Lourdes und Bernadette

 

Lourdes! Immer mehr bewegt dieser Name die Herzen der Gläubigen und erfüllt sie mit heiliger Freude. Dieses Städtchen im südlichen Frankreich, vor ungefähr 155 Jahren ganz unbekannt, ist schon lange ein Wallfahrtsort geworden, berühmt in der ganzen christlichen Welt. Jeder Tag bringt neue Prozessionen, unzählige Pilger strömen aus allen Teilen der Welt dort zusammen.

 

Was erfüllt denn die Herzen mit solcher Freude, mit solcher Begeisterung?

 

Die Mutter der Christenheit hat diesen Ort in besonderer Weise gesegnet durch ihre Gegenwart, sie segnet ihn immerfort durch die milde Ausspendung ihrer Gaben. Am 8. Dezember 1854 hatte Papst Pius IX. die unbefleckte Empfängnis Mariens als Glaubenssatz der katholischen Kirche erklärt, und kaum waren drei Jahre verflossen, da erscheint diejenige, der die Kirche eine solche Huldigung erwies, einem einfachen, armen Kind.

 

Diejenige, die allein allen Irrglauben besiegte, wollte gleichsam ihren Stempel auf den unfehlbaren Ausspruch der höchsten kirchlichen Autorität drücken. Sie wollte ihren Kindern danken für die erwiesene Ehre. Sie wollte selber ihren Kindern den Segen bringen, den dieses erhabene Geheimnis auf unsere sündige Welt herabgefleht. Die Mutter zeigte sich ihren Kindern an jenem Ort, deshalb eilen sie auch mit so großer Freude dorthin.

 

Auch wir wollen uns wenigstens im Geist dorthin begeben, um den Dank der Christenheit zu vernehmen, um an ihrer Verehrung teilzunehmen und den Segen zu empfangen, den die Unbefleckte dort so reichlich spendet.

 

I.

Im nördlichen Teil der Stadt Lourdes trieb ein großer Bach früher sechs bis sieben Mühlen, die in kurzer Entfernung voneinander lagen. Eine von diesen Mühlen war bereits lange den Eltern der Louise Castérot verpachtet, die sich nach dem frühen Tod ihres Vaters mit Franz Soubirous verehelichte. Dieser konnte aber als neuer Pächter der Mühle de Boly die alten Kunden nicht befriedigen und verwandte auch nicht die nötige Sorge und Aufmerksamkeit auf sein Geschäft. Louise, seine Gattin, eine einfache, fromme Frau, hatte noch zu wenig Erfahrung, um die geringe Sorgfalt ihres Mannes zu verbessern. So ging die Familie in zeitlicher Hinsicht immer mehr zurück. Während die Mühle immer weniger einbrachte, wurden die Schulden immer größer, und bald war das kleine Vermögen verzehrt. Als die Familie sich nicht mehr halten konnte, mietete sie eine kleine Wohnung, und der Vater fing an, als Tagelöhner zu arbeiten. Wenn aber auch die Gelegenheit zur Arbeit fehlte, so herrschte Mangel im Hause. Endlich konnte die Familie selbst die Miete nicht mehr aufbringen und musste von einer Wohnung zur anderen ziehen, bis schließlich der Besitzer eines alten, baufälligen Hauses, das doch nicht bewohnt wurde (es war das alte Gefängnis von Lourdes), ihr erlaubte, dort einzuziehen.

 

Der Ehe des Franz Soubirous mit Louise Castérot waren sechs Kinder entsprossen, deren ältestes bei der Taufe am 9. Januar 1844 den Namen Bernadette erhielt.

 

Kurz nach der Geburt dieses Kindes musste die Mutter es in Pflege geben, und so kam es nach Bartres, in der Nähe von Lourdes, zu einer Familie Lagues. Hier blieb Bernadette vierzehn Monate. Sie war von Geburt an zart und schwächlich und litt an einem hartnäckigen Asthma. Sie gewann eine große Liebe zu ihren Pflegeeltern, und wie viel diese von dem armen, unschuldigen Kind hielten, das merkten sie erst, als die Eltern verlangten, Bernadette möge nach Lourdes zurückkehren. Wie froh waren sie daher, als das Kind später wiederum zu ihnen kam. Hier in der stillen Einsamkeit der verlassenen Hügel, wo sie die Schafe ihrer Pflegeeltern hütete, bewahrte sie die Unschuld und die Einfalt des Herzens; hier betete sie den Rosenkranz. Andere Gebete kannte sie nicht; auch hatte man große Mühe, sie den Katechismus zu lehren, da sie weder lesen noch schreiben konnte und nicht einmal das Französische, ihre Muttersprache, kannte. Nur im Dialekt der Bewohner der Pyrenäen wusste sie sich auszudrücken.

 

Dies war also das Kind, das die Vorsehung auserkor, so Großes für die Ehre Mariens zu tun, und auch hier zeigt sich wiederum, dass der Allmächtige, der keines Geschöpfes zur Ausführung seiner Ratschlüsse bedarf, gerne das Schwache und Kleine erwählt, um die stolze Welt zu beschämen. Auf diese Weise wird umso mehr in allem sein Name geheiligt.

 

Obgleich Bernadette bereits ihr vierzehntes Jahr erreicht hatte, war sie noch nicht zur ersten heiligen Kommunion gegangen. Zur Vorbereitung darauf kehrte sie nach Lourdes zurück, vierzehn Tage vor den großen Ereignissen, die ihren Geburtsort und ihren eigenen Namen in der ganzen Welt berühmt machen sollten.

 

II.

Lourdes ist ein kleines Städtchen im französischen Departement der Hoch-Pyrenäen an der spanischen Grenze. Ein aus dem Süden kommender reißender Bergstrom, der Gave, fließt an ihm vorüber, bildet aber, von dem Felsenberg in seinem Lauf nach Norden gehemmt, einen rechten Winkel und nimmt so eine westliche Richtung an. Eine alte Brücke verbindet die Stadt mit dem linken Ufer. Ein wenig unterhalb dieser Brücke hatte man am linken Ufer einen Kanal angelegt, ungefähr einen Kilometer lang. Derselbe leitete das Wasser des Gave zum Teil ab, und vereinigte sich dann wieder mit dem Fluss. So wurde vom Gave und dem Kanal eine Insel gebildet, die den Namen Chálet trug. Dort, wo der Kanal sich wieder mit dem Fluss vereinigte, also der äußersten, westlichen Spitze des Chálet gegenüber, befanden sich am Fuß der schroffen Felsen von Massabielle drei ungleich große finstere Höhlen. Dort war der einsame, verlassene Ort, der durch die folgenden Erscheinungen so berühmt wurde.

 

III.

Man schrieb den 11. Februar 1858. Es herrschte eine bittere Kälte an jenem Tag, und es gab kein Holz mehr in dem armen Häuschen der Soubirous.

 

„Gehe, und suche etwas Holz, mein Kind“, sagte die Mutter zu ihrer zweiten Tochter Maria.

 

Die Armen der Stadt hatten das Recht, auf Gemeindegrund das dürre Holz zu sammeln.

 

Während Maria sich nun anschickte, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, bat Bernadette um Erlaubnis, ihre Schwester begleiten zu dürfen.

 

„Nein, Kind“, antwortete die besorgte Mutter, „du hustest zu viel und würdest krank werden“.

 

In diesem Augenblick kam ein Nachbarkind, die vierzehnjährige Johanna Abadie, herein. Auch diese sollte für die Familie Soubirous Holz sammeln; da auch sie für Bernadette Fürsprache einlegte, gewährte die Mutter die Bitte.

 

Die Kinder verließen dann die Stadt und kamen bald über die Brücke zum linken Ufer des Gave. Sie folgten dem großen Weg, gingen durch die Mühle von Savy, die vom Kanalwasser getrieben wurde, und kamen so auf die kleine Insel zwischen dem Gave und dem Kanal. Sie durchstreiften suchend die Insel und wollten an deren äußerster Spitze den Kanal wieder überschreiten, weil an der anderen Seite dem Felsen entlang viel dürres Holz lag. Maria und Johanna liefen barfuß in ihren Schuhen, und hatten sich dieser im nächsten Augenblick entledigt. Sie schritten über den Kanal, der an jenem Tag wegen einer Ausbesserung der Mühle fast wasserleer war. Bernadette hingegen fürchtete sich vor dem kalten Wasser, und suchte einige dicke Steine, um den Kanal trockenen Fußes überschreiten zu können; als sie diese nicht fand, schickte sie sich an, die Strümpfe, die sie wegen ihrer Kränklichkeit trug, auszuziehen. Es war ungefähr halb eins.

 

„KAUM“, so erzählt das Kind, „KAUM FING ICH AN, DEN ERSTEN STRUMPF AUSZUZIEHEN, ALS ICH PLÖTZLICH DAS RAUSCHEN EINES HEFTIGEN WINDES ZU HÖREN GLAUBTE. ICH SAH BESTÜRZT RUND, ABER NICHT EIN ZWEIGLEIN RÜHRTE SICH AN DEN PAPPELN LÄNGS DES UFERS.“

 

„ICH WERDE MICH GETÄUSCHT HABEN“, dachte sie und fuhr fort, ihre Strümpfe auszuziehen, als sich das Rauschen wiederholte. Da sie ihre Augen auf die Grotte richtete, sah sie, wie der wilde Rosenstrauch, der von der oberen Nische herunterhing, sich hin und her bewegte. Sonst war alles links und rechts vollkommen ruhig. Fast zu gleicher Zeit ging von der Grotte eine goldfarbige Wolke aus, und es erschien eine Frau von übermenschlicher Schönheit. Sie stand fünfzehn bis zwanzig Schritte von dem Kind entfernt in der oberen, engen Felsenkluft. Der Glanz, der sie umgab, war hell, wie das Licht der Sonne, aber dieses Licht blendete nicht, sondern zog durch seine Lieblichkeit die Augen an.

 

„SIE LÄCHELTE MICH AN“, sagte das Kind, „UND GAB MIR EIN ZEICHEN, NÄHER ZU KOMMEN, ALS WÄRE SIE MEINE MUTTER GEWESEN. UND IN DER TAT, ICH FÜRCHTETE MICH NICHT MEHR, WUSSTE ABER NICHT, WO ICH MICH BEFAND. ICH RIEB MIR DIE AUGEN; ICH SCHLOSS UND ÖFFNETE SIE WIEDER, IMMER ABER SAH ICH VON NEUEM DIE DAME.“

 

In seinem ersten Schrecken hatte das fromme Kind unwillkürlich den Rosenkranz zur Hand genommen und fing an zu beten. Da es aber das Kreuzzeichen machen wollte, war die Erregung der Seele so gewaltig, dass der rechte Arm wie gelähmt immer wieder schlaff auf die Knie niederfiel. Da nahm die Erscheinung selber den Rosenkranz in die Hand und machte mit großer Andacht ein Kreuzzeichen. Jetzt konnte das Kind dasselbe tun. Entzückt und außer sich vor Freude konnte es den Blick nicht abwenden von dem wunderbar schönen Wesen.

 

„DIE DAME LIESS MICH ALLEIN BETEN“, sagte später das Kind. „WOHL LIESS SIE DIE PERLEN DES ROSENKRANZES DURCH IHRE FINGER GLEITEN, ABER KEIN WORT KAM ÜBER IHRE LIPPEN. NUR AM SCHLUSS EINES JEDEN GESÄTZES SPRACH SIE MIT MIR DIE WORTE: EHRE SEI DEM VATER UND DEM SOHN UND DEM HEILIGEN GEIST.“

 

Konnte die liebe Mutter Gottes uns wohl eine dringendere Empfehlung geben, gibt es wohl ein schöneres Loblied für das Rosenkranzgebet als die Tatsache: Maria selber ist mit dem Rosenkranz in der Hand erschienen? Zwar konnte sie den Rosenkranz nicht beten. Denn die Bitten des Vaterunser sind ja nur für uns, die wir die Fülle der himmlischen Güter noch nicht besitzen, und Maria konnte den Gruß nicht beten, den der Engel an sie gerichtet und mit dem wir ihre Barmherzigkeit anrufen. Wohl aber konnte sie das Gebet mit uns verrichten, in dem Himmel und Erde das Lob des dreieinigen Gottes verkünden, das uns an das höchste Ziel aller Geheimnisse des Rosenkranzes und unseres Lebens in Jesus erinnert.

 

Wenn man später Bernadette bat, sie möge eine Beschreibung der Erscheinung geben, schilderte sie dieselbe immer ungefähr wie folgt:

 

„SIE HAT DAS AUSSEHEN EINES JUNGEN MÄDCHENS VON SECHZEHN BIS SIEBZEHN JAHREN; SIE IST IN EIN WEISSES GEWAND GEHÜLLT; DER HIMMELBLAUE GÜRTEL FÄLLT FAST BIS AN DEN SAUM DES KLEIDES HERAB. AUF DEM HAUPT TRÄGT SIE EINEN WEISSEN SCHLEIER, DER IHRE HAARE FAST GANZ BEDECKT UND WEIT ÜBER DIE SCHULTERN HERABFÄLLT. IHRE FÜSSE SIND ZUM GROSSEN TEIL VON DEN FALTEN IHRES KLEIDES BEDECKT UND MIT EINER GOLDGELBEN ROSE GESCHMÜCKT. DIE KÖRNER DES ROSENKRANZES, DEN SIE ÜBER IHREM RECHTEN ARM TRÄGT, SIND WEISS WIE SCHNEE, UND SEINE GOLDENE KETTE GLÄNZT WIE DIE ROSEN AUF IHREN FÜSSEN.“

 

So genau hatte das Kind die Erscheinung betrachtet.

 

Als Bernadette den Rosenkranz beendet hatte, grüßte die Erscheinung mild lächelnd und verschwand plötzlich.

 

Inzwischen waren die anderen Kinder zur Grotte zurückgekehrt; sie hatten gesehen, wie Bernadette sich zum Beten niedergekniet hatte, und schimpften und machten ihr Vorwürfe, dass sie, statt zu arbeiten, immer nur beten wolle, und fragten sie, ob sie bereit sei, mit nach Hause zu gehen. Bernadette war erstaunt über die Gleichgültigkeit ihrer kleinen Freundinnen und fragte unterwegs, ob sie nichts bemerkt hätten.

