Maria Bründl in Kammegg bei Gars in Niederösterreich

 

(Von Kooperator A. Gutmandlberger, „Ave Maria“, Heft 4, 1913, S. 77)

 

Oft findet man Marien-Heiligtümer hoch thronend auf einem Berg, weithin sichtbar in die Lande, da gleichen sie den Zedern des Libanon, diesem Vorbild Mariens, der Unverwüstlichkeit und Dauerhaftigkeit; „es ist unerhört, dass sie jemanden verlassen hätte“, sagt ja St. Bernhard. Unsere Gnadenstätte, die ich nun kurz beschreiben will, gleicht dem verborgenen Veilchen am Bach, auch das ist schön. Das Kamptal hat so viele Burgen, wie kaum ein anderes in ganz Niederösterreich. Im Pfarrgebiet Gars allein liegen Buchberg, Klösterle, Schimmelsprung, Burg Gars, Kammegg und Stallegg, zu den Zeiten der Babenberger schon war es lebendig an den Ufern des Kamp. Es darf uns daher nicht wundern, dass sich Maria da ein Heiligtum ausersah, neben den weltlichen Felsenburgen ein Gnadenquell Gottes durch Mariens Fürbitte. Die älteste Geschichte führt zurück in die Zeiten des 30jährigen Krieges. Ein klares Bründl entsprang plötzlich aus dem Felsen, bald wurde es das heilige Bründl genannt, auch Wallfahrer fanden sich bald ein, der Zulauf wurde immer größer vom Opfergeld erbaute Graf Ferdinand Kurz aus Horn eine Kapelle. Es mag das um 1650 gewesen sein. Die Gräuel des Krieges – das nahe Rosenburg mit seiner imposanten Burg hatte viel Schaden durch Kriegskosten, Verwüstung und Plünderung – dann Ende des 17. Jahrhunderts die Pest, lehrte die Leute die Hände falten, der Schutz Mariens zu Kammegg wurde fleißig angerufen. Die Geschichte meldet, dass 1699 die Kapelle vergrößert wurde, „da jährlich und wöchentlich wegen der allda durch Fürbitte Unserer Lieben Frau empfangenen Gnaden von den nächsten und auch weit entlegenen Orten, auch von Wien und Ungarn ein großer Zulauf war“. 1717 spendierte ein Wiener Handelsmann, Matthias Hengsbürger einen Altar hierher. Er ist größtenteils aus Marmor und kostete damals ungefähr 1000 Gulden. Folgende Inschrift ließ oben erwähnter Wiener Bürger anbringen: „Zu Ehren der Himmelskönigin Jungfrauen und Muttergottes Maria hat Herr M. H., Handelsmann in Wien, diesen Altar 1717 machen lassen zur schuldigen Danksahgung, weil im Gott durch ihre Vorbitt mit seiner ganzen Familie und Haus-Inwohnern vor der laidigen Sucht der Pest, welche ziemlich Anno 1713 in Wien grasirt, glücklich ohne ainigen Anstoß erhalten hat.“ Wenn also aus Wien und sogar aus Ungarn Prozessionen hierher kamen und wertvolle Geschenke, wie ein marmorner, wunderschöner Hochaltar hierher geopfert wurden, mag das Bründl zu Kammegg als Wallfahrtsort ganz bedeutend gewesen sein.

 

Merkwürdig ist, dass nicht ein besonderes Gnadenbild hier den Anlass gab, sondern das Entspringen eines klaren Wässerleins aus dem Felsen. Die Himmelskönigin ist Gnadenmutter hier. Der Altar, der nun schon fast 200 Jahre (1913) steht, ist herrlich schön, er ist vor allem Marmor, rot und weißlich, links und rechts Säulen, mit schwebenden Engeln, mitten thront Maria, in einem großen Stuhl behäbig sitzend, auf dem Schoß liegt das Jesulein etwas nachlässig droben. Eine Krone ziert Mariens und ihres göttlichen Sohnes Haupt. Ein Zepter führt die Himmelskönigin. Lieb ist der Eindruck gerade nicht, den man gewinnt, es soll in unserem Bild mehr Mariens Macht und Einfluss dargestellt werden. So oft ich es ansehe, muss ich an die Standbilder Maria Theresias denken, die man öfter sieht, wie sie als Herrscherin im Lehnstuhl sitzt voll Würde und Machtbewusstsein, eben als Herrscherin. Wenn man vor unserem Bild kniet und betet, ist es, wie wenn man herunter lispeln hören würde: „Nur kein Zagen und keine Furcht, mir ist alles möglich durchzusetzen, sei deine Bitte noch so groß, ich bin Himmelskönigin, ich erreiche alles.“ Und so ein Zwischenreden bei seinem Gebet tut einem ja so not und ist vertrauenerweckend. Gebet ohne Vertrauen auf Erhörung soll es bei einem Christen nicht geben, noch weniger bei einem Marienverehrer.

