Lourdes - Mutter und Sohn

"Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!"
"Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!"

 

Mutter und Sohn – Zum 155jährigen Lourdes-Jubiläum im Jahr des Herrn 2013

 

Mutter und Sohn sind eins. Nirgends kommt das so ergreifend zum Ausdruck wie in Lourdes, dem größten marianischen Wallfahrtsort, der in diesem Jahr das 155jährige Jubiläum seines Entstehens feiert.

 

Hirten waren die ersten, denen der Sohn, das fleischgewordene Wort Gottes, sich offenbarte. Einem Hirtenmädchen offenbarte sich Maria, die mystische Taube in der Felsenspalte. Die Hirten und Könige der ersten Weihnacht fanden das Kind und seine Mutter in der Grotte von Bethlehem. Die jungfräuliche Mutter und ihr Kind finden die Lourdes-Pilger in der Grotte von Massabielle.

 

Da steht das Bild der Makellosen in der Nische, in der in den Frühlingstagen im Jahr des Herrn 1858 die hehre Frau achtzehnmal Bernadette Soubirous erschien. Den Schilderungen der hochbegnadeten Seherin nachgebildet, lässt es uns doch nicht einmal von fern jene Herrlichkeit ahnen, die Maria im Himmel umkleidet, die Bernadetts Auge entzückte und in ihrem Widerschein das blasse Antlitz des Mädchens mit Schönheit verklärte. Damals leuchtete die dunkle Grotte im Licht, das aus dem Türspalt der glücklichen Ewigkeit auf unsere arme Erde fiel. In dieser Morgenstunde unseres Besuchs ist sie licht und warm vom Schein der vielen Opferkerzen. Der Mutter und dem Sohn brennen sie. Der Mutter brennen sie auf den gewaltigen zwei Leuchtpyramiden, darauf sich Tag und Nacht viele Hunderte der schlanken weißen, blaugesäumten Lourdeskerzlein verzehren, Sinnbilder der Herzen, die sie geopfert haben. Dem Sohn brennen sie auf dem weißen Linnen des Altares im Hintergrund der Grotte. Da vollzieht sich ein Wunder, größer als das Wunder von Lourdes: die heilige Messe, die unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers auf Kalvaria.

 

Mutter und Sohn sind eins. Wo man Maria, der Königin, einen Thronsaal zur Huldigung errichtet, hat ihr göttlicher Sohn, der Priesterkönig nach der Ordnung Melchisedechs, seinen Opferaltar. In der menschheitumfassenden Liebe eins mit seiner jungfräulichen Mutter, lässt er sich durch die Hände seiner jungfräulichen Priester dem Vater im Himmel aufopfern und den armen Menschenkindern auf Erden reichen. Das Gitter der Grotte wird zum Kommuniongitter. In langer Reihe, unaufhörlich treten die Pilger vor und empfangen Jesus, den Heiland, den Sohn Marias.

 

Selbst die Kranken sollen des Heilandes nicht entbehren. Ein Glöcklein klingt. „Ein Hirt im weißen Kleide“, vom kleinen Traghimmel überwölbt, von brennender Laterne begleitet, wandert von einem der vielen Krankenwägelchen zum andern und reicht das Himmelsbrot den Leidenden – Leidenden jeden Alters und Standes und Gebrechens, bis zum letzten, allerärmsten, kaum mehr atmenden Häuflein Elend in der verkrümmten Gestalt eines von der furchtbaren pottischen Krankheit Behafteten. In der zarten Begegnung mit dem Herrn in der Kommunion blicken sie aus ihren Schmerzen empor zur Grotte und bitten die Mutter durch den Sohn und den Sohn durch die Mutter.

 

In großartiger Weise wiederholt sich dieses Bestürmen der beiden gütigsten Herzen zur Zeit der Bäder vor den Piszinen, dem Teich Bethesda unserer Tage. Draußen vor den gotischen Türen des kühlen, feuchten Raumes, harrt das Volk in steigender Erregung und wendet sich in drängendem Fürbittgebet an Jesus, den Sohn Davids, an Maria, die Mutter. Drinnen badet helfende Liebe die Kranken in den wundertätigen Fluten. Und manch einem geschah und geschieht durch die Allmacht des Sohnes und die fürbittende Allmacht der Mutter wie dem seit 38 Jahren Kranken und in einem Augenblick Geheilten des Evangeliums.

 

Mutter und Sohn sind eins – wie in ihrer Liebe zur leidenden Menschheit so in ihrem menschheiterlösenden Leiden, auf dem Kreuzweg zu ihrer Verherrlichung. Ergreifend schön ist dieser Gedanke in Lourdes durch den prachtvollen Kreuzweg zum Ausdruck gebracht. An 14 überlebensgroßen, von Meisterhand geschaffenen Kreuzweggruppen vorbei führt er auf die Höhe des Kalvarienberges, des Berges, der auch die Grotte von Massabielle umschließt. Betend wandern ihn die Pilger und gedenken des Leidens Christi, an dem Maria so innigen Anteil nahm. Durch Leiden ging Maria ein in ihre Herrlichkeit. Gleichnis dieser Glorie ist nach der Absicht ihres genialen Erbauers die Basilika, die oberste der drei Kirchen, die heute dem Felsen von Massabielle entsteigen.