 

„Nein“, antworteten sie, „aber warum fragst du das?“

 

„AH“, meinte Bernadette ausweichend, „DANN ST ES GUT.“ Und sie schwieg.

 

Dennoch war das Herz des Kindes zu voll von dem, was es gesehen hatte, und als Johanna sich entfernt hatte, wurde alles der Schwester erzählt. Während des ganzen Nachmittags waren die Gedanken des Kindes bei der Erscheinung, und als die Familie zusammen das Abendgebet verrichtete, wurde der Eindruck so lebendig, dass das Kind in heftiges Weinen ausbrach. Auf die Frage der Mutter, was geschehen sei, konnte es nicht antworten, und Maria musste erzählen, was sie von Bernadette gehört hatte. Die Mutter zuckte ungläubig mit den Schultern, der Vater aber wurde zornig, schimpfte mit dem Kind, indem er sagte: „Das sind Dummheiten! Du glaubst etwas gesehen zu haben, hast aber nichts gesehen!“ Er dachte vielleicht an denjenigen, der sich wohl einmal als ein Engel des Lichtes zeigt, obgleich er nur Finsternis ist. Als Bernadette bei ihrer Meinung blieb, sagte die Mutter kurzweg: „Wie dem auch immer sei, du gehst mir nicht mehr an diesen Ort! Ich verbiete es dir!“

 

„WIR GINGEN ZUR RUHE“, sagte später Bernadette, „ICH KONNTE ABER NICHT SCHLAFEN; DIE LIEBLICHE ERSCHEINUNG STAND IMMER VOR MEINEM GEIST, UND WENN ICH MIR AUCH NOCH SO OFT WIEDERHOLTE, WAS DIE MUTTER GESAGT HATTE, SO KONNTE ICH MICH DOCH NICHT ÜBERZEUGEN, DASS ICH MICH GETÄUSCHT HÄTTE.“

 

IV.

Wie wird das Kind sich gesehnt haben, das herrliche Schauspiel noch einmal zu genießen. Zu wiederholten Malen drang es dann auch darauf, die Freundinnen möchten doch die Mutter bitten, das gegebene Verbot zurückzunehmen. Nach vielem Sträuben gaben die Eltern die erbetene Erlaubnis. Dennoch fürchteten die Kinder sich, und sie hatten Bernadette früher schon gebeten, nicht an jenen Ort zu gehen; man könne ja nicht wissen, ob es nicht jemand sei, der Böses im Schilde führe. Deshalb wurde im Rat der Kleinen beschlossen, für jeden Fall Weihwasser mitzunehmen; Bernadette solle die Erscheinung damit besprengen und sie in die Flucht treiben, falls sie vom Bösen käme.

 

Erst ging also die kleine Kinderschar zur Kirche, wo ein kleines Fläschchen mit Weihwasser gefüllt wurde. Als die Kinder zur Grotte gekommen waren, blieb anfangs alles ruhig.

 

„WIR WOLLEN DEN ROSENKRANZ BETEN“, sagte Bernadette, und die Mädchen knieten nieder.

 

Plötzlich verklärt sich das Antlitz des Kindes, und eine große Rührung ist in seinen Zügen deutlich zu lesen; seine Augen strahlen vor Glück; auf dem Felsen steht nämlich die Frau, gekleidet wie das erste mal.

 

„SEHET, DA IST SIE!“ ruft das Kind.

 

Die Mädchen sehen aber nichts. Eines von ihnen überreicht nun der Bernadette das Fläschchen mit Weihwasser. Diese erinnert sich ihres Versprechens, steht auf und sprengt das Wasser zu der Dame hinauf, indem sie spricht:

 

„KOMMST DU VON GOTT, SO NÄHERE DICH!“

 

Bei diesen Worten neigt die Erscheinung huldvoll das Haupt, tritt bis an den Rand des Felsens, und durch ein freundliches Lächeln scheint sie die kindliche Vorsicht gutzuheißen.

 

„WENN DU VON GOTT KOMMST, SO NÄHERE DICH!“ wiederholt das Kind.

 

Da es aber sieht, wie schön die Erscheinung ist, und wie nur Güte und Liebe aus ihren Zügen spricht, kann es die folgenden Worte nicht über die Lippen bringen. Diese Worte: „Kommst du vom Teufel, so mache dich fort!“ erscheinen ihr einem solch himmlischen Wesen gegenüber zu entsetzlich. Das Kind fällt wieder auf die Knie und betet wieder den Rosenkranz. Ihr Antlitz wird dabei immer blasser und strahlende Verklärung leuchtet aus ihren Augen.

 

Da die anderen Kinder diese plötzliche Veränderung bemerkten, erschraken sie gewaltig und riefen:

 

"O, wenn Bernadette nur nicht stirbt!“

 

In ihrer Angst riefen sie: „Bernadette, Bernadette!“

 

Sie aber blieb unbeweglich. In diesem Augenblick kam Frau Nicolau vorbei, die, auch nicht wissend, was mit dem Kind geschehen war, ihren Sohn herbeirief. Dieser kam, als er aber das Kind sah, trat er unwillkürlich zurück vor Erstaunen und betrachtete es einige Augenblicke. „Nie hat mich etwas so getroffen“, sagte er später oft; „ich kam mir unwürdig vor, dieses Kind zu berühren“. Auf die Bitte seiner Mutter aber führte er Bernadette langsam fort zur Mühle, wo sie zu sich kam.

 

Inzwischen waren die anderen Kinder zur Stadt gelaufen und hatten überall die Neuigkeit erzählt. Auch Frau Soubirous hörte davon. Sie wurde darüber so aufgebracht, dass sie sogleich mit einer Rute in der Hand zur Mühle eilte.

 

„Wie, du Närrin“, so herrschte sie das Kind an, „wie, du willst uns lächerlich machen bei all denjenigen, die uns kennen?! Du wirst mir solche dummen Streiche schon bald verlernen!“ Und sie wollte auf das Kind losschlagen. Da trat Frau Nicolau dazwischen:

 

„Aber, was fangen sie an? Was hat das Kind denn verbrochen? Ich sah es auf den Knien, und nie werde ich diesen Anblick vergessen; man hätte glauben mögen, einen Engel vor sich zu haben.“

 

V.

Frau Soubirous hielt nun ihr Kind streng zu Hause. Immer noch fürchtete sie irgendeinen Betrug, immer fürchtete sie, die Sache könnte der Familie unangenehm werden.

 

In Lourdes fing man an, den Worten des Kindes Glauben zu schenken, und man fragte, wer wohl die geheimnisvolle Frau sein möge. Würde es vielleicht eine arme Seele sein, die um Gebete und Heilige Messen bitten möchte? Vielleicht die Seele der ausgezeichneten, allgemein beliebten Präfektin der in Lourdes blühenden Kongregation, die vor kurzem gestorben war? Es waren vor allem zwei Damen in der Stadt, die gerne eine Antwort auf diese Fragen gehabt hätten. Ihnen konnte Mutter Soubirous die dringende Bitte, Bernadette mit zur Grotte gehen zu lassen, nicht abschlagen. Auch hoffte sie, ihr Töchterlein würde bei einem nochmaligen Besuch sicher von ihrem kindlichen Wahn geheilt werden.

 

„Frage die Dame, wer sie sei und was sie wolle“, sagten die beiden Damen, „lass dir alles gut erklären, oder besser noch, lass alles aufschreiben, so dass wir sicher wissen, sie gut verstanden zu haben.“

 

Am Donnerstag, den 18. Februar, begaben sie sich frühzeitig auf den Weg. Da stießen sie aber auf ein unerwartetes Hindernis. Der Kanal hatte wieder seinen freien Lauf und man konnte daher den Weg über die Insel nicht nehmen, sondern musste, um zur Grotte zu kommen, den hohen Felsen hinaufsteigen, und dann wieder auf steilen, unebenen Pfaden zum Gaveufer hinuntergehen. Die zwei Frauen folgten nur langsam den gefährlichen Weg, sie keuchten und seufzen und verloren schon bald den Mut. Bernadette hingegen ging munter vor, sie eilte, wie von einer unsichtbaren Hand getragen, ohne Mühe hinauf, und zeigte, als sie oben angekommen war, nicht die leichteste Spur von Ermüdung. Mit derselben Sicherheit stieg sie nun den gefährlichen Abhang herunter. Sie kam daher früher als die anderen bei der Grotte an und begann sofort ihr Gebet. Als die Damen erschienen, entrang sich den Lippen des Kindes ein Ausruf der Freude; das liebliche Licht und der Strahlenkranz glänzen in der Nische und eine Stimme ruft: „BERNADETTE!“

 

„HIER BIN ICH“, spricht das Kind, das in der Verzückung die makellose Schönheit anstaunt und zittert vor Glück und Rührung. Die Erscheinung gibt ihm ein Zeichen, sich zu nahen. Die zwei Frauen flüstern ihr zu:

 

„Frage, ob sie gerne sieht, dass wir hier sind, sonst wollen wir uns entfernen.“

 

Bernadette sieht die Dame fragend an, und sagt dann zu den Frauen:

 

„ES IST GUT, SIE KÖNNEN BLEIBEN.“

 

Diese sprechen leise: „ Da sie dir zuwinkt, gehe hin und frage, wer sie ist, warum sie hierhin kommt; ob sie eine Seele ist, die Heilige Messen verlangt. Lass sie alles aufschreiben, was sie wünscht, und verspreche ihr, dass wir gerne all ihre Wünsche erfüllen werden.“

 

Das Kind nimmt das Papier und tritt, ermutigt durch den Blick der Liebe, näher.

 

„LIEBE DAME“, so spricht es, „WENN DU MIR ETWAS MITZUTEILEN HAST, SEI SO GUT, AUFZUSCHREIBEN, WER DU BIST UND WAS DU WÜNSCHST.“

 

Die Erscheinung lächelt über die kindliche Einfalt und spricht:

 

„WAS ICH DIR ZU SAGEN HABE, BRAUCHE ICH NICHT AUFZUSCHREIBEN; MACHE MIR NUR DIE FREUDE, WÄHREND VIERZEHN TAGE WIEDERZUKOMMEN.“

 

„ICH VERSPRECHE ES“, antwortete das Kind.

 

„UND ICH“, so erwidert die Erscheinung, „ICH VERSPRECHE DIR, DICH GLÜCKLICH ZU MACHEN, NICHT IN DIESER, SONDERN IN DER ANDEREN WELT.“

 

„Frage sie“, so sprachen die Frauen noch zu Bernadette, „ob wir dich in den vierzehn Tagen begleiten dürfen.“

 

Das Kind sieht die Erscheinung fragend an und diese antwortet:

 

„SIE KÖNNEN MITKOMMEN, SIE UND AUCH ANDERE; ICH WÜNSCHE HIER VIEL VOLK ZU SEHEN.“

 

Nach diesen Worten hörte die Erscheinung, die dieses Mal über eine Stunde gedauert hatte, auf.

 

VI.

Als Bernadette nach Hause kam, musste sie ihren Eltern mitteilen, was sie versprochen hatte. Diese sahen sich also in ihrer Erwartung enttäuscht. Dennoch wagten sie es nicht, ihr Verbot aufrecht zu halten. In der peinlichen Ungewissheit entschlossen sie sich, die Taufpatin der Bernadette um Rat zu fragen. Diese, eine einsichtsvolle Person, riet, dem Kind die Freiheit zu lassen, machte aber zugleich den Eltern einen Vorwurf daraus, das Kind nicht begleitet zu haben; sie hätten sich selber überzeugen können. Daher entschloss sich die Mutter, fortan mit dem Kind zur Grotte zu gehen.

 

Es war am Freitag, den 19. Februar, als man sich morgens ganz früh in Begleitung einiger Personen dorthin begab; aber wohl hundert Personen hatten sich dort schon versammelt.

 

Bernadette kniete nieder, machte das heilige Kreuzzeichen, wie die Erscheinung sie gelehrt, und einen Augenblick später schien die sichtbare Welt nicht mehr für sie zu bestehen; sie sah die wunderbare Frau und war in Verzückung.

 

„O mein Gott“, rief die Mutter in ihrem Schrecken, „nimm mir mein Kind doch nicht!“

 

„Wie schön ist sie“, rief einer aus der Menge; viele Augen füllten sich mit Tränen, und alle fühlten sich zum Beten angeregt. Die Ekstase hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, als das Kind zu sich kam; im Übermaß des Glücks näherte es sich seiner Mutter und seiner Tante, die es mit der größten Zärtlichkeit an ihr Herz drücken. Auf dem Heimweg sagte das Kind, dass die Dame sich sehr zufrieden gezeigt habe über die treue Erfüllung des Versprechens und ihm noch viele große Offenbarungen versprochen habe.

 

Am folgenden Tag, Samstag, den 20. Februar, zeigte die Erscheinung sich zum fünften Mal, morgens gegen halb sieben Uhr. Dabei lehrte sie Bernadette ein Gebet, das ausschließlich für sie bestimmt war, und dessen Inhalt nie jemand erfahren hat.

 

VII.

Immer mehr wurde in Lourdes über die Begebenheiten an der Grotte gesprochen und geurteilt. Die einen sprachen von Wundern, die andern – vor allem die mehr Gebildeten – lächelten. Aber niemand – und es ist wichtig, das festzustellen –, niemand, der das Kind kannte, wagte damals zu behaupten, Bernadette verstelle sich und wolle betrügen. Darum hielten die Feinde des Übernatürlichen sie für überspannt und krank. Sie glaubte wirklich zu sehen, was sie zu sehen vorgebe. Das war in den Augen vieler die einfachste Lösung.

 

Es gab aber auch solche, die sich mit einer solchen Erklärung nicht so rasch zufrieden stellten. Unter diese gehörte Dr. Dozous, einer der hervorragenden Ärzte der Stadt. Er wollte daher die Sache persönlich untersuchen, und war darum bei der sechsten Erscheinung am 21. Februar zugegen.

 

Wie immer kam Bernadette bescheiden und demütig, aber auch ohne jegliche Verlegenheit. In ungekünstelter Einfachheit kam sie heran, als wäre sonst niemand an dem Ort zugegen gewesen. Die Menge trat ehrerbietig hinzu und jubelte ihr zu, sie aber schien, in sich gekehrt, alles Äußere nicht zu beachten.

