Maria-Hilf zu Pottendorf in Österreich

 

Ein kaiserlicher Hauptmann, namens Rauch, der zu Pottendorf den sogenannten „Roten Hof“ besaß, hinterließ seiner Familie, als er nach Ungarn zog gegen die Türken, ein Marienbild, das ihm von frühester Kindheit an lieb und teuer gewesen war. Er kehrte glücklich wieder vom Kampfplatz zurück, aber wie erstaunte er, als er versichert wurde, dass auch fremde Leute Maria in diesem Bild verehrten. Bei solchem Umstand war der gottesfürchtige Kriegsmann auf das heftigste beschäftigt, nicht mehr feindliche Plätze mit Gewalt zu erzwingen, sondern einen bequemen Platz aufzusuchen und zu erhalten, auf dem Maria, als die mächtige Helferin der Christen, von jedermann möchte verehrt und angerufen werden. Er bemühte sich nicht mehr, feindliche Mauern und Festungswerke einzureißen, sondern einen Tempel aufzubauen, in dem die Bedrängten, zur Zeit des feindlichen Anfalls, bei Maria die sicherste Brustwehr finden könnten. Im Jahre Christi 1638 hat er sein Vorhaben ins Werk gesetzt, die Kapelle erbaut, das gnadenreiche Bild dahin übertragen, und auf alle Mittwoche des Jahres eine heilige Messe gestiftet.

 

Und dieser Tempel ist zu verschiedenen Malen den geliebten Pottendorfern zur sichersten Vormauer wider die mächtigsten Feinde geworden. Maria hat allhier angefangen, für ihre Pflegekinder zu arbeiten, als der Feind selbe zur schwersten Dienstbarkeit an Ketten und Fesseln hinweg zu schleppen gedachte. Die türkische Macht hatte ringsum sehr viele Plätze mit entsetzlicher Wut überschwemmt. Ihr gezücktes Mordschwert war bis über das Gefäß im Christenblut gefärbt. Das Gerassel der Ketten erschütterte Mark und Gebein, und das Zettergeschrei der Gefangenen drang bis an die Wolken. Es mussten diejenigen erzittern, die zwar ihre Freiheit noch genossen, doch aber wegen beständiger Gefahr, selbe augenblicklich zu verlieren, aus Furcht mehr dahinstarben, als lebten.

 

Dazumal lag zwar Pottendorf in ungemeiner Gefahr, aber die nachfolgende war noch weit seltsamer. Die meineidigen Coruzzen verheerten alles, was ihnen in ihre gottesräuberischen Hände fiel. Man sah auf allen Seiten das helle Feuer auflodern, und die feindlichen Flammen haben die finstere Nacht fast mehr, als die Sonne den Tag erleuchtet. Es wagte sich dieses aufrührerische Volk selbst bis an die geheiligte Kapelle. Das Schwert war schon gezückt, der feindliche Arm ausgestreckt, und die Insassen des Marktes hatten nur des Steiches zu gewarten, um das Schlachtopfer unmenschlicher Wut zu werden. Pulver, Lunten und Feuer standen schon in Bereitschaft, auch diesen Ort samt dem Markt und seinen Einwohnern in eigener Asche zu begraben. Allein Maria, die mächtigste Hilfe, hat in so äußerster Not wider beide Feinde gestritten und für ihre Kinder unermüdlich gearbeitet. Weder der Übermut des türkischen Heeres, noch die Grausamkeit der zusammengerotteten Rebellen haben derjenigen widerstreben können, die gleich einem wohlgeordneten Heerlager fürchterlich und erschrecklich ist. Es hat Maria ihren allhier erwählten Wohnsitz samt allen Einwohnern weit nachdrücklicher geschützt, als einst die heldenmütige Judith das bedrängte Bethulien vor den Streichen des Holofernes. Durch den Schutz Mariens ist weder die Gnaden-Kapelle, noch der herrliche Markt Pottendorf von der feindlichen Gewalt im mindesten verletzt worden. 

 

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