Maria Grün bei Graz

 

(Von A. Matura, Ave Maria, Heft 8, 1912, S. 172)

 

Maria Grün! – Die Hoffnung keimt im Grünen!

Gebenedeit seist du, Jungfrau Marie,

Die uns im holden Bilde hier erschienen –

Gewiss du liebst und du verlässt uns nie.

Lasst uns im kleinen Paradies hier lauschen

Den Trostgesängen voll Erhabenheit!

In zarten Rätseln spricht der Bäume Rauschen

In heimlich seliger Waldeinsamkeit.

 

(J. M. Roquerol)

 

In romantischer Waldeseinsamkeit, entrückt dem Lärm der Stadt, liegt in nächster Nähe von Graz die idyllische Gnadenstätte Maria Grün. Eingebettet in ein kleines bewaldetes Tal, ist es ein Friedensort voll poetischen Reizes, durch dessen Zauber angeregt, mehrere Dichter aus älterer und neuerer Zeit das Waldkirchlein und seine schöne Umgebung in Gedichten verherrlichten, so Anastasius Grün (Graf Alexander Auersperg), Castelli, Saphir, Gräfin Salburg und mehrere andere.

 

In alter Zeit, als in Steiermark noch die Eremiten ihr still-beschauliches Leben führten, hauste in der von dichtestem Wald umgebenen „Klause am Kroisbach“ ihr Oberhaupt. Hier hielten die frommen Brüder auch zuweilen ihre Versammlungen ab, wenn sie einen neuen Oberen wählten. Zur Zeit der eigentlichen Gründung Maria Grüns gehört dieser Wald samt dem übrigen Grund dem Hans Fritz, Besitzer des Gasthofes „zum Hasen“ in Graz. Er hatte im Dienst des Malteser-Ordens gegen die Türken gekämpft und wurde später auf einer Reise durch Graz plötzlich von schwerer Krankheit befallen. Die Tochter der Wirtsleute des „Hasengasthofes“, wo er abgestiegen war, pflegte ihn sorgsam und als er genas, heiratete er sie. So übernahm er nach dem Tod der Schwiegereltern die Gastwirtschaft.

 

Da zu dem genannten Waldbruder „am Kroisbach“ auch gerne Mitglieder anderer Orden kamen, erbaute Fritz 1663 für diese Besucher dortselbst ein Eremitorium und nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten wurde auf seine Anregung die Erlaubnis erwirkt, daselbst auch die heilige Messe feiern zu dürfen, was aber nur den Kapuzinern gestattet war. Über neuerliches Ansuchen von Fritz gestattete 1664 der damalige Fürstbischof von Seckau an hohen Feiertagen auch anderen Priestern, das heilige Opfer darzubringen. Da die nunmehrige Gnadenstätte Maria Grün rasch beliebt war und viele Geschenke zugewendet erhielt, fasste Fritz den Plan, ein Kirchlein zu erbauen, was ihm nach verschiedenen Einwendungen bewilligt wurde. Doch sollte der Bau „etwas auf Eremiten-Art“ ausgeführt werden. Am 1. Juni 1668 machte man sich daran und am 10. Juli 1669 las der Kapuziner P. Ireneus im Kirchlein „bey vnsser Lieben Frauen in der Grien“ die erste heilige Messe. Vom Jahr 1670 an war es allen Ordens- und Weltpriestern gestattet, darin die heilige Messe lesen zu dürfen. Die hier angeführten Aufzeichnungen entsprechen den geschichtlichen Tatsachen. Es schlingt sich aber noch eine romantische Legende um die Gründung Maria Grüns.

 

Nach 15jähriger Ehe starb die Frau des Hans Fritz, die ihm zwei Söhne hinterließ, von denen einer später bei der päpstlichen Leibgarde in Rom diente. Fritz vermählte sich zum zweiten Mal mit Rosine Seidl. Bei der Geburt ihres ersten Kindes schwebte sie durch drei Tage zwischen Leben und Tod. Da gelobte Fritz, der Mutter Gottes zu Ehren eine Kirche erbauen zu wollen, wenn seine geliebte Gattin samt dem zu erwartenden Kind am Leben bliebe. Und zwar sollte die Kirche dort erstehen, wo das Kind den ersten Stein werde fallen lassen, wenn es fähig sein werde, einen solchen aufheben und werfen zu können. – Es kam glücklich ein Junge zu Welt und die Eltern erneuerten das Gelübde. Als die Familie einmal im Wald der Gegend des jetzigen Maria Grün spazieren ging, hob der kleine Junge am Bach ein Steinlein auf, trug es noch einige Zeit weiter und ließ es dann plötzlich fallen. Die frommen Eltern sahen es als ein Zeichen des Himmels an und ließen an derselben Stelle, wo der Stein zu Boden fiel, ein Kirchlein erbauen. Das Gemälde der Rosine Fritz ist noch gegenwärtig im Maria Grüner-Kirchlein zu sehen und beide Gatten liegen in der Franziskaner-Kirche in Graz begraben.