 

Hören wir nun, was Dr. Dozous erzählt:

 

Sobald Bernadette bei der Grotte angekommen war, zog sie ihren Rosenkranz hervor und fing an zu beten. Ihr Gesicht zeigte auffallende Veränderungen, die verrieten, wie sie ganz aufging in der Betrachtung der Erscheinung; auf ihrem Gesicht strahlte ein seliges Lächeln, ihre Wangen waren blass, wie weißer Marmor. Während sie ihren Rosenkranz durch die linke Hand gleiten ließ, hielt sie mit der rechten eine brennende Kerze, die aber durch den starken Wind verschiedene Male ausgelöscht wurde; immer aber gab sie dieselbe der nächststehenden Person zum Anzünden. Ich verfolgte alle Bewegungen des Kindes mit großer Aufmerksamkeit. Um zu wissen, wie ihre Atmung und ihr Blutumlauf sei, nahm ich ihre Hand; aber ihr Puls schlug regelmäßig und sie atmete leicht; nichts verriet eine krankhafte Überreizung. Als ich ihren Arm losgelassen hatte, stand sie auf und näherte sich der Grotte. Doch siehe! Plötzlich zeigte ihr Antlitz, auf dem bis jetzt der Ausdruck der höchsten Seligkeit zu lesen war, Spuren der tiefsten Trauer, und aus ihren weitgeöffneten Augen rollten Tränen über ihre Wangen herab. Als sie ihr Gebet beendet hatte, fragte ich sie, was geschehen sei, und sie antwortete:

 

„Eine Zeitlang schaute die Dame über mich in die Ferne und sie schien sehr betrübt. Auf die Frage, was sie betrübe, antwortete sie mir: BETE FÜR DIE ARMEN SÜNDER, BETE VIEL FÜR DIE KRANKE WELT!

 

So der Bericht des Dr. Dozous.

 

Als die Erscheinung aufgehört hatte, ging sie mit derselben Einfalt wiederum nach Hause, und sie schien nicht zu merken, wie aller Augen nur auf sie gerichtet waren.

 

VIII.

Obgleich an der Grotte nichts vorgekommen har, was gegen die Ordnung verstieß, beunruhigte die bürgerliche Macht sich dennoch über das, was sich da zugetragen hatte und über den Zulauf so vieler an einem so engen Ort, wie zwischen den Felsen von Massabielle und dem Fluss.

 

Dazu konnte die Hölle nicht müßig bleiben bei diesen Ereignissen, bei der Verherrlichung derer, die der Schlange den Kopf zertreten hat, bei dem Strom von Gnaden und Segnungen, die die Mutter über ihre Kinder ausgießen wollte. Darum suchte sie die Vertreter der weltlichen Macht zu hintergehen und sich ihrer Hilfe in dem harten Kampf zu bedienen. Der böse Feind beunruhigte einige Besucher der Grotte durch seine Erscheinungen, und da die kirchliche Obrigkeit sich über die Erscheinungen an Bernadette noch nicht ausgesprochen hatte, wurden sie mit denen des bösen Feindes auf eine Stufe gestellt und hartnäckig bekämpft.

 

Bernadette musste von einem weiteren Besuch der Grotte abgehalten werden. Dann würden die Erscheinungen und der Zulauf des Volkes von selber aufhören.

 

Als die Seherin am 21. Februar die Kirche verließ, wurde sie von einem Polizeidiener angehalten und im Namen des Gesetzes zum Kommissar geführt. Als die erregte Menge das Kind in Schutz nehmen wollte, wurden sie von einem vorbeigehenden Priester beruhigt mit den Worten: „Lasset die Obrigkeit ihre Wege gehen!“ Schon bald stand Bernadette vor dem Polizeikommissar. Ein Bewohner desselben Hauses, der Herr Estrade, hat uns das Verhör aufgezeichnet.

 

Erst ließ der Kommissar das Kind alles erzählen, was dessen Herz in den letzten Tagen erfüllte, und er machte lange Aufzeichnungen auf einem großen Blatt. Dann stellte er im Ton der größten Liebenswürdigkeit eine lange Reihe von Fragen nach den geringfügigsten Kleinigkeiten, und zwar so rasch, dass das Kind kaum Zeit zum Nachdenken fand. Mit rascher Feder schrieb er jede Antwort auf. Nachdem er alles ausgefragt und aufgezeichnet hatte, las er ihr jede Antwort vor, wobei er aber absichtlich den einen oder andern Ausdruck vertauschte und fragte, ob es so gut sei, ob er es so gut verstanden habe. Aber jedes Mal klang es mit der größten Festigkeit und Entschiedenheit: „DAS HABE ICH NICHT GESAGT“, und sie wiederholte buchstäblich, was sie gesagt hatte. Plötzlich änderte Jacomet, so hieß der Kommissar, den Ton der Unterredung, und mit einer drohenden Bewegung und strenger Miene rief er aus:

 

„Du lügst! Du bist eine Betrügerin, und wenn du mir nicht sogleich die reine Wahrheit sagst, lass ich dich einsperren.“

 

Obgleich bestürzt durch diesen plötzlichen Ausfall, antwortete Bernadette kurz und fest:

 

„SIE KÖNNEN MICH IN DAS GEFÄNGNIS BRINGEN LASSEN, ABER ICH KANN ES IHNEN NICHT ANDERS ERZÄHLEN. ICH ERZÄHLE IHNEN DIE REINE WAHRHEIT.“

 

Der Herr Estrade sagte später, er habe nicht gewusst, was mehr zu bewundern gewesen sei, die tiefe Überzeugung des einfältigen Kindes, oder das fein berechnete, schlaue Verhör des Kommissars. Schließlich rief dieser:

 

„Wenn du mir die Wahrheit nicht sagen willst, wirst du mir wenigstens versprechen, nie mehr zur Grotte zu gehen.“

 

„ICH HABE ABER DER DAME VERSPROCHEN, HINZUGEHEN.“

 

„Bah!“ rief der Kommissar, „meinst du, ich hätte Lust, noch weiter von deinen Dummheiten zu hören; wenn du mir nicht auf der Stelle versprichst, nicht mehr nach Massabielle zu gehen, wird die Polizei dich sogleich wegführen.“

 

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Arbeiter trat ein; er war sehr erregt.

 

„Was wünschen Sie?“ fragte der Kommissar.

 

„Ich bin der Vater dieses Kindes, und ich will mein Kind sofort zurück.“

 

Das Verhör hatte ungefähr eine Stunde gedauert, und noch immer wartete draußen die Menge, die Bernadette begleitet hatte. Die Äußerungen der Ungeduld und die Drohungen von Seiten des erregten Volkes gaben dem sonst sehr furchtsamen Mann den Mut, so aufzutreten.

 

„So, sind Sie der Vater dieses Kindes?“ sagte der Kommissar ruhig und mit Nachdruck. „Nun, Sie wissen, welch ein gefährliches Spiel Ihre Bernadette treibt, und dass sie auf dem besten Weg ins Zuchthaus ist. Gewiss ist sie durch jemand in Ihrer Nachbarschaft zu diesem Spiel verführt worden, aber die Komödie muss jetzt ein Ende haben, denn es liegt darin eine Gefahr für die Ruhe der Stadt. Sorgen Sie also, dass Sie das Mädchen zu Hause halten, sonst muss ich sie einschließen.“

 

„Du siehst, mein Kind“, sagte Vater Soubirous auf dem Weg nach Hause, „dass diese hohen Herren von deiner „Dame“ nichts wissen wollen, und dass du Gefahr läufst, ins Gefängnis zu kommen. Du gehst also nicht mehr dahin.“

 

„ACH VATER“, antwortete das Kind, „WENN ICH DORTHIN GEHE, SO IST ETWAS, ICH WEISS NICHT WAS, IN MIR, DAS MICH MIT GEWALT HINZIEHT.“

 

„Wie dem auch immer sei, ich verbiete es dir ausdrücklich!“

 

Das Kind hatte nun einen schweren Kampf zu bestehen; es hatte zu wählen zwischen dem strengen Verbot des Vaters und dem Versprechen, das es der Dame gegeben hatte. Die Drohungen des strengen Kommissars galten ihm nichts, aber der Befehl des Vaters war ihm heilig. Es antwortete darum:

 

„ICH WERDE MICH DANN AUFRICHTIG BEMÜHEN, NIE MEHR HINZUGEHEN UND NICHT MEHR ZU HÖREN AUF DIE INNERE STIMME.“

 

IX.

Am folgenden Tag wurde Bernadette frühzeitig zur Schule geschickt mit dem Befehl, nachher sogleich nach Hause zu kommen.

 

In der Schule tadelten die Schwestern das arme Kind, das sich in der ernsten Fastenzeit einen solchen Spaß erlaube, und die Mitschülerinnen verlachten es.

 

Aber schmerzlicher als dieser Tadel und dieser Spott war für das unschuldige Kind die Angst seiner Seele. Es kam ihm vor, als hange es zwischen zwei Abgründen; einerseits durfte und mochte es den Eltern und den Schwestern nicht ungehorsam sein, andererseits war ihm aber auch der Gedanke unerträglich, dass es etwas Unerlaubtes versprochen habe und nicht gehorchen solle.

 

Betrübt ging das Kind gegen zwölf Uhr nach Hause. Plötzlich wird es aber zurückgehalten; etwas Unsichtbares hindert es, seinen Weg fortzusetzen; zu wiederholten Malen will es weitergehen, aber es ist einfach unmöglich; zugleich erinnert eine innerliche Stimme es an das der Erscheinung gegebene Versprechen. Mehr getrieben von einer geheimen Macht als durch den eigenen Willen, geht das Kind also zur Grotte. Kaum hat aber ein Polizeidiener die Absicht des Kindes erraten, so folgt er ihm zur rotte. Dort hatte sich schon eine große Menge Volkes eingefunden. Wie gewöhnlich kniete das Kind nieder, aber keine Spur einer Veränderung zeigte sich in seinem Gesicht, und wie innig es auch bat, die Erscheinung zeigte sich nicht. Diese Prüfung war für das Kind viel schwerer als alles andere, und es weinte bitter. Einige riefen ihm dazu noch spottend zu: „Siehst du wohl, deine Frau ist bang vor den Gendarmen.“

 

X.

Als das Kind zu Hause ankam, frug der Vater, warum es so lange ausgeblieben war, und in aller Einfalt erzählte es, was geschehen war.

 

„Und du sagst, dass eine unsichtbare Macht dich gegen deinen Willen mitgenommen habe?“

 

„JA“, antwortete das Kind.

 

„Das muss wahr sein“, sagten die Eltern sich, „denn Bernadette hat noch nie gelogen. Und jetzt“, so sagte der Vater, „jetzt verbiete ich dir nicht mehr, zur Grotte zu gehen.“

 

Der Kommissar hatte aber vernommen, dass Bernadette trotz seines Verbotes wieder zur Grotte gegangen war; er ließ daher den Vater mit dem Kind zu sich kommen und versuchte sie von neuem von dem Besuch der Grotte abzuschrecken. Diesmal erwiderte der Vater aber ganz energisch:

 

„Herr Jakomet, Bernadette hat noch nie gelogen, und wenn der liebe Gott, die Mutter Gottes oder ein Heiliger sie ruft, dürfen wir ihr nicht verbieten zu folgen. Der liebe Gott könnte uns dafür strafen.“

 

„Das sind nur Märchen“, antwortete der Kommissar, „und wenn das Mädchen noch zur Grotte geht und das Volk beunruhigt, werde ich euch beide zu strafen wissen.“

 

„MEIN GOTT“, rief Bernadette aus, „ICH GEHE ALLEIN DORTHIN, UM ZU BETEN, ICH RUFE NIEMAND, UND WENN DORT MENSCHEN KOMMEN, IST DAS DOCH NICHT MEINE SCHULD. DAS KOMMT DAHER, DASS MAN GESAGT HAT, ES SEI DIE MUTTER GOTTES, DIE DORT ERSCHEINE; ICH HABE DAS ABER NIE GESAGT.“

 

Der Kommissar begriff in der Tat sehr gut, dass das Kind nichts tue, was vor dem Gesetz strafbar wäre, und er beschloss daher, mit dem Herrn Dutour, dem Prokurator des Kaisers, die Sache zu überlegen; denn dieser hatte Bernadette am 21. Februar auch schon ausgefragt.

 

XI.

Am folgenden Tag, Dienstag, 23. Februar, war wieder vor Sonnenaufgang eine große Menge an der Grotte versammelt. Bernadette kam, und von allen Seiten rief man: „Sehet, da ist die Heilige.“ Das Kind schien nichts zu hören. Es kniete nieder, nahm seinen Rosenkranz und verneigte sich tief. Das alles geschah mit einer so ungekünstelten Einfalt, als wäre es allein in der Kirche gewesen, um seine gewöhnlichen Gebete zu verrichten. Während es still betete, lag auf dem Antlitz der Ausdruck einer heiligen, ungeduldigen Sehnsucht.

 

Plötzlich aber erhob es sich mit dem Ausdruck freudiger Bewunderung, und es schien einer andern Welt anzugehören. Seine Augen glänzten hellauf, ein himmlisches Lächeln spielte um seine Lippen, und ein außerordentlicher Liebreiz war über das ganze Wesen ausgegossen. Bernadette war nicht mehr Bernadette. Sie glich den Engeln, die der Apostel uns beschreibt, wie sie in Verzückung das himmlische Lamm anbeten.

 

Die Erscheinung rief dem Kind zu:

 

„BERNADETTE!“

 

„HIER BIN ICH“, antwortete dieses.

 

„ICH HABE DIR EIN GEHEIMNIS ANZUVERTRAUEN, ABER DU MUSST MIR VERSPRECHEN, ES NIEMAND IN DER WELT MITZUTEILEN.“

 

„ICH VERSPRECHE ES DIR“, war die Antwort.

 

Das Gespräch ging weiter, und während die Erscheinung sprach, zitterte das Kind vor Wonne und Freude.

