Die schmerzhafte Mutter Gottes im Herzogsspital zu München

 

An das Kloster der Serviten oder der Dienerinnen Mariens ist eine Kirche angebaut, die ein Heiligtum besitzt, das fast jede Stunde des Tages von Andächtigen besucht ist. Es ist das schmerzensvolle Bild der Gottesmutter unter dem Kreuz, das auf einem Seitenaltar mitten an der Wand der Kirche steht.

 

Der fromme Herzog Albrecht V. hat die Kirche im Jahr 1572 zugleich mit dem Spital gebaut.

 

Im Jahr 1651 wurde mitten in dieser Kirche das vom Bildhauer Tobias Baader verfertigte Gnadenbild der schmerzhaften Mutter unter dem Kreuz beim Eintritt in das Presbyterium aufgestellt. Im Antlitz der Mutter Jesu sieht man den Ausdruck des größten Schmerzes. Kaum war das Bild aufgestellt, als es auch ein Gegenstand allgemeiner Verehrung der Bewohner Münchens geworden. Die Andacht der bayerischen Kurfürsten zu diesem Gnadenbild war so groß, dass sie alle Samstage, sie mochten zu München oder zu Nymphenburg oder zu Schleißheim sein, einer Heiligen Messe bei ihm beigewohnt haben. Dieses geschah auch vom Kurfürsten Karl Theodor. Und auch jetzt noch (um 1863) sieht man von Zeit zu Zeit die katholischen bayerischen Fürstinnen dort ihre Andacht verrichten.

 

Als im Jahr 1777 Kurfürst Maximilian III., der Vielgeliebte, auf dem Sterbebett lag und das ganze bayerische Volk für seine Genesung betete, ließ er sich das wundertätige Gnadenbild der schmerzhaften Mutter Gottes vor sein Krankenlager bringen. Als der Sterbende des heiligen Bildes ansichtig wurde, da richtete er sich mühsam auf im Bett, schaute wehmutsvoll in das trostlose Antlitz der Schmerzensmutter und flehte sie an, ihm Genesung oder einen glückseligen Hingang ins himmlische Vaterland zu erflehen. Noch am selben Tag, den 30. Dezember, führte ihn Maria in den Himmel.

 

Was aber die Verehrung dieses Gnadenbildes insbesondere erhöhte, war das große Wunder der Augenwendung, das an ihm im Jahr 1690 den 21. Januar und mehrere darauffolgende Tage stattgefunden hat. Dieses Wunder ist von einer erzbischöflichen Ordinariatskommission genau untersucht worden, wovon die Prozessakten beim hochwürdigsten Ordinariat München-Freising aufbewahrt werden, und endlich mit fünf vorzüglichen Wundern, die weiter unten erzählt werden, auf einen sehr hohen Grad der Gewissheit erhoben wurden.

 

Diese und noch viele andere wunderbare Gebetserhörungen und Gnadenspenden bei diesem geheiligten Gnadenbild bewirkten in den Herzen zahlreicher Gläubigen Liebe und Vertrauen zur Schmerzensmutter Maria.

 

Besonders war es der fromme Oberhofmeister Paul Graf von Fugger, der die Verehrung dieses Bildes dadurch sehr beförderte, dass er eine eigene Bruderschaft der sieben Schmerzen Mariens zu gründen beschloss. Zur Ausführung dieses Vorhabens bediente er sich des damaligen Hofrates Johann Alois Gruber. Der erste Präses der Bruderschaft wurde der damalige Prediger von der Liebfrauenkirche Kaspar Mändl. Die Bruderschaft wurde vom Bischöflichen Ordinariat Freising gut geheißen, und hielt am Dreifaltigkeitssonntag 1698 in der Herzogspitalkirche ihre erste Versammlung. Noch besteht sie und zählt zahlreiche Mitglieder (um 1860).

 

Besonders rührend wird in der Herzogspitalkirche alljährlich die schöne Maiandacht gefeiert.

 

Wie viele Tränen wurden in dieser Kirche schon geweint und auch getrocknet, wie viele haben da schon geklagt und Tröstung gefunden, wie viele Bitten fanden da schon Erhörung.

