Eine Pilgerfahrt nach Maastricht

 

Die Heiligen sterben nicht

 

Von W. V. D. Randel

Aus „De Katholieke Illustratie“

Nassaulaan 51, Haarlem, Holland, 1948

 

(Die Hauptstadt von Limburg, die Stadt „Mariae des Meersterns“, die Stadt des heiligen Servatius, die civitas regia, das Rom Hollands, die Stadt der 21 heiliggesprochenen Bischöfe, hielt ihre alle sieben Jahre stattfindende Heiligtumsfahrt, bekannt, berühmt und verehrt nicht allein im Süden bis weit in das Land von Lüttich, sondern auch im Norden, in ganz Holland.)

 

So habe ich dich wiedergesehen, königliche Stadt, civitas regia, du Rom der Niederlande, und habe mich geborgen gefühlt innerhalb deiner prächtigen römischen Wälle. Deine milde Luft durfte ich atmen, die duftet nach Weihrauch, Wein und „Maastrichts aaid“, von dem Werumeus Buning einst sagte, dass er fast wie Wein sei.

 

Mit Trauer sah ich deine einst so schöne alte Maasbrücke und mit frohem Herzen den Traumwald deiner Türme.

 

Wie gewöhnlich konnte ich nicht vorbeigehen an der grauen Basilika der mittelalterlichen Burg, ohne sie zu grüßen, Maria „Meerstern“, die dort steht mit ihrem göttlichen Kind, einer Königin gleich, in einem Meer von Kerzen, mit einem stets wechselnden Hof andächtiger Verehrer zu ihren Füßen.

 

Den uralten Bittweg entlang hörte ich das Murmeln der Gebete und das leise Rascheln der Rosenkränze. Denn deine Kinder sind, Gott sei´s gedankt, noch tief gläubig, und sie schämen sich nicht, dies in der Öffentlichkeit zu zeigen.

 

Ich durfte dich wiedersehen zur Zeit der Heiligtumsfahrt, in den Tagen deines höchsten Glanzes, wenn deine Kinder Gott, Maria und St. Servatius zu Ehren beten und singen.

 

Ich habe in der jahrhundertealten St.-Servatius-Kirche verweilt, die von Monulphus und Gondulphus auf dem Grab des „Großen Herrn von Tricht“ erbaut wurde. Da war der Kaisersaal, das Wunder der Baukunst, und mein Herz erfreute sich beim Anblick der romanischen Pforte und ihrer Heiligen, die dort in ehrwürdiger Hierarchie aufgestellt sind.

 

Noch immer steht die dunkle Krypta, wo sich der vergoldete Reliquienschrein des heiligen Servatius befindet. Hier ruhten einst auch die Erbauer des Heiligtums, und die Legende erzählt, dass Monulphus und Gondulphus auf Gottes Befehl aus ihrem Totenschlaf aufstanden und mit ihren dürren Gebeinen in der Nacht nach Aachen gingen.

 

Du kannst die Ehre in Anspruch nehmen, den ersten Bischof der Niederlande in deinen Mauern gehabt zu haben. Es war St. Servatius, dem ein Engel den Bischofsstab in die Hand gab. Dies geschah Jahrhunderte bevor der heilige Willibrord und der heilige Bonifatius ihren Fuß auf den Boden der rauen Küste Nordhollands setzten, um den Heiden das glorreiche Evangelium zu verkünden. Einundzwanzig Bischöfe haben hier residiert, und alle sind sie heiliggesprochen worden. Von St. Lambertus, der der zweitletzte war – er lebte im 5. Jahrhundert –, erhielt der heilige Willibrord viel Unterstützung bei der Christianisierung des Nordens.

 

An dieser heiligen Stelle, in dieser halbdunklen Krypta, standen Kaiser und Könige und ehrten die Heiligen der Maasgaue. Hier beteten fast alle Merowinger und Karolinger Fürsten, von Chlodwig (um das Jahr 500) angefangen bis zum letzten Karolinger, der im Jahr 1001 in St. Servatius begraben wurde. Deutsche Kaiser und Könige, Burgunder und Habsburger, bis zu Philipp II. von Spanien, stiegen einst in diese Gruft hinab.

 

Du königliche Stadt, die, wie der erste niederländische Ritter-Dichter Hendrick van Veldecke sagt, „in eijnem dal schon ende liecht … daer twee water tsamen gaen … dats de jeker en die mase“ (in einem Tale, schön und licht … da zwei Wasser zusammengehn, das ist die Jeker und die Maas) liegt, du zeigst uns deine Kostbarkeiten und Reliquien als Höhepunkt der alle sieben Jahre stattfindenden Pilgerfahrt, wie du es mit kurzen oder längeren schmerzlichen Unterbrechungen seit mehr als tausend Jahren getan hast. Nicht nur, dass du uns durch deine Priester diese Schätze zeigen lässt, du lässt sie auch durch alle Straßen tragen, und auch die Schätze deiner Schwesterstädte Tongern, Aachen, Lüttich und Visé. Denn du weißt, du Schöne und Weise, dass für die streitende Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen Staatsgrenzen nicht die geringste Bedeutung haben.

 

So zog dieser glanzvolle Zug durch deine reichgeschmückten Straßen, angeführt durch Herolde, die die nach Tausenden zählenden Pilger zu Gebet und Betrachten auffordern. Tausende deiner bittenden und singenden Kinder folgten. Die Trösterin der Betrübten und Königin des Friedens, der Meerstern, wurde mitgetragen und das prächtige schwarze Kreuz von Wijk. Auch die goldenen und silbernen Brustbilder der Heiligen und die unzähligen Reliquien. All deine Kostbarkeiten und die deiner Schwesterstädte zeigst du uns. Auch der Notschrein von St. Servatius war diesmal wieder dabei, so genannt, weil du ihn in Zeiten großer Not mittragen lässt.

 

In all seinen Heiligen wird Gott verherrlicht auf diesem Hochfest, und wir, die streitende Kirche, die Glieder in der Gemeinschaft der Heiligen, hoffen, dass Gott uns erheben möge zu der Heiligung, die unsere Bestimmung ist.