Gebet am Marienwallfahrtsort Kevelaer

 

Mutter Christi! – Bitte für uns!

 

Wir knieten am Gnadenbild zu Kevelaer, eine Schar Pilger, die von weitem zu Fuß durch die heiße Sonne den Weg gemacht hatte. Unser Pfarrer betete vor, und während sein fast noch jugendliches Antlitz von Inbrunst erstrahlte, klang seine helle, klare Stimme:

 

Mutter Christi,

Mutter der göttlichen Gnade,

Du reinste Mutter.

 

Und in vollem Chor kam hundertstimmig die Antwort:

 

Bitte für uns!

 

Das klang so schlicht, und doch so eindringlich und vertrauensvoll, - die kräftigen Bässe der Männer mit den weichen Frauenstimmen vermischt, dazwischen hell und klar das Bitten der Kinder, - es war ein Gebet so recht aus voller Brust, ein Flehen, in das jeder ungesucht seine ganze Seele legte.

Manche Leute standen dabei, rau von Natur und geübt im harten Kampf des Lebens, Männer mit harten Schwielen der Arbeit und durchfurchten Gesichtern, Frauen, deren Antlitz schon von den Sorgen und den Opfern zeugten, die sie im Leben trugen.

Sie alle waren wie Kinder geworden an der Gnadenstätte der Mutter, sie hatten die Hände gefaltet, die Knie gebeugt, und riefen vereint: „Bitte für uns!“

Hier fühlte jeder, wie nahe er Maria, der Mutter, stand; hier fühlte er auch so recht, wie nahe sie dem Heiland stand.

Mancher Mensch hat sein Mütterlein so lieb, und doch kann er es nicht fertig bringen, in der Not des Lebens zu ihr zu gehen, denn er weiß, sie helfe so gerne, und doch würden seine Klagen ihren Kummer nur vermehren, denn sie hat nicht, womit sie helfen soll, die Macht liegt nicht in ihren Händen.

Warum ist es denn bei Maria so ganz anders?

So mancher irdische König hat seine Mutter sehr geehrt und ihr zuliebe sogar Gnadenerweise erteilt. Dass sie aber in die Staatsgeschäfte „hineinregierte“, haben sich wohl die meisten verbeten.

So mancher Priester hat seiner Mutter so schön die Sorge vergolten, mit der sie ihn zum heiligen Stand erzog. Man erzählt ja aus dem Leben des seligen Dominikanerpapstes Benedikt XI. einen so schönen Zug der kindlichen Ehrfurcht. Aber seine Mutter die Heilige Messe mitlesen lassen, oder ihr sonstige priesterliche Verrichtungen anzuvertrauen, das sind Dinge, die den Kreis der Möglichkeiten überschreiten.

Und das kennzeichnet den Unterschied zwischen einer irdischen Mutter und der Mutter Christi.

„Christus“ ist ein griechisches Wort und heißt „der Gesalbte“. Das bedeutet nach der Auffassung jener Zeit so viel wie: König, oder Priester, oder Prophet. Und mit Recht. Denn da die Menschheit Christi durch seine Gottheit gesalbt ist, ist er ein König von solcher Majestät und regiert in seiner Kirche auf Erden ein Reich von solcher Erhabenheit, dass vor ihm alle irdischen Könige und Regierenden wie Zwerglein dastehen, und alle irdischen Königreiche und Mächte wie Spielhäuschen eines Kinderbaukastens.

Und doch hat Christus den Plan ausgeführt, seine Mutter an der Regierung dieses ungeheuren Reiches teilnehmen zu lassen und durch ihre Hand Segen über die Menschheit auszugießen.

Deshalb haben wir so vertrauensvoll in Kevelaer gebetet: „Mutter Christi, - Bitte für uns!“

Christus ist auch der ewige Priester, der die große und einzige Messe am Kreuz gelesen hat, so dass die Messen aller Priester auf Erden nur die Fortsetzung dieses großen Kreuzopfers sind. Auch hier hat er seine Mutter an diesem Opfer tätigen Anteil nehmen lassen. Sie stand bei ihm am Altar des Kreuzes und opferte blutenden Herzens mit ihm. So geht auch der Segen aller anderen Heiligen Messen durch die Hände seiner Mutter.

Auch das war ein Grund, warum wir mit Vertrauen in Kevelaer und auch sonst immer wieder beteten: „Mutter Christi, - Bitte für uns!“

Und glaube mir, lieber Leser, wir haben nicht umsonst gebetet!

 

Kevelaer