 

„UND NUN, MEINE TOCHTER“, so sprach die Erscheinung, „gehe zu den Priestern, und sage ihnen, dass ich wünsche, man möge hier eine Kapelle bauen.“

 

Nach diesen Worten verschwand die Dame. Wohl blieb das Kind noch einige Zeit betend da, aber es war nur mehr ein ganz gewöhnliches Pyrenäenkind.

 

Man fragte das Kind, was die Dame gesagt habe, und es gab zur Antwort, dass sie ihm drei Geheimnisse zu erkennen gegeben habe, die es aber niemand mitteilen dürfe. Auch jetzt war das Kind sehr erstaunt, dass die Umstehenden das Gespräch nicht verstanden.

 

„DIE ERSCHEINUNG SPRICHT DOCH LAUT GENUG“, sagte es, „UND AUCH ICH SPRECHE WIE GEWÖHNLICH.“

 

Wohl sahen die Zuschauer, dass die Lippen des Kindes sich bewegten, aber sie konnten kein Wort vernehmen.

 

XII.

Vielleicht wird der Leser sich schon gefragt haben, was die Geistlichkeit in Lourdes dachte über das, was an der Grotte geschah.

 

Da wir Bernadette jetzt auf Befehl der Erscheinung zum Pfarrer gehen sehen, ist es an der Zeit, diese Frage zu beantworten.

 

Weder der Pfarrer der Stadt, der hochw. Herr Peyramale, noch einer der drei Herren, die ihm in der Seelsorge behilflich waren, kannten das Kind, dessen Name auf aller Lippen war. Denn erst vor vierzehn Tagen war es nach Lourdes gekommen. Der hochw. Herr Pomian, der die Kinder auf die erste heilige Kommunion vorbereiten musste, wollte das Mädchen kennen lernen, und rief es bei seinem Namen. Ein zartes, schwaches, schlecht gekleidetes Kind stand auf. Der Geistliche sah in ihm nichts Außergewöhnliches; nur dessen Einfalt und große Unwissenheit in religiösen Dingen fielen ihm auf.

 

Erst seit zwei Jahren stand der Pfarrei der hochw. Herr Peyramale vor. Dieser war ein frommer Priester mit einem gesunden Verstand und einem goldenen Herzen. Ein feuriger Eifer für die Ehre Gottes und der Religion verzehrte diesen apostolischen Mann; er war offen, nach außen hin sogar etwas schroff, und kannte in seiner Liebe für das Gute keine Schwäche. Musste ein Missbrauch ausgerottet werden, oder stand die Ehre der Religion auf dem Spiel, so schonte er niemand. Man verzieh ihm aber gerne seine unverblümte Sprache, denn er war in Lourdes bekannt als jemand, der, streng gegen sich selber, alles für andere tat, was die Liebe nur fordern konnte. Wenn man ihn mit seiner verschlissenen Soutane, seinen groben Schuhen und seinem verschossenen Hut durch die Straßen von Lourdes gehen sah, wusste jeder sehr gut, dass das für den Kleiderschrank und für den Haushalt bestimmte Geld in die Hände der Armen geflossen war. „Er kann sehr unbequem sein“, sagten sogar die Freidenker von ihm, „aber er ist mildtätig und hängt nicht an dem Geld. Trotz seiner Soutane ist er der beste Mensch von der Welt.“

 

Als er zum ersten Mal von den Erscheinungen sprechen hörte, zuckte er mit den Schultern über die vermeintlichen Märchen. Als aber seine Pfarrkinder ihn öfter aufsuchten, um seinen Rat einzuholen, musste er doch zuhören, stellte auch wohl die eine oder andere Frage, aber er gab keine Antwort, wenn man nach seiner persönlichen Meinung fragte. Nicht allein ging er selber nicht zur Grotte, sondern er verbot auch seinen Kaplänen jeden Besuch daselbst. Eines Tages rief er nämlich dieselben zu sich und sprach zu ihnen:

 

„Sie wissen, meine Herren, dass sonderbare Gerüchte verbreitet werden über sogenannte Erscheinungen in einer gewissen Grotte an der Gave. Ich weiß nicht, was wahr und was erdichtet ist in diesen Erzählungen. Was ich aber für uns Priester für sehr wichtig halte, das ist, dass wir außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen. Sind die Erscheinungen himmlischen Ursprungs, so wird der liebe Gott uns schon rufen, wenn die von ihm bestimmte Zeit gekommen ist. Sind es aber nur Täuschungen oder vom Geist der Finsternis hervorgerufen, so hat der liebe Gott unsere Hilfe nicht nötig, um den Betrug aufzudecken. Würden die Erscheinungen später für echt erklärt, so würden die Feinde des Übernatürlichen sagen, diese Entscheidung wäre von uns herbeigeführt; würden sie aber für falsch erklärt, so würden sie uns mit Recht auslachen. Es würde deshalb voreilig sein und verkehrt, wenn einer von uns zu der Grotte gehen würde.“ Daher verbot er seinen Kaplänen dieses, und so hielt die Geistlichkeit sich in kluger Vorsicht zurück, während das Volk von allen Seiten zusammenströmte. Und diese strenge Zurückhaltung machte auch sogleich dem dummen Geschwätz ein Ende, dass die ganze Geschichte von der Geistlichkeit angezettelt sei; sie bewies, dass nicht die Hand der Menschen im Spiel sei, und dass die wahre Ursache dieser Volksbewegung höher gesucht werden musste.

 

Heute nun sollte der Pfarrer das Kind selber bei sich sehen. Gerade betete er im Garten sein Brevier, als Bernadette vor ihn hintrat. Er fragte sie, wer sie sei und was sie wünsche.

 

„ICH BIN BERNADETTE SOUBIROUS“, antwortete die Kleine verlegen.

 

„Ah, bist du es“, sagte der Pfarrer, „man hört ja schöne Geschichten von dir, Kind, komm mit mir herein.“

 

Der Pfarrer war ein Herr von hoher Gestalt; er hatte ein strenges und ernstes Wesen. „OBGLEICH ER SEHR GUT IST“, sagte das Kind in seiner Einfalt, „BIN ICH DOCH BANGER VOR DEM PASTOR, ALS VOR DEN GENDARMEN.“ Aber jetzt nahm sein Gesicht einen noch strengeren Ausdruck an, was das Kind noch mehr erschreckte.

 

Als er im Zimmer war, fragte der Pfarrer, ohne dem Kind einen Stuhl anzubieten:

 

„Nun, lass sehen, was willst du?“

 

Bernadette errötete und hatte all ihre Kraft nötig, um ihre Sendung auszuführen.

 

„DIE DAME AN DER GROTTE“, sagte sie nach einigem Zögern, „GAB MIR DEN AUFTRAG, DEN PRIESTERN ZU SAGEN, DASS SIE AN DEM FELSEN VON MASSABIELLE EINE KIRCHE WÜNSCHE, UND DAZU BIN ICH HIERHIN GEKOMMEN.“

 

Der Pfarrer tat, als wisse er nichts, und sagte:

 

„Was sagst du von einer Dame an der Grotte?“

 

„ES IST EINE SCHÖNE FRAU, DIE MIR AM FELSEN VON MASSABIELLE ERSCHEINT.“

 

„Gut, aber wer ist diese Frau? Kennst du sie? Kommt sie aus Lourdes?“

 

„SIE KOMMT NICHT AUS LOURDES, UND ICH KENNE SIE NICHT.“

 

„Und nimmst du denn von jemand, den du nicht kennst, Aufträge an?“

 

„ABER, HERR PFARRER, DIE DAME AN DER GROTTE SIEHT ANDEREN FRAUEN GAR NICHT ÄHNLICH.“

 

„Was meinst du damit?“

 

„ICH MEINE, DASS SIE SCHÖN IST, WIE MAN ES, SCHEINT MIR, IM HIMMEL SEIN MÜSSE.“

 

Der Pastor zuckte wie gleichgültig die Achsel, in der Tat aber hatte er Mühe, seine innere Rührung zu unterdrücken, als er fortfuhr:

 

„Und hast du nicht nach ihrem Namen gefragt?“

 

„JA, GEWISS, ABER DANN NEIGT SIE DAS HAUPT, LÄCHELT UND ANTWORTET NICHT.“

 

„Sie ist also stumm?“

 

„WENN SIE STUMM WÄRE, HÄTTE SIE MIR NICHT DEN AUFTRAG GEBEN KÖNNEN, ZU IHNEN ZU KOMMEN.“

 

„Nun denn, erzähle mir, wie du sie gesehen hast.“

 

Während Bernadette sprach, ließ der Pastor sie Platz nehmen; er sah sie scharf an und ließ sich nicht ein einziges Wort entgehen, aber immer mehr sah er ein, dass er eine Seele vor sich hatte, hell und klar wie der reinste Bergkristall. Nicht allein schien ihm alles, was das Kind sagte, möglich, sondern er begriff auch, dass ein so einfaches Kind keinen Begriff haben konnte von diesen Dingen, wenn es nicht in übernatürlicher Weise erleuchtet wurde. Und so schien alles den Stempel der vollkommensten Wahrheit zu tragen. Als Bernadette schwieg, war der Pfarrer fast ganz überzeugt; die Sorge für seine Herde mahnte aber zu großer Vorsicht, und er wollte daher mehr überzeugende Beweise abwarten. Darum ermahnte er Bernadette, den Erscheinungen Misstrauen entgegenzusetzen. „Du bist offenbar das Opfer einer Einbildung.“ Bernadette schwieg und neigte ehrfurchtsvoll das Haupt. Der Pfarrer aber erhob sich und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. Endlich blieb er wieder vor dem Kind stehen und sprach:

 

„Jedenfalls musst du der Dame, die dich geschickt hat, sagen, dass es nicht die Art des Pfarrers von Lourdes sei, zu unterhandeln mit Personen, die er nicht kennt; dass er daher verlange, dass sie ihren Namen nenne und ihm beweise, dass dieser Name ihr zukomme. Hat deine Dame Recht auf eine Kapelle, so wird sie mich verstehen; versteht sie mich nicht, so bitte sie in meinem Namen, mich künftighin mit ihren Botschaften in Ruhe zu lassen.“

 

Ohne ein Zeichen der Gutheißung oder von Unzufriedenheit zu geben, richtete das Kind seinen klaren, unschuldigen Blick auf den Pfarrer, neigte das Haupt und ging hinaus. Der Pfarrer sah ihm nach und sprach zu sich:

 

„Das ist offenbar ein Kind der Vorsehung.“

 

XIII.

Mittwoch, den 24. Februar, fand die achte Erscheinung statt. Am frühen Morgen schon waren viele Menschen, auch aus den Nachbardörfern, an der Grotte versammelt. Bernadette kam zur gewohnten Stunde und kniete nieder. Während sie in Verzückung war, konnte man einen Zug tiefer Trauer auf ihrem Antlitz wahrnehmen; in Tränen gebadet, näherte sie sich auf den Knien und küsste wiederholt den Boden. Als sie beim wilden Rosenstrauch angekommen war, richtete sie ihre Augen fragend auf die Erscheinung, wandte sich dann zu den Anwesenden und rief dreimal: „BUßE, BUßE, BUßE!“ Es waren die Worte, die die Erscheinung ihr zugerufen hatte.

 

Schon in der sechsten Erscheinung, Sonntag, den 21. Februar, hatte die Dame Bernadette gebeten, für die Sünder zu beten. Warum jetzt wieder diese ernste Mahnung? War das das Zeichen, das der Pfarrer gewünscht hatte?

 

O, die Frau, die da erschien, würde noch große Wunder wirken, um ihre Macht zu offenbaren und ihre Liebe und ihren Wunsch, die Menschen glücklich zu machen. Aber diese mussten ihr entgegenkommen; sie waren verblendet durch die Sünde und, gleichgültig für die wahren Güter, benutzten sie die Gaben des Himmels zum eigenen Verderben. Sie wusste es, die gute, besorgte Mutter, dass „die Sünde die Völker unglücklich macht“, und dass es „dem Menschen nichts helfe, wenn er auch die ganze Welt besitzt, aber Schaden leidet an seiner Seele.“ Darum will sie alle Menschen erinnern an die Notwendigkeit der Buße, sie will uns das von vielen schon längst vergessenen Worten Jesu ins Gedächtnis zurückrufen: "Suchet vorerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzugegeben werden“; sie will alle auf den Empfang ihrer Gaben vorbereiten durch die Reinigung des Herzens, durch die Zufriedenheit mit dem göttlichen Willen, auch in den Prüfungen dieses irdischen Lebens.

 

XIV.

Der folgende Tag, Donnerstag, der 25. Februar, schien in seinem Anfang ein Tag schwerer Enttäuschung für alle zu sein, die an die Echtheit der Erscheinungen glaubten, in seinem späteren Verlauf aber lieferte er einen neuen, schlagenden Beweis, dass sie wohl nicht geirrt hatte.

 

Nach einigen Minuten stillen Gebetes begab Bernadette sich zur Grotte, küsste den Boden hinter dem Rosenstrauch, dann stieg sie hinab und kam wieder in Entzückung. Nachdem sie ungefähr zwei oder drei Gesätze des Rosenkranzes gebetet hatte, erhob sie sich von neuem, schien aber unschlüssig zu sein, was sie tun solle; in ihrem Zweifel wandte sie sich zum Gave und ging zwei oder drei Schritte vorwärts. Dann sah sie sich plötzlich um, als ob sie gerufen wurde, und lauschte den Worten, die aus dem Felsen an ihr Ohr zu dringen schienen. Sie nickte bejahend und ging jetzt nicht mehr zum Gave, sondern zum Inneren der Grotte, und zwar zur linken Ecke hin. Als sie die Hälfte der kleinen Anhöhe erreicht hatte, schaute sie verwirrt umher, blickte fragend zum Felsen hinauf, neigte sich zur Erde und fing an, die Erde aufzuwühlen. Die kleine Grube füllte sich bald mit Wasser; nach einigen Augenblicken trank sie davon und wusch sich das Gesicht. Auch pflückte sie einige Kräuterblättchen ab und aß sie.

 

Die Zuschauer verstanden natürlich von alledem nichts. Als das Kind sich erhob, um sich wieder an den Ort zu begeben, wo es vorher gekniet hatte, war sein Gesicht von dem Schlamm ganz beschmutzt.

