Guadalupe in Spanien

 

Guadalupe, das Juwel der Estremadura

 

von P. Gerhard Hermes

in „Rosenkranz“, Heft 9+10, September+Oktober 1956

 

La Joya – das Juwel, so nennen die Bewohner des „äußersten“ südwestlichen Spaniens ihr Heiligtum und sein Gnadenbild. Andere Reichtümer haben sie nicht aufzuweisen, diese im jahrhundertelangen Kampf mit einer sonnverbrannten Scholle hart gewordenen und arm gebliebenen Menschen, es sei denn, man rechnete eine große und stolze Geschichte dazu und die zerfallenden Paläste und Eroberer von Mexiko und Perú. Ehern und rau klingt das Lied dieser einsamen Hochebene mit weglosen Schluchten und nackten Gebirgsketten, von heldenhafter Härte und unerhörter Kühnheit singt es, noch aus den Tagen des Bürgerkrieges, aber im Bergtal von Guadalupe wird es zart und innig und offenbart eine im tiefsten Grunde kindliche Seele. Da weiß es um die stete Sorge des um die Herde bangenden Hirten und um die Liebe des Vaters, die für das Kind blutet, und weiß um eine mütterliche Hilfe, die aus der Erde kommt und vom Himmel stammt.

 

Um das „Juwel“, um das Gnadenbild von Guadalupe schlingt sich das Lied und um dies Kleinod drängt sich aller Schmuck und Reichtum zusammen: das Gold und Silber der Könige und Granden Spaniens, die von seinen Fürstinnen gestickten perlenübersäten Gewänder, die Schätze der Kunst, die in allen großen Jahrhunderten der spanischen Geschichte darum rang, der Perle die geziemende Fassung zu geben, rundum dann die herrliche Bergkette der „Sierra de Guadalupe“, auch „Cordillera Marianica“ genannt, und der „Montes de Toledo“, über allem aber die Liebe, das Herz eines großen Volkes, das die Perle wie eine lebendig atmende Muschel umhüllt.

 

Die Geschichte Spaniens ist mit der seiner marianischen Heiligtümer untrennbar verknüpft. Wie die „Reconquista“, die Rückeroberung der Halbinsel, am Heiligtum der Covadonga in Asturien ihren Ausgang nahm, so ging sie zu Ende im Schatten des Heiligtums von Guadalupe; denn der Sieg am Salado, den Alfons XI., am 29. Oktober 1340 gegen eine ungeheure Übermacht mit ganz geringfügigen eigenen Verlusten errang, schwächte die Mauren so empfindlich, dass sie seither keine wirkliche Gefahr für Spanien mehr darstellten und dieser Erfolg war nach der einhelligen Überzeugung der Sieger der Hilfe Unserer Lieben Frau von Guadalupe zuzuschreiben. Nicht anders dachten die „Katholischen Majestäten“, Isabella und Ferdinand, über den Endsieg; denn nach der Einnahme von Granada kamen sie für längere Zeit in ihr neuerbautes Palais von Mirabel bei Guadalupe, um der „Siegerin in allen Schlachten Gottes“ Dank und Huldigung darzubringen.

 

Als die Schlacht am Salado geschlagen wurde, bestand Guadalupe erst wenige Jahrzehnte, Der Ruhm, den das im schwer zugänglichen Gebirge gelegene Heiligtum bereits genoss, ist am leichtesten zu erklären, wenn man die wunderbaren Begebenheiten, von denen die Gründungsgeschichte berichtet, wirklich als geschehen hinnimmt. Danach fand ein Hirte von Caceres nach dreitägiger Suche eine seiner Kühe am Hügel Altamiras, dort, wo sich heute das Kloster erhebt, verendet vor. Als er sie ausschlachten wollte, erschien ihm die heilige Jungfrau, erweckte das Tier zum Leben und befahl dem Hirten, der Geistlichkeit folgendes zu vermelden: Man möge eine hier vergrabene Statue ausgraben und ihr an Ort und Stelle eine Kirche errichten. Ein zweites Wunder, die Erweckung seines toten Töchterleins, überzeugte den (hier wie überall von Berufs wegen misstrauischen) Klerus; man ging daran, den Wunsch der Erscheinung zu erfüllen und erbaute für den Kult des tatsächlich aufgefundenen Bildes eine steinerne Kapelle und eine Einsiedelei.

