Zum heiligen Berg von Varese - Sacri Monti

 

Unmittelbar hinter dem Gallarate zweigt links die Simplonstrecke (Mailand-Arona-Domodossola) ab, während die elektrische Vollbahn nunmehr rechts das fruchtbare Olonatal betritt. Zur Linken schiebt sich in die Ebene ein langgestreckter Moränehügel vor, auf dessen Rücken die Dorfschaften Cajale, Albizate, Gazzada thronen. Hier beginnt nun das eigentliche Varesotto, d.h. die fruchtbare und dorfreiche Voralpenlandschaft zwischen Langen- und Luganersee mit dem Hauptort Varese.

 

Schon auf der letzten Station Gazzada strahlt der heilige Berg mit seinem Heiligtum herab über den an seinem Fuß liegenden Villenkranz und das Kreisstädtchen Varese mit seinen 7-8000 Einwohnern. 382 Meter über dem Meeresspiegel auf einer Moräneschicht gelegen, umgeben von Seen, Wäldern, Bergen und Hügeln, ist der Ort eine beliebte Villegiatur der Mailänder und eine klimatisch günstige Übergangsstation für Frühjahr und Herbst. Verkehrswege nach Norden und Süden, Osten und Westen, das erstklassige, prächtige, von deutscher Bedienung geleitete „Grandhotel Excelsior“ mit Restauration, sowie andere gute italienische Gasthöfe führen alljährlich zahlreiche Gäste hierher. Von Lugano führt das Schiff bis Porto Ceresio und von hier die elektrische Bahn von Luino entweder über Laveno oder über Bettole durch das Valgana in 1½ Stunden nach Varese, während die Nordbahn vom Comersee in zwei Stunden den Ort erreicht. Die kürzeste Verbindung ist immerhin die von Mailand nach Varese in einer Stunde.

 

Kaum der elektrischen Bahn entstiegen, ladet der vor dem Bahnhofsgebäude stehende elektrische Tram mit dem Schild „Sacro Monte“ zum Einsteigen ein, um die Wallfahrer alle 20 Minuten in einer halben Stunde bis zur Felskuppe des heiligen Berges zu fahren. Das Geleise läuft durch das Städtchen mit der dreischiffigen Stiftskirche, ein Bau Pellegrinis (1580) und ihrem 75 Meter hohen Glockenturm, vorbei an den reichen Parkanlagen aufwärts durch die Ortschaften Bettole, Sant Ambrogio (460 Meter), Fogliaro, die Weiler Rabarello und Velate in großer Steigung zur prima capella, zur ersten Kapelle (750 Meter), von hier durch einen Tunnel zur Drahtseilbahn (funicolare), die zur Spitze des heiligen Berges in die Nähe der Wallfahrtskirche hinaufträgt.

 

Wer aber, wie ich, den Weg der vierzehn Kapellen zu Fuß (1 Stunde) machen will, steige bei der ersten Kapelle aus und gehe rechts den Weg hinauf, wo sich vor dem Plateau des niedlichen Kirchleins der unbefleckten Gottesmutter eine überraschende Aussicht bietet über die anmutige Landschaft des Varesotto, das wie eine ausgebreitete Reliefkarte vor dem staunenden Auge liegt. Alle fünf Vareser Seen, ein Teil des Langensees, Mailand mit seinem Dom, Turin mit der Superga, die zahlreichen Ortschaften der lombardischen Ebene grüßen freundlich herauf.

 

Das eben genannte, in schönen Proportionen von Bernasconi 1609 erbaute Kirchlein eröffnet den eigenartigen Rosenkranzstationenweg zum heiligen Berg. Im Innern der achteckigen Rotunde ist über der Tür ein Gemälde des Trienter Konzils angebracht, das die Unbefleckte Empfängnis begünstigte. Acht Standbildern von Kirchenlehrern, die über dieses Geheimnis schrieben, schauen aus Nischen herab. Die Psalmworte: Fundamenta eius in montibus sanctis (Ihre Fundamente liegen auf heiligem Berg) strahlen im Giebelfeld und geben dem Pilgerweg längs der Rosenkranzkapellen das gläubig-fromme Gepräge. Noch vor etwas mehr als dreihundert Jahren war der nach beiden Seiten schroff abfallende schmale Grat des Berges eine fast unzugängliche Wildnis. Da fasste 1604 der arme Kapuzinerpater Giovanni Battista Aggugiari von Monza, als er in Varese predigte, den Plan, einen breiten, gepflasterten Weg zum uralten Wallfahrtsort auf der Kuppe des heiligen Berges zu bahnen. Durch Sammlung milder Beiträge und zahlreiche Arbeitskräfte aus der Umgebung unterstützt, wurde es ihm möglich, den jetzigen wohlgepflasterten breiten Weg anzulegen und an den Kehren der einzelnen Windungen Kapellen zu errichten, die dann im Laufe der Zeit die Zahl vierzehn erreichten. Sämtliche Kapellen, geräumig und verschieden in der Anlage, enthalten neben lebensfrischen Freskenmalereien lebensgroße bemalte Freigruppen in Ton, manchmal recht realistisch, im ganzen aber ansprechend und treuherzig-fromm gehalten, die die Geheimnisse des Rosenkranzgebetes verherrlichen.