 

Bei diesem Anblick trat an die Stelle der Bewunderung ein tiefes Mitleid, und man rief aus: „Das arme Kind ist irrsinnig geworden.“ Bernadette aber schien von dem Ausruf nichts zu merken und ging ruhig an seinen Platz. Als man ihr das Gesicht abgewaschen hatte, schien sie seliger denn je, und mit einem himmlischen Lächeln fing sie von neuem an, die Erscheinung zu betrachten. Diese verschwand schließlich gegen sieben Uhr, und nun wurde das Kind von allen Seiten nach einer Erklärung seines sonderbaren Benehmens gefragt.

 

Es antwortete: „WÄHREND ICH BETETE, SAGTE DIE ERSCHEINUNG MIR: GEHE UND TRINKE UND WASCHE DICH AN DER QUELLE, UND ISS VON DEN KRÄUTERN, DIE DORT WACHSEN! DA ICH HIER NIE EINE QUELLE GESEHEN HABE, GING ICH ZUM GAVE. DIE ERSCHEINUNG RIEF MICH ABER ZURÜCK UND GAB MIR EIN ZEICHEN, ZUR GROTTE ZU GEHEN; ICH FAND ABER DA KEINE SPUR EINER QUELLE UND FING AN, ZU GRABEN. DER BODEN WURDE PLÖTZLICH FEUCHT. ICH LIESS DAS SCHMUTZIGE WASSER ERST EIN WENIG HELLER WERDEN; DANN HABE ICH DAVON GETRUNKEN UND MICH DAMIT GEWASCHEN.“

 

Große Verwirrung brachte die Nachricht vom Entstehen der Quelle bei den sogenannten Gebildeten hervor, und sie schrien laut und schrieben in ihrem Organ „Lavedan“, es sei Unsinn, was da vom Entstehen einer Quelle vom einfältigen Volk geredet werde. Was man da sieht, werden einige Wassertropfen sein vom letzten Regen, die sich da auffingen und allmählich durchrieselten. So gaben die Herren selber gegen ihren Willen Zeugnis für das große Wunder von Lourdes, die wunderbare Entstehung der Quelle. Diese wurde kräftiger, und nach einigen Tagen war der Wasserstrahl dick wie ein Kinderarm, und bis heute liefert die Quelle täglich 124000 Liter Wasser. Der Ursprung der Quelle ist also wunderbar. Aber dieses geheiligte Wasser sollte auch eine wunderbare Kraft besitzen, es sollte in Lourdes und in der ganzen Welt zahllose Wunder wirken. Schon am folgenden Tag geschah solch ein Wunder an dem blinden Bourriette.

 

Dieser war Steinhauer und fristete seit vielen Jahren ein trauriges Dasein. Als er (es war ungefähr 20 Jahre her) mit seinem Bruder in der Steingrube arbeitete, sprang in der Nähe eine schlecht geleitete Mine. Der Bruder war auf der Stelle tot; Ludwig hingegen war schwer verletzt, und man fürchtete auch für ihn das Schlimmste. Vor allem hatte die Sehkraft des rechten Auges sehr gelitten; daher konnte der arme Mann nur die gröbste Arbeit verrichten. Als er nun von der wunderbaren Quelle hörte, rief er sein Töchterchen und sprach zu diesem:

 

„Kind, gehe und hole mir von dem Wasser; ist es die seligste Jungfrau, die dort erscheint, so braucht sie nur zu wollen, um mich gesund zu machen.“

 

„Vater“, sagte das Kind zurückschreckend, „hier ist Wasser, es ist aber so schmutzig.“

 

„Das macht nichts“, antwortete er, und er fing an, zu beten.

 

Kaum hatte er aber unter innigen Gebeten seine Augen eingerieben, da entringt ein Schrei sich seiner Brust, und er zitterte am ganzen Leib. Langsam wurde es hell in dem kranken Auge, und nach einiger Zeit sieht er so genau wie damals vor seiner Krankheit.

 

An einem der nächstfolgenden Tage begegnete er dem Dr. Dozous.

 

„Ich bin gesund geworden!“, ruft er diesem zu.

 

„Das ist unmöglich“, erwiderte dieser, „das Organ selber ist verletzt. Meine Behandlung hatte nur die Absicht, Ihre Schmerzen zu lindern, das Licht konnte sie aber nie Ihren Augen wiederbringen.“

 

Dann schrieb er auf ein Stück Papier einige Worte und sagte: „Wenn Sie diesen lesen können, werde ich überzeugt sein.“

 

Bourriette sieht sich das Papier an, und mit dem Auge, das vor kurzem ganz leblos war, liest er die Worte:

 

„Bourriette hat ein unheilbares Augenleiden und wird nie gesund werden.“

 

Der Arzt war wie vom Blitz getroffen, als er den Mann die feine, undeutliche Schrift lesen hörte. Er ließ ihn von einem Professor untersuchen, aber auch dieser musste das Übernatürliche dieser Heilung feststellen.

 

Noch einige andere Heilungen fanden statt, und die Begeisterung des Volkes, aber auch der Ärger der Freidenker wuchsen beständig. Am Abend begaben Arbeiter aus den Steingruben, unter denen sich auch Bourriette befand, sich an die Arbeit, einen möglichst sicheren Weg zur Grotte herzustellen; andere setzten ein hölzernes Rinnsal an die Quelle und bauten ein Bassin, um das wunderbare Wasser darin zu sammeln.

 

XV.

Es war, als wolle der Himmel selber am folgenden Tag, dem ersten Freitag in der Fastenzeit, das Volk ermuntern, eifrig das geheiligte Wasser zu benutzen. Denn an jenem Tag wurde überall das Evangelium vorgelesen vom Schafteich in Jerusalem. Dieser war ein Wasserbassin mit fünf Hallen. In ihnen lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Ein Engel des Herrn stieg nämlich zuzeiten in den Teich hinab, und das Wasser kam in Bewegung. Wer nun zuerst nach der Bewegung des Wassers in den Teich hinabstieg, wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet sein mochte. Tausende würden im Lauf der Zeiten die heilende Kraft dieses von der Königin der Engel gesegneten Wassers an sich erfahren.

 

Freitag, den 26. Februar, zeigte die Erscheinung sich zum zehnten und am Sonntag zum elften Mal; bei diesen Erscheinungen fiel aber nichts Besonderes vor, ebensowenig bei der zwölften, am 28. Februar, und der dreizehnten, am 1. März; bei der letzten waren ungefähr 2000 Menschen zugegen.

 

XVI.

Am Dienstag, den 2. März, fand die vierzehnte Erscheinung statt. Als die Verzückung vorüber war, konnte man es dem Kind ansehen, dass es über etwas nachgrübele. Auch der Tante, die bei ihm war, fiel das auf, und sie fragte, was das bedeute. Traurig gab das Kind zur Antwort:

 

„ICH BIN IN DER TAT IN VERLEGENHEIT, DA DIE ERSCHEINUNG MIR WIEDER DEN AUFTRAG GEGEBEN HAT, ZUM HERRN PFARRER ZU GEHEN, UND IHM ZU SAGEN, DASS SIE EINE KAPELLE WÜNSCHE.“

 

Das Kind bat die Tante, sie möge mitgehen zum Pfarrer, was diese auch tat. Der Empfang war auch dieses Mal sehr kühl.

 

„So“, fragte der Pfarrer, „was kommst du mir erzählen? Hat die Dame gesprochen?“

 

„JA, HERR PFARRER“, antwortete das Kind, „UND SIE WIEDERHOLTE, WAS SIE SCHON GESAGT HAT, DASS SIE EINE KAPELLE WÜNSCHE, UND SIE HAT HINZUGEFÜGT: ICH WILL, DASS MAN IN PROZESSIONEN HIERHER KOMME.“

 

Jetzt konnte der Pfarrer sich nicht halten. Er sollte eine Prozession einrichten zum Felsen von Massabielle, und das auf seine eigene Autorität!

 

„Deine letzten Worte beweisen, dass die Dame eine unwissende Person ist; sonst müsste sie wissen, dass ein Pfarrer keine Prozession einführen kann, dass das Sache des Bischofs ist.“

 

„ABER“, erwiderte das Kind, „SIE HAT AUCH NICHT GESAGT, DASS DIE PROZESSION JETZT SCHON GEHALTEN WERDEN MÜSSE. ICH HABE SOGAR VERSTANDEN, DASS SIE VON DER ZUKUNFT SPRECHE.“

 

Diese Antwort verblüffte den Pfarrer, und staunend schaute er auf das sonderbare Kind, das trotz seiner Einfalt in seinen Antworten so schlagfertig war. Doch da er dem Gespräch ein Ende machen wollte, sagte er:

 

„Sage der Erscheinung in meinem Namen, sie möge in Gegenwart der Menge den Rosenstrauch blühen lassen, auf dem sie steht. Dann werde ich deinen Worten Glauben schenken und dich zur Grotte begleiten.“

 

Der Pfarrer vergaß, dass Gott sich vom Menschen keine Vorschriften machen lasse; er wirkt Wunder, aber nur, wenn es ihm gefällt. Inzwischen hielt der Pfarrer es aber doch für ratsam, den hochwürdigsten Herrn Bischof seiner Diözese (Tarbes) von allem in Kenntnis zu setzen. Dieser riet, die größte Vorsicht anzuwenden, bestätigte das Verbot des Pfarrers von Lourdes bezüglich der Grotte und dehnte es auf alle Priester seiner Diözese aus.

 

XVII.

Am 3. März betete Bernadette lange Zeit vor der Grotte. Es fand aber keine Erscheinung statt.

 

Der 4. März war der letzte der vierzehn Tage; allgemein erwartete man irgendein glänzendes Wunder. Daher strömten schon während der Nacht von allen Seiten die Menschen zusammen, so dass man ihre Zahl auf ungefähr 20 000 schätzte. Welch ein Schauspiel an jenem Ort, wo sonst fast nie ein Mensch gesehen wurde! Eine solche Menge lärmt, weint und ruft und drängt sich zum Felsen hin, um das wunderbare Schauspiel aus nächster Nähe beobachten zu können. Da kommt Bernadette, schlicht in ihrer Kleidung, schlicht in ihrem ganzen Benehmen, und scheint auch jetzt nicht wahrzunehmen, wie bei ihrem Erscheinen alles ruft: „Da ist die Heilige!“ – wie alle Häupter voll Ehrfurcht entblößt werden, wie eine außergewöhnliche Erregung sich des ganzen Volkes bemächtigt hatte. Kaum hatte das Kind sich hingekniet, als schon die himmlischen Strahlen der Entzückung sein Antlitz zu verklären begannen. Auch jetzt bat das Kind, die Erscheinung möge ihren Namen angeben; die Stunde war aber noch nicht gekommen. Die Dame lächelte auch jetzt wieder auf die Frage des Kindes, gab aber keine Antwort.

 

XVIII.

Von den vielen Heilungen, die in diesen Tagen stattfanden, wollen wir nur eine erwähnen.

 

Das zweijährige Söhnlein der Eheleute Bouhohorts, Justinus, lag am Nachmittag des 4. März sterbend in seiner Wiege. Das Kind war von Geburt an gelähmt, und das Fieber verzehrte jetzt seine letzten Kräfte.

 

„Ich gehe zur Jungfrau!“ rief plötzlich die Mutter in ihrer Verzweiflung.

 

Ihr Mann versuchte sie zurückzuhalten; denn die Todesfarbe überzog bereits des Kindes Antlitz. Plötzlich aber reißt die Mutter das sterbende Kind aus seiner Wiege und rennt die Straße hinunter mit dem Ruf: „Die Jungfrau der Grotte wird ihn heilen!“ Herzzerreißend ist ihr Rufen um die Hilfe Mariens, und die, die sie sehen, halten sie für irrsinnig. An der Grotte angekommen, nimmt sie ihr Kind, macht das heilige Kreuzzeichen über das Kind und über sich und taucht den Jungen bis an den Hals in das eiskalte Wasser. Ein Schrei des Entsetzens steigt auf aus der Menge, und von allen Seiten stürzt man herbei, um die Frau zurückzuhalten. Diese aber scheint taub zu sein, ein Bild des Schmerzes, des innigsten Gebetes und des lebendigen Glaubens.

 

„Lasst sie nur“, sagen andere, „das Kind ist ja tot, und die Frau ist wahnsinnig vor Schmerz.“

 

„Nein, es ist nicht tot“, ruft sie, „die heilige Jungfrau wird es heilen!“ – und sie hält das arme Kind über eine Viertelstunde in dem Wasser.

 

Zu Hause legt sie es wieder in seine Wiege; in größter Spannung horcht sie, und hört das Kind ruhig atmen; das belebt ihren Mut. Sie ruft ihren Mann; und er freut sich über den ruhigen Schlaf des Kindes.

 

Der Junge schlief ruhig bis zum folgenden Morgen; die Mutter aber schlief keinen Augenblick. Sie saß an der Wiege und horchte und blickte jeden Augenblick auf ihren Liebling. Am frühen Morgen erwachte das Kind, verlangte Nahrung und wollte dann aus seiner Wiege heraus. Die Mutter konnte aber jetzt nicht an eine Heilung glauben, und das Kind blieb an jenem Tag in seiner Wiege.

 

Den nächsten Tag mussten die Eltern heraus. Bei ihrer Rückkehr sehen sie das Kind durch as Zimmer laufen. Sprachlos vor freudigem Erstaunen falten sie die Händchen des Kindes, und aus ihren dankbaren Herzen steigt ein Gebet empor zum Thron der Mutter der Barmherzigkeit.

 

Das Kind wuchs heran in Gesundheit und Kraft, und bei der feierlichen Prozession der wunderbar Geheilten am 23. August des Jubeljahres 1908 eröffnete Justinus Bouhohorts, eine Fahne tragend, den Zug.

 

XIX.

Seit dem letzten der vierzehn Tage war Bernadette noch oft zur Grotte gegangen, aber erst am 24. März vernahm sie in ihrem Inneren jene geheimnisvolle Stimme, die sie mit unwiderstehlicher Gewalt dorthin zog.

 

Am frühen Morgen des Festes Mariä Verkündigung, dem 25. März, ging sie an den ihr so teuren Ort. Sie war voll frohen Mutes und voll Sehnsucht, denn seit zwanzig Tagen hatte sie die Erscheinung nicht mehr gesehen. Sie beeilte sich, und dennoch ist bei ihrer Ankunft die Dame schon da und erwartet sie.

