Die Wallfahrtskirche U. L. F. zu Dettelbach in Unterfranken

 

Außerhalb des Städtchens Dettelbach in Unterfranken, auf einer die ganze Umgegend beherrschenden Anhöhe, steht ein Kloster der Franziskaner, mit der vielbesuchten und weitberühmten Wallfahrtskirche „Maria-Dettelbach“. In frühesten Zeiten befand sich in Mitte von Weinbergen an derselben Stelle, wo sich jetzt das schöne Gotteshaus erhebt, auf einer einfachen Säule das Bildnis der heiligen Jungfrau und Mutter Gottes Maria, auf ihrem Schoß ihren vom Kreuz abgenommenen göttlichen Sohn haltend. Hier pflegten die Winzer, ehe sie an ihre Arbeit gingen, sich der seligsten Jungfrau zu empfehlen, und wohl keiner von den Wanderern, die da der Weg vorüberführte, unterließ es, Maria mit einem kurzen Gebet zu begrüßen, während andere, besonders aus dem Städtchen, in stillen Stunden eigens hierher kamen, um vor dem Bild der schmerzhaften Mutter ihre Andacht zu verrichten. Ein Ereignis vom Jahr 1504 machte, dass sich der heilige Ruf dieses Bildes weit hin verbreitete, und dass sich allmählich der einfache Bildstock in eine schöne, geräumige Kirche verwandelte.

 

Nikolaus Lemmer, ein armer Taglöhner aus einem benachbarten Dorf, wurde bei einer anlässlich der Kirchweihe entstandenen Rauferei durch Schläge und Wunden derart zugerichtet, dass er ein ganzes Jahr schwer krank zu Bette lag. Er konnte kein Wort reden, war zeitweise besinnungslos, nicht einmal bis zum Mund konnte er die Hand führen, und niemand glaubte mehr an sein Aufkommen. Die Lage des Kranken wurde noch trauriger durch die äußerste Armut, in der er schmachtete, da Nachbarn und Bekannte wegen seines früheren leichtsinnigen Lebens wenig geneigt waren, ihn zu unterstützen. Die Reue, die er nun über seinen früheren ungeordneten Wandel fühlte, und die Gebete, die er in seiner Zerknirschung zum Himmel und besonders zur seligsten Jungfrau Maria sendete, zogen ihm die Hilfe dieser Mutter der Barmherzigkeit zu. Ein Traum gab ihm Hoffnung und veranlasste ihn zu dem Gelübde, mit einer brennenden Wachskerze zu dem Bildstock der schmerzhaften Mutter bei Dettelbach zu wallfahrten, wenn er seine Gesundheit wiedererlangte. Erwacht aus dem Schlaf, rief er vertrauensvoll die seligste Gnadenmutter an und machte das Gelübde. Die Chirurgen waren die ersten, die die Wirkung des Gelübdes sehen sollten, denn zu ihrem Staunen gewahrten sie, dass die Wunden, die sich bisher durch all ihre Mittel nicht schließen und in Eiterung übergehen wollten, allmählich ohne Anwendung irgend eines Heilmittels schlossen und sich die anderen von den Wunden herrührenden Übel verloren. Bald fühlte sich Nikolaus hergestellt, verschaffte sich eine Wachskerze und löste sein Gelübde. Als er vor der Säule Gott und Maria Dank gesagt hatte, wusste er nicht, was er mit der brennenden Wachskerze tun sollte. Sie vor dem Bild liegen zu lassen, schien ihm ungeeignet, sie mit nach Hause zu nehmen, nicht weniger. In Gedanken hierüber und müde von dem Gang setzte er sich auf den nächsten Rasen und schlief ein. Da hatte er einen zweiten Traum, durch den er ermahnt wurde, sich in die Stadt auf das Rathaus zu begeben und vor den eben versammelten Ratsherren alles zu erzählen, was sich mit ihm begeben hatte. Er tat es sogleich. Einige der Ratsherren meinten, solche Träumereien nicht beachten zu müssen, andere hingegen erinnerten an die von den Voreltern überlieferte Sage, dass man früher zu Zeiten Glockengeläute in jener Gegend, wo die Säule steht, gehört habe, was nach dem Glauben der Ahnen dahin zu deuten sei, dass dort einst eine Kirche erbaut würde. So ging man ohne einen Entschluss zu fassen auseinander, und Nikolaus, der seine Kerze im Rathaus zurückließ, begab sich nach Hause und erzählte bei jeder Gelegenheit, was ihm begegnet war, und auch, was er über das Glockengeläute vernommen hatte, das man in früheren Zeiten gehört haben wollte. Das Volk griff die Sache auf, um die sich der Rat nicht weiter zu kümmern schien. Der andächtige Besuch des Bildes wurde immer häufiger und allgemeiner, man steuerte zusammen und ließ vor der Hand eine hölzerne Kapelle erbauen, die das Bild und die dargebrachten Votiv- und Weihegeschenke schützen sollte. Schon im Jahr 1519 kam mit Genehmigung des Fürstbischofes von Würzburg, Laurentius von Bibra, an die Stelle der hölzernen eine gemauerte Kapelle mit drei Altären, an der ein eigener Wallfahrtspriester angestellt wurde. Bibras Nachfolger, Konrad IV. (von Thüngen), ließ sie erweitern.

