Heiligenblut

Heiligenblut

 

An der Grenze von Tirol und Kärnten, diesen an wunderbarer Naturschönheit so überreichen Alpenländern, erhebt sich der majestätische Großglockner, der König der Riesen der Glocknergruppe in den „Hohen Tauern“. Lange, ehe der Wintersport dort sein Wesen zu treiben begann, glühte die Sehnsucht nach dem Berg, entfacht von wahrer Begeisterung für Gottes Natur, in mutigen Herzen. Wenn heute der Tourist den Berg „erfährt“ und sich seiner Leistung rühmt, darf er doch nicht die Leistung derjenigen vergessen, die anfangs die Höhen dieses Alpenthrones erklommen haben. Die ersten waren: Kardinal-Fürstbischof von Gurk, der im Jahr 1799 die Spitze des Kleinglockners erreichte; im Jahr 1800 war eine Expedition und im Jahr 1802 Generalvikar von Hohenwart so glücklich, den höchsten Gipfel zu erreichen.

 

Wo früher schier unwegsame Pfade durch Klüfte und Schluchten, über Kämme und Zinnen jeden Schritt mit dem Tod bedrohten, bieten heute Schutzhütten und andere Erleichterungen Weisung, Rat und Rast und erleichtern den Aufstieg, der von Kals oder „Heiligen Blut“ seinen Anfang nimmt.

 

Ob viele Touristen einen Gedanken der Bedeutung dieses Namens weihen, der dem Pfarrdörfchen eignet, das sich an den Fuß des himmelanragenden Glockners schmiegt, in tiefer weltvergessener Bergeinsamkeit, umweht von all ihrem Zauber, umtost von all ihren Schrecken? Über die Dächer einer kleinen Häusergruppe blickt die schöne gotische Kirche. Ihr schlanker, spitzer Turm weist wie ein Finger zum Himmel empor, während die stillen Schläfer innerhalb der Friedhofsmauer im Schatten des Gotteshauses ruhen, unberührt vom Wandel der Zeiten, ein Abbild der Unwandelbarkeit Dessen, der im Tabernakel dieses Bergkirchleins wohnt und dessen hochheilige Religion dem Dörflein den Namen schenkte, der ihm wohl für alle Zeit erhalten bleibt.

 

Kirche und Ortverdanken diesen Ruhm dem heiligen Briccius (auch Britius, Bischof von Tours, Frk., + 13.11.444, Nachfolger des hl. Martin von Tours in iesem Amt), der ein Fläschchen mit dem Blut Christi von Konstantinopel brachte, das in dem stillen Kirchlein seinen dauernden Aufbewahrungsorterhalten hat. So berichtet die beglaubigte Legende von „Heiligenblut“.

 

Ob „Heiligenblut“ als Wallfahrtsort heute noch so gesucht und bekannt ist, ob die Bewohner sich noch dieses ehrenden Rufes außerordentlich gediegener Frömmigkeit wert machen wie in der guten alten Zeit? Warum sollte dies anders geworden sein? Die unmittelbaren, furchtbaren Gefahren, die sie immer umringen, die schauerlich-herrliche Natur, die große majestätische Einsamkeit mögen getreue Wächter ihres Glaubens, ihres Bewusstseins der Gottesnähe sein, von der so viele kaum einen Hauch empfinden, die von diesem Dörflein empor zum Gipfel des Glockners wandern, erfüllt und gehoben von Lebenslust und Genuss, unbekannt mit Entbehrung, Sorge, Gefahren und Not, die der Hochgebirgskinder unzertrennliche Gefährten waren.

 

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Der Legende nach war Briccius ein dänischer Prinz, der am byzantinischen Hof in Konstantinopel eine hohe Stellung innehatte. Eines Tages schenkte ihm dort der Kaiser, als aus einem geschändeten Kreuz Blut floss, dieses als Reliquie. Um das kostbare Geschenk vor Räubern zu schützen, hat Briccius seine Wade aufgeschnitten und die Reliquie hineinwachsen lassen. Auf dem Rückweg in seine Heimat wurde er bei der Alpenüberquerung an der Stelle des heutigen Heiligenblut von einer Lawine verschüttet. Aus den Schneemassen wuchsen drei Ähren heraus, wodurch sein Leichnam gefunden wurde. Die Bauern begruben ihn, aber sein rechtes Bein weigerte sich, unter der Erde zu bleiben; schließlich fand der herbeigerufene Bischof das Fläschchen mit dem heiligen Blut in diesem Bein eingewachsen.

 

Für die Reliquie und Briccius wurde in Heiligenblut eine Kapelle errichtet, sie wurde 1253 erstmals urkundlich erwähnt, 1273 erneuert und ab dem 14. Jahrhundert durch die erst 1491 fertiggestellte heutige Pfarrkirche, die Vinzenz von Valencia geweiht ist, ersetzt. In ihr wird die Reliquie im 13 Meter hohen Sakramentshäuschen bewahrt; Briccius' sterbliche Reste liegen in der Krypta.