 

Lebhaft erinnert mich unser Bründl an die Kirche San Augustino in Rom, wo die heilige Monika begraben liegt, dieses schönste Vorbild einer betenden Mutter, die ausharrt und immer betet und endlich ihren Sohn Augustin zum Heiligen macht. Es ist in dieser Kirche rückwärts beim Eingang ein Gnadenbild Mariens, viel umlagert von frommen Betern, es ist das fast der besuchteste Marien-Gnadenort in Rom. 1908 war ich abends einmal drinnen. Ein steinernes Marienbild auf Marmorthron gerade wie in unserem Bründl. In Rom macht es den Eindruck, als ob Maria die ganze Händekraft zusammennehmen müsse, um den göttlichen Knaben zurückzuhalten, der alle Anstrengung macht, ihr vom Schoß zu klettern, mit den frommen Batern, die herumknien, zu spielen, sich von ihnen herzen zu lassen wie einst von St. Anton von Padua. Und dieser Gedanke „er möchte zu dir herunter“ tut dem Beter so wohl. Ich erinnere mich lebhaft an dieses Gnadenbild. Ein Lichtermeer von Kerzenflammen und Lampenleuchter umgibt wie ein Sternenkranz das Haupt Mariens. Schön ist in Rom der milde Blick des Auges der Mutter Gottes, wie ein Lächeln voll Anmut, wie bezauberndes Winken geht es dem Andächtigen nahe. Und so was wirkt, da betet man gut und kann nicht aufhören, bis das Herz erleichtert ist. Auch bei uns im Bründl findet man beim längeren Verweilen einen blitzartigen milden Zug heraus, der sagt: „ich liebe dich, als Himmelskönigin sind mir alle als Kinder zugewiesen, also heraus, was du drinnen hast.“ Und das Jesulein, das, um mich etwas unheilig auszudrücken, so recht gemütlich am Schoß Mariens ruht! Man weiß nicht recht, war es eben herunten und rastet sich wieder aus, oder soll seine Lage ausdrücken: „Meiner Allmacht ist alles ein Spiel, also, was willst du?“ Oder es kann auch der Gedanke darin liegen: „Du, der Himmel ist schön, da ist es ein ewiges Ausruhen, ohne Träne, ohne Sorge, ohne Schmerz und Leid, willst du ihn haben, kämpfe und siege, dazu Gnade, die kommt vom Gebet wie mein gelehrter Thomas von Aquin euch ja vordoziert hat.“

 

Der Altaraufsatz gleicht einem schönen Vorhang, macht einen gewinnenden Eindruck. Viele Votivbilder schmücken die geräumige Kapelle. Auch eine Kanzel und ein Sängerchor mit einem jetzt wohl schon etwas defekten Musikinstrument befindet sich in der Kapelle, an der eine kleine Sakristei, die wohl die ursprüngliche kleinere Kapelle darstellt, da ja drinnen das Bründl sprudelt, angebaut ist. Zweimal im Jahr ist jetzt immer Hochamt mit Predigt, am Mariä Himmelfahrtstag, dem „großen Frauentag“ und zu Mariä Geburt. Die Prozessionen haben jetzt aufgehört, nur einige auswärtige Gemeinden kommen noch alljährlich. Der nur zwei Stunden entfernte große niederösterreichische Wallfahrtsort Maria Dreieichen, das Zentral-Marien-Heiligtum des sogenannten „Waldviertel“ verdrängte unser Bründl in Kammegg. Es ist mit den Gnadenorten manchmal auch so, wie Gott zur Zeit der Not Helden dem Volk erweckt, zum Beispiel die Richter beim Volk Israel. Unser Bründl war so ein Zufluchtsort zur Zeit der Kriegsbedrängnisse, eine Kraftquelle für schwere Zeiten. Unser Bründl war der Vorläufer von Dreieichen. „Er muss wachsen, ich muss abnehmen“, sagt Johannes der Täufer über sein Verhältnis zum göttlichen Heiland, das gilt auch von diesen zwei Wallfahrtsorten.

 

Ein Gebet, das speziell in Bründl bei Kammegg in Brauch war, verdient wegen seines kräftigen Inhaltes hierher gesetzt zu werden, es lautet:

 

