Der Heilige Berg bei Görz

 

Der Held vom Heiligen Berg

 

(A. Reif, „Ave Maria“, Heft 12, 1916, S. 263)

 

Es schritt ein Ritter durchs brennende Land,

Der Ritter der seligsten Minne,

Und trug in den Armen durch Feuer und Brand

Seine himmlische Königine.

 

Er trug vom rauchenden Bergaltar,

Vom zerschossenen Heiligtume,

Geborgen im flammenumwehten Talar,

Des Heiligen Berges Blume.

 

(Adele Billitzer)

 

In der Reihe der altberühmten und beliebtesten Wallfahrtsorte nimmt unstreitig der Heilige Berg (Monte Santo) bei Görz eine hervorragende Stelle ein. Er ist im Süden Österreichs der berühmteste und größte Gnadenort, der alljährlich von vielen Tausenden frommen Pilgern aus dem Görzer Land, aus Triest und Istrien, aus Krain, Kärnten, dem italienischen Friaul, von Venetien, und wohl auch noch von weiter her besucht wurde, und unbegrenzt war im Volk das Vertrauen und die Verehrung zur lieblichen Madonna vom Heiligen Berg.

 

Der einfache, aus massigen Quadersteinen aufgeführte Bau der sehr großen, altertümlichen Kirche wirkte mit ihrem viereckigen, einem Wartturm gleichenden Glockenturm beinahe wie ein altes Höhenschloss, das weit in die Lande hinein und über das Meer hinaus schaute. Und diese Hochburg des christlichen Glaubens und frommer Marienverehrung schmückte Gott mit den wunderbarsten Schätzen der Natur. So oft ich das Glück hatte, auf dem Monte Santo verweilen zu können und von dort oben in die weite Herrlichkeit schaute, die sich vor meinen Blicken ausbreitete, musste ich der Worte des Dichters gedenken:

 

Herrlichstes der Meisterwerke:

Buch Natur, nimm meinen Dank!

Gabst so oft mir Trost und Stärke,

Kraft, wenn mir der Mut entsank.

 

In dies Buch hat Gott geschrieben,

- Als er schloss das Paradies -

Sein Erbarmen und sein Lieben.

Menschenkind, o nimm und lies!

 

(Friedrich Pesendorfer)

 

Da kam plötzlich für das Stille, friedliche Isonzoland eine furchtbar schwere Zeit, die die kaisertreuen Bewohner mit Schrecken erfüllte: der kommende Krieg mit dem ungetreuen Nachbar. – Ungezählte Scharen erstiegen da den 684 Meter hohen Monte Santo, um bei ihrer teuren Madonna Schutz und Hilfe zu suchen. Doch es war mehr ein allgemeines Abschiednehmen von der Lieben Frau am Heiligen Berg, die den armen Menschenkindern Trost und Stärke mitgab für die bittere Leidenszeit, die ihrer harrte, denn Gott ließ es zu, dass der Krieg ausbrach. Da verließ ein großer Teil der Bevölkerung schweren Herzens die Heimat und die Gottesmutter vom Heiligen Berg schloss sich ihnen an.

 

Die Franziskaner, die das Heiligtum betreuten, hatten den Befehl erhalten, das Kloster zu verlassen, dem sie am Pfingstdienstag 1915 nachkamen. Sie nahmen das kostbare Gnadenbild mit sich und übergaben es zunächst dem Kuraten von Gargaro zur einstweiligen Aufbewahrung. Kurz danach fuhr P. Franz Ambroz, einer der Mönche vom Gnadenort, mit dem Muttergottesbild im Automobil nach Santa Lucie bei Tolmein, von wo er es mittelst Bahn nach Laibach ins dortige Franziskanerkloster in Sicherheit brachte. P. Franz rastete nun nicht eher, bis er die Erlaubnis zum Aufenthalt auf dem Heiligen Berg erhielt; damit begann für den unerschrockenen Priester die Zeit des Heldentums. Fünf schwere Monate hielt er dort oben aus und verließ den Heiligen Berg erst dann, als das Kloster samt Heiligtum fast gänzlich zerstört war und sich für ihn gegen die herannahende Winterkälte kein schützendes Obdach mehr bot.

 

In seinen schriftlichen Aufzeichnungen heißt es unter anderem: „Schon am 6. Juni wurde mir meine Wohnung, eine Klosterzelle, durch eine italienische Granate zerstört; die zweite vernichteten die Flammen, aus der dritten verdrängte mich das durch die durchschossene Decke strömende Wasser, aus der vierten blies der Luftdruck einer schweren Granatexplosion Fenster und Türen hinaus. Trotzdem hielt ich, von Gott beschützt, aus und wappnete mich nach Möglichkeit gegen Granaten, Flammen, Nässe und Ratten. Am 25. Oktober blieb aber die Kälte Sieger. Ich musste dem Heiligen Berg Lebewohl sagen. Diese Zeilen habe ich niedergeschrieben, damit die frommen Pilger erkennen, dass wir nicht feige und unverlässliche Wächter des Heiligtums gewesen sind, die sich bei der ersten Gefahr aus dem Staube machten. Als wir gingen, da war es ein unerbittliches „Muss“, das uns zwang. Ich selbst ging aber erst, als kaum noch etwas zum Bewachen übriggeblieben war, denn ich musste noch vor dem 25. Oktober die furchtbare Zerstörung des Heiligtums mitansehen.“

