Die Marienkapelle in Abtsgmünd

 

Wer von Hüttlingen nach Abtsgmünd wandert, sieht wenige hundert Meter vor Abtsgmünd in der Wiese eine Kapelle, die auffällt durch ihre Größe, durch ihre Anlage in Kreuzesform, durch eine dem Chor vorgebaute Sakristei und durch einen gefälligen Dachreiter auf dem Giebel. Auch das Innere der Kapelle ist nicht gewöhnlich. Sie birgt drei Altäre. Aus dem Hochaltar heraus ragt ein massiges Kreuz mit zwei Querbalken, dem ein kleines Muttergottesbild eingefügt ist. Das Gewölbe und die Seitenwände sind mit ansprechenden Stukkaturen verziert, die zum Teil größere und kleinere Gemälde umrahmen.

 

Die Kapelle hat ihre Geschichte. Kaspar Eberhardt, ein Abtsgmünder Getreidehändler, hatte auf einer Geschäftsreise im Jahr 1683 sich ermüdet hingelegt und seine Geldgurt mit 200 Gulden Inhalt abgeschnallt. Bei der Weiterreise ließ er seine Geldgurt liegen und bemerkte das erst nach zwei Stunden. Er kehrte wieder zurück, um sie zu holen und gelobte, wenn er sein Geld wieder antreffe, ein Passionskreuz zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria errichten zu lassen. Der Mann fand seine Geldgurt unversehrt vor, die Erfüllung seines Gelübdes jedoch vergaß er! Nicht gar viel später, als er bei einer Geschäftsreise über den Rhein fuhr und das Schiff in Gefahr geriet, unterzugehen, erinnerte er sich seines nicht erfüllten Gelübdes und erneuerte dasselbe. Gleich nach seiner Rückkehr erfüllte er nun sein Versprechen, ließ ein großes, schweres Kreuz errichten, darin eine muschelförmige Höhlung aushauhen und in ihr ein Muttergottesbild aufstellen. Von diesem Bild heißt es in der Beschreibung: „Dieses anmutige Bildnis ist von weißer Erde, etwa eine starke Spanne lang, auf der linken Hand trägt es das Kindlein Jesu, die Kron auf dem Haupt hält zu jeder Seiten ein Engel, also auch das End des Mantels, wiewohl alles aus einem Stück Erden formiert ist, so viel mir bekannt, nach der Abbildung des wundertätigen Gnadenbildes zu Maria Zell in Steiermark.“ Nicht sonderlich beachtet stand das Kreuz an der Straße, unweit der Ziegelhütte in Abtsgmünd. Anders wurde es im Jahr 1735. Der Bauer Matthäus Funk von Rötenbach, Pfarrei Hohenstadt, wurde von einem schlimmen Fußleiden, an dem er schon über ein Jahr krank gelegen war, geheilt, nachdem er eine dreifache Wallfahrt zu dem Kreuz bei der Ziegelhütte in Abtsgmünd versprochen und dann auch gemacht hatte.

 

Diese Heilung wurde bald weithin bekannt und eine Verehrung des Marienbilds in dem Passionskreuz setzte ein. Namentlich versammelten sich Kinder vor dem Kreuz und beteten dort den Rosenkranz. Der Wunsch wurde laut, es möchte eine Kapelle errichtet werden. Der Pfarrer von Abtsgmünd unterstützte die Sache, im Jahr 1735 noch wurde der Bau der Kapelle begonnen und im Jahr 1736 vollendet. Das Kreuz wurde in der Weise in den Altar eingebaut, dass das Muttergottesbild in der Kapelle auf dem Altar sichtbar war, während der obere Teil des Kreuzes zum Dach hinausragte. Rege war der Besuch der Wallfahrer, in allen möglichen Anliegen fanden sie Erhörung, wie in der Beschreibung der marianischen Gnadenkapelle aufgezeichnet ist. Mit dem Wachsen der Zahl der Wallfahrer wurde der Wunsch nach der Vergrößerung der Kapelle wach. Im Jahr 1740 wurde dem ersten Bau ein Langhaus angefügt. Vom Jahr 1743 an wurde ein regelmäßiger Gottesdienst in der Kapelle eingeführt und als am 21. Juni 1750 Kreuzwegstationen in die Kapelle eingesetzt wurden, waren bei der Feier etwa 6000 Besucher anwesend, und man zählte mehr denn 2000 Kommunikanten. Eine zweite Erweiterung der Kapelle erfolgte im Jahr 1765. Während des Baus wurde das Gnadenbild in die Pfarrkirche gebracht. Nach Vollendung desselben wurde es in großer Feierlichkeit wieder in die Marienkapelle übertragen. Mit Kreuz und Fahnen waren die Gemeinden Schechingen, Hohenstadt, Heuchlingen, Dewangen, Neuler und Hüttlingen zu der Feier gekommen.

 

Das war die Blütezeit der Wallfahrt. Noch hielt sie einige Jahrzehnte an. Aber der verderbliche Einfluss der Aufklärungszeit brachte die Wallfahrt zum Erlöschen. Während der Zeit des Neubaus der Pfarrkirche diente die Kapelle der Gemeinde als Gottesdienstraum. Ganz ist das Marienbild im Kreuz nie vergessen worden. Am Sonntag fanden sich immer fromme Seelen, welche den Rosenkranz in der Kapelle beteten, am Dominikusfest machte die Filialgemeinde Wöllstein immer eine Wallfahrt dorthin, in der Bittwoche zog die Pfarrgemeinde mit Kreuz und Fahnen zur Kapelle und seit der Marienweihe der Diözese im Jahr 1943 mehrte sich wieder die Zahl der Beter in der Kapelle, die in Kriegsnot ihre Zuflucht zur Gottesnummer nahmen. Möge die Kapelle auch fernerhin eine Gnadenstätte sein, von der Glaubenskraft und Trost in allem Leid ausgeht wie in früheren Zeiten.

 

J. Hahn, Pfarrer

Katholischer Volks- und Hauskalender 1946

93. Jahrgang

Schwabenverlag AG Stuttgart, Urbanstr. 94

 

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