Maria Bründl bei Hauzenberg

 

(Von P. Hugolinus Dach Ord. S. Aug., in „Ave Maria“, 1911, Heft 9 (September), S. 199)

 

„Was schimmert dort auf dem Berge so schön,

Wenn die Sternlein hoch am Himmel aufgeh`n?“

 

Diese Worte des lieblichen Liedes kamen auch mir auf die Lippen, als ich im Februar von Passau-Innstadt aus mit des „Schnauferles rasender Eile“ über die große Donaubrücke durch das wildromantische Erlautal nach Hauzenberg fuhr und mittelst Schlitten auf der luftigen Höhe des Marktes ankam. Die Antwort auf diese Frage gab mir der weitere Text des Liedes:

 

„Es ist die Kapelle, still und klein;

Sie ladet den Pilger zum Beten ein!“

 

Und diese Kapelle, Unserer Lieben Frau vom guten Rat geweiht und im Volksmund „Maria Bründl“ genannt, war das Ziel meiner Reise. Der Weg dorthin führte mich durch das Tal zwischen dem Markt Hauzenberg und Fürsetzing, an einem Marterl vorbei, dann die Anhöhe hinauf. Es war ein wirklicher – Bußgang. Der Sturm heulte, der Wind sauste dahin mit einer Wucht, dass selbst „Zeppelin I“ nicht standgehalten hätte. Ich rang nach Atem.

 

„Nur mutig voran!“ dachte ich, da – plumps! saß ich im tiefen Schnee, wobei ich eine gewaltige Zwerchfellerschütterung erlitt. Ja, ja, „mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell.“ Doch diesmal war es noch gut gegangen; ich hatte weder eine Rippe, noch Arm oder Bein gebrochen.

 

„Die Liebe überwindet alles!“ Und so überwand auch die Liebe zur Mutter des guten Rates, deren Gnadenstätte ich hier besuchen wollte, all das Unangenehme, das tiefer Schnee und scharfer Wind mit sich bringen.

 

Endlich bin ich am Ziel. Ein einsam-stilles Plätzchen, wo heiliger Gottesfriede weht! Ein Raunen und Flüstern geht durchs Gesträuch, und andächtig neigen die Tannen und Birken ihre schneebedeckten Häupter in der Runde – Maria zum Gruß.

 

Ein einfacher Holzbau birgt den Gnadenthron. Ich trete ein. Sogleich fällt mein Blick auf das Bild U. L. Frau vom guten Rat, das über dem Altar prangt. Ich grüße die liebe Gottesmutter mit des Engels Gruß: „Ave Maria!“

 

Das Gnadenbild hält meinen Blick gefangen. Eine Anmut über alle Beschreibung lagert über dem Antlitz der jungfräulichen Mutter. Überirdische Schönheit und unaussprechliche Lieblichkeit sind über diese edlen Züge ausgegossen. In den zarten Linien pulsiert ein so reiches, gottinniges Leben, dass darin deutlich der Widerschein der Gnadenfülle erkennbar ist, die die Mutter des Erlösers über alle Geschöpfe erhebt. Aus ihrem Antlitz leuchtet eine unbeschreibliche Milde und Güte. Ja, dieses Gnadenbild hat einen so eigenartig mild-süßen Ausdruck, wie ich ihn auf noch keinem Bild U. L. Frau vom guten Rat bemerkte. Unwillkürlich drängen sich dem Beschauer die Worte auf die Lippen:

 

„O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!“

 

Und wie kindlich-innig schmiegt sich das liebe Jesuskind ans Mutterhaupt! Es ist nicht möglich, die Empfindungen bei Betrachtung des Bildes der Mutter und des Kindes wiederzugeben, man muss selbst dagewesen sein und das Gnadenbild gesehen haben.

 

Mündlichen Überlieferungen nach kam eines Tages – es war heiße Sommerszeit – gänzlich abgemattet eine ziemlich gutgekleidete Frau aus Böhmen mit einem blinden Kind auf dem Arm in Hauzenberg an. Nachdem sie sich in einem Wirtshaus etwas erholt und gestärkt hatte, fragte sie nach dem Ort Fürsetzing, erzählend, dass sich einem Traum gemäß dort an einem Baum ein Muttergottesbild und neben dem Baum eine Quelle befinde mit wundertätiger Heilkraft für lichtlose Augen.