 

Alfons XI. erwies sich, besonders nach dem Sieg über die Sarazenen von 1340, als freigebiger Schützer und Diener des Heiligtums und ernannte Don Pedro Barossa, nichts Geringeres als einen Kardinal der Römischen Kirche, zum ersten Abt der Einsiedelei. Unter dem Schutz aller spanischen Könige und durch die freudige Verehrung des Volkes entstanden im Lauf der Zeit ein Kloster, ein Dorf, Krankenhäuser, viele Bauernhöfe, Kollegien, Schulen, Gärtnereien, Viehzüchtereien und besonders eine kunstgewerbliche Industrie, wie es keine in ganz Spanien gab. Vor der Gründung des Eskorials war Guadalupe das reichste und berühmteste Kloster Spaniens, und vor dem Aufstieg Zaragozas im 17. Jahrhundert der nationalspanische Wallfahrtsort, dessen Ruhm bis nach Amerika ausstrahlte.

 

Heute ist Guadalupe, wenigstens für den deutschen Spanienreisenden, ein wenig bekanntes und höchst selten besuchtes verborgenes Kleinod. Die Hauptverkehrsstraße Madrid-Badajoz umgeht die „Cordillera Marianica“ nördlich in großen Bogen, und die Verbindungsstraße Mérida-Toledo, an der Guadalupe liegt, vielleicht die kurvenreichste in ganz Spanien, hat noch nicht überall eine Asphalt-Decke. Interessenten sei aber gesagt, dass sie, wenn auch nicht staubfrei, mit dem Personenwagen doch gut befahrbar und auch für Busse passierbar ist. Die Fahrt nach Guadalupe lohnt sich wahrhaftig, und ich habe es im August des vergangenen Jahres nur bedauert, dass wir statt zweier Tage nicht zwei Wochen Zeit zu Verfügung hatten – man wäre auch darin mit dem Schauen und Wundern noch nicht fertig geworden. Guadalupe ist ein steingewordenes Zeugnis der Geschichte und der Kunst Spaniens.

 

Das letzte große Ereignis vom Jahr 1936 ist noch lebendige Erinnerung bei den Franziskanermönchen und den Bewohnern des Ortes: die Befreiung von den Roten, die mit einer erdrückenden Übermacht (wenn ich mich recht erinnere, waren es 2000 Milizionäre gegen kaum hundert Verteidiger) den Ort belagerten, in den sich 5000 Menschen zurückgezogen hatten. Wir trafen gerade in jenen Augusttagen ein, in denen man das Gedächtnis daran beging, und Stadt und Kloster waren erfüllt von diesbezüglichen Gesprächen, in denen wir manche erschütternde Einzelheit erfuhren und vor allem dem Glauben begegneten: Auch diesmal war die Virgen von Guadalupe die Retterin.

 

Von einem andern, weiter zurückliegenden Ereignis, das ich allerdings mit dem nötigen Vorbehalt wiedergebe, hörte ich in der ärmlichen Peluqueria, wo ich mir die Haare kürzen ließ (ach, auch diese Maßnahme half nicht gegen die Hitze, die in den Gassen kochte und die Räume des Klosterhospizes zum Backofen machte, aber Gott segne den jungen Burschen, der ohne elektrisches Gerät höchstens ein Drittel der Zeit brauchte, die man in unseren vornehmeren Gegenden gewöhnt ist!). Die Franzosen unter Napoleon, so erzählte hier ein alter Mann, der mir bereitwillig den Vortritt beim Haarschneiden anbot, hätten bei ihrem Abzug eine Masse silbernes und goldenes Gerät mitgenommen, zehn Wagen voll, schwerbeladen.

 

Nun, auch jetzt ist der riesige Gebäudekomplex – Heiligtum, Festung, Kloster, Hospiz und Museum in einem – noch eine wahre Schatzkammer. Jahrhunderte haben daran gebaut, maurische und christliche Künstler; Königinnen gaben ihr Geschmeide und die Eroberer Amerikas das Gold der neuen Welt (vielleicht, um das Blut abzuwaschen, das so häufig daran klebte?) – man macht sich nur schwer eine Vorstellung davon, was alles an künstlerischen Schätzen oftmals „herrlich wie am ersten Tag“, hier die Jahrhunderte überdauert hat. Und alles vereint sich zu einem Geschmeide ohnegleichen für die „Königin der Estremadura“.

