Die Wallerkapelle im Mühlbachgraben

 

Von Josef Harter

 

Dort, wo das Mühlbachtal erbreitend endet, saftige Berghalden je zum murmelnden Bach niedersteigen, steht auf wild zerklüftetem Felsblock malerisch und stimmungsvoll eine Kapelle, wie sie nur des Dichters Traum und des Malers Phantasie ersinnen kann – die Wallerkapelle, wie Schiller jenes Kirchlein im Gedicht „Der Kampf mit dem Drachen“ schildert:

 

„Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch

Auf eines Felsenberges Joch,

Der weit die Insel überschauet,

Des Meisters kühner Geist erbauet.

Verächtlich scheint es, arm und klein

Doch ein Mirakel schließt es ein,

Die Mutter mit dem Jesusknaben,

Den die drei Könige begaben.

Auf dreimal dreißig Stufen steigt

Der Pilgrim nach der steilen Höhe,

Doch hat er schwindelnd sie erreicht,

Erquickt ihn seines Heilands Nähe.“

 

Noch kühner ist die Höhe der Wallerkapelle, denn zu ihr führen den Pilgrim 230 Stufen. Auch sie beherbergt ein Bild der gnadenreichen Mutter mit dem göttlichen Kind. Längs steinerner, halsbrecherischer Stufen, deren Steinmetz die Wucht des Mühlbaches war, reihen sich die vierzehn Kreuzwegstationen an, gemauerte Marterl, bedeckt von Satteldächern und versehen mit tiefen Nischen, die gemalte Bilder bergen, die in liebevoller und eindringlicher Sprache erzählen, wie vom schöngesäulten Gerichtshof des Pilatus das Gotteslamm den Todesweg zu Golgathas Höhe machte, wie es unter der Last des Sündenholzes zusammensank, wie ihm Nägel ins Fleisch drangen, wie es verblutete, vom Opferstamm abgenommen und ins Felsgrab Josef von Ramathaims gebettet wurde. Dort schaut man eine kleine, natürliche Felshöhle, in der Christi Leiche gelegt, dargestellt ist. Eine steingemeißelte Treppe von wenigen Stufen führt zur Kapelle, deren Schlüssel der jeweilige Besitzer des Wallergutes hat und selben gern dem Besucher ausfolgt. Stark verwitterte Holztür, gehängt an rostigen Angeln, knarrt und der Pilger sieht rückwärts schlichten Eisengitters das Bild der Gnadenvollen mit dem Kind.

 

Vor dem Kirchlein sind beidseits holzgezimmerte Bänke, um von schwindelnder Höhe ins träumende, schlangengewundene Mühlbachtal zu schauen und zum Schauer dringen der frohen Kinderschar liebliche Weisen, der sich Uhlands stimmungsvollen Gedichtes erinnert:

 

„Droben stehet die Kapelle,

Schauet still ins Tal hinab,

Drunten singt bei Wies und Quelle

Froh und hell der Hirtenknab!“

 

Am Fuß der steilen Höhe beschatten Obstbäume das Wallergut, dessen Eigentum die Kapelle ist und ihr den Namen gab, nachdem dessen Besitzer, Leopold Brandecker, um die Mitte vorigen Jahrhunderts selbe aus französischem Kriegsgeld erbaute, das einer seiner Vorgänger im Besitz des Gutes, namens Georg Eizenberger, 1805 nach dem Abzug der Franzosen auf dem Heimweg an der Eisenstraße in der sogenannten „Freising“, unterhalb des schmucken Dorfes Sankt Ulrich, in einem eisenbeschlagenen Kästchen fand, das eine zurückgelassene Regimentskasse war, die beim Rückzugsgefecht verloren oder vergessen wurde. Er trug es in sein Gehöft und plante mit dem Geld zu Ehren der Himmelskönigin eine Kapelle zu bauen. Doch sowohl er als sein Nachfolger führten den Plan nicht aus. Erst Leopold Brandecker um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit dem Bau und schleppte durch vier Jahre den Großteil des Materials zur schwindelnden Höhe. Ob Eizenberger bereits den Fels als Bauplatz der Kapelle ausersah oder ob die Idee von Brandecker stammte, ist ebenso unbekannt als der Umstand, weshalb nicht Eizenberger die Kapelle erbaute. Nach vierjähriger, emsiger Arbeit war die Kapelle vollendet, so dass sie 1854 geweiht werden konnte. Fünf Jahre später wurde der Kreuzweg fertiggestellt, der vom Fuß des Felsens bis zur Kapelle geleitet.

