisen. Es wird daran erinnert, wie streng Rom bei der Untersuchung solcher Fälle vorzugehen pflege, und dass, wenn auch jeder Betrug ausgeschlossen sei, doch solche wunderbare Begebenheiten nicht positiv als wunderbar approbiert würden, sondern es jedem anheim gegeben bleibe, ob er es glauben wolle oder nicht; es wird auf die Norm hingewiesen, die Rom anlässlich ähnlicher Vorgänge in Padua (1617) aufgestellt habe. Dann heißt es wörtlich weiter: „... man soll die Sache so, wie sie ist, in aufrichtiger klarer Erzählung auseinandersetzen, so dass es jedem freisteht, auf welche Seite er sich neigen soll. So geschieht es, dass guten Menschen der Anlass zur Andacht unbenommen bleibt und böse Menschen keinen finden können, ihre Bosheit zur Geltung zu bringen.“

 

Und bei diesem klugen Bescheid ist es geblieben. Von jetzt an durften heilige Messen in der Kapelle gefeiert werden. Am 31. Oktober 1691 zelebrierte Fürsterzbischof Graf von Thum selbst vor dem Gnadenbild. Gelegentlich dieses Besuches beschloss er, an Ort und Stelle ein Priesterhaus zu errichten. Es sollte den Wallfahrtspriestern als Wohnung dienen. Außerdem war es als Herberge ausersehen für die vielen Wallfahrer, die sich in steigendem Maß aus dem Salzburger Land, aus Tirol, Bayern, der Steiermark und sogar aus Ungarn einfanden. Gleichzeitig beauftragte der Fürsterzbischof den berühmten Hofarchitekten und Barockkünstler Fischer von Erlach mit dem Bau einer großen Wallfahrtskirche. Sie sollte eine möglichst würdige Wohnung Gottes und ein hehres Heim des Gnadenbildes werden. Damit war auch die Umwandlung der Bezeichnung „Kirchertal“ in „Kirchental“ eingeleitet.

 

Das heute noch bestehende ansehnliche Priesterhaus wurde 1693 fertig. Die Konsekration der Kirche erfolgte am Fest Mariä Geburt 1701. Danach übertrug man das Gnadenbild in feierlicher Prozession aus der Kapelle in das neue Gotteshaus und setzte es auf dem Hochaltar ein. Die Krönung des Gnadenbildes Mariens und ihres Kindes fand am 23. Juli 1707 durch den Fürsterzbischof selbst statt, der trotz fortgeschrittener Erblindung zu diesem Zweck zum letzten Mal nach Maria Kirchental gekommen war. Er hat auch den Großteil des Geldaufwandes von Kirche und Priesterhaus aus eigenen Mitteln bestritten. Der Rest der Baukosten wurde durch anderweitige Spenden, durch Pilgeralmosen und dergleichen aufgebracht. Die Kosten wären noch bedeutend höher gekommen, wenn nicht sehr viele Wallfahrer ganze Lasten von dem bei St. Martin aufgestapelten Baumaterial (Sand, Ziegel usw.) in dort bereitliegenden Säcken opferwillig den abschüssigen Hang hinaufgeschleppt hätten.

 

Die nach Westen orientierte Kirche ist ein länglicher Zentralbau. Der quadratische, mit einem kuppelartigen, bemalten Kreuzgewölbe überdeckte Mittelraum streckt nach allen vier Himmelsrichtungen Arme aus. Wandpfeiler mit zierlichen Kapitellen aus Stuck gliedern die Wände. Den Obergeschossräumen sind sechs schöne Balkone vorgelegt. Geheimnisvolle Dämmerung hüllt das Ganze ein, da in der Hauptsache nur die kleinen Fenster des Obergeschosses den Lichteintritt ermöglichen.

 

Die übrige Innenausstattung datiert aus verschiedenen Zeiten. Daraus erklärt sich auch die Mischung des Barocks mit dem Rokokostil. Der jetzige Hochaltar stammt aus dem Jahr 1857; das Gnadenbild thront über dem Tabernakel in einem Säulentor zwischen Engeln, Palmen und Blumen.

 

Unter den Heiligenstatuen sei die der heiligen Elisabeth von Thüringen wegen ihres Zusammenhanges mit einer geschichtlichen Tragödie eigens hervorgehoben: Die Hofdame der am 10. September 1898 in Genf ermordeten Kaiserin Elisabeth von Österreich, Gräfin Szatray, die Begleiterin der Fürstin auf ihrem Todesgang, ließ die Statue hierherbringen; deshalb lehnt an den Knien der heiligen Elisabeth das Bild der unglücklichen Kaiserin. Wie nicht anders zu erwarten, sind in dem Gotteshaus Hunderte von Votivtafeln und -gegenständen angebracht, die in ihrer stillen Sprache der Fürbitte der Gottesmutter Hilfe und Gebetserhörungen in allen mögliche Nöten und Anliegen zuschreiben und von der innigen Liebe und dem unerschütterlichen Vertrauen des katholischen Volkes auf Macht und Güte der allerseligsten Jungfrau erzählen.

 

Die Kirche und Wallfahrtsstätte Maria Kirchental ist seit 1938 der Obsorge der Herz-Jesu-Missionare aus dem Missionshaus Liefering bei Salzburg anvertraut. Sie werden in ihrem eifrigen Wirken von Herz-Jesu-Missionsschwestern unterstützt, die die Wallfahrer und sonstigen Besucher auch in leiblicher Beziehung betreuen. In ihrem Gasthaus „Kirchentalwirt“ und ihm zugehörigen Gebäulichkeiten stehen etwa 80 Fremdenbetten zur Verfügung. In den sauberen Räumen des Kirchentalwirts fühlt man sich bei freundlicher Bedienung, preiswerter Unterkunft und Verpflegung bald „wie daheim“. Dazu die österreichische Gemütlichkeit im besten Sinn des Wortes, die herrliche Gottesnatur, die prickelnde Höhenluft, die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit vom Lärm und Getriebe der Welt und nicht zuletzt die nächste Nähe der Wallfahrtskirche mit der Gelegenheit, täglich um 6 und 9 Uhr einer heiligen Messe anwohnen zu können – ein köstliches Plätzchen zu echter leiblicher und seelischer Erfrischung und Erholung! Kein Wunder, dass man dort in den letzten Jahren während der Monate Juni bis September neben der Flut der täglichen Pilger stets durchschnittlich 30 bis 50 Pensionsgäste, auch aus Bayern und dem weiteren deutschen Bundesgebiet, zählen konnte.

Dr. Heinrich Sambeth

Katholischer Volks- und Hauskalender 1956

Schwabenverlag AG Stuttgart