 

Dem Besucher der Kirche, zu der man auf einer Freitreppe von 22 weißen Granitstufen emporsteigt, zeigt sich das Gnadenbild in schier unerreichbarer Höhe, mitten in dem riesigen Altaraufbau, der die ganze Höhe des Chores einnimmt. Hier wird sie von den Volksscharen an den großen Wallfahrtstagen begrüßt. Wer sich aber sozusagen in Privataudienz begeben will, der bemüht sich weitere rund 30 Stufen höher, auf einer hinter dem Chor gelegenen Treppe, dann öffnet sich ihm der „Camarin“, die Kammer der hl. Jungfrau, ein wahrhaft fürstlich ausgestattetes kreisrundes Gemach. Der Pinsel des Lucas Jordán hat darin das irdische Leben der Himmelskönigin in neun farbenprächtigen Bildern geschildert, und noch ist sie dem Erdenpilger nahe: er steht nun auf gleicher Höhe mit dem Gnadenbild, das sich ihm zuwenden kann – es ist auf einem Drehpostament aufgestellt. Die Rückwand des goldstrahlenden Thrones kündet in 60 prachtvollen, erst in den letzten Jahren gefertigten Emailbildern die Wundertaten Unserer Lieben Frau von Guadalupe.

 

Die Legende weist dem Bild hohes Alter und hohe Herkunft zu: Papst Gregor der Große habe es seinem Freund Leander, dem Bischof von Sevilla, für seine Kathedrale mitgegeben. Vor den in Spanien einbrechenden Muselmanen habe man es 711 in die Berge von Guadalupe geflüchtet und dort begraben. Die Kunstgeschichte widerspricht, wie es nicht selten der Fall ist, der frommen Legende und hält das Bild für ein Werk des 13. Jahrhunderts. Das Gesicht der sitzenden, ganz von dem Prunkmantel bedeckten Statue, im Kerzenrauch der Jahrhunderte braun geworden, ist voller Hoheit und Majestät, aber dem Beter erschließt sich darin eine verborgene Süße und die „Schönheit der Königstochter, die ganz inwendig ist“.

 

Gelegentlich verstieg sich ein Bekannter von mir – nach einiger vierwöchigen Spanienreise – zu der Bemerkung: „Jetzt kenne ich Spanien!“ Ich weiß nicht, ob er den Blick, den ich ihm daraufhin zuwarf, richtig verstanden hat – er muss es wohl, wenn er sogar ganz Spanien in vier Wochen verstanden hat. Nein, so schnell geht es nicht. Man müsste Jahre in Spanien zubringen, und doch würde vieles dem Fremden ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Es gibt kaum ein anderes Land, dessen verschiedene Provinzen und Landschaften so verschieden untereinander sind und so kraftvoll ihre Eigenständigkeit bewahrt haben, wie das Land südlich der Pyrenäen. In Guadalupe macht einem schon die Sprache besondere Schwierigkeiten. Immerhin, wir fanden in den Franziskanermönchen und in einer Lehrerin von Cáceres, die am ersten Abend zufällig meine Tischnachbarin im Klosterhospiz war, freundliche und sachkundige Führer und konnten so wenigstens einen kleinen Einblick tun in Kloster und Städtchen Guadalupe.

 

Welch ein Wirbel von Leben um die gigantischen Bauten einer steingewordenen Geschichte! Wohl eine Stunde lang stand ich abends an der Brüstung der großen Freitreppe, verzaubert von dem Spiel, das auf dem Marktplatz vor der Basilika ablief. Die Sonne fiel nur noch in die östlichen Winkel des dreieckigen Platzes und in einem langen Streifen durch die westliche Zugangsstraße quer darüber auf den rauschenden Brunnen, aber ihre Glut war noch aus allen Steinen zu spüren. Zweirädrige Karren holperten über den Platz, schwerbepackte Esel und Maultiere stelzten mit stoischer Eleganz vorbei, Krambudenbesitzer und Obstverkäuferinnen warteten auf die letzten Käufer; ein Omnibus ältester Bauart rumpelte mit Pilgern heran, Frauen füllten am schießenden Wasserstrahl ihre Krüge, Männer standen in Gruppen da oder zimmerten an den Schranken, die den Platz für die Stierkämpfe absperren sollten.

