Die Einsiedelei Unserer Lieben Frau von Cillas

 

Ungefähr eine halbe Legua (spanisches Längenmaß für Meile) von der Stadt Huesca in Aragonien liegt die alte Einsiedelei Unserer Lieben Frau von Cillas, die ihren Namen von dem in demselben Bereich ganz in der Nähe liegenden Ort Cillas empfing. Der Hochaltar und der Taufstein, die sich bis in unsere Tage erhalten haben, so wie das Recht, das sie genoss, alle Erstlinge der in ihrem Bezirk eingeernteten Früchte jeder Art für sich in Anspruch zu nehmen, beweisen, dass sie in früheren Zeiten eine Pfarrkirche gewesen sein muss.

 

In der Nähe dieser Einsiedelei entspringt eine Quelle, von den Bewohnern des umliegenden Landes die „heilige Quelle“ genannt, in der die Kranken und Gebrechlichen sich zu baden pflegen, weil, nach der allgemeinen Annahme, sie unter dem besonderen Schutz der heiligen Mutter Gottes sich befinde. Unter Anrufung ihres gebenedeiten Namens pflegt man in ihre Heilsfluten niederzusteigen. In der Tat sieht man auch bei der Quelle sowie in der Kirche zahlreiche Opferstücke aller Art, Medaillen und andere dergleichen Gegenstände von mehr oder minder großem Wert, auch Amulette aufgehängt, die die Kranken zum Beweis der ihnen zu Teil gewordenen Genesung zurücklassen. Bei dem Gnaden-Bildnis der allerseligsten Jungfrau Maria selbst prangen nicht minder und in noch größerer Zahl reiche Geschenke in Gold, Silber und kostbaren Steinen, als ebenso viele Zeugen der frommen Gesinnung oder dankbaren Anerkennung ihrer Geber.

 

Bei der Kirche befindet sich eine Art Kloster, oder vielmehr eine Bruderschaft mit dem Titel „Zu Unserer Lieben Frau zu Cillas“, die, nach den daselbst befindlichen Urkunden, zur Zeit des Königs Don Juan I. gestiftet wurde. Diese Bruderschaft besteht aus zwölf Priestern und dreiunddreißig Laien nebst mehreren überzähligen Brüdern, und ihr ist die Besorgung des Gottesdienstes darin und die Verwaltung ihrer Einkünfte übertragen.

 

Ehemals gingen die Brüder zu der Einsiedelei von Cillas jedes Mal am letzten Sonntag der Monate April und Oktober, und zwar in feierlicher Prozession. Die Teilnehmer gingen barfuß. Später aber wurde statt der jährlichen Prozessionen nur die eine gehalten, die auch jetzt noch am „Fest Mariä Geburt“ zur Ausführung kommt, und statt barfuß zu gehen, zahlte jeder der Teilnehmenden an jeden der Brüder zum Vorteil der ganzen Brüderschaft zwei Maravedis (es war eine Jahrhunderte lang in Spanien gebräuchliche Münze) in Silber, wie es auch jetzt noch alljährlich geschieht.

 

Bei dieser Prozession hat sich ein bemerkenswerter alter Gebrauch erhalten: nach ihrem Ausgang nämlich aus der Kathedrale wendet sie sich seitwärts, um unter einem Bogen durchzuziehen, der an das Universitätsgebäude stößt, wo ehemals der königliche Palast war. So lautet die Vorschrift in den alten Statuten, denn hier wohnten die alten Könige Aragoniens, und der jeweils regierende König pflegte sich hier der Prozession anzuschließen.

 

Nach Ankunft des feierlichen Pilgerzuges in der Einsiedelei findet Hochamt und Predigt statt, wozu immer eine große Volksmenge aus der ganzen Umgegend zusammenströmt.

 

Am größten ist aber der Zudrang, am lebhaftesten und interessantesten die Szene am Morgen der beiden großen kirchlichen Festtage St. Johannes und St. Petrus und St. Paulus. Gemäß einem bis in die frühesten Zeiten des Christentums reichenden Gebrauch, besuchen an diesen beiden Tagen die Einwohner der Stadt Huesca sowohl, als die in einem Umkreis von mehreren Stunden liegenden Orte das Bildnis der heiligen Jungfrau. Aber das sonderbare dabei ist, dass nach dem unter dem Volk dort herrschenden Glauben der Weg dahin bei Nachtzeit gemacht werden muss, so dass bei Sonnenaufgang die ganze Masse an dem geheiligten Ort zusammentrifft. „Das Wasser der heiligen Quelle“, sagen die Leute, „verliert seine Wirksamkeit, wenn es einmal vom Strahl der Sonne beschienen ist“. Und da drängen sich denn Gesunde und Kranke, um ja den rechten Augenblick nicht zu versäumen, herbei, um noch während der Nacht in der Quelle sich zu waschen, oder wenigstens ihre Glieder einzutauchen.

 

Dieses Gewühl von Leuten, die sich um die Wette stoßen und treten, um nur etwas früher ans Ziel zu gelangen, der Lärm und das wirre Durcheinander von Stimmen aus allen Ton-Höhen und Tiefen, Musik und Gesang und Zechgelage hart neben den Gruppen andächtig Betender, das Rollen der Wagen, Pferdegewieher: das alles ist hier auf einem Platz zusammengedrängt, und die schneidenden Kontraste, die diese Szene bietet, geben reichlichen Stoff zur Beobachtung des Volkes. Je näher man den unmittelbaren Umgebungen der Einsiedelei kommt, um desto geräuschvoller und bewegter wird das Treiben. Da wird gesungen, vor uns herrscht Freude, während hinter uns die Tränen der Wehklagenden fließen. Und ist man in der Mitte dieses Wirrwarrs bis zur Pforte glücklich durchgedrungen, so muss man notgedrungen noch in dem dichten Knäuel einen kurzen Halt machen, bis man den Eingang in die Kirche buchstäblich erzwingt.

 

Mit dem Eintritt aber in die Kirche ändert sich die Szene vollkommen: außen das tolle Getümmel, gleichsam ein Bild des Kampfes der menschlichen Leidenschaften, da innen aber der tiefste Ernst, ruhige Sammlung. Es ist die geweihte Stätte der Andacht und des Friedens, und im Haus Gottes muss die menschliche Leidenschaft verstummen und Buße tun. Ungeachtet des schnellen und innerlich gar nicht vermittelten Übergangs von der einen Szene zur anderen, war ich doch ganz ergriffen und fühlte mich in die ernsteste Stimmung versetzt. Tausend und tausend Lichter um das Gnadenbild der heiligen Jungfrau in symmetrischer Ordnung aufgestellt und sich wiederspiegelnd in den Edelsteinen ihrer reichen Gewänder erleichtern dem Beschauenden die aufmerksame Betrachtung. In den Räumen der gleichsam taghell erleuchteten Kirche sieht man zu Tausenden die Andächtigen hinknien und beten. – Es war ein Atmen wie im Himmel.

 

(aus: Skizzen aus Spanien von Victor Aimé Huber von Vandenhöck und Ruprecht 1828)