 

Ein Auszug aus dem Prozessprotokoll über die erwähnten fünf vorzüglichen Wunder lautet also:

 

Wir Joseph Clemens,

von Gottes Gnaden und des päpstlichen Stuhles zu Rom, Erzbischof von Köln, Bischof zu Freising etc., wünschen allen, so diesen Brief lesen werden, unseren Gruß und Heil im Herrn!

 

Eingeholtem Bericht nach ist im Jahr 1651, dem alten christlichen Gebrauch gemäß, in Mitte der sogenannten Herzogsspitalkirche in der kurfürstlichen Residenzstadt München ein Holz geschnitztes und in Farben gefasstes Kruzifix samt einem Bildnis der schmerzhaften Mutter Gottes aufgestellt, im Jahr 1676 aber an die Kirchenwand versetzt worden.

 

Nun hat im Jahr 1690, am 21. Januar, ein zehnjähriges Mädchen, mit Namen Maria Franziska Schott, unter der alle Samstage gewöhnlich abgehaltenen lauretanischen Litanei augenscheinlich gemerkt, dass das schmerzhafte, unter dem Kreuz stehende Muttergottesbildnis die Augen bald in die Höhe zu ihrem gekreuzigten Sohn, bald auf die Erde und beide Seiten, wie auch auf die nächst daranstehende Krippe mit sanften und wehmütigen Blicken wandte.

 

Als das Mädchen nach Hause kam, erzählte es seinen Eltern das Geschehene und diese wieder anderen Personen. Ja das Gerücht verbreitete sich so schnell, dass gleich den anderen Tag viele Leute teils aus Neugierde, teils aus Andacht, und so von Tag zu Tag zahlreicher und von verschiedenem Stand und Alter in gedachte Kirche sich begaben und das Augenwenden selbst mit eigenen Augen gesehen zu haben versicherten. Nachdem nun auch wir davon Bericht erhielten, haben wir teils aus schuldigem Eifer, die Ehre Gottes und seiner wertesten Mutter in den Christgläubigen zu mehren, teils in Kraft unseres Amtes und unserer Gewalt, dergleichen Wundergeschichten zu prüfen, unseren geistlichen Räten, wie auch anderen, in der Heiligen Schrift erfahrenen und andächtigen Männern der Sache ganzen Verlauf nach Ordnung des heiligen Kirchenrats von Trient Sess. 25. de Invoc. Sanctorum, mit möglichstem Fleiß zu untersuchen befohlen, wie uns denn auch hierüber nachgehaltenem rechtmäßigen Prozess ein genügsamer Bericht ist erstattet worden, nämlich, dass oft genanntes, der schmerzhaften unter dem Kreuz stehenden Muttergottesbildnis eine geraume Zeit lang morgens und abends bei Feuer- und Sonnenlicht von verschiedenen geistlichen und weltlichen Manns- und Weibspersonen die Augen auf und nieder, auf die rechte und linke Seite ganz klar und anmutig wenden gesehen worden.

 

Diese durch die Aussage so vieler Augenzeugen bewiesene Wahrheit wird durch folgende fünf Wunder- und Guttaten noch mehr bestätigt.

 

Erste Wundertat.

 

Zwei kleine Mädchen, beide Kinder eines bürgerlichen Kaufmannes in München, Franz Zoffi mit Namen, spielten im Jahr 1690 den 2. September zwischen neun und zehn Uhr morgens bei einer aus Eichenholz gemachten Truhe. Eben hatte das kleinere Kind von drei Jahren beide Hände über den Rand der Truhe gelegt, als das fünfjährige den aufgehobenen fünfzehn Pfund schweren Deckel zufallen ließ. Beide Hände waren fast ganz eingeklemmt. Auf das erbärmliche Geschrei beider Kinder eilten drei Dienstmägde herbei, bemühten sich nach Kräften, den Deckel aufzuheben und die Hände des Kindes loszumachen, brachten es aber nicht zuwege. Endlich wurden die Eltern herbeigerufen. Die Mutter empfiehlt sogleich ihr verunglücktes Kind der schmerzhaften Mutter Gottes, und bittet sie um Hilfe, der Vater aber versuchte mit einem Beil den Deckel der Truhe aufzubiegen, was er mit Anwendung seiner Kräfte endlich so weit zu Stande bringt, dass das Kind nach und Nach seine Händlein herausbringen konnte.