 

Fürsetzing, ein Weiler, etwa 10 Minuten von Hauzenberg entfernt, kannte jeder, von einem Marienbild aber und einer Quelle mit wundertätiger Heilkraft wusste niemand.

 

Ein 90jähriger Mann hörte auch von der quellesuchenden Frau. Er erinnerte sich an eine Quelle die nächst Fürsetzing im Gebüsch sprudelte und mit deren Wasser er sich oft in seiner Jugend beim Holzsammeln seine brennenden Augen gewaschen hatte. Ob selbe noch existiere, war ihm nicht bekannt.

 

Die von ihrem Traum beeinflusste Frau machte sich in Begleitung des alten Mannes sogleich auf die Suche nach der hilfebringenden Quelle.

 

Ganz versteckt hinter Dickicht und Gestrüpp hörten die Suchenden endlich ein murmelndes Gewässer. Es war die gesuchte Quelle, dafür zeugte das Muttergottesbild am nächststehenden Baum.

 

Die sorgende Mutter blieb den ganzen Tag über an der Quelle und wusch unter Gebet oftmals die Augen des blinden Kindes. Diese Waschungen wurden fortgesetzt. Auf einmal rief das Kind: „Mutter, ich sehe!“ Die Mutter war überglücklich und trat nun – nach acht Tagen – mit ihrem wiedersehenden Kind voll Freude den Heimweg an, gelobend, in der Nähe der Quelle eine Kapelle erbauen zu lassen zum Andenken an die wunderbare Heilung, zur Aufbewahrung des an dem Baum hängenden Bildes, sowie als Zufluchtsort für alle Hilfesuchenden. – Die Frau hielt Wort. Nach kurzer Zeit kam eine Geldsendung mit der Weisung, nach beigegebenem Plan eine Kapelle zu erbauen. Dies geschah denn auch.

 

Die Nachricht von der wunderbar erlangten Sehkraft des blinden Kindes und die neuerrichtete, wenn auch ärmlich ausgestattete Kapelle zogen nach und nach immer mehr Hilfesuchende herbei und Hunderte fanden dort Heilung, Trost und Hilfe. Die Heilkraft des Wassers in Mitwirkung der allerseligsten Gottesmutter Maria vom guten Rat beweisen die vielen Votivtafeln, die an den Wänden der Gnadenkapelle angebracht sind.

 

Die Kapelle stand auf einem Steinkegel, an der Stelle der jetzigen, wurde aber, um Steine zu gewinnen, in den Siebzigerjahren weiter heruntergesetzt.

 

Um diese Zeit lebte in Passau ein Maurerpolier, Meisinger mit Namen, der schon 18 Jahre an Fieber litt. Kein Arzt konnte ihm helfen, Da riet ihm eines Tages eine Frau, nach „Maria Bründl“ bei Hauzenberg zu gehen. Der Mann tat es, hielt eine neuntätige Andacht, indem er täglich von Hauzenberg zum Bründl hinüberging, wurde vollständig geheilt und hat zum Dank hierfür die Kapelle selbst ausgemalt.

 

Maria Knödelseder, eine fromme Bauerstochter, und ihr Nachbar, der noch lebende Matthias Bauer, ein ernster, nüchterner Mann, Besitzer des Grundstückes, worauf die Kapelle stand, hatten miteinander vereinbart, eine schönere, größere Kapelle auf dem alten Platz zu erbauen. Leider unterblieb aber die Ausführung dieses Planes, zumal Maria Knödelseder bald darauf in die Ewigkeit abberufen wurde.

