Die Wallfahrt der Zigeuner - Saintes Maries de la Mer

 

Die seltsamste Pilgerfahrt der Welt: Die Wallfahrt der Zigeuner

 

Nur in wenigen Landschaften der Erde ist die Legende so lebendig geblieben wie in der Provence, in dem Gebiet um die Ufer der Rhône in Südfrankreich. Zahllose Heilige werden in den herrlich geschmückten Kirchen und Kapellen verehrt, und die Geschichte ihres Lebens erzählen die Großmütter noch heute in immer neuen Variationen ihren Enkeln. In all diesen Erzählungen taucht stets ein Brennpunkt christlicher Überlieferung auf: das kleine Fischerdörfchen Les Saintes Maries de la Mer am südlichsten Zipfel der Camargue, der durch das Rhônetal gebildeten Insel.Im Jahr 45 nach Christus wurde hier, so erzählt die Legende, an dem Strand des türkisfarbenen Mittelmeers ein Boot ohne Segel und Ruder angetrieben, dessen Insassen die Juden in Jaffa der See ausgeliefert hatten. Die Schwester der Muttergottes, Maria Jakobä, die Mutter der Apostel Jakobus und Johannes, Maria Salome und die Büßerin Maria Magdalena waren an Bord des gebrechlichen Nachens (Ein Nachen bezeichnet ursprünglich einen Einbaum, ein kompaktes, flaches Boot bzw. Kahn für die Binnenschifffahrt). Sie gaben dem kleinen Dorf, das später dort entstand, den Namen. Außer ihnen kamen der heilige Lazarus – der Bruder der Schwestern Maria und Martha, St. Maximin und die schwarze Dienerin Sara im gleichen Boot über das Meer. Von der Besatzung dieses kleinen Nachens wurde, so sagt die Legende, bald die ganze Provence für das Christentum gewonnen.

 

Drei der Geretteten blieben am Ort der Landung, Maria Jakobä, Maria Salome und ihre schwarze Dienerin Sara. Ihnen zu Ehren wurde im zehnten Jahrhundert eine Kirche gebaut, deren hohe Mauern und starke Stützpfeiler den Eindruck erwecken, es handelte sich um eine mittelalterliche Festung. An den Wänden des hohen Kirchenschiffes erzählen unzählige Votivtafeln von wunderbaren Heilungen und von Rettung aus höchster Not. Diese Kirche bot einst den Bewohnern des Dorfes Schutz vor den Seeräubern, die gerade hier durch das ganze Mittelalter bis vor zwei Jahrhunderten ihr Unwesen trieben. Sie birgt die Gebeine der beiden Marien, die der gute König René von der Provence im Jahr 1448 ausgraben ließ. In dem wuchtigen Turm, der aussieht wie die Kommandobrücke eines Schiffes, sind die Schreine aufbewahrt. Unten aber, in der Krypta unter dem Altar, ruhen die Gebeine der heiligen Sara (Sara-la-Kâli: Patronin der Sinti und Roma, Fest: 25. Mai), die mit ihnen das bittere Los der Verbannung freiwillig teilte.

 

Einsam liegen die freundlichen, hellen Häuser des Dörfchens hinter dem Deich. Manchmal fahren die Fischerboote mit spitzem Bug auf den Sand, die van Gogh hier so gerne gemalt hat, manchmal zieht eine Kette Flamingos über die roten Dächer, die in der Camargue ihre letzten europäischen Brutstätten haben, oder ein Gardien, ein Kuhhirt, reitet auf einem kleinen, stämmigen Grauschimmel über den Platz vor der Kirche. Schon wenige Meter hinter den letzten Häusern dehnt sich das Sumpfland der Camargue, dessen rissige Salzpfannen wie Narben in einem dichten Fell aussehen.

 

Zweimal im Jahr strömen unzählige Menschen in das einsame Fischerdorf. Zweimal im Jahr erwacht es zum Leben: im Mai und Oktober sind die Wallfahrten zu Ehren der beiden Marien. Während der feierlichen Eröffnungsmesse werden die Schreine mit ihren Gebeinen an langen, mit blutroten Nelken geschmückten Seilen aus dem Turm in das finstere Kirchenschiff hinabgelassen. In einer gewaltigen Prozession werden dann die Holzfiguren der beiden Marien im Nachen zum Meer hinausgetragen. Gardiens zu Pferde und Arlesierinnen in ihrer vornehmen Tracht geben ihnen das Geleit. Weit draußen vor den Dünen segnet der Bischof von Aix die See und bittet um Schutz für die Fischer, während der holzgeschnitzte Nachen von kräftigen Männern bis ins Wasser getragen wird.

 

Einen Tag vorher aber ist die Prozession der Zigeuner. Ihr Besuch gilt nicht den beiden Marien, sondern der schwarzen Dienerin Sara, die sie sich zur Schutzheiligen erkoren haben. Wagen um Wagen rollt in den Tagen um die schmucklose Stierkampfarena hinter dem Deich. Eine seltsame Stadt pulsiert hier. Neben uralten Pferdekarren stehen klapprige Veteranen aus den ersten Tagen des Automobils. Das Innere starrt vor Schmutz, die Vorhänge sind nichts als Fetzen, und die Gerätschaften sehen aus, als stammen sie aus der Bronzezeit.