 

Diese volkstümlichen, fast in jedem Städtchen Spaniens veranstalteten Stierkämpfe stellen etwas ganz anderes dar als die großen, von Managern organisierten und von berufsmäßig geschulten Kämpfern durchgeführten. Ich konnte einen solchen in Estella (Navarra) miterleben. Hier tritt der Mensch dem Tier ohne Waffe gegenüber – es ist fast die ganze männliche Jugend des Ortes, die ihre Kraft und Gewandtheit mit der des Stieres misst und dabei zerrissene Hemden und gebrochene Rippen riskiert. Es gibt für diesen Kampf, bei dem das Tier an Kraft, der Mensch an Zahl und Witz überlegen ist, nur die eine Regel: den Stier immer wieder von seinem Angriffsziel abzulenken. Wenn der Stier oder die Zuschauer des Kampfes müde sind, wird er von einem Leittier in sein Gehege zurückgeführt, nicht aber gequält und getötet wie bei den Berufskämpfen. Es ist ein Spiel, an dem man seine ungetrübte Freude haben kann. Es kommt aus dem Volk und wird vom Volk gestaltet und trägt nicht die verwerflichen Züge wie die großen Stierkämpfe (oder bei uns manche Boxveranstaltungen oder Rennen).

 

Die Männer, die an den Schranken zimmerten, mussten sich vorsehen, dass sie nicht versehentlich einen der Jungen, die wie kleine Affen daran herumturnten, die überall und nirgends waren, mit festnagelten. Wenn man wissen will, was spanisches Temperament ist, dann muss man die Jungen und Mädchen beim Tanz und die Kleinen, die ninos und ninas, beim Spiel sehen. Ich finde keinen passenderen Vergleich dafür als das Spiel der den Abendhimmel durchblitzenden Schwalben: siempre rapidisimo – immer im höchsten Tempo.

 

Wieviel verhaltene Leidenschaft musste in den Männern glühen, die mit lässiger Grandezza vorbeigingen oder in Gruppen beieinander standen, wieviel gebändigte Glut in den Herzen der Franziskanernovizen, die in betrachtendem Schweigen im Klosterhof und im Kreuzgang umherwandelten. Spanien ist ein Land fester, traditionsgebundener Formen; und wenn man die glühenden Farben seiner Landschaften in sich aufgenommen, die oft bizarren Bildungen seiner Kunst betrachtet und gelegentlich einen Ausbruch südländischen Temperamentes erlebt hat, dann versteht man, dass dies nicht anders sein kann, will der Spanier nicht sein ganzes Gemeinschaftsleben in Frage stellen. Wie sehr er auf gute Form Gewicht legt, erlebten wir beim Besuch eines vornehmen Hauses, in das wir durch Vermittlung der Lehrerin aus Cáceres Zutritt erhielten. Wir durften alles besichtigen – die Hausherrin selbst führte uns durch die verschiedenen glänzend sauberen Räume, über die breiten Treppen, auf den Balkon, in den säulenumstandenen Hof, wir durften alte Truhen, goldgestickte Gewänder, festlichen Schmuck und prachtvolle irdene Gefäße bewundern, kurz, die Dame war die Zuvorkommenheit selber. Als aber der etwa dreizehnjährige Neffe der Lehrerin sich einen Spaß daraus machte, einen der schönbemalten Teller von der Wand zu nehmen und sich wie einen Heiligenschein hinter den Kopf zu halten, stob es auf einmal wie ein eisiger Hauch zwischen uns, und die gute Lehrerin fand nicht genug Worte der Entschuldigung für das ungezügelte Benehmen ihres Neffen, eines prächtigen Burschen sonst, dem nur seine Lebhaftigkeit einen Streich gespielt hatte.

 

Der Spanier legt Wert auf die in Jahrhunderten gewachsenen und bewährten Formen und ist stolz auf die große Vergangenheit seines Volkes, in einem viel stärkerem Maß, als das hierzulande der Fall ist. Man versteht das, wenn man bedenkt, dass fast acht Jahrhunderte seiner Geschichte durch die Reconquista, die Wiedereroberung des alten Besitzes bestimmt waren. Man verstehe das, wenn man sich vor Augen hält, dass es die Stellung als Weltmacht, die es im 16. Jahrhundert besaß, seither nie mehr erlangt hat. Und man begreift das lebendig, wenn man einen Gang durch die Höfe, Kreuzgänge und Räume der gewaltigen Bauanlagen tut, die sich an die Basilika anschließen. Der eigentliche klösterliche Bau, mit Ausschluss also der Nebengebäude (königlicher Palast, Kolleg usw.), umfasst eine Fläche von 20 000 qm. Seine unregelmäßigen Bauten mit den vielen nachträglichen Änderungen, tragen die Merkmale des jeweiligen Zeitstiles. Der große, doppelstöckige Kreuzgang, der seinesgleichen in der Welt nicht hat, wurde unter Abt Yánez in den Jahren um 1400 gebaut. Zahlreiche Statuen und Bilder aus allen Epochen, darunter in der Sakristei die schönsten Werke Zurbaráns, ferner herrliche Reliquiare bilden den edlen Schmuck der verschiedenen Räume. Den wertvollsten künstlerischen Besitz des Klosters aber stellen zwei einzigartige Sammlungen dar: Die der Choralbücher und die Paramentensammlung.

