Der Kreuzberg am Rhein

 

Nahe dem sagenumklungenen Siebengebirge grüßt Bonn, die Gartenstadt am Rhein, reichlich von frischem Grün umfriedet. Mit fünf Türmen ragt ehrwürdig das Münster, das bereits die heilige Helena begründet haben soll; im Innern leuchtet das lebensgroße Bild dieser frommen Kaiserin, wie sie das wiedergefundene Kreuz des Erlösers in Händen hält. War`s nicht, als wollte sie mir damit den Weg weisen zum nahen Kreuzberg? Im Schatten der Kastanienbäume wandelt sich`s leicht hinaus zum alten Friedhof und hinauf zur sanften Höhe; dort oben steht die Wallfahrtskirche des Heiligen Kreuzes und daneben die Kapelle der Heiligen Stiege, die vom Erzbischof Klemens im Jahr 1746 errichtet wurde. Ich dachte lebhaft an die Scala santa zu Rom, deren geheimnisvolles Dunkel mich ernst an jenen Leidensgang unseres Herrn in Jerusalem erinnert hatte. Die Nachbildung der Heiligen Stiege hier sehen wir im freien Tageslicht. Pilger wallen kniend die 28 Marmorstufen hinan. Am Gewölbe verkündet das farbenfrische Gemälde sinnreich die frohe Botschaft: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Gott Vater, im Strahlenkranz himmlischer Herrlichkeit thronend, teilt den treuen Engeln mit, er wolle den gefallenen Menschen Barmherzigkeit erweisen. Die Weltkugel wird von der Schlange noch unheimlich umringelt, aber schon erscheint im reichsten Glorienglanz das Werkzeug der Erlösung:

 

Kreuz, o du herrliches,

Schimmerndes Zeichen,

Purpurwein triefender

Baum ohnegleichen!

 

Hell wie die Sonne

Strahlt deines Stammes

Schaft vom geheiligten

Blute des Lammes.

 

(Franz Eichert)

 

Die Ehrenwacht am Heiligtum halten Söhne des heiligen Franziskus, der auf Alvernas Höhen ja wunderbar die Wundmale des Gekreuzigten empfangen hat. Einer von den Brüdern waltet als gottbegnadeter Künstler, wie freute es mich, ihn aufzusuchen! Frau Damascen lautet sein Name, der an den heiligen Johannes von Damaskus erinnert, jenen eifrigen Verteidiger der kirchlichen Bilderverehrung. In der lichten Zelle fand ich das Heimatshaus des Künstlers abgebildet, aber auch das trauliche Waldkirchlein, dabei Studienköpfe, recht aus dem Leben herausgerissen. Von inniger Andacht verklärt erscheint das Bild des heiligen Antonius von Padua, der seligen Kreszentia von Kaufbeuren. Vor allen leuchtet das Bild der himmlischen Mutter. Möge Frau Damascen recht nacheifern dem Frau Angelico, dem seligen Johannes von Fiesole, dessen frommes Schaffen der deutsche Sänger Guido Görres sinnig schildert:

 

In der Zelle heil`gem Frieden,

Von dem Lärm der Welt geschieden,

Malt ein Bruder, fromm und mild,

Betend ein Marienbild.

Seinem Auge lichterfüllet

Scheint die Erde nachtumhüllet;

Bilder einer höhern Welt

Schaut sein Geist, von Gott erhellt.

 

Der gute Bruder Damascen gewährte mir auch Einblick und Eingang in den Klostergarten. Da stimmen die Bilder des Kreuzwegs, kunstreich aus grauem Stein gemeißelt, zu dankbarer Betrachtung, zumal da sinnig an jeder Station das entsprechende Vorbild des Alten Bundes erscheint, z.B. der Dulder Hiob, der ägyptische Joseph. Vom Garten eröffnet sich aber auch lichter Ausblick weithin ins herrliche Rheinland. Sieh dort ferne das Kloster Vilich, wo gemäß einer Stiftung der heiligen Adelheid täglich 15 Arme gespeist wurden! Wenn der Himmel sich ganz aufheitert, so grüßt schon freundlich das heilige Köln mit der Kreuzrose seiner Domtürme.

 

Und fern, verschwimmend in Duft,

Erhaben und allein,

Blühet das Rosenpaar

Des Doms in den Himmel hinein.

 

Von Josef Liensberger,

in Ave Maria,

Illustriertes Monatsheft für Marienverehrung,

Heft 4, April 1911, XVIII. Jahrgang

 

http://www.kreuzberg-bonn.de/