Die Katakomben

 

Wie oft hört man von Fremden, besonders von solchen, die mit den Pilgerzügen kommen: „Was bin ich von Rom enttäuscht!“ Mehr noch, als es sagen, mögen es innerlich denken und nur zu höflich oder auch zu vorsichtig sein, es laut zu äußern.

 

Ich war ja auch enttäuscht, aber doch nur die ersten Wochen. Wer Rom kennen will, muss länger da sein. Rom ist ein Buch, aber keines für oberflächliche Unterhaltung; es will studiert sein. Rom ist ein Dom; man muss länger in ihm sein und das Auge an sein heiliges Dunkel sich gewöhnen lassen, dann erst beginnt man zu sehen. Rom ist eine Mutter; man muss in ihren Armen aufwachsen und man wird sie lieben.

 

Die Enttäuschung der meisten mag wohl daher kommen, weil sie mit allerhand Vorstellungen nach Rom kommen, und alles wie etwa in einer kunstvoll angelegten Weltausstellung anzutreffen glauben; anstatt dessen finden sie aber Ruinen, Kirchen und moderne Bauten.

 

Und dann erst Roms Leben! Dazu braucht es Zeit, und wer meint, als Kritiker da auf seine Kosten zu kommen, der bleibt immer enttäuscht. Roms Kinder, die Großen und die Kleinen, die Armen und die Reichen, die betteln und die geben, und auch die nicht geben, alle zusammen sind eine Familie, und Rom, ganz Rom, mit allen Gärten und Treppen und Straßen und Hallen und Plätzen, das ist ihr Haus, da sind sie daheim. Einer sagte einmal treffend: Erst als ich es so mir zurechtgedacht hatte, begann ich ihre Sprache zu verstehen und könnte mich eher über ein abfälliges Lächeln eines Fremden ärgern, als über irgendeine Art der Römer, die dieser belächelt.

 

Rom ist Rom, das wissen die Römer. Das schönste Rom aber ist immer noch das alte Rom. Fast beständig hat man, wenn man durch Rom geht, ein mehrfaches Rom vor Augen. Steht man z.B. auf der Piazza Venezia, da hat man im Hintergrund das moderne Rom mit seinem Kollosalmonument Vittorio Emmanuele, die einem trotz seiner Millionen, die es gekostet hat, nie anders vorkommt, als eine Zuckerbäckerarbeit. Links und rechts von ihm das mittelalterliche Rom, und hinter dem allem das heidnische Rom mit seinem Kapitol, Forum und Palatin. In seiner Art schön ist es aber allemal.

 

Die Wissenschaft hat noch einen neuen Namen geschaffen, nämlich für das unterirdische Rom, das christliche Rom, die Katakomben, Roma sotterranea.

 

Einer hat mal gesagt, in Rom habe ihn alles enttäuscht, nur nicht dieses Rom, die Katakomben. Das sollte man gut verstehen. Rom zählt ungefähr 50 Katakomben. Teils auf freiem Feld, teils an einem Weinberg, in der Nähe einer Kirche öffnet sich der Boden, und es geht hinunter in diese Welt der Toten, nicht nur ein einstöckiger Gang, nein, oft vier- oder gar sechsstöckige Gänge führen dahin untereinander. Es hat einmal ein Ingenieur ausgerechnet, wie groß eine Straße sei, wenn man alle Katakombengänge aneinander reihte, und es ergab einen Weg von 300 Meilen Länge mit über 3,5 Millionen Gräbern zu beiden Seiten.

 

Über die Bedeutung der Katakomben ist wohl kein Wort nötig. Wäre die Heilige Schrift und alle andere Tradition verloren gegangen, aus den Katakomben ließe sich der katholische Glaube in allen Teilen beweisen. In den Tuff und Stein der Wände eingegraben sehen wir im Bild alles damals schon geglaubt, wie wir es jetzt in unserem heiligen Glauben tun.

 

Ein Priester erzählt: Es war am letzten Tag des Jahres 1911, am Silvesterabend, dass ich mit einem Mitbruder die Katakomben des heiligen Silvester an der Via Salaria besuchte. Sie waren an diesem Tag anlässlich des Festtages des heiligen Papstes Silvester, dessen Namen sie tragen, geöffnet, und hielt der gelehrte Schüler des großen Giov. Batt. De Rossi, Professor Maruchi, einen Vortrag, dem sich eine Lichterprozession mit darauffolgendem Tedeum anschließen sollte. Es war das erste Mal, dass ich das unterirdische Rom betrat, und war deshalb, wie auch des passenden Tages wegen, der Eindruck so tief. Wir verließen Rom durch die Porta Salaria und gingen den gleichnamigen Weg entlang. Der Gedanke, wie oft mögen da vor Jahrhunderten die Christen gegangen sein, ging mir durch Herz und Sinn.

 

Nach einem halbstündigen Weg standen wir an der Biegung eines Scheideweges an einem offenen Tor, durch das wir wie in ein Gewölbe eintraten, in die Katakomben.

