Madonna del Sasso

 

„Auf hohem Berg, unnahbar euren Schritten, liegt eine Burg . . .“, so könnte man auch von dem herrlichen Kloster Madonna del Sasso sagen. Das kleine Bergheiligtum spiegelt sich von hoher Felswand herab in den blauen Fluten des Lago Maggiore. Ungefähr 525 Jahre sind es her, seit Maria, die Vermittlerin aller Gnaden, ihr Werk der Barmherzigkeit hier begonnen hat.

 

Noch zu Lebzeiten des heiligen Franziskus von Assisi wurde in Locarno eine Niederlassung des Franziskanerordens gegründet: Kirche und Kloster San Francesco bestehen noch und befinden sich am Westende der Stadt, zum Maggiafluss hin, auf der Piazza di San Francesco. Dort lebten bis in unsere Zeiten hinein die Söhne des heiligen Franziskus, und zwar jene, die man, zum Unterschied von den anderen seraphischen Ordensfamilien, Konventualen nennt. Erst 1848 fiel diese alte Stätte des Gebetes und des Friedens dem fanatischen Zeitgeist zum Opfer. Durch einer „freiheitlichen“ Regierung Zwangsdekret wurde das Kloster aufgehoben, die Kirche geschlossen, die Ordensleute des Landes verwiesen.

 

In diesem Kloster lebte um die Mitte des 15. Jahrhunderts P. Bartholomäus Piatti von Ivrea, der selige Gründer der Wallfahrt zur Madonna del Sasso. Es war am 14. August des Jahres 1480, am Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt. P. Bartholomäus hatte diesen Tag seiner Gewohnheit gemäß mit Fasten und Beten zugebracht. Zu später Abendstunde suchte er sein hartes Lager auf. Durch einige Stunden Ruhe wollte er sich auf den hohen Festtag vorbereiten. Aber seine Augen fanden keinen Schlaf. Deshalb zog er es vor, noch einige Zeit draußen in der frischen Luft zu gehen. Ein breiter Loggiengang, der sich vor den Zellen der Mönche im ersten Stockwerk des Klosters ausdehnte, bot dazu Gelegenheit. – Von hier aus hatte man eine herrliche Aussicht auf die hohen Berge, die Locarno im Nordwesten wie mit einem schützenden Wall umgeben. Stiller Friede lag über der ganzen Landschaft. Nur die nahe Maggia rauschte halblaut, als ob sie im Traum rede. Über Fluss, Berg und See spannt sich in feierlicher Erhabenheit das Sternenzelt einer gerade am Südabhang der Alpen so schönen Augustnacht. Die weihevolle Stimmung der Natur teilt sich dem empfänglichen Gemüt des frommen Ordensmannes mit. P. Bartholomäus fängt an mit der Natur zu beten und die Natur mit ihm.

 

Da lichtet sich der Sternenhimmel über den Bergen. Der Glanz vermehrt sich und nimmt bestimmte Formen an. Da ist es P. Bartholomäus, als trete dort oben, gerade über dem Felsvorsprung, der von der hohen Bergkette losgelöst über Locarno thront, eine große lichte Menschengestalt an den Rand heraus. Die Gestalt wird immer strahlender, tritt näher, als wollte sie zu ihm herabsteigen. Es ist eine hehre Frauengestalt, auf dem Arm ihr liebes Kind tragend, das sich an die Mutter schmiegt. P. Bartholomäus täuscht sich nicht, er schläft und träumt nicht, es kann keine andere sein, sie ist es, die Madonna mit ihrem Kind. Und sie öffnet ihren Mund, als habe sie ihm etwas zu sagen, eines zu sagen, eines: P. Bartholomäus, da oben auf diesem Fels möchte ich bei dir und den armen Menschen sein, da oben will ich für mich ein Heiligtum! – Da ruft in den frühen Stunden des hohen Tages das Klosterglöcklein die Mönche ins Chor. Die Brüder finden den heiligen Nachtwandler noch in die Erscheinung versunken an den Pfeiler gelehnt. Auf Geheiß muss er den Obern erzählen, was da vorgegangen sei. Seit jener Nacht kommt über ihn etwas wie ein heiliges Bergheimweh. Es zieht ihn hinauf zum Felsen, wo in jener Nacht die heilige Frau gestanden hat. Da oben möchte er seine Tage beschließen und der himmlischen Frau ihr Heiligtum errichten. Die Obern kommen seinem Wunsch nach, die Familie Masina schenkt ihm den wilden Berg, Mitbrüder und fromme Menschen leisten ihm die nötige Hilfe, und das erste kleine Gotteshaus auf Madonna del Sasso kommt zustande. Seine Wohnung schlug P. Bartholomäus ganz in der Nähe des Kapellchens auf. Unterhalb der Baustelle befand sich eine natürliche Grotte, die ihm genügend Unterkunft bot. Diese Grotte ist bis heute erhalten, sie befindet sich jetzt eingemauert in den unteren Sakristeiräumen, unter dem Chor der Kirche. Bartholomäus von Ivrea starb um das Jahr 1502. Seinem Wunsch gemäß bestattete man ihn am Fuß des Madonnenhügels, in der Maria-Verkündigungs-Kapelle.

 

Die Kunde von dem neuen Wallfahrtsort, von dem sehr bald manche auffällige Gebetserhörungen und Gnadenerweisungen berichtet werden konnten, verbreitete sich rasch über das ganze Land. Wie beliebt der Gnadenort in kurzer Zeit wurde, geht daraus hervor, dass aus den eingegangenen Opfern schon 1484, also nach kaum vierjährigem Bestehen, in der Nähe der ersten Kapelle eine große, steinerne Kirche erbaut werden konnte, die 1560 von den Bürgern Locarnos noch einmal erweitert wurde. Längst ist das kleine Kapellchen zum großen Kloster geworden. Das Innere der Wallfahrtskirche ist reich mit Gold und Stuck verziert, und Wallfahrtsgaben aus Gold und Silber schmücken die Altäre. Hier hat der heilige Karl Borromäus 1567 und 1570 gepredigt. Ein frommer Bruder, der Mesner Agostino, führt uns und zeigt voll Stolz auf eine Grablegung von Ciserci, einem Tessiner Maler. Kloster und Kirche sind voll der edelsten Kunstschätze. Hans Huber, der bekannte Musiker, gehörte auch zu den frommen Pilgern und spendete seiner Madonna eine schöne Westminster Uhr die im Chor jede Viertelstunde ertönt.

 

Herrlich ist der Blick von der Höhe über den blauen See, weit ins Land hinein, nicht nur auf den Zipfel Schweiz – nein viel weiter hinab – dem zauberhaften Italien, wandern unsere Augen. – Tiefe friedvolle Ruhe, nur unterbrochen von dem Glöcklein des Klosters. –

 

Um das Gebäude herum hat sich ein Villenort gebildet, und an Stelle der früheren Einsamkeit ist das moderne Leben so umfangreich geworden, dass heute eine Drahtseilbahn gestattet, mühelos, in wenigen Minuten vom See aus auf die Höhe zu gelangen. Die rechten Wallfahrer aber gehen zu Fuß die schönen vierzehn Kreuzwegstationen hinauf, weil auch die Madonna nur auf dem Weg des Kreuzes ihre Himmelsherrlichkeit erreichte.