„O du barmherzig und gebenedeite Jungfrau und Mutter Gottes Maria, du bist jener Brunen, durch welchen uns Gott die himmlischen Gnaden zufließen lasset. Ich armselige Kreatur, falle demütig nieder auf meine Knie und opfere mit dir auf alle heiligen Messen, Andachten und Gebete, so allhier jemals sind verrichtet worden und hoffe auch, du werdest in Anschauung deren mein unwürdiges Gebet nicht verschmähen noch ungetröstet von dir gehen lassen. Gedenke doch, o Maria, wie viel Tausend bei diesem Gnadenreichen Bründel in ihren Anliegen, Nöten und Krankheiten überflüssigen Trost geschöpfet haben, so wirst du mir allein deine Barmherzigkeit nicht versagen, denn es ist von Ewigkeit nicht erhöret worden, daß einer, welcher bei dir Zuflucht gesucht, von dir sei verlassen worden. So fliehe ich denn auch in solcher Hoffnung zu dir, o Maria, und bitte demütig um Barmherzigkeit. Du Trösterin aller Betrübten, vor dir stehe ich armer Sünder und mit betrübtem Herzen seufze ich zu dir, du wollest doch nicht, o Mutter, meine Worte nicht verschmähen, sondern mich gnädiglich erhören. Du weißt, o Maria, wie tief ich in Sünden und Lastern stecke, du weißt, in welchem armen und elenden Zustand ich mich befinde, hingegen weißt du auch, welch großes Vertrauen ich zu dir trage, so daß ich könne unmöglich verloren werden, so lange ich dich verehre, meine daher, Gott werde mich um deinetwegen nicht verstoßen. Darum, o gütige Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen zu mir und erlange mir Gnad und Barmherzigkeit bei deinem Sohn. Ach, verlasse mich doch nicht in meinen Nöten und Anliegen, sonderlich in meinem Tod. O Maria, ich bitte dich durch die Liebe deines Sohnes, du wollest dich meiner annehmen, gleich wie sich eine Mutter ihres Kindes annimmt. Erlange mir wahre Reue über meine Sünden und führe mich durch einen seligen Tod zu dem ewigen Leben durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen.“

 

In den wärmeren Monaten wird öfters eine heilige Messe gelesen im Bründl zu Ehren Unserer Lieben Frau. Die Kapelle hat nämlich keine eigene Tür, nur ein festes, eisernes Gitter, so dass der Anblick auf den Hochaltar immer offen ist, es ist das auch eine Merkwürdigkeit unseres kleinen Gnadenortes, man sieht auch täglich Leute, die ihr Beruf auf der verkehrsreichen Straße vorbeiführt, stehen bleiben beim Eisengitter, etliche Seufzer hineinrufen, Maria kurz begrüßen und dann ihren Weg wieder fortsetzen. Das ist ja ein großer Vorzug Mariens: immer und jedem zur Verfügung zu stehen, ist sie ja nach einem bekannten Ausspruch das öffentliche Krankenhaus für die Sünder und Betrübten.

 

Als weltliches Kuriosum mag angeführt werden, dass der berüchtigte Mörder Hugo Schenk in dieser Kapelle als russischer Graf verkündigt wurde, eine reiche Papierfabrikantentochter aus dem nahen Rosenburg hatte er eingefangen. Vormittag ein- für dreimal verkünden, nachmittags Trauung, so hatte er es sich zurechtgelegt, der schlaue Fuchs, zum Glück kam ein Hindernis, die Braut Lammer mag oft für die Rettung aus dieses Mörders Hand der Bründl-Mutter gedankt haben.

 

Die beigegebene Ansicht zeigt die Lage der Bründlkapelle und die ist einzig schön. Durch eine Fahrstraße nur ist der Kampfluss getrennt von dem kleinen Heiligtum. Wassergeplätscher und Gemurmel bildet ewigen Gesang vor Mariens Gnadenort. Der Kamp ist ein Gesundheitswasser. Tausende Wiener kommen über Sommer hierher, um sich zu restaurieren durch die erquickenden Kampbäder, Marienliebe ist die beste Kurluft und bestes Bitterwasser für der Seele Anliegen. Gleich an das Dach sich anschmiegend, türmen sich rückwärts hohe Felsen auf, zerklüftet und zersprungen, eine wilde Natur. Baumschmuck umschattet das Heiligtum. Wie ein liebliches Schwalbennest liegt die Kapelle an der Felsenmauer angelehnt, der zierliche Bau hebt sich merkwürdig ab von der steinernen Ostwand. Wie Prosa und Poesie schaut es sich an, dieser Gegensatz, wie eine grüne Oase die schöne Kapellenform an der Steinwüste rückwärts. Ewiges Nadelgrün der Bäume umgibt diesen Friedensort. Da der Kamp hier ein Eck macht, daher der Name Kammegg auch, hat man gerade von dieser Kapelle nach Nord und Süd eine erweiterte Aussicht, das Panorama rundet sich. All diese kurzen Naturreflexionen finden in Maria eine übernatürliche Anwendung, bei ihr immer grün, ewige Hoffnung, ihre Stelle beim Kreuzesfuß zu Golgotha gibt jedem Kreuzträger Aufklärung und Zukunftsaussicht, und was das Gemüt in jedem Menschen ist, ist ja Marienliebe für die Religion, etwas Zierliches, Mildes, Freundliches. Schadch mag diese Skizze beschließen, der singt:

 

Heili hoaßt, was drob`n dahoam is,

In dem stolzen Himmelsblau,

Nur Maria, d` Muattergottes

Dö hoaßt: Unsere Liebe Frau.

 

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