Kalt Herberg, das Waldkirchlein in Tirol

 

(Von Josef Liensberger, Ave Maria, Februar 1912, S. 29)

 

Vom heiteren Zillertal stieg ich ins ernste Tux und empor zum Hohen Joch. Ein Bruder Studio gab mir das Geleit. Droben tobte wildes Gewitter. Wir gerieten mitten ins Kreuzfeuer grellroter Blitze. Gott lob, nicht lange toste der Sturm. Bald gewann die Sonne wieder den Sieg und bestrahlte noch heller die Silberkronen der Bergfürsten Olperer und Hochseiler. Ins Schmirnertal hinabsteigend, sahen wir am steinreichen Weg ein Bildstöcklein mit der Inschrift: „Franz St. hatte sich 1893 zur Weißen Wand verirrt, war abgestürzt und musste zwei Tage lang verwundet liegen im alten Schnee. Innig rief er die Mutter Gottes an und fand Hilfe, indem ein Almhirt zur Sonntagsmesse gehen wollte und gerade diesen sonst ungewohnten Steig wählte.“

 

Mein Begleiter kannte wohl den Studenten Franz St. und erzählte mir, wie der sich in der kalten Herberge der Schneemulde bemüht hat, vollkommene Reue zu erwecken, und nach der Rettung voll Freude der himmlischen Mutter dankbar geblieben ist. Das war die rechte Stimmung in unserem Gemüt, als wir – eine halbe Stunde vor dem Dorf Schmirn – das Mariahilf-Kirchlein „Kalt Herberg“ sahen.

 

Waldeinsamkeit,

Du grünes Revier –

Wie liegt so weit

Die Welt von hier!

 

Lichte Lärchen und dunkle Fichten halten Ehrenwache rings um das Heiligtum. An ihren Zweigen erglänzen die Regentropfen gleich Edelsteinen in hellen Farben. Im Kirchlein herrscht heilige Stille. Glasgemälde stellen lieblich die Rosenkranzgeheimnisse vor Augen. Golden vom Abendsonnenschein umwoben leuchtet das Gnadenbild „Mariahilf“. Alles erscheint so traulich und beschaulich, wahrhaft heimisch am Gnadenthron der Himmelskönigin:

 

Wir fühlten Engel schweben

Um diesen trauten Ort,

Den sich die Mutter erkoren

Zu ihrer Kinder Hort.

 

Wie hat die himmlische Mutter sich diese Waldeinsamkeit erkoren?

 

Nahe der Kapelle ragt altehrwürdig ein Fichtenbaum, von zierlichem Zaun umfriedet; hier brachte 1735 ein wahrer Verehrer der Mutter Gottes ihr Bild an. Einer wollte gerade diesen Baum umhauen, verletzte sich aber beim ersten Schlag seinen Fuß. Die Fichte blieb stehen. Für das Liebfrauenbild erstand bald ein Kapellchen, aus Holz gebaut. Im strengen Winter war es freilich kalte Herberge. Das Kapellchen erlag sogar dem Druck der reichen Schneemasse, das Bild aber blieb unversehrt. Nun erstand dafür ein Kirchlein, aus Stein gebaut. Im nahen Dörflein Schmirn hielt damals der heiligmäßige Pater Christoph Müller S.J. Mission. Er gab sein Kreuzbild für das neue Kirchlein und erklärte zuversichtlich: „Kalt Herberg wird noch ein berühmter Wallfahrtsort werden.“ Voll Vertrauen feierte hier 1857 ein Neupriester sein erstes Messopfer und zog dann als Missionar in den schwarzen Erdteil. Unter der heißen Sonne dort kam ihm gewiss oft mächtiges Heimweh nach dem trauten Kirchlein hier im kühlen Schatten des Waldes, aber auch immer neues Vertrauen, mit Marias Hilfe das Opferleben zum Heil armer Menschen in Afrika gut zu vollbringen.

 

Im Frühling 1860 schien trübe Aussicht für die Feldfrüchte zu drohen. Da gelobte die Gemeinde, wenn die Ernte doch gelinge, feierlich das Gnadenbild in Prozession umzutragen. Und siehe, sie fanden noch reichlichen Segen und erfüllten mit Freuden das Gelöbnis. Welch lieblicher Anblick: die Prozession mit Kreuz und Fahne in den grünen Hallen des Waldes!

 

An Sonntagen und Liebfrauenfesten nahen so manche Pilger dem stillen Heiligtum, Pilger vom Wipptal herauf und vom Brenner herüber. Sie fühlen es wohl wie die Kalte Herberg doch so traulich-warm erscheint durch das gute Mutterherz, von dem ein Heiliger sinnig sagt: „Das Herz Mariä ist so zärtlich uns gegenüber, dass die Herzen aller Mütter zusammen nur ein Stück Eis im Vergleich mit ihrem Herzen sind.“ So flehen sie mit kindlicher Zuversicht:

 

Hilf, Maria, es ist Zeit,

Mutter der Barmherzigkeit!

 

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