 

„Du goldenes Haus, elfenbeinerner Turm, du Pforte des Himmels!“ beten wir staunend, da wir, vom Kreuzweg zurückkehrend, in die himmelanstrebende Schlankheit und erdentbundene Pracht des Mariendomes eintreten: ihr Mittelpunkt ist abermals der Opferaltar und das eucharistische Opfer.

 

Mittelpunkt der letzten Nacht, die wir Pilger in Lourdes verlebten, war die nächtliche Anbetung, die Mitternachtsmesse in der Krypta.

 

Das ist die mittlere der drei Kirchen, marmorglänzend, voll stiller Traulichkeit tief in das Berginnere hineingebaut. Da, im Herzen des Felsens von Massabielle, im Herzen der Nacht lauschten wir noch einmal den Schlägen des Mutterherzens Mariä, des eucharistischen Herzens Jesu. Der Mutter und dem Sohn, dem Kindlein in den weißen mystischen Windeln, in der kleinen goldenen Wiege der Eucharistie sangen wir unser liebes, trautes: „Stille Nacht, heilige Nacht“. In alle Erdennächte wird sie uns leuchten, in der Nacht des Leidens und Sterbens wird sie uns trösten – diese letzte, stille, heilige Nacht in Lourdes.

 

Unterster Kronreif des dreifachen Diadems über dem Sternenhaupt der Unbefleckten in der Grotte von Massabielle ist die Rosenkranzkirche. Rosen und Lilien schmücken das prunkvolle Glasportal. Rosen, zum Kranz geschlungen, sind das immer wiederkehrende Motiv des dreifachen Kuppelbaues. Von schneeigweißem, von blutrotem, von goldgelbem Oberlicht umflossen, enthüllt er in den 15 Kapellen in großen, kostbaren Mosaikbildern die Geheimnisse des Rosenkranzes, das innige, zeitliche und ewige Verbundensein von Mutter und Sohn im Leben, Leiden, Sterben und in der Glorie.

 

Mutter und Sohn sind eins. Am großartigsten kommt dieser Gedanke in der Sakramentsprozession zum Ausdruck. Sie ist der Höhepunkt und feierliche Schlussakkord des Pilgertages in Lourdes.

 

Zur Stunde, da die Sonne über der Basilika sich zum Untergang neigt, verlässt die Sonne unseres Glaubens, in das Gold der Monstranz gefasst, von Bischofshand getragen, die Grotte von Lourdes. Lange Reihen von jungen Frauen in weißen Schleiern und weißen Kleidern, im Blütenreiz reiner Jugend ziehen voraus. Männer folgen, erst die Laien, dann die Priester, in Viererreihen, brennende Kerzen in den Händen, auf den Lippen der Lobpreis des Königs der Ewigkeit in der Verborgenheit der Eucharistie:

 

„Lauda Sion, Salvatorem . . .“

„Deinem Heiland, deinem Lehrer . . .“

„Lobe, Jerusalem, den Herrn! Lobe Gott, Sion. Hosanna, Hosanna!“

 

So tönt es näher und näher, verklingt wieder, während der Zug in weitem Bogen die Esplanade umschreitet. Zur Rechten der gartengleichen Anlagen das Asyl. Davor lag an jenem blauen, lauen Septemberabend ein junges, blasses Mädchen, sterbenskrank, mit zerfressenen Lungen. Die großen Augen leuchteten im Fieber und hatten keinen Blick mehr für die Dinge dieser Erde. Die weißen Mädchen zogen vorüber, die betenden Männer, die stolzen Banner vieler Nationen und vieler Vereine. Die Blonde, Blasse sah nichts, hörte nichts. Ihr Blick irrte ins Weite, von wannen der Tod kam. Als aber der Herr über Leben und Tod in der Milde und Gebundenheit der Eucharistie vor ihr stand, da kam die Kranke zu sich und erkannte ihn. Mit letzter Kraft richtete sie sich auf. Man stützte sie, man reichte ihr das Bildchen mit den Anrufungen . . . Leise, doch klar, wie Silber klingend, betete die zarte Stimme:

 

„Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen!