 

Dass nun:

 

1) der schwere, genau schließende Deckel beide Händlein des Kindes durch den hohen und jähen Fall nicht gequetscht hat, da doch ein gewöhnliches doppeltes Papier, das man zur Probe zwischen Deckel und Truhe gelegt hat, so streng zusammengepresst wurde, dass es nicht mehr konnte herausgezogen werden.

 

2) dass die am Rand des Deckels herumlaufende scharfe Leiste die zarten Finger nicht verstümmelt und abgestoßen hat.

 

3) dass an beiden Händen des Kindes kein Zeichen einer Verletzung zu sehen war, außer eines roten Streifens, und dass die Spitzen der Finger mit etwas Blut unterlaufen waren, dass auch diese Zeichen von selbst, ohne weitere Schmerzen, obgleich die Händlein betastet und gedrückt wurden, und ohne ein Mittel oder eine Arznei anzuwenden, in kürzerer Zeit als einer Minute verschwunden, und die Hände stets gesund und unverletzt geblieben sind, dies ist allein der übernatürlichen Hilfe Gottes und der Fürbitte seiner wertesten Mutter zuzuschreiben.

 

Zweite Wundertat.

 

Eine zwölfjährige Tochter eines Bierbrauers zu Freising, Andreas Adelkammers, stürzte über die Stiege in den Keller hinab, und fiel auf eine dreifüßige Kanne. Der Fall verursachte dem Mädchen große Schmerzen, die sie aber, aus Furcht, wegen Unachtsamkeit von den Eltern gestraft zu werden, nie mitteilte, bis endlich nach einem halben Jahr ein großes und hartes Gewächs auf der linken Seite, die durch den Fall geschädigt worden war, hervordrang, wodurch das Kind gekrümmt wurde, und von jetzt stark zu hinken anfing. Verschiedene Ärzte wurden zu Rate gezogen, dem Schaden abzuhelfen, sie erklärten ihn aber für unheilbar.

 

Von menschlicher Hilfe verlassen, suchte sie die Mutter des Mädchens bei Gott und seiner heiligen Mutter, gelobte eine Heilige Messe und anderes Opfer vor dem schmerzhaften Muttergottesbildnis im Herzogsspital um Genesung ihres Kindes, und führte es selbst nach München. Da verrichtete das Mädchen bei dem Gnadenbild vierzehn Tage ihr Gebet, und kehrte wieder nach Freising zurück. Als es den anderen Tag zur nämlichen Stunde, zu der, nach eingeholter Aussage, die verlobte Heilige Messe gelesen wurde, vom Schlaf erwacht, erzählte es voll Freude seinen Eltern: die Mutter Gottes, sowie sie in der Herzogsspitalkirche vorgestellt ist, sei ihr im Schlaf erschienen, und habe zu ihr gesprochen: Sieh, deine Seite ist gesund! Diese Erzählung wurde anfangs für einen albernen Traum angesehen. Da sich aber nach vorgenommener Untersuchung von dem Gewächs nichts mehr zeigte, das Mädchen ohne Empfindung des ehemaligen Schmerzes, auch ohne ein Zeichen des vorigen Gebrechens wieder vollkommen aufrecht und gerade einherging, wurde die übernatürliche Wirkung erkannt. Alle Umstände dieser Begebenheit sind von den Ärzten, Hausgenossen und anderen glaubwürdigen und rechtmäßigen Zeugen gesehen und eidlich ausgesagt worden im Jahr 1689.

 

Dritte Wundertat.

 

Ein von Geburt aus krankes Kind, die Tochter eines Musikers in der Kirche des heiligen Michael, ein Jahr alt, war mit zwei Leibschäden behaftet und konnte nach Aussage der Ärzte ohne Schnitt nicht mehr kuriert werden. Die Mutter fasste nach verschiedenen Versuchen ihr Vertrauen auf die Fürbitte der wertesten Mutter Gottes  im Herzogsspital, machte mit einer Heiligen Messe und anderen Opfern ein Verlöbnis, und gleich nach wiederholtem Gebet ist das Kind noch selbe Stunde nicht nur von beiden Leibschäden vollkommen befreit, sondern fing auch von der Zeit an von den übrigen Schwachheiten zu genesen, und befand sich stets wohl und gesund. 1690.