 

Im Jahr 1597 wäre das schöne Kirchlein durch eine Wachskerze, die auf dem Altar neben dem Vesperbild angezündet war, beinahe in Feuer aufgegangen. Die Vorhänge und Zierraten nebst anderen Bildern waren bereits ein Raub der Flammen geworden, das Gnadenbild blieb jedoch unversehrt.  Auch später nachdem schon die jetzige große Kirche nebst einem geräumigen Kloster für Mönche des Franziskaner-Ordens erbaut war, wachte der Himmel auf besondere Weise über das Gnadenbild, das nun auf einem Thron von getriebenem Silber auf einem Altar – an der Stelle, wo früher der Bildstock stand – sich befindet. Der berühmte Wallfahrtsort wurde im dreißigjährigen Krieg von den Schweden furchtbar mitgenommen. Die Mönche mussten flüchten, so dass im Jahr 1631 die blühende Wallfahrt so viel wie vernichtet, das Klostergebäude fast ganz unbewohnbar gemacht worden war. Der bedeutende Kirchenschatz geriet in die Hände des Feindes, - doch blieb das größte Gut der Kirche – das wundertätige Gnadenbild – unangetastet und unversehrt. So wie es der Abzug des Feindes möglich machte, säumten einzelne Ordenspriester nicht, zurückzukehren, um die Gottesdienste an der Wallfahrtskirche, so gut sie konnten, zu versehen. Vom Jahr 1641 an aber erhoben sich Kloster und Kirche wieder aus ihrem Verfall.

 

Unzählige Votivtafeln bekleiden die Wände der majestätischen, mit herrlichen Gemälden gezierten Kirche, zu der noch immer zahlreiche Wallfahrer – einzeln und in großen Zügen – pilgern. Die stärkste Prozession erscheint um das Fest des heiligen Jakobus aus dem fuldaischen Land. Sie besteht meistens aus drei- bis viertausend frommen Gläubigen.

 

Wunder, die dort stattfanden:

 

Von den zahllosen Wundern, die schon in früher Zeit bei Unserer Lieben Frau zu Dettelbach stattfanden, erzählt der gottselige Abt Johannes Trithemius in einem eigenen Buch. Er beteuert feierlich, dass er nur das, was er mit eigenen Augen gesehen oder von glaubwürdigen Zeugen vernommen hat, niedergeschrieben habe. Im Jahr 1510 machte er selbst eine Wallfahrt nach Dettelbach in Folge eines Gelübdes, das er wegen eines schweren Kopf- und Halsübels gemacht und von dem ihn die Fürbitte der Lieben Frau befreit hatte.

 

Von diesen Wundern sollen nun mehrere zum Lob und Preis der erhabenen Gottesmutter und zur Aneiferung unseres Vertrauens und unserer Andacht zu ihrer mächtigen Fürbitte, erwähnt werden.

 

Im Dorf Bibergau lebte ein Bauer, namens Richard Schiller, der ein Knäblein von fünf Jahren hatte. Im Jahr 1506 am 23. Juli ging der Junge mit einer Sichel aufs Feld hinaus, um, wie er es von andern gesehen hatte, zu grasen. Hinter den Zäunen aber war ein Wolf verborgen, der den Jungen allein erblickend, plötzlich packte und sich mit seiner Beute entfernte. Sogleich hinterbrachte man es dem Vater, der aus seiner Wohnung stürzend den Wolf mit dem Jungen in der Ferne laufen sah, aber nicht mehr helfen konnte. Von Angst ergriffen, verzweifelnd an menschlicher Hilfe, fiel er zu Boden, und rief mit Tränen zur göttlichen Mutter Maria: „O heilige Maria, Mutter des Herrn, gib mir den Jungen unverletzt zurück und ich will zu deinem heiligen Bild nach Dettelbach ziehen, dort beten, danken und opfern.“ Und, o Wunder, kaum hatte er dies gelobt, als der Wolf den Jungen aus seinem Rachen fallen ließ und davon lief. Schnell eilte der angstvolle Vater hinzu und fand den Jungen unverletzt. Seine Freude war unbeschreiblich und sein Dank gegen die Liebe Frau, als er sein Gelübde erfüllte, unbegrenzt.

 

Im Jahr 1507 fiel im Dorf Wayern ein Junge von sechs Jahren in einen sehr tiefen Brunnen, ohne dass jemand davon wusste. Als die Eltern längere Zeit um ihn in und außer dem Haus suchten, und ihn nicht fanden, da ergriff sie große Angst und zur Lieben Frau inbrünstig flehend gelobten sie eine Wallfahrt nach Dettelbach mit einer Kerze, ein Pfund schwer, wenn sie den Jungen gesund wieder fänden.

