Die Wallfahrtskapelle auf dem Kronberg bei Griesbach im Rottal:       "U. L. F. vom Schutz"

 

Im königlichen Landgerichtsbezirk Griesbach und hart am gleichnamigen Markt liegt der Kronberg, der in fürstlicher Erhabenheit alle seine Brüder überragt, die die fischreiche Rott umprangen und umlagern. Dieser Berg trägt auf seinem luftigen Scheitel eine geweihte Krone, nämlich die liebliche Wallfahrt „Unserer Lieben Frau vom Schutz“.

 

Über die Entstehung und Ausbreitung dieser Wallfahrt sagt die Geschichte Folgendes:

 

Im Jahr 1686 stand auf dem Kronberg ein abgestorbener, entblätterter Eichenstamm, der inwendig morsch und hohl war und den Hirtenjungen zum Notdach bei Sturm und Regen diente. Dieser abgedorrte Stamm machte in diesem Jahr noch einer jungen Linde Platz, die Jakob Mayer, Bauer der benachbarten Hofmark Taham, pflanzte. Diese Linde nun schoss schnell empor und gewann derart die Liebe und Aufmerksamkeit ihres mühsamen Pflanzers, dass er eigens um ihren jugendlichen Stamm herum vier Pfähle in die Erde einrammelte, sie verzäunte und so seine schöne Lieblingspflanzung gegen störende Beschädigungen zu schützen suchte. Der sehr schöne, blühende Lindenbaum nun, wurde aber in der Folge vom Allerhöchsten dazu bestimmt, ein Gnadensitz seiner gebenedeitesten Mutter zu werden und mit seinem zarten Gezweige eine duftreiche Laubkapelle derjenigen zu bilden, die hinfort die gnadenreiche milde und allgeliebte Schutzfrau des ganzen, zu ihren Füßen liegenden Rottales werden sollte.

 

Unsere frommen Voreltern brachten zur schönen Linde auf dem schönen Kronberg Bilder und Täfelchen von ihren teuren Hausaltären mit, hingen sie an den prächtigen Stamm auf, um vor demselben im Freien auf himmelnaher Höhe beim Vorübergehen ihr Gebet desto andächtiger verrichten zu können. Und so kam es, dass der fromme Bauersmann, Johann mayer, bald ein ärmliches Hüttchen über diese religiösen Bilder bauen konnte. Vorzüglich muss ein Liebfrauenbild unter den hierher gebrachten Täfelchen der Gegenstand besonderer Verehrung gewesen sein. Dass dem so sei, beweist folgendes Wunder: Im Jahr 1686 noch, als das erste, höchst dürftige Hüttchen unter dem schönen Lindenbaum noch stand, lebte im Bruderhaus zu Griesbach eine arme Frau, die an allen Gliedern ganz contrakt war und sich mit zwei Krücken fortschleppen musste. In dieser ihrer bemitleidenswürdigen Bresthaftigkeit hatte sie sich zwar um Hilfe zu „Unserer Lieben Frau von der Heimsuchung“ nach Langenwinkel bei Asbach verlobt, wurde jedoch durch Alter und Schwäche an der Ausführung ihres frommen Gelöbnisses gehindert. Da gedachte sie ihr Gelübde zu lösen. Sie kam auf den nahen Kronberg, wendete sich in inbrünstigem Flehen an die Mutter der Betrübten und – war zur Stunde vollkommen gesund. Die erbauliche Kunde von diesem Wunder verbreitete sich sogleich in der ganzen Umgegend. Es wuchs das Vertrauen und die Andacht zur genannten Wallfahrt und mit dieser auch das Hüttchen wieder, denn im Jahr 1687 konnte der mehrgedachte Bauer Mayer von den immer größeren Opfergaben schon eine Hütte erbauen, die acht bis zehn Andächtige fasste.

 

Da bediente sich der Herr eines schwerbedrängten Bürgers von Griesbach, namens Daniel Wagner, um die Wallfahrt auf dem Kronberg in noch prächtigeren Flor zu bringen.

 

Daniel Wagner, bürgerlicher Tischlermeister von Griesbach, wurde nämlich im Jahr 1688 von einem so grausamen Kopfschmerz befallen, dass er gar nimmer auf die Erde niederschauen konnte. In dieser Qual wandte er sich vergeblich an die ärztliche Hilfe. Da ihn am Abend der Weg am Kronberg vorbeiführte, wollte er im schlichten Kapellenhüttchen ein wenig ausrasten. Er gelobte sofort, wenn er von seinem schrecklichen Übel befreit würde, hierher ein Marienbild – Maria Schutz genannt – malen zu lassen, das dem Gnadenbild in der Kirche der Klosterfrauen zu Niedernburg in Passau ähnlich ist und kam nach diesem frommen Versprechen ganz gesund und von seinem marternden Übel befreit in seinem Haus an. Da aber unser guter Schreinermeister nach dem Empfang der großen Wohltat auf den Dank vergaß und sein Gelübde nicht erfüllte, mahnte ihn unser lieber Herr empfindlich an sein Wort dadurch, dass er ihm die frühere Pein wieder sandte, worauf der Tischler sich gleich wieder seines Gelöbnisses erinnerte und zur baldigsten Befreiung von seinem schmerzlichen Zustand sich an den damaligen Prior des naheliegenden Prämonstratenser-Stiftes St. Salvator wandte, und von ihm ein dem Gelübde entsprechendes, zwei Schuh hohes Muttergottesbild malen ließ. Sein Leiden verschwand wieder und er selbst stellte das von ihm sauber gefasste Bild am Osterabend dieses Jahres in der kleinen Kapelle auf dem Kronberg zur öffentlichen Verehrung auf. Aber später kam es dahin, dass das wundersame Gnadenbild aus seiner einsamen Kapelle genommen und in die Pfarrkirche zum heiligen Michael in Griesbach geschafft, die sämtlichen Votivtafeln aber von der stillen Hütte entfernt wurden zum großen Leidwesen der Andächtigen. Diese Verbannung des Gnadenbildes dauerte vom Jahr 1696 bis 1708. Das ursprüngliche Gnadenbild „Maria Schutz“ wurde von der Pfarrkirche auf den anmutigen Kronberg zurückgebracht und leuchtete wieder durch neue zahllose Wunder. Am Gedächtnis der Apostelfürsten Petri und Pauli im Jahr 1847 nun wurde der Grundstein zu einem neuen, größeren Kirchenbau gelegt. Er wurde im Jahr 1851 vollendet. Die feierliche Einweihung fand am 1. Mai 1852 durch den Hochwürdigsten Herrn Bischof Heinrich von Passau statt. Als Gnadenbild wird gegenwärtig ein geschnitztes verehrt, das uralte Gnadenbild hat einen anderen geziemenden Platz.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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