 

Von der Kapelle zieht sich gegen die Lausa die wildzerklüftete, stellenweise 30 bis 40 Meter hohe, steile Wallermauer, die zum Schellhammergehöft (Mühlbachgraben Nr. 23, Gemeinde und Pfarre Garsten) gehört, ein stattliches Haus mit Sgraffitos aus 1630, wie die Jahrzahl an einer Außenmauer besagt. Der Tram der großen Stube weist die Jahrzahl 1690 auf. Am Fuß der Wallermauer wurden vor zirka 30 Jahren gleich deren Umgebung Werkzeuge aus Serpentin gefunden, welche Funde auf prähistorische Ansiedelungen schließen.

 

Urkundlich scheint der Mühlbachgraben erstmals auf, als 1360 der reiche Steyrer Bürger Jakob Kündler starb und dem Benediktinerstift Garsten „dem gotshaus ze Gaersten daz guet in dem graben im Muelpach da der Weber auffsitzt, ist viertzig phenning geltz zwen metzen chorns ain schaf habern segchs huener zwen ches dreizzig ayer also, daz ein abbt daselbz dem pharrer ze Steyer davon ierlich schol raihen sybentzichg phenning, daz mir der darvmb bege einen iartag nach seiner gewizzen.“ Der Pfarre „Sand Gyligen ze Styer“ verschaffte er „daz guetel im Muelpach da fridel der Muellner auffsitzt, daz dient zwen und achtzig phenning zehen metzen habern zwen metzen chorns ain lamp acht huener vier ches sechtzich ayer, daz schol der zehmaister daselbz inne haben.“

 

Bis in die Tage, als „der Großvater die Großmutter nahm“, pochten in einförmigem Takt die Hämmer der Nagelschmiede. Berußte Meister und Gesellen sangen trotz harter Arbeit lustige weisen. Fortschreitender Kulturgeist und fabrikmäßige Erzeugung der Nägel verstummten meist Hämmerschlag und fröhlichen Gesang. Müde schwerer Arbeit und harten Loses, enteilten die meisten dem lieblichen Tal und fluteten zur Stadt, wo ihnen günstigere Aussichten winkten, welche selbe wohl geldlich befriedigten, doch das Herz unzufrieden machten. „Viele sind berufen, wenige auserwählt“ zur Zufriedenheit, die ihrem angestammten Gewerbe trotz hohler Mammonslockungen treu blieben, Seelenfrieden und Zufriedenheit inmitten hastigen Drängens moderner, zerfallender Zeit retteten. So tönt dem Wanderer, der das einsame, friedenatmende Tal durchzieht, nur mehr aus wenigen Häuschen der einförmige Klang der Hämmer ans Ohr und durch die berußten, breiten und niedlichen Fenster schimmert Essenfeuer. Leider hat die Zeit, in der „Volk wider Volk, Reich wider Reich“ (Mt 24,7) aufstand und Europa ins Flammenzeichen des Krieges setzte, selbst den letzten Hauch des Friedens und der Zufriedenheit geraubt und ins träumende Tal wie in manche Hütte Wehklagen und Trauer getragen.

 

Erwähnt sei, dass das Wallergut ebenfalls Nagelschmiede war und diese Gewerbler in freien Stunden schnitzten und Krippen anfertigten, die vollendete Werke unverfälschter Volkskunst sind.

 

Nur mit bitterem Weh vertieft man sich in längstverrauschte, glückliche und zufriedene Tage und gleich einem Märchen aus sonnigen Kindertagen dünkt es einem, denn leider gilt es auch hier zu sagen: „Es war einmal . . .“