Die Muttergottes vom Mariahilf-Berg

 

Von Dominic Kortil

Zusammenfassung aus „Perpetual Help“,

Mount St. Alphonsus, Esopus. N. Y.

Februar 1948

 

Soweit die Menschen zurückdenken können, haben die Bürger von Amberg in Bayern schon immer die Muttergottes von der immerwährenden Hilfe verehrt. Der Berg, der sich über der Stadt erhebt, trägt den Namen „Mariahilf-Berg“. Hoch oben auf dem Berg hat man eine große Wallfahrtskirche erbaut, auf deren Hauptaltar das wundertätige Bild strahlt. Unzählige Gnadenerweise, ja Wunder, wurden den Pilgern gewährt, die den Mariahilf-Berg hinanstiegen und vor dem Bild der Muttergottes knieten. Unzählige Votivgaben, die die Pilger zum Dank für Gebetserhörungen gaben, hängen in einer eigenen Seitenkapelle.

 

Das Folgende ist die Geschichte der Familie Krieger, Vater, Mutter und 11 Kinder, die einst in der Nähe Ambergs auf einem schönen Bauernhof lebten. Wie die Bürger Ambergs, wurden auch die Kriegers in der Verehrung der Muttergottes von der immerwährenden Hilfe großgezogen. Die Mutter Gottes aber hatte für diese Familie besondere Gnaden. Als Margaret, eine der Töchter, drei Jahre alt war, wurde sie blind. Der Hausarzt erklärte, dass ohne eine Operation die kleine Margaret ihr ganzes Leben lang in einer Welt der Dämmerung leben müsste. Aber Mutter Krieger hatte ihre eigenen Pläne. Sie nahm zwei wollene Schals, machte daraus eine Art Wiege für ihre Kleine und trug sie auf dem Rücken von ihrem Bauernhof nach Amberg und dann die Windungen der Straße hinauf zum berühmten Heiligtum auf dem Mariahilf-Berg. Sie brauchte drei Tage dazu. Die kleine Margaret war still, als sie den Berg hinanstiegen und als sie in der Wallfahrtskirche waren. Aber auf dem Rückweg nach Amberg plauderte sie glücklich, stellte Fragen über die große Kirche und zeigte auf die Kirchtürme unten im Tal. Frau Krieger brachte das Mädchen zum Arzt zur Nachuntersuchung. Der Doktor sah in Margarets blaue Augen, runzelte die Stirn und murmelte, , halb zu sich selbst: „Margaret, du siehst auf einmal so gut wie alle Leute!“ Verwundert schüttelte er den Kopf.

 

Anna war jünger als Margaret, ein rosiges kleines Ding mit strohblonden Locken, aber aus irgendeinem Grund wollte sie nicht Gehen lernen. Als sie schon über drei Jahre alt war, kroch sie immer noch auf allen Vieren. Wiederum machte Frau Krieger eine Wallfahrt zur Muttergottes von Mariahilf. Am dritten Tag ihrer Novene begann die kleine Anna zu laufen.

 

So mehrten sich die Gnadenerweise in der Familie Krieger. Es war ein Tag, als ob die Welt einstürzen würde, als der Pfarrgeistliche eilends mit den hl. Sterbesakramenten von Amberg zum Kriegerhof kam. Mutter Krieger war todkrank. Ihr Mann war ganz außer sich und dachte an die 11 kleinen mutterlosen Kinder. Er ließ sie an diesem Tag von der Schule zu Hause und zog mit ihnen in einer kleinen Prozession auf den nahen Hügel zur Kapelle von der immerwährenden Hilfe, wo sie alle niederknieten, den Rosenkranz beteten und die Muttergottes baten, ihnen die Mutter zu erhalten. Wie konnte Maria diesen bittenden Augen der 11 Kleinen, die zu ihr aufschauten, etwas abschlagen? Frau Krieger wurde wieder gesund. Sie sah ihre Kinder heranwachsen, ihre Jungen in den Krieg ziehen und erlebte noch, sie alle nach dem Waffenstillstand im Jahr 1945 wieder daheim zu begrüßen. 76 Jahre wurde sie alt.

 

Die Geschichte der Erbauung einer Flurkapelle auf dem Grundstück der Krieger, geht auf den preußisch-bayerischen Krieg zurück. Die Kapelle ist wirklich ein Kriegsdenkmal der Familie. Der Urgroßvater Krieger hatte, als seine vier strammen Söhne zum Kriegsdienst für ihr Land eingezogen wurden, der Muttergottes von der immerwährenden Hilfe ein Gelübde gemacht: Wenn sie sie beschützen und sie wohlbehalten nach Hause kommen lasse, werde er auf seinem Besitz eine Flurkapelle bauen. Kaum waren die vier Jungen wieder gesund zurückgekommen, als man mit der Arbeit begann, und binnen kurzem war die Kapelle, fast 5 Meter hoch, fertig, eine kleine Kirche mit einem Altar, und darauf unter Glas eine Nachahmung des Wunderbildes der immerwährenden Hilfe.