 

„NACHDEM ICH MIT IHR ÜBER ALLES GESPROCHEN HATTE, WAS MEIN HERZ ERFÜLLTE“, sagte das Kind, „NAHM ICH MEINEN ROSENKRANZ; WÄHREND ICH BETETE, DRÄNGTE SICH ABER IMMER WIEDER DER WUNSCH AUF, IHREN NAMEN ZU ERFAHREN. ICH BEFÜRCHTETE ABER, ICH MÖCHTE DURCH DIE WIEDERHOLUNG MEINER FRAGE LÄSTIG WERDEN, ZUMAL DA SIE BIS JETZT IMMER UNBEANTWORTET BLIEB. ABER DER WUNSCH, DENNOCH DEN NAMEN ZU ERFAHREN, VERFOLGTE MICH SO BEHARRLICH, DASS ICH KAUM ETWAS ANDERES ZU DENKEN VERMOCHTE.“

 

Als das Kind endlich die Frage gestellt hatte, neigte die Erscheinung wieder das Haupt, lächelte, gab aber auch jetzt keine Antwort. Das Kind fragte zum zweiten Mal:

 

„O LIEBE DAME, SEI SO GUT, MIR ZU SAGEN, WER DU BIST UND WIE DU HEISSEST.“

 

Die Erscheinung schien noch mehr zu strahlen und noch innigere Freude zu verkosten, aber die Antwort blieb aus.

 

Bernadette hielt aber an und wiederholte noch einmal ihre Bitte.

 

Die Erscheinung schien noch mehr in die selige Glorie versenkt und noch demütiger dem unendlichen Gott dafür zu danken, während sie noch eine kleine Weile das Stillschweigen bewahrte. Endlich aber senkte sie langsam ihre Arme, öffnete beide Hände und stand, wie sie auf der wunderbaren Medaille abgebildet ist. Dann faltete sie die Hände wieder, erhob sie bis zur Brust, hob ihre Augen mit dem Ausdruck des innigsten Dankes gegen Himmel und sprach mit zitternder, ziemlich leiser Stimme:

 

„ICH BIN DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS.“

 

Nach diesen Worten verschwand die Erscheinung, und das Kind stand wie die andern vor einem kahlen Felsen; aber das Geheimnis der Grotte war jetzt enthüllt.

 

Die kleine Hirtin aber hörte diese Worte zum ersten Mal, und sie dieselben nicht kannte noch verstand, hatte sie große Mühe, sie zu behalten.

 

„ICH WIEDERHOLTE AUF DEM GANZEN WEG IMMER DIESE WORTE“, sagte sie, „DAMIT ICH SIE NICHT VERGESSEN MÖCHTE, UND BEI JEDEM SCHRITT SAGTE ICH IMMER WIEDER „UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS“, DA ICH DEM HERRN PFARRER DIE WORTE DER ERSCHEINUNG MITTEILEN WOLLTE, DAMIT DIE KAPELLE ERBAUT WÜRDE.“

 

Sie traf den Pfarrer vor der Kirche. Er hatte bereits vernommen, dass die Erscheinung ihren Namen offenbart hatte. Er richtete daher gleich an das Kind die Frage:

 

„Ist es also die allerseligste Jungfrau, die du siehst?“

 

„ICH GLAUBE ES NICHT, HERR PASTOR, ES IST DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS.“

 

Der Pfarrer erbleichte bei diesen Worten, und mit zitternder Stimme sprach er:

 

„Wer hat dir dieses Wort gesagt?“

 

„DIE DAME.“

 

„Hast du es früher nie gehört?“

 

„NEIN, HERR PASTOR.“

 

„Gehe jetzt! Ich muss allein sein; komme morgen nach der Heiligen Messe zurück.“

 

Und Bernadette ging. Der Pfarrer aber war jetzt noch mehr von der Echtheit der Erscheinungen überzeugt. Einmal hatte er verlangt, die Erscheinung möge ihren Namen offenbaren und durch ein Wunder beweisen, dass ihr jener Name gebühre. Und Maria, die das Schwache auserwählt, um das Starke zu überzeugen, schickt ihrem Diener ein armes, ungebildetes Kind, sie offenbart ihm ihren Namen – sonst nichts – und der Pfarrer ist überzeugt.

 

XX.

Sechzehnmal war die unbefleckte Jungfrau der Bernadette erschienen. Noch zweimal wollte sie ihr auserwähltes Kind besuchen.

 

Mittwoch nach Ostern, den 7. April, erschien Maria wieder, und auch bei dieser Gelegenheit ereignete sich eine wunderbare Begebenheit, die schon öfter wahrgenommen worden war.

 

Bernadette betete kniend den Rosenkranz, den sie in der linken Hand hielt, während sie mit der rechten eine brennende Kerze hielt. Da die seligste Jungfrau ihr erschien, geriet sie wie immer beim Anblick ihrer unbefleckten Schönheit in Verzückung; unwillkürlich faltete sie die Hände und erhob dieselben ehrfurchtsvoll bis an das Ende der brennenden Kerze. Die Flamme spielte nun zwischen ihren Fingern, schoss darüber hinaus und wurde vom Wind hin und her bewegt, so dass sie immer wieder die Haut berührte, und man von allen Seiten rief: „Sie verbrennt sich ja!“ Trotzdem empfand Bernadette nicht den geringsten Schmerz und konnte nachher an der Hand nichts verspüren. Dr. Dozous beobachtete genau den Vorgang. Er zog seine Uhr hervor und konnte nun feststellen, dass er eine Viertelstunde lang währte. Als das Kind zu sich gekommen war, untersuchte der Arzt ihre Hand, konnte aber nichts daran feststellen. Er fuhr nun mit der brennenden Kerze mehrmals eben unter die linke Hand des Kindes. Dieses zog aber die Hand jedesmal rasch zurück mit den Worten: „Sie verbrennen mich!“

 

XXI.

Der Polizeikommissar und der Prokurator des Kaisers hatten, wie wir schon sahen, Bernadette am Sonntag, den 21. Februar, vernommen und sie bewegen wollen, nicht mehr zur Grotte zu gehen. Als das Kind trotz dieser Mahnungen und Drohungen dennoch immer dorthin ging, vermutete der Kommissar, dass das Kind von den armen Eltern in eigennütziger Absicht dazu ermuntert werde, und er ließ deshalb das Kind und das Haus sorgfältig überwachen. Er musste aber hören, wie man allgemein darüber staune, dass weder Bernadette noch die Eltern jemals auch nur das geringste Geschenk annehmen wollten. Man erzählte – und der Kommissar wusste vielleicht schon mehr davon –, ein Fremder, scheinbar von Mitleid über die schreckliche Armut der Familie gerührt, habe eine mit Goldstücken gefüllte Börse auf die Tafel gelegt. Das Kind aber habe sehr unwillig das Geld zurückgewiesen. „Wir wollen nichts, mein Herr; nehmen sie das zurück!“ Und wie der Besucher auch immer sprach, er musste sein Geld zurücknehmen.

 

Der Kommissar wandte sich nun zu wiederholten Malen an den Präfekten des Departements, Baron Massy, der anfangs über die vermeintlichen Kindermärchen mit den Schultern zuckte.

 

Wohl wurden der Fels und die Höhle nach allen Seiten untersucht, ob nicht doch eine ganz natürliche Erklärung der Erscheinungen gefunden werden konnte. Auch wurde das Kind von geheimen Agenten des Kommissars auf allerhand Weisen untersucht und ausgeforscht, aber die kleine ungebildete Hirtin brachte alle, auch die Geschicktesten und Schlauesten, durch ihre Einfalt und die Klarheit und Bestimmtheit ihrer Antworten in Verlegenheit. So scheiterte also alles, sowohl das Anbieten von Geschenken, als die genauesten Prüfungen und die schlau berechneten Verhöre.

 

Als nun aber der Kultusminister am 10. März den Präfekten von Tarbes um Aufklärung bat über das, was er in den Zeitungen über die Vorgänge in Lourdes gelesen hatte, musste Baron Massy die Sache doch näher untersuchen. Auch er fand nichts in dem Verhalten des Kindes, was straffällig sein könnte vor dem Gesetz; da er aber auch kein Verständnis hatte für das Übernatürliche in den Erscheinungen, beauftragte er den Bürgermeister von Lourdes, Lacadé, das Kind ärztlich auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Obgleich die Doktoren nicht die geringste Störung wahrnehmen konnten und nichts fanden, was eine Einsperrung hätte rechtfertigen können, wollte der Präfekt sich dennoch in dem Sinn entschließen; nur das feste, energische Auftreten des Pfarrers konnte dieses ganz unberechtigte Vorgehen verhindern.

 

„Der Präfekt kann keinen einzigen Grund zur Gefangennahme des Kindes angeben!“ hatte Pfarrer Peyramale gesagt, und er fügte hinzu:

 

„Als Priester liegt mir die Sorge für alle, vor allem für die Schwachen ob, und darum würde ich das Kind auch gegen den Präfekten sogar mit eigener Lebensgefahr verteidigen. Ich kenne die Pflicht, die der gute Hirte zu erfüllen hat; sagen Sie daher dem Herrn Massy, dass seine Gendarmen mich auf der Schwelle der Wohnung der Soubirous treffen werden, und dass sie über meinen Leichnam werden hinschreiten müssen, bevor sie dem Kind auch nur ein Haar krümmen werden.“

 

Der Bürgermeister kannte das Volk zu gut, um nicht zu wissen, dass es sich gegen ihn empören würde, wenn er ohne Einverständnis mit der Geistlichkeit zur Gefangennahme Bernadettes schreiten würde. Er hatte aber im stillen gehofft, diese Maßregel würde den Pfarrer wenigstens kalt und gleichgültig lassen. Wir können uns daher den Schrecken des Bürgermeisters vorstellen, als er sah, wie energisch der Pfarrer das Kind gegen den Präfekten in Schutz nahm. Jetzt weigerte auch er sich, den Befehl des Präfekten auszuführen, und der sonst so furchtsame Beamte ging sogar so weit, dass er seine Entlassung antrug, falls der Präfekt seinen Befehl ausführen würde. Da sah auch Baron Massy ein, dass das unmöglich sei.

 

Bald darauf kamen neue Verfügungen. Die Grotte solle umzäunt und der Zutritt zu ihr untersagt werden. Streng wurde es verboten, Wasser zu schöpfen, die frommen Gegenstände sollten von dort fortgenommen werden. Als diese neuen Verordnungen die Männer von Lourdes zum Widerspruch reizten, als die Schranken viermal niedergerissen wurden und man ernstliche Unruhen befürchtete, da war es wieder das ernste, feste, gemäßigte Auftreten des Pfarrers, das die Gemüter beruhigte und größeres Unheil verhütete. „Keine Gewalttätigkeiten!“ so sprach er. „Ist es Gottes Werk, so wird es schon triumphieren!“

 

In der ganzen Stadt war aber kein Mensch zu finden, der einen Wagen hätte hergeben wollen zum Transport der Gegenstände, die von frommen Leuten dort zum Dank zurückgelassen waren. Schimpfend und höhnisch lachend folgte das erbitterte Volk dem Jacomet auf seiner Wanderung durch die Stadt. Nach vielen nutzlosen Bemühungen wusste der Kommissar endlich eine alte Frau so in Schrecken zu setzen, dass sie ihm ihren Karren für dreißig Franken zur Verfügung stellte. Von seinen Polizeidienern begleitet, begab sich Jacomet nun zur Grotte. Dort standen brennende Kerzen, tausende Blumenstöcke standen am Boden, gegen die Wände hingen allerhand Schmucksachen; in einigen Körbchen glänzten Goldstücke im Wert einiger tausend Franken für den Bau der Kapelle. Alles wurde auf den Karren gelegt.

 

Als man sich aber anschickte, mit ihm die Grotte zu verlassen, da stieg ein dumpfes Murren auf aus der Menge. Jacomet konnte demgegenüber nicht taub sein; denn was konnte er in der Nähe des Gave nicht erwarten von einem Volk, das er so reizte und in seinem religiösen Empfinden so tief verletzte.

 

„Männer von Lourdes“, sprach er daher, „was ich hier ausführe, tue ich nicht in meinem Namen, es stößt mir sogar gegen die Brust. Macht mir daher keinen Vorwurf daraus; ich tue nur meine Pflicht.“

 

Bei dieser feigen Sprache stieg aber der Unwille des Volkes noch mehr, und aus der Menge rief jemand:

 

„Wir wollen keine Gewalt brauchen gegen den Mann; Gott die Rache!“

 

Gegen Abend wurde in der Stadt bekannt gemacht, dass die Gegenstände, die aus der Grotte fortgenommen wurden, zur Verfügung derjenigen ständen, denen sie gehörten und die sie zurückverlangten. Da wurde das Rathaus förmlich gestürmt; die Frauen erbeuteten alles, was vorhanden war, ob es ihnen gehörte oder nicht, und im Triumph ging es zur Grotte, wo alles wieder hingelegt wurde. Am Abend glänzte die Grotte weithin im herrlichsten, farbenreichen Licht.

 

XXII.

Inmitten all dieser Wirren und Enttäuschungen bereitete Bernadette ihr Herz vor auf den schönsten Tag ihres Lebens. Am 3. Juni empfing sie zum ersten Mal den lieben Heiland in der heiligen Kommunion.

 

An diesem Tag war es auch, wo der Gemeinderat von Lourdes beschloss, das Wasser der Grotte zum zweiten Mal untersuchen zu lassen. Der berühmte Chemiker Filhol kam dabei zu einem anderen Ergebnis, als der Apotheker Latour von Trie, der nach der ersten Untersuchung erklärte, man würde wohl vermuten dürfen, dass die medizinische Wissenschaft vielleicht bald in diesem Wasser besondere Heilkräfte finden werde. Hatte diese Erklärung schon genügt, die Gegner des Übernatürlichen mit Jubel zu erfüllen, so war ihre Enttäuschung bitter, als der berühmte Professor Filhol einfach erklärte, das Wasser könne ohne Nachteil getrunken werden, es besitze aber keine Teile, die ihm besondere Heilkräfte mitteilen könnten. Jetzt wussten die Herren, die um keinen Preis an den übernatürlichen Charakter der Erscheinungen glauben wollten, gar keinen Rat mehr. Dennoch fiel es ihrem Stolz zu schwer, sich zu unterwerfen. Blind gegen alle Gründe der Vernunft, mussten sie sich schließlich einer Macht beugen, die höher stand wie sie. Dazu war die Zeit aber noch nicht gekommen.

