Ein wiedererstehender Wallfahrtsort in Bosnien

 

(Aus: „Ave Maria“, Heft 8, 1913, S. 173)

 

In einer der lieblichsten Gegenden Bosniens, beim Dorf Bila, zwei Bahnstationen von Travnik entfernt, erhebt sich am Ufer der Laschwa der „heilige Berg“, auf dessen Gipfel in grauer Vorzeit ein Römerkastell, später aber ein Kirchlein der Mutter Gottes stand, das zur Zeit der Türkeninvasion zerstört wurde. Doch hat das gläubige Volk die vielen Gnaden nicht vergessen, die einst von dieser heiligen Stätte ausgingen, und zahlreiche Gebetserhörungen zogen auch nach der Vernichtung des Gotteshauses die frommen Beter von weither hinauf auf den „heiligen Berg“, ja nicht wenige legten den rauen und steilen Weg auf ihren Knien zurück. Die ganze düstere Türkenzeit hindurch wurde alljährlich auf dem Gipfel das heilige Messopfer unter freiem Himmel dargebracht, und dies geschah auch noch die letzten drei Dezennien hindurch unter der segensreichen habsburgischen Herrschaft. Freilich jammerte das Volk oft genug beim Anblick der Ruinen des alten Kirchleins und wünschte die schönen Zeiten zurück, wo der Wallfahrtsort noch in Blüte stand; doch konnten die Katholiken in ihrer Armut nicht an eine Wiederherstellung des Kirchleins denken.

 

Vor ein paar Jahren trugen sich nun in der Nähe der Gnadenstätte merkwürdige Ereignisse zu, von denen wir jedoch, so gut sie auch beglaubigt scheinen, inzwischen schweigen wollen, bis die kirchliche Behörde ihr Wort gesprochen hat. Unabhängig von diesen Ereignissen gaben andere Umstände Veranlassung, dass das Augenmerk weiterer katholischer Kreise sich dem „heiligen Berg“ bei Bila zuwandte, und man fasste den Entschluss, der Mutter Gottes nach so vielen Jahrhunderten wieder ein würdiges Kirchlein dort oben zu erbauen. Vor allem machten die Bewohner der Umgebung einen Serpentinenweg den Berg hinauf, und als dieser fertig war, wurde auf der Spitze des Berges ein sechs Meter hohes eisernes Kreuz mit vergoldetem Heiland aufgerichtet, als christliches Siegeszeichen nach 400jähriger blutiger Märtyrerzeit der bosnischen Katholiken. Gerade am Tag des 60jährigen Regierungsjubiläums Seiner Majestät des Kaisers, am 2. Dezember 1908, wurde das Kreuz aufgestellt, und viele alte Bosnier vergossen Tränen der Freude und Rührung, dass unter dem Schutz des geliebten Kaisers nun endlich wieder das Kreuz in diesem Land öffentlich darf aufgepflanzt werden, zum Zeichen, dass Christi heiliger Glaube sich seinen alten Platz wieder zurückerobert hat.

 

Zum Bauherrn des künftigen Heiligtums der Himmelskönigin wurde indessen der hl. Anton von Padua ernannt mit dem Versprechen, er werde am Fuß des „heiligen Berges“ eine Kapelle erhalten, falls ein guter Anfang bei der Neugründung dieses Wallfahrtsortes auch den Segen Gottes für die glückliche Zuendeführung des Werkes in Aussicht stelle. Da nun der Anfang über Erwarten gut war, so ging man im vorigen Jahr an die Erfüllung dieses Gelübdes: eine herrliche St. Antonius-Statue samt Altar wurde in einer Grotte aufgestellt und mit einem Schutzdach bedeckt, über dem eine Glocke nun dreimal des Tages die Bewohner der ganzen katholischen Umgebung zum Englischen Gruß einladet. Zwei große Verehrer des hl. Antonius in Österreich haben dieses schöne Werk ermöglicht. Es war eine rührende Feier, an der Tausende von Gläubigen teilnahmen, als am Sonntag in der Oktav des hl. Antonius die Statue eingeweiht und die erste heilige Messe vor derselben gelesen wurde.

 

Im Herbst wurden dann den Berg hinauf Kreuzwegstationen errichtet, freilich vorderhand recht primitiv, da die Mittel sehr beschränkt sind.

 

Der Gegenstand des sehnlichsten Wunsches der Katholiken ist nun der baldige Bau des Wallfahrtskirchleins. Schon haben fromme Spender eine herrliche Statue der schmerzhaften Mutter Gottes geschenkt; auch für prächtige Kirchenfenster hat der himmlische Bauherr, der hl. Antonius, bereits auf merkwürdige Weise gesorgt. Es soll nun demnächst mit dem Bau begonnen werden, im Vertrauen auf Gott und gute Seelen, die sich an diesem Gotteswerk beteiligen wollen und dafür Anteil erhalten an allen Gebeten und guten Werken, die an dieser Gnadenstätte künftig verrichtet werden. Und in der Tat, es besteht die beste Hoffnung, dass das Werk mit Gottes Segen gut gedeihen und zur Hebung des katholischen Lebens in diesen Gegenden viel beitragen werde.

 

Möchten sich in den österreichischen Ländern edle Spender finden, die diese gute Sache fördern helfen. Möchte überhaupt der oft gehörte Vorwurf verstummen, dass die österreichischen Katholiken sich mehr für die überseeischen Missionen als für ihre armen Glaubensbrüder in „Neu-Österreich“ interessieren, da es doch von der Hebung und Stärkung der katholischen Sache in Bosnien abhängt, ob dieses schöne Land dauernd mit Österreich verbunden bleiben, oder aber mit jedem Jahr mehr unter serbischen schismatischen Einfluss kommen und so für die Monarchie mit der Zeit verloren gehen solle.