 

Nun suchten sie auch das ganze Dorf ab und endlich fanden sie den Jungen im Brunnen liegend wie einen Schlafenden. Als sie ihn mit größter Eile herauszogen, fanden sie ihn frisch und gesund, auch nicht ein Tropfen Wasser war in ihn gedrungen. Dessen waren viele Zeugen, die das Wunder weithin verbreiteten.

 

Im Jahr 1509 ging ein Mann, mit Namen Johannes Koch, vom Dorf Greuß ins Wirtshaus. Da entstand unter den Gästen Streit, und genannter Koch erhielt von einem, der schon länger einen Groll auf ihn hatte, einen solchen Stich in den Unterleib, dass das Messer den ganzen Leib durchbohrte. Der Täter floh. Koch stürzte zusammen, und nach Hause getragen, erwartete er den Tod. In seiner Todesangst gedachte er noch Unserer Lieben Frau von Dettelbach, flehte herzinniglich zu ihr um Hilfe, und versprach zu ihrem heiligen Bild zu wallfahrten und drei Pfund Wachs zu opfern. Schon war er dem Tod nahe, als er plötzlich nach getanem Gelübde Besserung fühlte und bald Heilung fand.

 

Im Jahr 1507 fiel der fünfjährige Junge des Leonard Spor von Leymach in ein Messer, das er in der Hand hielt und stach es sich tief in den Unterleib. Als dies die Mutter sah, schrie sie aus Leibeskräften. Die Nachbarschaft lief zusammen, und als sie den unglücklichen Jungen daliegen sah, riefen alle zur gebenedeiten Gottesmutter und gelobten eine Wallfahrt nach Dettelbach. Die Mutter ganz bestürzt und wie außer sich, merkte nicht auf das, was die Nachbarn sagten, sondern neigte sich zu ihrem Jungen nieder, zog heftig das Messer aus seinem Leib und fiel dann ohnmächtig zu Boden. Aber kaum war das Messer herausgezogen, als der Junge sich erhob, und, als sei ihm gar nichts geschehen, ganz gesund umherlief. Und was besonders wunderbar war, obwohl die offene Wunde sehr tief war, floss doch kein Tropfen Blut heraus. Der Junge zeigte auch die offene Wunde, die ihm nicht den mindesten Schmerz machte. Voll des Dankes gingen die Eltern hierauf mit dem Jungen nach Dettelbach und lobten Gott und seine heilige Mutter.

 

Ich kenne, schreibt der fromme Abt Trithemius, einen gottesfürchtigen Priester, dessen Namen ich aber verschweige, der an den heftigsten Steinschmerzen leidend krank darniederlag, ein Gegenstand des Mitleids aller, die ihn sahen. Da alle Mittel gegen das Übel vergeblich waren, nahm er seine Zuflucht zur Gottesmutter und unbefleckten Jungfrau Maria und flehte, wie er mir selbst gestand, also zu ihr: „O heiligste Gottesmutter und immer unbefleckte Jungfrau, Mutter der Barmherzigkeit, Quelle der Güte, die du niemals jemanden, der in seiner Trübsal getreulich dich anrief, verlassen hast, erbarme dich meiner, und bitte für mich deinen Sohn, dass er mich befreie von der unerträglichen Krankheit, an der ich leide. Ich will dich in eigener Person in Dettelbach besuchen, und deine Güte, so viel ich kann, immer preisen.“ Nachdem er so unter Tränen gebetet hatte, schlief er, durch die Schmerzen ermattet, ein wenig ein, und als er erwachte, fand er sich vom Stein und Schmerz befreit. Alsbald brachte er auch der Gottesmutter in Dettelbach ganz in der Stille seinen Dank dar.

 

Im Jahr 1510 lebte im Dorf Regerndorf ein Mann, Lilian mit Namen, der ein dreijähriges Töchterchen hatte. An einem Freitag in Mittenfasten verließ es das Haus ihres Vaters und leichtfertig herumlaufend, fiel es in einen Weiher, der mitten im Dorf lag und den Pferden zur Tränke diente, und ertrank. Nach einer Stunde vermissten die Eltern ihre Tochter, suchten sie und fanden sie endlich im Wasser liegend bereits ertrunken. Der Vater angsterfüllt stürzt ins Wasser und zieht sie heraus, fand aber kein Zeichen des Lebens mehr an ihr. Mehrere Stunden lag das Kind da voll Wasser. Menschliche Hilfe vergeblich anwendend, nehmen die Eltern ihre Zuflucht zu Gott und machen das Gelübde, dass sie nach Dettelbach wallfahrten und dort der Mutter Gottes ein Messkleid von Seide opfern wollten samt allem, was dazu gehört. Kaum hatte sie das Gelübde gemacht, als das Mädchen zum Leben wiederkehrt. Sobald das Messkleid fertig war, kamen die glücklichen Eltern nach Dettelbach und brachten ihren Dank und ihr Opfer dar.

 

(Aus: „Marianischer Festkalender für das katholische Volk“, Regensburg 1866)

 

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