 

Um auch ihrerseits ihr Kind bei diesen trüben Ereignissen zu trösten und zu ermuntern, erschien Maria ihm noch einmal. Es war am 16. Juli, dem Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel. Gegen Abend betete das Kind in der Pfarrkirche, als es die Stimme vernahm, die es zur Grotte hinrief. Da aber diese, wie auch das linke Ufer des Gave noch immer bewacht wurde, kniete das Kind am rechten Ufer, der Grotte gegenüber. Hier erblickte es zum achtzehnten Mal die erhabene Jungfrau, bei deren Anblick die Seraphim in Verzückung geraten. Es sollte die letzte Erscheinung sein.

 

XXIII.

Inzwischen hatte der Pfarrer dem Bischof von Tarbes, Monsignore Laurence, jeden Tag über die Ereignisse an der Grotte und in Lourdes Bericht erstattet. Er betonte aber auch, dass das Volk allmählich anfange, über den geringen Schutz zu klagen, den die geistliche Macht gegen die willkürlichen Maßregeln der weltlichen bot.

 

Der Bischof aber, der früher den Pfarrer wegen seiner weisen Vorsicht und Zurückhaltung gelobt hatte, wollte jetzt nicht voreilig zu Werke gehen, sondern selber alles gründlich untersuchen. Erst am 25. Juli, als immer mehr wunderbare Dinge sich ereigneten, wurde in allen Kirchen des Bistums Tarbes ein Hirtenschreiben vorgelesen, in dem den Gläubigen mitgeteilt wurde, dass der Bischof eine Untersuchungskommission eingesetzt habe, und die Gläubigen ermahnt werden, den Segen Gottes über die Arbeiten der Kommission zu erflehen. Diese Kommission begann ihre Arbeit aber erst nach drei Monaten, und erst nach drei Jahren legte sie ihr sorgfältig ausgearbeitetes Gutachten dem Bischof vor, der dann am 18. Januar 1862 den langersehnten Hirtenbrief, betreffend die in Lourdes vorgekommenen Erscheinungen, ausfertigte, in dem er den übernatürlichen Charakter der Erscheinungen betonte und die Verehrung der Mutter Gottes von Lourdes genehmigte.

 

XXIV.

Bis Oktober blieb die Grotte und das linke Ufer des Gave von der Polizei bewacht und blieb der Zutritt noch immer verboten. Im Herbst des Jahres 1858 kam Napoleon, wie gewöhnlich, für einige Wochen nach Biarritz; einige vornehme Personen beklagten sich nun über die Handlungsweise des Präfekten von Tarbes und sprachen über die Erregung unter dem Volk. Der Kaiser sprach kein Wort, schellte seinem Sekretär und gab ihm den Auftrag, dem Präfekten von Tarbes telegraphisch den Befehl zu erteilen, den Zaun vor der Grotte sogleich zu entfernen und dem Volk seine Freiheit zu lassen.

 

Dieses Telegramm traf den Baron Massy wie ein Blitzschlag. Jetzt musste er tun, was sein Stolz ihm bis jetzt verboten hat, er musste nachgeben und öffentlich alles widerrufen. Das brachte er aber nicht fertig, und er suchte darum einen Ausweg. Er gab dem Polizeikommissar nur die Weisung, weiter keine Wache an der Grotte zu lassen. Er hoffte, dass das Verbot dann von selber fallen würde, ohne dass es ausdrücklich zurückgenommen würde, und dass das Volk den Zaun schon bald fortreißen würde. So würde ihm ein Teil der Beschämung erspart bleiben. Aber bald sah er sich in diesen Erwartungen getäuscht; nicht ein Finger rührte sich, und so blieb alles, wie es war, nur dass der Besuch der Grotte nicht mehr bestraft wurde. Da kam aber ein zweites Telegramm und die Nachricht, einer der Minister komme nach Tarbes. Das brach allen Widerstand, und der Herr Baron musste nun wohl oder übel im Namen des Kaisers dem Bürgermeister von Lourdes befehlen, den Beschluss des 8. Juni aufzuheben und Jacomet zu beauftragen, die Pfähle, an denen das Verbot angeschlagen war, und den Zaum fortzunehmen. So wurde also am 5. Oktober der Bretterzaun fortgenommen von denen, die ihn errichtet hatten, und jeder hatte nun wieder freien Zutritt zur Grotte.

 

Groß war der Jubel des Volkes, und den ganzen Tag waren die Wege zur Grotte mit Besuchern wie besät; man sang Loblieder zu Ehren der mächtigen Jungfrau, die alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte, man trank das geheiligte Wasser und wusch sich an der Quelle, und man dankte dem Himmel für die milden Gaben seiner Liebe.

 

XXV.

Kehren wir jetzt zu Bernadette zurück, und sehen wir, wie diejenige geehrt wird, die die Königin des Himmels ehren will.

 

Nach den Erscheinungen lebte sie noch 20 Jahre und blieb sie noch 8 Jahre in Lourdes. Hier konnte man sie jeden Morgen zur Schule gehen sehen mit ihrer Tasche, in der sich ein Strickstrumpf, ein A-B-C-Buch und ein Stück Brot, von dem sie an dem Tag leben sollte, befanden. Während im ganzen Land Tausende den Namen des auserwählten Kindes Mariens auf der Zunge hatten, schien es selbst nicht zu begreifen, weshalb man sich doch so mit ihrer Person beschäftigen konnte.

 

Fortwährend musste das arme Kind die Fragen der Neugierigen anhören und beantworten, was ihm bei seiner schwächlichen Gesundheit oft recht beschwerlich wurde. Zehn, ja zwanzigmal am Tag musste es immer wieder dasselbe wiederholen; aber es betrachtete sich als die Botschafterin Mariens und ihrer Liebe, und darum war ihm nichts zu viel. Zu gewissen Zeiten aber, wenn seine Kräfte erschöpft waren und das Asthma es heftig quälte, schien das Kind ganz gleichgültig.

 

Die schwerste Prüfung erwartete es aber am Ende solcher Besuche. Die Armut und das Elend der Familie Soubirous war zur Zeit der Erscheinungen immer drückender geworden, da die Eltern immer von der Arbeit abgehalten wurden. Diese Armut, die sich in den schlechten Kleidern, in den Möbeln des Hauses, in den blassen, abgemagerten Gesichtern der Kinder verriet, musste jedem Besucher auffallen und ihn zu Mitleid rühren. Gewöhnlich bot man nun dem Kind etwas an, damit es der drückenden Not seiner vielgeliebten Eltern und Geschwister abhelfen könnte. Man tat es in der besten Absicht und in der schonendsten, zartesten Weise, konnte aber das Kind oder die Eltern nie bewegen, weder von einem Laien, noch von einem Geistlichen, und wäre er noch so hochgestellt gewesen, auch nur ein Stück Brot anzunehmen. „Hätte dieses Kind reich werden wollen“, sagt Dr. Dozous, „es hätte nur die Berge von Gold anzunehmen gebraucht, die ihm von den reichsten Familien angeboten wurden.“

 

Der Gesundheitszustand der Bernadette wurde immer sorgenerregender, und die Schwestern des Spitals, in dem das Kind die erste heilige Kommunion empfangen hatte, hingen mit aufrichtiger Liebe an ihm. Darum nahmen sie es gerne als bedürftige Kranke in ihr Haus auf.

 

Trotz der sorgfältigen Pflege wurde der Zustand nach kurzer Zeit derart, dass der Rektor ihr die letzten heiligen Sakramente reichte. Die Ärzte gaben sie auf. Nachdem diese sich aber entfernt hatten, gaben die Schwestern ihr ein Löffelchen des wunderbaren Wassers der Grotte, und sogleich fühlte die Kranke sich erleichtert und geheilt.

 

Im Jahr 1862 wurde die nächste Umgebung der Grotte vom Bischof von Tarbes angekauft. Am 4. April 1864 wurde feierlich die marmorne Statue der Erscheinung eingesegnet. Ganz Lourdes hatte Festschmuck angelegt, und eine ungeheure Menge hatte sich angesammelt, um Zeuge dieser Feierlichkeit zu sein. Auch Bernadette wäre gerne beim Fest zugegen gewesen, aber dieses Glück war ihr nicht vergönnt, denn ein ernstlicher Anfall von Asthma hielt sie auf dem Krankenbett zurück, und sie litt die heftigsten Schmerzen. Die demütigste Jungfrau wollte sicher ihr auserwähltes Kind bewahren vor den Regungen der Eitelkeit. Deshalb entzog sie es dem Jubel des Volkes, das auch seinen Namen fortwährend auf den Lippen hatte.

 

XXVI. Schon lange hatte Bernadette über die Frage ihres Berufes nachgedacht, und nach vielen, heißen Gebeten hat sie im zweiundzwanzigsten Lebensjahr um die Aufnahme bei den Schwestern von Nevers, die in Lourdes ihre Lehrerinnen und treuen Pflegerinnen gewesen waren. Am 8. Juli 1866 sollte sie zum Mutterhaus der Kongregation fahren.

 

Schwer wurde ihr der Abschied von der geliebten Familie, schwer auch der Abschied von der Grotte. Am Abend vor ihrer Abreise nach Nevers begab sie sich noch einmal mit zwei Schwestern an den heißgeliebten Ort. Dort brach sie in ein heftiges Weinen aus und reichlich flossen ihre Tränen; sie warf sich mit dem Angesicht zur Erde, und ein lauter Schrei entrang sich ihrer Brust:

 

„O MEINE MUTTER, MEINE MUTTER, WIE WERDE ICH DICH VERLASSEN KÖNNEN?“

 

Sie wollte beten, fand aber keine Worte, und die Perlen des Rosenkranzes wollten nicht durch ihre Finger gleiten. Sie näherte sich dann der Nische, wo die allerseligste Jungfrau gestanden hat, und drückte zu wiederholten Malen ihre Lippen auf den Felsen. Sie kniete nieder, konnte aber diejenige nicht mehr schauen, deren Anblick sie vordem in Verzückung gebracht hatte. Als die Schwestern ihr andeuteten, es sei Zeit, fortzugehen, sprach sie in flehendem Ton:

 

„ES IST ZUM LETZTEN MAL, GÖNNT MIR NOCH EINEN AUGENBLICK!“

 

Der Aufschub wurde noch einmal und wieder ein anderes Mal gewährt, endlich aber waren die Schwestern gezwungen, die Hand des Kindes zu nehmen und es sanft fortzuführen. Blutenden Herzens riss das Kind sich los von dem geliebten Fleckchen, wo es so Herrliches geschaut hatte und das es nun nie mehr wiedersehen würde.

 

„Aber, Bernadette, warum denn so traurig!“, sprachen die Schwestern, als das Kind sich ein wenig beruhigt hatte, „du weißt doch, dass die allerseligste Jungfrau überall bei dir ist, und dass sie dir überall eine gute Mutter sein wird.“

 

„O GEWISS, DAS WEISS ICH, SCHWESTERN“, erwiderte das Kind, „ABER IN LOURDES WAR DIE GROTTE MEIN HIMMEL.“

 

Nach einem kurzen Besuch bei ihren Eltern verließ Bernadette am folgenden Tag, acht Jahre nach den Erscheinungen, Lourdes, das sie nie mehr wiedersehen sollte.

 

Kurz nach der Abreise der Bernadette wurde die Familie von einem harten Schlag getroffen. Mutter Soubirous starb nach einer Krankheit von nur wenigen Tagen am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Der Schmerz der Kinder war groß, der Vater aber war untröstlich, denn in seiner Gattin verlor er alles. Durch ihren lebendigen Glauben und ihren stets frischen Mut stand sie wie ein tröstender Engel an seiner Seite, und durch ihren unverdrossenen Fleiß war sie eine Stütze für seine Kinder.

 

Niemand hatte mehr Mitleid mit dem armen Mann, als Pfarrer Peyramale. Wie fast alle seine Pfarrkinder, war auch er der Überzeugung, dass die Familie Soubirous nur deshalb alle Almosen so standhaft abwies, weil die Erscheinung es so gefordert hatte, und er betete darum viel zur Mutter der Barmherzigkeit, sie möge bei der Bitterkeit und Größe des Elendes die Strengheit ihrer Befehle mäßigen. Endlich, nach langem Zögern, meinte er, die Nachricht, dass eine Mühle zum Kauf angeboten wurde, als eine Antwort des Himmels ansehen zu dürfen. Mit Gutheißung des Bischofs beschloss er, dem Vater Soubirous dieselbe anzubieten. Das geschah. Franz Soubirous nahm das Angebot dankbar an und fing jetzt wieder an, für eigene Rechnung und mit neuem Eifer sein früheres Gewerbe auszuüben. An Aufträgen mangelte es nicht, die Arbeit ging flott, und der Mangel und die trauervollen Tage hatten jetzt ein Ende. Jetzt wäre der brave Mann vollkommen glücklich gewesen, hätte die Mutter noch Zeuge der zurückkehrenden Wohlhabenheit sein können.

 

XXVII.

Bernadette war also zum Mutterhaus von Nevers abgereist.

 

Wir können uns einen kleinen Begriff bilden von der Freude, mit der die Schwestern das auserwählte Kind erwarteten. Wie herrlich würde es sein, aus dem Mund Bernadettes die Geschichte der Erscheinungen zu vernehmen. Aber würde diese allgemeine Liebe und Freude nicht eine gefährliche Klippe sein für die Demut und das Kind nicht auf eitle Gedanken bringen? Und ist es nicht die Eitelkeit, die all unsere guten Werke verdirbt und Gott den Herrn veranlasst. Seine Gnaden zurückzuziehen? Von diesem Gedanken beherrscht, entschloss sich die Oberin, ihre Freude zu verbergen und Bernadette zu empfangen, als habe sie nie etwas von ihr gehört.