 

Die Kapelle war immer ein Lieblingsplätzchen für die Kriegerkinder. Sie veranstalteten Prozessionen dorthin, einer der Jungen spielte den Priester, die Mädchen trugen Blumenkränze, und alle sangen Kirchenlieder, vielleicht ein bisschen falsch, vielleicht auch mit selbsterfundenen Worten. Im Sommer verging fast kein Tag, an dem nicht eines von ihnen einen neuen Blumenstrauß zur Kapelle brachte. An jedem großen Fest wurden Rosen und andere Blumen aus Frau Kriegers und der Nachbarn Garten in die Kapelle gebracht. Das Heiligtum war beinahe so schön geschmückt wie der Altar in der Mariahilf-Kirche. Die Nachbarn folgten dem Beispiel der Familie Krieger und hielten am Nachmittag eine Prozession, wobei man Lieder sang und den Rosenkranz betete. Ja, sogar wenn der Schnee auf dem Hof der Krieger lag, brannten die Kerzen hell vor dem Bild der Muttergottes.

 

Da kamen die Kriegswolken von 1914, und fünf Krieger-Jungen wurden eingezogen. Am Morgen, an dem er Abschied nahm, ging jeder erst den Pfad hinauf zur Flurkapelle, um die Muttergottes zu bitten, ein Auge auf sie zu haben und ihn wieder heimkehren zu lassen. Schließlich zog auch Joseph, der Jüngste, in den Krieg. Nun war es einsam auf dem Kriegerhof, fünf Jungen draußen an der Front und zwei Mädchen, Margaret und Anna, als Klosterfrauen in Amerika. Fünf Kerzen brannten in der Kapelle. Frau Krieger wartete, und einer nach dem anderen, kamen die fünf Jungen endlich gesund wieder heim.

 

Am 15. August, dem Fest Mariä Himmelfahrt war die Kapelle wie immer mit Blumen geschmückt, und am Nachmittag schlossen sich wieder die Nachbarn den Kriegers in einer Prozession an, beteten mit ihnen den Rosenkranz und sangen Muttergotteslieder. Diesmal war es eine Dankprozession, und in den Augen von Frau Krieger waren Tränen, als sie sah, wie ihre kräftigen fünf Söhne den Rosenkranz mitbeteten. Sie wusste, welche Gedanken ihnen durch den Kopf gingen. Gerade an diesem Morgen war Joseph, ihr „Kleiner“, zurückgekommen.

 

Der junge Joseph war verwundet und bewusstlos als tot auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben. Als er wieder zu sich kam, bedeckte er das Gesicht mit dem Helm und wartete geduldig bis zum Einbruch der Nacht. Dann begann er vorsichtig, gegen die Linien des Niemandslandes zu kriechen. Er brauchte zwei Tage, bevor er in Sicherheit war, und die ganze Zeit hatte er dabei an die Kapelle daheim gedacht und gebetet, dass er sie wiedersehen möge. Ein ganzes Jahr war er danach im Lazarett gelegen, und nun war er wieder gesund. Jetzt war er zu Hause und ging mit der Prozession zur kleinen Flurkapelle. Das war im Jahr 1918.

 

Nicht allzu lang danach kam wieder ein Krieg. Über dem Mariahilfberg mit seinem Heiligtum und dem Hof der Krieger brummten fliegende Festungen auf ihrem Zerstörungsflug. Wiederum wurden junge Krieger eingezogen, so wie einst ihre Väter und Großväter. Aber wiederum kamen sie alle zum väterlichen Hof und zur Kapelle auf dem Hügel zurück.

 

Unversehrt vom Krieg, steht die Kapelle noch auf dem Besitztum der Krieger. Im Frühling pflückt eine neue Generation der Krieger Veilchen für Maria, und an den großen Festtagen ziehen wieder Prozessionen mit Litaneien und Rosenkranz zur Kapelle. Die Männer erzählen von der Vergangenheit. Joseph Krieger erzählt, wie man ihn einst als tot aufgab und wie er doch wieder nach Hause kam. Sein alter Helm hängt in der Kapelle. Dort hängen auch noch andere Votivgaben der Krieger für Gnadenerweise der Muttergottes: Helme von 1870, 1918 und 1944, ein langer hölzerner Rosenkranz, zwei Silberkränze, die zwei Klosterfrauen von St. Dominic in Amerika sandten, die eine zum Dank dafür, dass sie Augen besitzt, mit denen sie sehen, und die andere zum Dank für ihre Füße, mit denen sie gehen kann. Anna und Margaret haben nach so vielen Jahren in Amerika Amberg, den elterlichen Bauernhof und die Kapelle auf dem Hügel nicht vergessen. Sie haben nun schon über ein Vierteljahrhundert in der Neuen Welt verbracht und viele Kinder die Liebe zur Muttergottes gelehrt, so wie Frau Krieger einst auch sie am Fuß des Mariahilf-Berges lehrte.