 

Die fünf freudenreichen Geheimnisse beginnen mit einem prächtigen Eingangstor, dessen Dachfirst das Standbild der Rosenkranzkönigin krönt, umgeben links vom heiligen Dominikus, dem Begründer des Rosenkranzgebetes, und rechts vom heiligen Franz von Assisi.

 

Es folgen sich nun in angemessenen Abständen an den Kehren des Weges fünf Kapellen: die Verkündigung mit 2, der Besuch bei Elisabeth mit 10, die Geburt Jesu mit 14, die Darstellung Jesu im Tempel mit 17, das Wiederfinden Jesu unter den Schriftgelehrten mit 22 Statuen, sämtlich von Christoforo Prestinari und Francesco Silva gearbeitet. Die Fresken an den Wänden, die die Hauptszene erläutern oder ergänzen, stammen von Chianda da Como, Panfilo und Andrea Villa.

 

Die fünf schmerzreichen Geheimnisse eröffnet ein Torbogen, auf dessen Höhe das Standbild des heiligen Karl Borromäus, des eifrigen Pilgers zum heiligen Berg, thront.

 

In der 6. bis 10. Kapelle sind die Ölgartenszene mit 9, die Geißelung mit 10, die Dornenkrönung mit 10, die Kreuztragung mit 18, die Kreuzigung mit 40 Statuen verherrlicht.

 

Zu den fünf glorreichen Geheimnissen führt ein Tor mit dem Standbild des heiligen Ambrosius, des angeblichen Gründers des Heiligtums auf der Bergesspitze.

 

Die Auferstehung Christi mit 9, die Himmelfahrt mit 16, die Sendung des Heiligen Geistes mit 15, die Himmelfahrt Mariä mit 21 Statuen sind in den letzten vier Kapellen dargestellt, während das 15. Geheimnis, Mariä Krönung, durch das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche selbst die fünfzehn Rosenkranzstationen abschließt. Wie vorher, sind auch diese Statuen ein Werk Silvas; die Fresken dagegen verdankt der Berg den Malern Morazzone, Busca, Lampugnani, Rechi, de Grandi, Legnanino u.a.

 

Drei künstliche Brunnenhäuser, an den drei Torbögen kräftiges Bergwasser in Röhren vom seitlichen Monte delle tre Croci spendend, bieten auf dem zuweilen etwas steilen, schattenlosen Weg kühlende Labung und mehrere sauber gehaltene Wirtschaften gewähren längs des Weges weitere Stärkung: köstlichen Wein, frische Milch, leichtes Vareser Bier u. dgl.

 

Der Stationenweg geht durch das enggebaute Pfarrdörfchen mit ungefähr 400 Einwohnern zur Kuppe des Felsberges (867 Meter hoch), wo links die Wallfahrtskirche, im Rokokostil umgebaut, sich erhebt. Den Freskoresten in der Kuppel wird ein hohes Alter zugeschrieben, besonders aber gilt dies von jenen in der alten Krypta, die sich unter dem Hochaltar befindet. Das Gnadenbild, 1½ Meter hoch, vom Alter geschwärzt und die gekrönte Himmelskönigin mit dem Jesuskind auf dem Arm darstellend, thront über dem Hochaltar. Das Innere des dreischiffigen Gotteshauses ist von vergoldeten Skulpturen, Stuck und zahllosen Fresken (von Fiammenghieno und Paolo Ghianda) stark überladen.

 

In der Kapelle des rechten Seitenschiffes ruhen über dem Altar die Leiber der seligen Katharina von Pallanza (1437-1478), der Gründerin des anstoßenden Klosters, und ihrer ersten Gefährtin, der seligen Juliana Puricelli von Verghera in der Lombardei (1427-1501).

 

Das mit der Kirche verbundene Kloster der Augustinerinnen stammt aus dem Jahr 1471.

 

Noch wird im Innern des Klosters in ihrem ursprünglichen Zustand die Zelle (1,80 Meter hoch, 3 Meter breit) bewahrt, die die selige Katharina als Klausnerin neben dem Wallfahrtsort lange Jahre bewohnte. Eine getreue Nachbildung derselben steht dem Pilger zur Besichtigung allezeit offen in einer an die äußere Klosterwand angebauten Kapelle. Im Kloster besteht unter der Leitung der Klosterfrauen eine Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Töchter besserer Stände.