 

Der größte Wohltäter nach Hans Fritz war Stanislaus Steingruber, Pfarrer in Frauenberg (Obersteier), dem Maria Grün 1758 die Errichtung eines eigenen Benefiziums zu verdanken hatte. Seit 1824 zur Stations-Kaplanei für die nächste Umgebung erhoben, erstanden dem Kirchlein noch viele Wohltäter, von denen als die bedeutendsten Alois Freiherr von Königsbrunn und Gemahlin zu nennen sind.

 

Die große Beliebtheit, die sich Maria Grün bei den Stadt- und Landleuten erworben hatte, der fromme Eifer, mit dem die Gläubigen in großer Anzahl herbeiströmten, machten die Verlängerung des Kirchenschiffes nötig, die im Jahr 1853 ausgeführt wurde. 1811 errichtete man in der alten Einsiedelei, die seit der josefinischen Zeit aufgelassen war, eine Schule. Da die Schule in der Folge den Anforderungen nicht mehr entsprach, wurde 1877 daneben ein neues Schulgebäude aufgeführt.

 

Unter den vielen Freunden von Maria Grün sei einer geistvollen und berühmten Persönlichkeit gedacht, bei deren Erinnerung sich über den schönen romantischen Ort ein Hauch tiefer Schwermut breitet. Es ist dies Ludwig Bonaparte, der Bruder Kaiser Napoleons III. Er hatte als König von Holland 1810 auf die holländische Königskrone freiwillig verzichtet, zog nach Graz und lebte einige Jahre daselbst unter dem Namen eines Grafen von Saint-Leu, sich mit literarischen und poetischen Arbeiten beschäftigend, und die Wissenschaften befördernd.

 

Da er seine Besitzung nicht sehr weit von Maria Grün hatte, kam er sehr häufig dahin, denn die friedliche Gnadenstätte hatte es dem verbannten König mächtig angetan. Er pflanzte hier eigenhändig Efeu und mehrere Bäume, die noch heute stehen und ließ sich eine Laube herstellen, in der er viele Stunden verweilte. An ihr war oben eine Tafel angebracht mit einer französischen Inschrift, die zu Deutsch lautet: „In dieser lachenden Gegend, wo man all meine Leiden nicht kennt, hat oft mein herumirrender Geist die süßeste Ruhe geträumt.“ Am 1. Jänner 1814 musste der unglückliche König Graz für immer verlassen und damit seinen geliebten Landaufenthalt. Er schrieb ein Abschiedsgedicht, das auch hier in der deutschen Übersetzung einen Platz finden möge.

 

Lebt wohl, ihr blühenden Gefilde,

Die oft mir meine Qual gestillt,

Mit Ruheträumen mir so milde

Die wundenvolle Brust erfüllt!

 

Es lässt Natur uns Schätze schauen,

Die oft wohl mancher kaum erkennt;

Ihr schönen, dufterfüllten Auen,

Bald bin ich nun von euch getrennt!

 

Die Stürme hör ich in den Lüften,

Des Kampfes Stimme droht mit Qual,

Fort muss ich nun, ihr üpp`gen Triften,

Lebt wohl, lebt wohl zum letzten Mal!

 

Ein anderes Asyl erstreben

Und suchen soll mein irrer Stern!

Jetzt, wo die Ruhe meinem Leben

Gelächelt, bleibt der Hafen fern.

 

Doch nichts ist hier von fester Dauer

In dieser wechselvollen Welt –

Und auf den Frohsinn folget Trauer,

Der Mensch und auch sein Glück zerfällt.

 

Ihr Bäume, meiner Pfleg` entnommen,

Mögt Kühle spendend ihr besteh`n,

Wenn andere Verbannte kommen,

In eurem Schatten sich ergeh`n.

 

Vereinzelt, ohne Hoffnungsschimmer,

Verfolg ich blindlings meine Bahn;

Jedoch verzagen will ich nimmer,

Der Vorsehung gehör ich an.

 

Durchschiffend wunderbare Räume

Schwebt stets die Erd` - und ihr Geschick –

Und führt die Menschen wie durch Träume

In ihren Schoß zuletzt zurück.

 

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