 

Vierte Wundertat.

 

Regina Hag, eine Gärtnerstochter, ledigen Standes, einundfünfzig Jahre alt, zu München geboren und wohnhaft, hatte einen vierzehnjährigen schmerzensreichen und hochgeschwollenen Bauch. Sie war deshalb nicht im Stande, sich zu biegen, oder eine schwere Handarbeit zu verrichten. Aus Armut aber brauchte sie niemals einen Arzt oder Medizin. Nachdem sie aber von dem wundertätigen Bildnis der schmerzhaften Mutter Gottes gehört, ja selbst im Monat Januar des vorigen Jahres 1690 das Augenwenden des gemalten heiligen Bildes mit angesehen, verlobte sie sich voll des Vertrauens mit einem Gebet und Opfer dahin, und da sie von der Kirche nach Hause kehrt, empfindet sie sogleich eine merkliche Besserung ihres Zustandes, und wird die folgende Nacht von ihrer vierzehn Jahre langen Krankheit ohne alle leiblichen Mittel und Arznei vollkommen gesund und zu verschiedenen Arbeiten tauglich und behände. Groß war die Verwunderung bei denen, die diese Person viele Jahre zuvor als preßhaft gekannt, und darüber auch Zeugnis gegeben haben, als sie selbe so schnell und unvermutet von ihrem üblen Zustand befreit und gesund sahen

 

Fünfte Wundertat.

 

Maria Brunner, elf Jahre alt, Tochter eines Hofstall-Bedienten am Hof seiner kurfürstlichen Durchlaucht Max Philipp zu München, hatte von Mutterleib an ein verunstaltetes Gesicht und zwar mit der Krankheit, dem sogenannten Nachtnebel, behaftet. Gegen Abend vermochte sie wenig, zu Zeiten fast gar nichts zu unterscheiden. Sie war auch um die nämliche Zeit nicht im Stande, allein auf der Gasse zu gehen und ohne Gefährten von einem Ort zum andern zu kommen. Da sie aber von der wunderbaren Augenwendung der schmerzhaften Mutter Gottes im Herzogsspital gehört, eilte sie aus eigenem inneren Antrieb im Monat Januar 1690 in gemeldete Kirche, sieht das Augenwenden des Bildnisses Unserer Lieben Frau, und verlobt nach verrichtetem Gebet ein kleines Opfer von Wachs. Noch selben Abend konnte sie auch die kleinsten Dinge sehen und genau unterscheiden. Von dieser Zeit an hatte sie ein gutes Gesicht, das sie keinem leiblichen Mittel oder einer Arznei (denn sie hatte nichts gebraucht), sondern allein der Fürbitte der seligsten Mutter Gottes zu verdanken hatte.

 

Diese fünf Wunder allein, die als wahre und von der wundertätigen Hand Gottes, und seiner wertesten Mutter Fürbitte herrührende Gnadenzeichen den Christgläubigen billig vorgetragen und sicher geglaubt werden können, haben wir uns zum vollkommenen Beweis des wunderwirkenden Gnadenbildes bedienen wollen, denn obschon viele andere und große Gnaden und Guttaten in dem Prozess eingebracht wurden, scheinen uns doch diese vor anderen mehr Gewissheit und hierzu gehörige Probe und Sicherheit zu haben. Aus Pflicht unseres Amtes haben wir dieses zur größeren Ehre Gottes allen Christgläubigen kund machen, unsere Untergebenen zum Vertrauen auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes, wie auch zu Lob und Verehrung der gebenedeiten Mutter Gottes, als unserer größten Nothelferin an allen Orten, besonders aber gegen dieses schmerzhafte Gnadenbild ermahnen und aufmuntern wollen.

 

Gegeben zu Freising, Unserer bischöflichen Residenzstadt, den 6. April 1691.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)