 

Der Gnadenort selbst als Madonna del sacro Monte ist indessen bedeutend älter als Kirche und Kloster. Urkundlich wird bereits 1017 ein Erzpriester auf dem heiligen Berg erwähnt. Der Mailänder Erzbischof, der heilige Galdmus (1166-1176, also zur Zeit Barbarossas), bestritt die vom Vareser Stiftspropst vorgenommene Ernennung des der Häresie verdächtigen Erzpriesters Landolfo und ersetzte ihn durch den Mailänder Domherrn Pietro da Bossolo, der auf dem heiligen Berg von fünf Kanonikern und mehreren Geistlichen umgeben war. Es musste also das Heiligtum der Gottesmutter bereits zu einer hohen Blüte gelangt sein, wenn ein solcher Stab von höheren und niederen Geistlichen dort funktionierte.

 

Die örtliche Überlieferung verlegt tatsächlich die Gründung desselben in die Zeit des heiligen Ambrosius, der zum dankbaren Andenken an den Sieg der Katholiken über die Arianer das Heiligtum errichtete, den Altar weihte und das heutige Gnadenbild darüber aufstellte.

 

Im schönen Maimonat und an den Festtagen Unserer Lieben Frau strömt das fromme lombardische Volk in zahlreichen Scharen von nah und fern herauf, den Rosenkranz betend und heilige Lieder singend. Ein Erzpriester mit mehreren Geistlichen versieht den heiligen Dienst.

 

Es ist ein ganz eigenes Bild, das sich da an solchen Festtagen bietet. Neben feinen Herren und eleganten Damen in allen erdenklichen Sommertoiletten ist es besonders das schlichte Landvolk der Lombardei in hellen, leuchtenden Farben mit dem Schmetterlingsartigen, das sich so anmutig ausnimmt. Dann wieder das männliche, solide Bauernelement, das sich in seinen besten Sonntagsstaat geworfen und stundenweit herbeigeeilt ist: ein farbensattes Bild, wie es nicht packender auf der Bühne zu sehen ist. Dann die rührende Andacht dieses schlichten Landvolkes zur Madonna mit dem göttlichen Kind auf ihrem Arm. Ein oberflächlicher Beobachter könnte die Art der Andacht etwas gar zu äußerlich finden, allein diese ungenierten lebhaften Äußerungen sind Begleiterscheinungen des südlichen Blutes; wem es vergönnt war, in das Herz dieses tiefgläubigen Lombardenvolkes zu blicken, der versteht sich in die Volksseele dieser Landkinder hineinzudenken und ihre äußere Andacht richtig zu würdigen. Dem Volk ist die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Arm so hoch und heilig, so gütig und mächtig, dass ihr am Himmelsthron keine Bitte versagt wird. Darum eilt es in allen Nöten des Lebens so gern und anhaltend hin zur Mutter mit dem Gotteskind. „Durch Maria zu Jesus“ ist seine Losung auf dem kurzen Pilgerzug durchs Leben.

 

Zur Freude der Andacht gesellt sich dann hier oben der Genuss seltener Naturschönheit bei klarem Wetter. Die Fernsicht ist überraschend. Zu Füßen der malerischen Vareser See, 9 Kilometer lang und 2 Kilometer Durchschnittsbreite, die weiteren viel kleineren Nachbarseen, offenbar Reste eines ehemals größeren Seebeckens, zur Linken der Comersee mit den ihm vorgelagerten Bergen, zur Rechten der Langensee und die über ihm thronenden Westalpen mit den Gletscherzinnen, im Vordergrund nach Süden die lombardische Ebene wie ein grüner Teppich von den weißen Punkten der Ortschaften durchwirkt, im Rücken nach Norden das malerische Valgana, wo die strenge Alpenwelt sich in die sanften, weichen Linien der Kastanienhügel und Ahornberge auflöst, wo aus dem dunkelgrünen Schatten der Wälder Dörfchen und Landhäuser hervorleuchten. Und dieses herrliche Panorama, übergossen von der Fülle des goldenen Lichtes und dem Zauberglanz des südlichen Himmels. Da empfindet der fromme Pilger in seinem Herzen, wie an diesem Ort der Gnade Himmel und Erde wetteifern, ihn durch die Reize der Naturschönheit, der Kunstfreude und den Trost der Andacht zur wahren Heimat und zu dem, was in der heiligen Religion das Lieblichste und Erhabenste ist, zu erheben, nämlich zur hehren Jungfrau mit dem göttlichen Kind auf ihrem Arm, durch Maria zu Jesus hinzuleiten.

 

Georg von Dintesheim

 „Ave Maria“, Heft 3, März 1911

 

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