 

Unter den Hieronymiten, denen Kloster und Wallfahrt seit 1389 bis zur Auflösung des Ordens im Jahr 1835 anvertraut war, bestand in Guadalupe eine berühmte Sängerschule, für deren Bedarf eine Reihe herrlich ausgemalter Choralbücher von riesigem Format in den Schreibwerkstätten des Klosters hergestellt wurden, die meisten im 15. Jahrhundert. Bei den Gottesdiensten sang die ganze Schola aus einem einzigen Buch, das auf einem riesigen, drehbaren Pult aufgeschlagen lag und geöffnet rund einen qm bedeckte. 89 solche Bücher sind in der Sammlung enthalten. Die prächtigen Miniaturen stellen mit besonderer Vorliebe Szenen aus dem Leben der hl. Jungfrau dar.

 

Die zweite, noch eindrucksvollere Sammlung, deren Stücke gleichfalls zum größten Teil in den Werkstätten des Klosters hergestellt wurden, ist die der kirchlichen Paramente: Der Messgewänder, Dalmatiken, Chormäntel, Altarbehänge, Fahnen. Ein einzigartiger, von Farben leuchtender, von Perlen und Edelsteinen blitzender künstlerischer Schatz bietet sich den Augen des staunenden Besuchers dar. Aber man brauchte Tage, um den ganzen Reichtum einigermaßen kennenzulernen. Jedenfalls erhält man davon eine lebendige Vorstellung von der Pracht der Gottesdienste, die an der heiligen Stätte, am ehemaligen National-Wallfahrtsort Spaniens sich entfaltete, und von der Verehrung und Liebe, deren Wellen hier an die „Berge Mariens“ brandeten.

 

Man kann allerdings auch nicht übersehen, dass die Baulichkeiten nicht allweg im besten Zustand sind, ja, dass manche Teile eher Ruinen zu nennen sind. Man kann nicht übersehen, dass eine große Vergangenheit noch nicht bewegende Gegenwart bedeutet. Das ist übrigens der allgemeine Eindruck, den man in Spanien auf allen Gebieten erhält, das religiöse Leben mit eingeschlossen. Es ist hier nicht der Platz, auf die Gründe einzugehen. Niemand weiß besser darum und um die Notwendigkeit eines erneuerten Katholizismus als der spanische Episkopat. Einer seiner Vertreter, Bischof Vicente Enrique Tarancón von Solsona, hat vor einem Jahr in einem inzwischen berühmt gewordenen Hirtenbrief ausführlich dazu Stellung genommen.

 

„Der Tradition“, so sagt er, „eignet eine starke formende Kraft und ungewöhnliche Mächtigkeit im Leben eines Volkes, sofern sie lebendige Tradition ist. Allein, sie ist äußerst gefährlich, sobald sie erstarrt ist, eine Tradition, die nach und nach ihren inneren Gehalt verliert.“

 

Und weiter: „Unser christliches Leben bedarf der Erneuerung. Es ist rachitisch und arm geworden. Wir haben es nicht verstanden, ihm die Stoßkraft und Lebendigkeit zu geben, die der historische Augenblick erheischt. Wir leben weithin unzeitgemäß. Daher hat das christliche Leben einen Teil seiner Wirksamkeit im persönlichen Bereich eingebüßt und fast seinen gesamten Einfluss im Hinblick auf die Gesellschaft verloren.“ – „Es gibt wohl nichts Schlimmeres für ein Volk als eine glorreiche Tradition, die es nicht weiterzuführen und zu erneuern versteht.“

 

So ist die Lage im katholischen, im marianischen Spanien im Wesentlichen nicht anders als bei uns: Wir müssen die Quellen des Lebens, die einer großen Vergangenheit alles bedeuteten, für unsere Zeit wieder neu erschließen, in engstem Anschluss an Maria, das Herz der Kirche, in treuer Befolgung der Weisungen unseres Heiligen Vaters, des sichtbaren Hauptes der Kirche, „für eine bessere Welt!“