 

Vor den Planen ihrer Zelte hocken die alten Frauen, rauchen Pfeife und bruzzeln über kleinen, eisernen Öfchen Fische, deren penetranter Duft wie eine giftige Wolke über der Zigeunerstadt liegt. Schmutzige Köter kläffen heiser und balgen sich mit noch schmutzigeren Kindern. In allen romanischen Sprachen und dem Dialekt der Zigeuner keifen die Frauen, die mit der Kleiderpeitsche ein eisernes Regiment über ihre ganze Sippe führen.

 

Kein Laut davon dringt durch die dicken Mauern in das Dunkel des uralten Kirchenschiffes. Ganze Bündel gestifteter Kerzen brennen und sind doch nur helle Pünktchen im mächtigen Gewölbe. Die Statue der heiligen Sara steht unten in einer feuchtkalten Krypta. Ihre seidenen Gewänder sind behängt mit unzähligen Medaillons, Ketten, Photographien und Schmuckstücken ihrer braunen Schützlinge. Die kommen und gehen, von den Kleinsten bis zu den Uralten, streicheln und küssen Gesicht und Kleider der schwarzen Statue, flehen stumm um ihre Hilfe und ihren Segen.

 

Auch die Gitanes tragen ihre Heiligen ans Meer und jubeln ihr zu. Es ist eine eigenartige Prozession: alles singt, lacht und schreit durcheinander. Die Kleinen kugeln durch die Dünen und balgen sich übermütig. Und doch liegt eine eigene Frömmigkeit über all dem bunten Treiben. Sie zeigt sich, wenn ein Vater sein kleines Kind hochhebt, dass es die feine Seide des Gewandes streicheln kann, wenn es die Hände küsst, die streicheln durften.

 

Um die dicken Mauern der Kirche drängen sich in zahllosen Buden und Ständen mit Heiligenbildern, Kerzen, Halstüchern und Andenken die Händler. Karusselorgeln dudeln, Banjos rasseln, Verkäufer preisen schreiend ihre Ware an. Die Zigeunerinnen mit blauschwarzen Haaren und dunklen Augen, in langen, grellbunten Satin- und Chiffonröcken, betteln und lesen jedem die Zukunft aus der Hand, der es nicht hartnäckig genug ablehnt. Die schönsten von ihnen tanzen in den Bars zu den Rhythmen ganzer Gitarrenorchester hinreißend in Grazie, Leidenschaft und Berechnung. In der Nacht flackern dann die Feuer der Zigeunerstadt. In Scharen kauern zerlumpte Gestalten vor den Wagen und Zelten, beraten, erzählen, singen uralte Flamencos mit seltsamen Harmonien, klatschen im Takt der rasselnden Gitarren. Hier verliert sich das Unterwürfige der Bettler und Wahrsager auf dem Rummelplatz, hier erwachen sie aus stumpfer Lethargie und werden stolze, freie Menschen.

 

Wenn die Schreine der beiden Marien wieder im Turm ruhen, beginnt das Volksfest der Provence. Arlesierinnen in ihrer alten Tracht tanzen mit den Gardiens der Camargue Volkstänze, in der Arena beginnen die unblutigen Stierkämpfe, in denen es gilt, dem Stier eine Kokarde von den Hörnern zu reißen, ein Schauspiel des Mutes, der Kraft und der Eleganz. Über eine Woche lang werden Wettkämpfe aller Art ausgetragen.

 

Eine merkwürdige Wallfahrt, eine Form der Heiligenverehrung, die fast an heidnischen Götzendienst gemahnt, ein Trubel, der unserm religiösen Empfinden fast wie Aberglaube und Fetischismus erscheint. Und doch kann sich niemand dem starken Eindruck entziehen, den diese Wallfahrt hinterlässt. Man muss nur in den Gesichtern der Andächtigen vor dem Bild der Sara lesen oder sehen, mit welch gläubigen Vertrauen die Zigeuner ihrer Schutzheiligen auf dem Weg zum Meer zujubeln. Mit tiefem kindlichem Vertrauen schauen sie zum Erzbischof von Aix auf, der täglich zu ihnen kommt und mit ihnen spricht. Sie bitten um seinen Segen und um kleine Medaillons, erzählen über ihre Fahrten und fragen ihn um Rat in allen Dingen, die sie bewegen.

 

Die südländische Einstellung zur Kirche unterscheidet sich eben wesentlich von der unseren. Und zum Leben des Zigeuners gehört es nun einmal, aus der Hand zu lesen, zu betteln und – sprechen wir es ruhig aus – auch mit seiner Schutzheiligen ein bisschen zu handeln. Der bunte Betrieb in Les Saintes Maries kann nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass gerade diese Wallfahrt der Zigeuner eine große Bedeutung für die braunen Kinder des Südens hat. Die Veräußerlichung, die so viele Wallfahrten mehr zu einem Schauspiel als zu einer Begegnung mit Gott macht, ist hier nur ein Rahmen, der den Lebensgewohnheiten entspricht, die wohl immer so bleiben werden.

 

Dahinter stehen echte Gläubigkeit und ein ursprüngliches religiöses Gefühl. So ist diese Wallfahrt religiöser Mittelpunkt für ein heimatloses Volk, das im wahrsten Sinne des Wortes in der Diaspora, in der Zerstreuung, lebt; im Land der Legende, im kleinen Fischerdörfchen Les Saintes Maries de la Mer auf dem Südzipfel der Camargue.

 

Traugott Malzan, „Michael“, Düsseldorf (nach dem 2. Weltkrieg)

 

http://www.saintesmaries.com/de/startseite/die-wallfahrten/die-wallfahrt-der-zigeuner.html