Maria Elend in Straßgang bei Graz

 

(aus: „Ave Maria“, Heft 1, Januar 1916)

 

Die romantische Umgebung der schönen Landeshautstadt Graz weist mehrere altberühmte und vielbesuchte Marien-Gnadenorte auf, von denen unser großes, weit und breit bekanntes Maria Trost, das idyllische Waldkirchlein Maria Grün, das reizende, mittelalterliche Straßengel und die schöne Gnadenkirche von Fernitz bereits bekannt sind.

 

Eine andere altbekannte Gnadenstätte, von Graz aus in einer Wegstunde erreichbar, haben wir in der Haupt- und Dekanatspfarrkirche in Straßgang, die sich auf dem südlichen Ausläufer, der sich im Westen der Stadt hinziehenden Hügelkette erhebt und das weite Grazerfeld beherrscht. Ein herrlicher Rundblick über Graz und Umgebung erschließt sich dem Beschauer von der traulichen Höhe, an deren Fuß sich das Dorf ausbreitet.

 

Die Kirche „zur heiligen Maria im Elend“ ist ihres hohen Alters wegen interessant und vom frommen Volk viel verehrt, das in mannigfaltigen Schicksalsschlägen gerne seine Zuflucht bei Maria Elend sucht. Sie wurde bereits 1140 erbaut, doch Urkunden melden, dass schon im Jahr 1074 hier eine dem heiligen Georg geweihten Kirche bestand. In den Jahren 1130 bis 1140 erbaute ein Pfarrer von Feldkirchen in Straßgang eine neue Kirche zu Ehren Mariä Himmelfahrt und Erzbischof Konrad I. von Salzburg übertrug 1140 die Pfarre mit allen Rechten einer Mutter- und Hauptkirche von Feldkirchen nach „Straßgauch“. Im Jahr 1460 (1461) wurde die schon fast baufällig gewordene Kirche durch die Brüder Reichsritter Hans und Georg von Gradner erneut und vergrößert, und zwar „zur schuldigen Danksagung der von ihnen wider die Türken erhaltenen Vittori“. Leider wurde im Laufe der Zeit durch mehrfache Erneuerungen und Zubauten der gotische Stil der Kirche beeinträchtigt.

 

Interessant ist das alte Altarbild in Holzrelief, das die Himmelskönigin mit dem Jesuskind am Arm darstellt, während Engel den ausgebreiteten Mantel halten, unter dem Betende und Bittende aus allen Ständen ihre Zuflucht suchen. Dieses Gnadenbild scheint ebenfalls von den beiden Brüdern Ritter von Gradner gespendet worden zu sein, da sich vordem in der alten Marienkirche am Hochaltar ein Gemälde von Weißkircher – Mariä Himmelfahrt –, das noch gegenwärtig in der Kirche zu sehen ist, befand. Interessant ist ferner eine Familie Christi von Holz aus dem 15. Jahrhundert, dann das an der Evangelienseite des Hauptaltares angebrachte Denkmal des Erbauers Georg Ritter von Gradner, der (1476) mit seiner Familie unter dem Gnadenaltar begraben liegt. Durch die Bemühungen des jetzigen Dechants und Hauptpfarrers Hochwürden Markus Perl wurde das Innere der Kirche schön restauriert, wozu die Pfarrangehörigen und Bewohner der Umgebung und von Graz beisteuerten. Auch Se. Majestät der Kaiser, als Patron der Kirche, spendete einen Betrag.

 

Unter den zahlreichen Wallfahrern, die seit altersher voll Vertrauen hierher pilgerten, befanden sich auch Kaiser Karl V., Kaiserin Christine, Erzherzog Karl II. von Innerösterreich und dessen so fromme Gemahlin Maria, Herzogin von Bayern, die alle häufig nach Straßgang kamen.

 

Seit 1401 hat man die ununterbrochene Reihe der Pfarrer und Vorsteher dieser Kirche, von denen jene von 1685 bis 1786 zugleich Erzpriester waren. Einer von ihnen war Franz Philipp Graf von Inzaghi (1758 – 1759), der hierauf Bischof von Görz wurde.

 

Von größtem Interesse sind einige Römersteine an der Außenseite der Kirchmauer, und zwar zwei Reliefs mit je drei und vier Köpfen und eines mit Jupiterkopf und zwei Löwen, ferner einen romanischen Denkstein mit der Inschrift: NAMMONIA . MATER . I . V . F . SIBI . ET . C . SEMPRONIO . SECUNDINO . MAR . D . SOL . ET . C . SEMPRO . SECUNDINO . FIL . LIBR . COS . AN . XVIII ., „nach welchem es sehr wahrscheinlich ist, dass diese Decurius Solvensis in Straßgang einen Landsitz hatte, wie es den Anschein hat an der Stelle des jetzigen Pfarrhofes, wenn er nicht gar der nordwestliche Trakt desselben war“.

 

Verklungene Zeiten tauchen vor unseren geistigen Blicken auf. Wir sehen die mächtige Römerstadt emportauchen, das alte Flavium Solvense, und wir sehen es dann in Schutt und Trümmer sinken. – Die Pflugschar zog ihre Narben über den historischen Boden. –

 

Da brauste der Schlachtruf durchs weite Reich, und während unsere Helden in monatelangem Ringen das Vaterland verteidigten, rüstete sich unser „Freund“ und Bundesgenosse zum Verrat. – Und auf dem weiten Leibnitzerfeld, dort wo im Altertum die Flavia Solva gestanden hatte, tauchte eine neue Stadt auf: das Flüchtlingslager unserer österreichischen Italiener, der stammverwandten Nachkommen der alten Romanen . . .

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_Maria_im_Elend_zu_Stra%C3%9Fgang