 

Ein paar Fuß weit hinein ist es noch breit und vom Tageslicht erleuchtet, dann aber beginnen die engen Gänge, die man nur hintereinander durchgehen kann. Für heute brannten Kerzen an den Wänden in größeren Zwischenräumen, besonders wo man hinuntersteigen musste, oder wo Scheidewege und Biegungen waren. An einzelnen Stellen ließ eine Öffnung einen Blick in die Tiefe zu, und man sah die tiefer gelegenen Gänge. Es ist wie in einem Bergwerk. Nur statt der Gesteine sind es die Christen, die man da in die Nischen gelegt hat. Die Heiligen darunter hat man erhoben und gleich den Diamanten aus ihren Gruben gebrochen, und in den Kirchen in die Altäre gebracht.

 

In den Katakomben, in denen ich ging, lagen einst die heilige Priscilla, Prisca, Praxedis und Pudentiana, sowie der heilige Aquila, Kreszention und die Leiber der Päpste Marcellinus, Silvester, Liberius und Vigilius. Sicher lagen und liegen in ihren Überresten noch gar manche da, die nun im Himmel sind. Links und rechts in den Grabhöhlen sieht man noch Gebeine, mitunter gut erhalten die Totenschädel. An einzelnen Stellen mehrere in eine Reihe gelegt. Wer waren sie? Menschen wie du, wie ich, und sie gingen vielleicht an glicher Stelle vor vielen hundert Jahren. Und nun? „Alexander in pace“, steht da an einer Stelle. „Im Frieden.“ Da redet man nicht viel, da schweigt der Mund, und das Herz pocht lauter.

 

An einigen Punkten sind auch größere Nischen, mitunter ganze Kapellen, Familiengräber.

 

Unser Weg ging in einen größeren Raum aus, eine Basilika in den Katakomben. Hier versammelten sich die Christen. Der Vortrag hatte schon begonnen, und war der Raum, der etwa 300 Menschen fasst, ziemlich angefüllt. Nach seiner Beendigung gingen wir einen anderen Gang entlang. An einer Stelle in der Kapella Greca erkennt man noch ein Gemälde, das eine Szene des Altarsakramentes darstellt. Es soll aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts sein. Gewiss von hoher Bedeutung. Etwas weiter erblickten wir die älteste Darstellung der lieben Mutter Gottes. Die Madonna mit dem Jesuskind an der Brust, vor ihr Jesaja, der auf den Stern deutet, der über ihrem Haupt steht, gleichsam eine in den Stein verewigte stete Darstellung seiner Prophezeiung.

 

In inniger Ergriffenheit trat ich so nahe ich konnte noch ein zweites Mal vor dieses Bild. Wie mancher und manche mag da gestanden und gekniet sein! „Ave Maria, Mater Die!“ – „Sei gegrüßt, Maria, Mutter Gottes!“ betet von selbst Herz und Mund. Mir war, als nähme ich ein Stück Katakombenmut von dieser Stelle aus mit.

 

Während wir noch da standen, hörten wir auf einmal wie aus weiter Ferne Gesang. Dann wieder Grabesstille. Hatten wir uns getäuscht? Wir gingen weiter. Da, wieder das Singen, wie dicht in unserer Nähe, und durch eine zufällig hinüberführende Schachtöffnung sahen wir in langer Reihe die Lichterprozession vorüberziehen, und gerade sangen sie und drangen an unser Ohr, wie ein Gruß vom Himmel her: „Sancte Dominice, ora pro nobis!“ Sie sangen die Allerheiligenlitanei. Nach einigen Augenblicken hörten wir wieder nicht einen Laut. Es mutete einem so eigen an. Das waren lebende Menschen, ob die in den Gräbern es hörten?

 

Wir versuchten zu der Prozession zu gelangen und schlossen uns ihr dann auch an. In die Basilika zurückgekommen, stimmte der Geistliche das „Tedeum“ an. Einstimmig aus allen Herzen klang das durch die Halle und die Gänge wie ein Weck-, Jubel- und Dankesruf, und doch gedämpft unter der Erde. Neben mir standen Engländer, Franzosen; man sah Spanier, Portugiesen; mein Begleiter selbst war ein Dalmatiner, ich ein Deutscher, der Geistliche ein Italiener. „Te per orbem terrarum sancta confitetur Ecclesia!“ „Dich preist über den ganzen Erdkreis hin Deine heilige Kirche!“ Wie war das hier wahr! Ich hörte mehr zu als ich selbst sang.

 

Als wir dann aus den Katakomben wieder zutage kamen, stand der Mond schon am Himmel und die Sterne gingen auf. Den Dankgottesdienst zu Ende des Jahres 1911 in den Katakomben zu Rom vergesse ich wohl mein Leben nie, und nie den Schlussakkord des „Tedeum“. – In Te Domine speravi, non confundar in aeternum. Amen.“ „Auf Dich, o Herr, habe ich gehofft, und ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden. Amen!“

 

Sei getrost, Rom! Du ewige heilige Stadt! Man mag dich zertreten wollen, mag Denkmäler bauen des vermeintlichen Sieges. Solange in deinem Schoß, unter der Erde, die Gräber deiner Heiligen ruhen, die Katakomben, gleich den Wurzeln und Keimen verborgen liegen, mag zeitweilig eine Dürre kommen, zeitweilig selbst Unkraut deine Hügel verheeren; ein Hauch nur des Heiligen Geistes, und deine ewigen Hügel stehen in erneuter, schönerer Blüte, und aus deinem Samen sprosst die Frucht der Heiligen aufs neue. Heiliges katholisches Rom, Roma sotteranea, ihr Katakomben, seid gegrüßt!