Sprich nur ein Wort und ich bin gesund!“

 

Der Bischof erhob das Allerheiligste zum Segen. Weit breitete die Kranke die abgezehrten Arme aus. Da kam das große Wunder über sie – nicht ein Wunder des Leibes, ein Wunder der Seele. Und die Wunder der Seele sind größer. Es überströmte sie Erkenntnis und Gnade: „Herr“, - rief sie in das ergriffene Schweigen – „Herr, nicht mehr um Heilung bitte ich dich, es sei denn zum Heil meiner Seele. Ich opfere dir mein Leben . . . für meine Familie, . . . für meine irrende Schwester . . .“

 

Erschöpft sank sie in die Kissen. Noch einmal grüßte sie das Höchste Gut, als es mit der wiederkehrenden Prozession drüben, jenseits der breiten Rasenfläche, an der schimmernden, weißen, gekrönten Marienstatue vorüberzog. Dann starb sie. In Lourdes, bei der Mutter, lernt man beten und leiden und sterben nach dem Willen und nach dem Beispiel des Herzens Jesu . . .

 

Weiter zog der Herr, zogen die jubilierenden Scharen, auf den weiten Platz zu, den die Schwibbögen der Rosenkranzkirche umspannen. Ringsum standen wir dichtgedrängt. Zu beiden Seiten harrten in ihren Rollwägelchen die Kranken auf den sakramentalen Segen. Von einem zum andern schritt der Bischof im Gefolge der Priester und Ärzte und segnete. In der Mitte des Platzes knieten drei Priester und bestürmten mit dem Feuer der Romanen erst auf französisch, dann auf italienisch den vorüberziehenden Heiland für die leidenden Brüder und Schwestern mit denselben herzinnigen Bitten, die ihm auf seinen Erdenwegen aus dem Mund des Elends so oft entgegenklangen: „Herr, gib, dass ich sehe! Gib, dass ich höre! . . . Gib, dass ich gehe! . . . Sprich nur ein Wort und ich werde gesund!“

 

Dazwischen stimmte sich die Seele immer wieder zur Ergebung in Gottes Willen: „Herr, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden! . . .“

 

Vom Herzen des Sohnes wandte sich das Sturmgebet zum Herzen der Mutter im Lied: „Zeige dich als Mutter!“

 

Mit dem Priester flehte in zweimaliger Wiederholung die vieltausendköpfige Menge für die kranken Brüder und Schwestern. Es war ein ergreifendes Schauspiel des Glaubens und der Liebe, wie man es nur in Lourdes erlebt.

 

Nachdem der „weiße Heiland“ jeden einzelnen der 500 bis 600 Kranken gesegnet hatte, zog der Kirchenfürst langsam durch die Mitte des Raumes gegen die Rosenkranzkirche, deren breitansteigende Treppen und Rampen von den Männern und Schleierjungfrauen angefüllt waren. Es nahte der große Augenblick, da der Bischof von der Rosenkranzkirche aus den letzten Segen erteilt. Es ist der Augenblick, in dem die meisten Wunder geschehen. Noch hält der Hohepriester das Höchste Gut reglos über die herzklopfende Erwartung des Volkes . . . sekundenlang, die doppelt und dreifach zählen . . . Dann segnet er. Alles sinkt in die Knie, beugt sich dem Willen Gottes. Das stürmische Rufen verstummt im Schweigen des eucharistischen, segnenden Heilands. Das Tedeum ertönt. Das ist das Große, dass man in Lourdes danken lernt für alles, auch für das Leid. Man wird still, fragt nicht mehr nach Wundern, die, wenn sie geschehen, zur sorgfältigen Prüfung und im eigenen Interesse der Begnadeten geheim gehalten werden, bis das strenge Urteil des Ärztebüros nach zweifelloser Sicherstellung die Veröffentlichung in den Annalen von Lourdes gestattet.

 

Lourdes selbst ist das größte, ist ein beständiges Wunder. Es hebt den Schleier; es lässt uns die Wunder der Ewigkeit ahnen, die uns im Jenseits erwarten und uns im Diesseits in den Segnungen unseres Glaubens umgeben . . .

 

Tief im Westen steht die Sonne. In Weißglut leuchten die Türme und Türmchen der Basilika. Wie ein steingewordener Ruf nach oben wachsen sie in ihrer wundervollen Schlankheit und Formenschönheit in das rotgoldene Abendlicht. Der Dunst und Staub des entschwindenden Tages umkreist in lichten Schwaden den Mariendom wie Wolken von Weihrauch.

 

„Gebenedeit sei Gott!

Gebenedeit sei sein heiliger Name!

Gebenedeit sei der Name Jesus, sei sein allerheiligstes Herz!

Gebenedeit sei Maria, die Gottesmutter!

Gebenedeit sei ihre heilige und unbefleckte Empfängnis!“

 

Aus Tausenden von Kehlen, ein Ausdruck der großen, katholischen Harmonie der Seelen, steigen diese Lobpreisungen himmelan. Es ist der würdige Abschluss des Pilgertages in Lourdes, der ein einziges, gewaltiges Magnifikat ist zum Lobpreis der Mutter und des Sohnes und in der Lichter- und Liedernacht seine ergreifende Fortsetzung findet.