Das Loretto-Kirchlein in Burgau im schwäbischen Landkreis Günzburg

 

In Burgau erhebt sich der Loretto-Berg, vom Volk auch Ritterberg genannt, auf dem ein kleines Kirchlein steht, das gar anmutig und einladend auf die blühenden Fluren des Mindeltales herabschaut und das sein erstes Entstehen der nachfolgenden kindlichen Aussage verdankt:

 

„In Friede und christlicher Eintracht mit ihrem Gatten lebte Agnes, eine fromme Rittersfrau von Burgau auf ihrem Schloss daselbst, als unerwartet auf höheren Befehl ihr Gatte an den kaiserlichen Hof gerufen wurde. Mit Hilfe eines Verräters drangen die Feinde ihres Gemahls bei finsterer Nacht in die Burg. Die fromme Agnes befiel eine Ohnmacht und als sie aus ihr wieder erwachte, lag sie in einem finsteren Kerker auf dem heutigen Loretto-Berg, wohin sie die Feinde ihres Gemahls geworfen hatten. Nachdem sie sich in dieser Verlassenheit durch Gebet und Ergebung in Gottes heiligen Willen selbst so viel als möglich getröstet hatte, bat sie den Kerkermeister nur um ein Bildnis der gebenedeiten Gottesmutter, zu der sie immer eine kindliche Verehrung und Andacht trug. Der rohe Mann gab ihr stattdessen einen Holzscheit mit der trotzigen Bemerkung, sie möge sich selbst ein solches machen. Agnes, ausgerüstet mit einem so festen Glauben, wie ihn der Heiland verlangt, hielt dies gerade nicht für eine Unmöglichkeit, weshalb sie ein Messer verlangte. Spöttisch reichte man ihr ein altes rostiges Messer mit dem Hinweis, wenn sie mit diesem Instrument ein Muttergottesbild zuwege bringe, werde ihr die Freiheit geschenkt werden.

 

Agnes ging hurtig ans Werk, sah aber bald ein, dass ihr Bemühen ein fruchtloses sei und ermattet schlief sie endlich ein. Da erfüllte plötzlich ein himmlischer Glanz das finstere Gefängnis, und sie erblickte die göttliche Mutter vor sich stehen, die sie gar freundlich also anredete: „Dein großes Vertrauen, das du immer zu mir getragen hast, will ich nicht länger unbelohnt lassen. Hier sind drei Bildnisse von mir. Baue über deinem Gefängnis ein Kirchlein und stelle eines davon zur Verehrung der Gläubigen auf. Ein anderes aber sende zur Verehrung nach Rom und das dritte nach Paris. Vertraue auch fernerhin meinem mütterlichen Schutz.“

 

Als die Feinde am Morgen kamen, um mit ihr wegen des Muttergottesbildes, das sie aus einem Holzscheit mit einem verrosteten Messer hätte fertigen sollen, Spott zu treiben, zeigte ihnen die Burggräfin, wundersam gestärkt durch die himmlische Erscheinung, die drei Bilder, die sie beim Erwachen neben sich gefunden hatte. Schauder und Entsetzen ergriff nun plötzlich die Bösewichte und voll Achtung und Ehrfurcht führten sie nun Agnes in die Burggemächer, die sie früher bewohnt hatte, zurück. Bei der erstbesten Gelegenheit nun suchte sie zu entfliehen. Sie war schon bis zum Dorf Röfingen gekommen, als sie vermisst und sogleich von ihren Feinden verfolgt wurde. Aber siehe, da legte sich zum Schutz der frommen Gottesdienerin abermals der Himmel ins Mittel, denn es entstand plötzlich bei heiterem Himmel ein Gewitter, begleitet von einem so furchtbaren Schneegestöber (mitten im Monat August), dass alle weitere Verfolgung eine Unmöglichkeit war. Auf diese Weise kam Agnes in Sicherheit, bis ihr Gemahl wieder zurückkehrte, die Burg eroberte und im Triumph an ihrer Seite in sie einzog.

 

Agnes säumte nun nicht, an der Stelle ihres traurigen Gefängnisses eine Kapelle erbauen zu lassen und in ihr das wunderbar erhaltene Muttergottesbild zur Ehre und zur Verherrlichung Mariens aufzustellen.“

 

Das gegenwärtige Kirchlein wurde im Jahr 1692 von den Bürgern Burgaus nach dem Maß des Hauses von Nazareth, wie es in der Stadt Loretto in Italien noch heutzutage steht, erbaut.

 

Das Kirchlein ist gegen Mittag gebaut und über dem einfachen, aber niedlichen Altärchen befindet sich das schwarzbraune Muttergottesbild. Das Bild ist nach der im vorigen Jahrhundert (18. Jahrhundert) aufgekommene Mode noch gekleidet. Gar oft wird allhier im Jahr, besonders während des Frauendreißigers das heiligste Opfer entrichtet und fast allabendlich von Kindern und anderen, die durch Weltgeschäfte nicht gehindert sind, der heilige Rosenkranz zur Ehre Mariens gebetet. Auch sonst flüchten sich fromme Betende, nicht bloß an Feiertagen, sondern auch an Werktagen aus dem Treiben dieser Welt hierher, um ungestört vor dem Gedränge derselben den Bedürfnissen der Seele obliegen zu können.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

 

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