 

„Sie sind also die Postulantin, die die Schwestern von Lourdes mitgebracht haben?“

 

„JA, MUTTER OBERIN.“

 

„Wie heißen Sie?“

 

„BERNADETTE SOUBIROUS.“

 

„Welche Arbeit können Sie wohl tun?“

 

„ICH WERDE WOHL NICHT VIEL ARBEIT VERRICHTEN KÖNNEN.“

 

„Aber was werden wir denn mit Ihnen anfangen?“

 

Bernadette neigte das Haupt, antwortete aber nicht.

 

„Wer hat Ihnen denn unser Haus empfohlen?“

 

„MSGR. FORCADE, BISCHOF VON NEVERS.“

 

„Nun ja, dieser gute Mann bringt wohl öfter so etwas fertig. Wir wollen jetzt aber in den Speisesaal gehen, da können Sie etwas zu sich nehmen. Sind Sie morgen nicht zu müde, so können Sie in die Küche gehen und den Schwestern helfen, die das Geschirr spülen.“

 

Indem die Oberin der Postulantin die niedrigsten Beschäftigungen übertrug, wollte sie deren Demut auf die Probe stellen, aber die, welche sie übernehmen musste, litt weniger darunter, als die Oberin, die sie auferlegte. Denn Bernadette suchte nicht groß zu sein in den Augen der Welt, und sie wusste, dass in den Augen Gottes der groß ist, der alles, auch das Geringfügigste, tut aus reiner Liebe zu Gott. Darum hatte sie sich auch nie gefragt, wozu man sie im Kloster verwerten würde, und so begab sie sich freudig an die ihr übertragene Arbeit.

 

Bei der Einkleidung gab man ihr den Namen Maria-Bernhard, und als die demütigste aller Schwestern lebte sie hier, bis sie im jugendlichen Alter von 35 Jahren starb.

 

Wohl fühlte Schwester Maria-Bernhard sich in der ersten Zeit etwas kräftiger, aber das war nicht von langer Dauer. An einem Abend hatte sie ein so heftiges Blutspucken, dass man das Schlimmste befürchtete. Ihre Stunde war aber noch nicht gekommen; es schien aber, dass sie der einen Gefahr nur darum entkam, um einer anderen zu verfallen. Denn das Kreuz ist immer der Anteil der Auserwählten gewesen, und an Bernadette mussten sich die Worte der allerseligsten Jungfrau bewahrheiten: „ICH WERDE DICH GLÜCKLICH MACHEN, ABER NICHT IN DIESEM, SONDERN IN DEM ANDEREN LEBEN.“ Ohne in etwa vorbereitet zu sein, erhielt sie die Nachricht von dem Ableben ihrer Mutter, und fiel darüber in eine lange Ohnmacht.

 

Schon lange war es der stille Wunsch der Schwester Maria-Bernhard gewesen, mit der Krankenpflege betraut zu werden; schon bald aber zeigte es sich, dass dieses Amt ihre Kräfte überstieg; man übertrug ihr daher die Sorge für die Kapelle, wo sie nun den größten Teil des Tages zubrachte.

 

Schon viel hatte Schwester Maria-Bernhard gelitten; es war aber, als sollten mit den Jahren auch ihre Qualen zunehmen. Asthma, Blutspucken, Gicht, Geschwülste, Bein fraß, alle Qualen schienen sich zu vereinigen, um diesen zarten Körper zugrunde zu richten. Oft fühlte sie sich sehr erschöpft, und oft fand man sie ohnmächtig am Fuß des Altares liegen.

 

Aber auch die Seele sollte teilhaben am Kreuz, das für sie bestimmt war.

 

Am 4. März 1874 starb ihr Vater, und die Nachricht davon erfüllte ihre Seele mit unbeschreiblicher Traurigkeit.

 

Bis jetzt hatte Schwester Maria-Bernhard die vollkommenste Zuversicht auf ihre zukünftige Seligkeit. Auch dieser Trost wurde ihr schließlich genommen, und bis zu ihrem Tod wurde sie von Ängsten gequält, die peinlicher sind, als alle körperlichen Leiden.

 

Trotz alledem klagte sie nie, und wenn andere zu ihr sprachen: „Aber, Bernadette, was leiden Sie doch viel“, antwortete sie mit Einfalt und lächelnd: DAS IST JA GUT FÜR DEN HIMMEL!“

 

XVIII.

Den 11. Dezember 1878 kam Schwester Maria-Bernhard wieder auf das Krankenzimmer, das sie jetzt nicht mehr verlassen sollte. Hier, im Angesicht des Todes und der Ewigkeit, erklärte und wiederholte sie in Gegenwart zweier Delegierter der hochwürdigsten Bischöfe von Tarbes und von Nevers und der Generaloberin der Kongregation, was sie als Kind gesehen und von Maria vernommen hatte. Sie war überglücklich, dass sie noch einmal erzählen durfte von den Ereignissen an dem Felsen von Massabielle, und schloss mit den Worten: „JA, ICH HABE SIE GESEHEN, ICH HABE SIE GESEHEN.“ – Es war der 12. Und 13. Dezember.

 

Jetzt konnte Schwester Maria-Bernhard sterben. Ihre Aufgabe war vollführt. Sie litt die grässlichsten Schmerzen, ihr ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Aber wie oft und wie innig mag sie ihre Leiden hingeopfert haben zur Vollendung des großen Werkes, das der Herr durch sie zur Ehre seiner himmlischen Mutter angefangen hat. Dass Maria jeden Tag mehr geliebt und dass ihre Liebe zu den Menschen jeden Tag mehr erkannt werde, das war seit jenen seligen Tagen in Lourdes der fromme Wunsch der Botin Mariens gewesen.

 

Endlich war das Opfer vollendet. Es war Mittwoch in der Osterwoche, 7. April 1879. Als gegen drei Uhr eine Schwester das Krankenzimmer betrat, streckte Schwester Maria-Bernhard die Hände nach ihr aus und rief:

 

„HELFEN SIE MIR, BETEN SIE FÜR MICH!“

 

Dann suchte sie wieder Kraft im Kreuz und drückte die fünf heiligen Wunden an ihre sterbenden Lippen. Ihre Augen blieben auf den Heiland gerichtet und suchten Hilfe in diesen schrecklichen, bangen Augenblicken.

 

Endlich wurde sie ruhiger, zweimal betete sie leise:

 

„HEILIGE MARIA, MUTTER GOTTES, BITTE FÜR UNS SÜNDER, JETZT UND IN DER STUNDE UNSERES TODES.“

 

Zum dritten Mal sagte sie:

 

HEILIGE MARIA, MUTTER GOTTES ...“, weiter kam sie nicht mehr, sie neigte das Haupt und gab ihre unschuldige Seele in die Hände des Schöpfers.

 

Das Begräbnis fand in großer Feierlichkeit zu Nevers statt. Die Leiche wurde in einer Kapelle auf dem Friedhof der Schwestern beigesetzt, und dann, dreißig Jahre später, hat die kirchliche Obrigkeit das Grab öffnen lassen. Sie fand den Leichnam in einem gänzlich unverwesten Zustand. Ob diese Tatsache mehr oder weniger wunderbar ist, wollen wir dem Urteil der Kirche überlassen.

 

XIX.

Wir wissen, mit welcher Sorgfalt die heilige Kirche das Leben und die einzelnen Taten derjenigen untersucht, die ein frommes, heiliges Leben geführt haben, und die der Ehre der Altäre teilhaftig werden sollen.

 

Ein Ereignis aus dem Leben der Schwester Maria-Bernhard möge hier Erwähnung finden.

 

Es war kurz vor dem Tod der Schwester. Eine Mutter hatte ihr vierjähriges gelähmtes Kindchen zur Wallfahrt nach Lourdes mitgenommen, aber ihr Wunsch, ihr Kind gesund zu sehen, war nicht in Erfüllung gegangen. Sie kam nun nach Nevers in der festen Überzeugung, dass ihr Kind geheilt werden würde, wenn Bernadette es einen Augenblick in ihren Armen tragen würde. Die Oberin wollte nichts davon wissen. Endlich aber gab sie ihre Zustimmung unter der Bedingung, dass Schwester Maria-Bernhard nichts von dem Wunsch der Mutter erfahre. Sie gehen also in den Garten, wo die Schwester still betend auf und ab geht. Diese will sich entfernen, die Oberin aber ruft sie zurück und übergibt ihr das Kind, als könne sie dann ungestörter mit der Fremden sprechen. Kaum aber hat die Mutter sich ein wenig entfernt, da wird das Kind unruhig und will zu ihr zurück. Die Schwester lässt es von ihrem Arm heruntergleiten, worauf das Kind in aller Eile zu seiner Mutter läuft. Die arme Schwester, die nicht wusste, dass das Kind gelähmt war, als die Oberin es ihr anvertraute, entschuldigt sich, aber die Oberin gibt ihr kurzweg zu verstehen, dass sie sich entfernen könne, denn sie merkt, dass die Mutter ihre Rührung nicht unterdrücken kann, und sie fürchtet, dass diese das Geheimnis verraten möchte.

 

XX.

So hat also Gott in seiner Liebe und Macht sein Werk vollendet. So hat er zu seiner Ehre den Ruhm derjenigen verkündigt, die ihm das Leben gab und durch ihm auch uns, die durch ihre Treue, ihre Liebe zu ihm und ihre Schmerzen für uns ihm eine unermessliche Ehre und Freude bereitete, und die er mit Herrlichkeit krönt dort oben im Paradies.

 

So hat der Herr sein Werk vollbracht, aber wie am siebten Tag der Schöpfung, da er ruhte von all seinen Werken, so hat er auch jetzt den Menschen empfohlen, aus den Werken seiner Allmacht Nutzen zu ziehen. Wie er Adam das Paradies anbot, damit er es bebaue und die Früchte davon genießen solle, so hat er hier eine Quelle der reichsten Gnaden und Wohltaten eröffnet, und wer demütig an dieser Quelle erscheint, wird auch jetzt das Leben schöpfen und das Heil trinken vom Herrn.

 

Und in der Tat, auch jetzt, nach mehr als hundertfünfzig Jahren, scheint unsere himmlische Mutter nicht müde zu werden, durch Tausende von Wohltaten der Seele und des Leibes ihren Kindern Dank und Freude auszusprechen für die Ehre, die ihr erwiesen, und den unfehlbaren Ausspruch des Stellvertreters Christi zu bekräftigen.

 

Jedes Jahr strömen Hunderttausende aus allen Ländern und Weltteilen dort zusammen; dort sieht man Tausende sich in christlicher Liebe und Eintracht vereinigen am Fuß derer, die aller Mutter ist und das Heil der Kranken und die Zuflucht der Sünder. Dort muss die Liebe der Kinder, die füreinander beten, auf das Mutterherz Mariens eine unwiderstehliche Gewalt ausüben. Das wissen auch die Pilger, die dort niederknieten und ihre Anliegen der Mutter empfahlen. Man sieht es ihnen an, wie ruhig und zufrieden, ja wie glücklich sie von dort hinweggehen, da sie die Überzeugung hegen, dass sie früh oder spät erhalten werden, was ihnen zum Heil ist.

 

Dort kann man sich beim lauten Jubel und den begeisterten Rufen jener Tausende und bei den stillen Bitten und vertrauensvollen Blicken so vieler armen Kranken einen schwachen Begriff bilden von dem Glück der Katholiken, die ihre himmlische Mutter lieben, dort kann man sehen, mit welcher Begeisterung und Liebe der Christ diejenige begrüßt, die wir unser Leben, unsere Süßigkeit, unsere Hoffnung nennen.

 

Ja, dieser Gnadenort ist vor allem ein sprechender Beweis der Liebe Gottes zu Maria und zu uns, ein überaus deutliches Zeichen, dass Maria uns liebt und unsere Herzen zu gewinnen weiß.

 

Darum wird jeder, der den Wunsch der lieben Mutter Gottes erfüllen konnte, sein Leben lang die Augenblicke segnen, an denen es ihm vergönnt war, zu beten an der Stelle, wo die Königin des Himmels einmal stand, wo sie so deutliche Beweise gibt ihrer mütterlichen Liebe.

 

Während der sechs Monate, in denen die großen Prozessionen nach Lourdes ziehen, werden in dem „Bureau des Constalations“ von verschiedenen Ärzten die Kranken eingehend untersucht, die meinen, einige Erleichterung und Besserung in ihren Leiden gefunden zu haben. Jeder Arzt hat das Recht, dabei gegenwärtig zu sein oder die Untersuchung selber vorzunehmen. Im Jahr 1908 waren 625 Ärzte, gläubige und ungläubige, dort anwesend, und in den sechs Monaten wurden ungefähr 200 Protokolle von Heilungen aufgestellt. Daher zählt man auch zu Tausenden diejenigen, die in Lourdes auf wunderbare Weise in Gesundheit des Leibes wiederfanden.

 

Wer aber wird sie zählen, die Tausende, die nicht imstande waren, die Wallfahrt zu machen, und denen durch den Gebrauch des geheiligten Wassers oder die einfache Anrufung Unserer Lieben Frau von Lourdes das kostbarste aller irdischen Güter wiederhergestellt wurde?

 

Wer wird sie zählen, jene Millionen, die in Leiden und Schmerzen Trost und Herzensfrieden fanden beim Besuch der geheiligten Grotte, bei der einfachen Anrufung der unbefleckten Jungfrau? Und erst am Jüngsten Tag werden wir sie sehen, die Millionen, die da einhergingen auf dem Weg des Lasters und des Verderbens, und denen die Jungfrau von Lourdes eine mächtige Retterin wurde, vielleicht in den letzten Tagen ihres Lebens.

 

Auf also zu diesem Gnadenort! Ihr alle, die ihr leidet und betrübt seid, Maria wird euch erquicken, vielleicht heilen, aber jedenfalls euch trösten und mit neuem Mut erfüllen!

 

Auf zu diesem Gnadenort! Ihr alle, die ihr trauert über jemand, den ihr liebt und der den Weg des Herrn nicht wandelt: sprecht über ihn mit derjenigen, die die Zuflucht der Sünder ist, und sie wird diese Seele retten.

 

Sie, die ein Mutterherz für alle hat, wird niemand von sich stoßen.

 

Per Mariam ad Jesum!

 

Durch Maria zu Jesus!

 

Das ist unser Wunsch für alle.