 

In einer Nacht nun hatte besagter Matthias Bauer einen Traum. Das Zimmer war licht und hell, die Erscheinung vermochte er nicht zu unterscheiden. Deutlich hörte er die Worte: „Du weißt, was wir miteinander ausgemacht haben, dass nämlich die Kapelle wieder auf den alten Platz komme.“ Darauf Bauer: „Ich kann jetzt nicht und weiß auch nicht, wie ich es anfangen soll.“ Dann weckte er die Bäuerin und sagte: „Es hat jemand mit mir geredet.“

 

Nach einiger Zeit wiederholte sich der Traum. Abermals hörte Matthias Bauer eine Stimme und vernahm ganz deutlich die Worte: „Lang genug hast du mir es schon versprochen, jetzt muss es aber sein!“ Bauer entgegnete: „Es wird schon noch geschehen, auf einmal braucht es nicht zu sein.“

 

Bauer hatte bald darauf zum dritten Mal den genannten Traum, wobei er die Antwort gab: „Ich allein kann es auch nicht leisten, ich habe viele Kinder.“ Da nahm ihn die Erscheinung bei der Hand und sprach: „Du wirst schon Hilfe bekommen.“

 

Einige Wochen nach dem dritten Traum kam besagter Matthias Bauer zu der ebenfalls noch lebenden Frau Minna Wiesmüller, Lehrerswitwe in Hauzenberg, und sagte zu ihr: „Du hast Zeit, dich der Sache anzunehmen.“ – „Das werden wir bald haben“, meinte darauf Frau Wiesmüller und ließ sofort vom Zimmermeister Pfoser in Tyrnau den Plan machen. Da kein Geld für den Neubau der Kapelle vorhanden war, ging sie auf den Holzbettel. Überall, wo sie anklopfte, gab man ihr gerne. Allmählich kam auch das nötige Geld zusammen.

 

Seit neun Jahren schaut nun ein zierliches Kirchlein, umgeben von Ziersträuchern jeglicher Art, aus Waldesgrün auf das herrliche Panorama von Hauzenberg, hinübergrüßend zum majestätisch emporragenden Staffelberg, und „ladet den Pilger zum Beten ein“.

 

Am 30. September 1900 wurde die neue Kapelle eingeweiht. Eine ungeheure Volksmenge von nah und fern hatte sich zu dieser schönen Feier eingefunden. In feierlicher Prozession wurde das Gnadenbild Maria vom guten Rat vor der alten in die neue Kapelle übertragen.

 

Die oben erwähnte Quelle sprudelt ihr heilbringendes Wasser in einen steinernen Behälter, in den genannter Meisinger aus Passau eine kleine Marmorplatte eingelassen hat mit der Inschrift, dass er hier Hilfe gefunden habe. Kein Besucher der Gnadenkapelle unterlässt es, seine Augen mit diesem Wasser zu befeuchten.

 

Da das Gnadenbild Flecken zeigte, kaufte man ein neues Bild U. L. Frau vom guten Rat, hing das alte an eine Seitenwand der Kapelle und an dessen Stelle das neue Bild. So oft man aber in die Kapelle kam, hing das Gnadenbild schief. Daraufhin verordnete der Kaplan von Hauzenberg: „Das alte Bild muss wieder an seinen Platz.“

 

So prangt das liebliche Bild der Gnadenmutter Maria vom guten Rat über dem Altar, alle Bedrängten und Hilfesuchenden einladend mit den Worten: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! Denn bei mir ist Rat und rechtes Handeln, bei mir ist Klugheit, bei mir ist Stärke!“

 

Wieviel Weh und Not die liebe Mutter des guten Rates an dieser einsamen Gnadenstätte gelindert, wieviel Tränen sie allhier getrocknet, wieviel wunde Herzen sie geheilt, wie viele, viele Bitten sie erhört hat, das mögen all die Votivtafeln und -täfelchen erzählen, die den Bitten und Seufzern der Bedrängten gelauscht und rings die Wände decken. Ja, überreichen Trost spendet die liebe Gottesmutter in diesem ihren Heiligtum, und keiner geht unerhört von ihr.

 

Tausend Dank dir, Mutter des guten Rates, im Namen aller, die bei dir Rat und Hilfe gesucht haben, die du erhört und getröstet hast in schweren Leidenstagen.

 

Allen Bedrängten und Hilfesuchenden aber rufe ich die Worte zu, die in das Altartuch (Geschenk einer Wienerin) eingestickt sind:

 

„Geh zu Maria hier vor Allen,

Wo Wunderglanz Ihr Bild verklärt;

Fürwahr, der Himmel müsste fallen,

Gingst du von dannen unerhört.“