 

Während seines langen Ausharrens auf dem Heiligen Berg kam er öfter herunter, um seine Mitbrüder vom Görzer Franziskanerkloster Kostanjevica (Castagnavizza) aufzusuchen, die ihn in begreiflicher Weise immer mit unendlicher Freude empfingen. Von dem auf einem Hügel isoliert stehenden Kloster aus ließ sich der Heilige Berg gut überblicken und so konnten die Mönche die schrecklichen Vorgänge am Wallfahrtsort ziemlich deutlich beobachten. Der Guardian des Görzer Klosters, Hochwürden P. Vinzenz Kunstelj, schildert in einer biographischen Skizze des P. Franz die Herzensangst, die sie um das bedrohte Heiligtum und ihren treuen Mitbruder ausgestanden haben, wenn es oben gerade schlimm zuging. Einmal befürchteten sie ernstlich, P. Franz werde nicht wiederkehren. Dies war am Sonnwendabend 1915, wo ein dichter Rauch aus dem Heiligen-Berg-Kloster himmelan stieg, dem mächtige Feuergarben folgten. „O, wie traurig, wie furchtbar war jener Abend für uns!“, schreibt P. Vinzenz. „Und nicht nur für uns – weit und breit im Küstenland sah man das Feuer vom Heiligen Berg und überall zitterten die guten Herzen in Furcht um das berühmte Heiligtum.“

 

Und wie mag es erst dem P. Franz zu Herzen gegangen sein, dessen Liebe zum Heiligen Berg besonders groß war. Er musste es mitansehen, wie der Feind alles vernichtete, was menschlicher Fleiß und fromme Verehrung durch Jahrhunderte geschaffen hatten. P. Franz fürchtete nicht um sein Leben und hielt tapfer im schrecklichen Feuer aus. Es ist ihm auch wunderbarerweise nichts geschehen und er verblieb weiter auf den Ruinen ein treuer Wächter, versuchte sogar auszubessern und zu verstopfen, was er konnte. Bei karger Nahrung, die er sich des Nachts heraufholte – auch diese hatte er nicht immer –, hielt er oben aus, las im Donner der Geschütze die heilige Messe, und als ihm auch des zur Unmöglichkeit wurde, stieg er wöchentlich den Berg hinab, um an Sonntagen im Dorf Gargaro das heilige Messopfer darzubringen und dem dortigen Seelsorger, Josef Godnic – auch einem jener stillen Helden – auszuhelfen. Die Soldaten, die er auf seinen Wegen traf, kannten ihn alle und wussten ihn zu schätzen. Trotz des großen Kummers und der vielen Bitternisse war P. Franz liebenswürdig und mitteilsam und eine wunderbare Kraft ging von ihm aus, die alle neu belebte und ermutigte. Als die ersten Granaten ins Görzer Kloster einschlugen, gab er seinen Mitbürgern gute Ratschläge und munterte sie auf, und als ihm das Verweilen am Heiligen Berg unmöglich wurde, zog er zu ihnen. Doch auch hier wurde die Beschießung immer heftiger und schließlich war der P. Guardian gezwungen, den größten Teil der Insassen seines Klosters nach Krain abgehen zu lassen. Er schildert uns in seinem Aufsatz die traurige Stunde, da sie am 21. November 1915 im Refektorium versammelt waren und voll Weh im Herzen von ihrem geliebten P. Franz Abschied nahmen. Es war ein Abschiednehmen zeitlich für immer!

 

Bald darauf übersiedelte auch P. Franz in die Stadt zu den Barmherzigen Brüdern, wo er sich als freiwilliger Pfleger in aufopfernder Weise am Samariterdienst betätigte.

 

Doch auch von hier aus, wie früher von Kostanjevica, wanderte er manche Nacht hinauf auf seinen geliebten Heiligen Berg, „zu dem es ihn mit geheimnisvoller Kraft hinaufzuziehen schien“.

 

Zum letzten Mal war er am St. Josefs-Tag oben, am 19. März 1916. Ergreifend ist seine Beschreibung jener Wallfahrt. Er schien zu ahnen, dass er seine irdische Aufgabe bald erfüllt haben werde, und drückte in einem Brief an den hochwürdigen P. Provinzial den Wunsch aus, am Heiligen Berg begraben zu werden.

 

Was seit langem zu befürchten war, hat sich am 11. April 1916 ereignet. P. Franz weilte gerade in seinem Zimmer im Barmherzigen-Spital und betete sein Brevier, als eine Granate vor seiner Tür explodierte und ihm durch deren Splitter so schwere Wunden beigebracht wurden, dass er am 13. April darauf verschied. Man fand den Abdruck eines Fingers tief im Brevier eingedrückt. So endete der fromme, heldenmütige Ordensmann sein außergewöhnliches Leben. Sicher hat die himmlische Frau, deren Heiligtum er auf Erden so treu behütet hat, ihn an der Pforte der Ewigkeit voll Liebe empfangen . . .

 

Mit militärischen Ehren hat man ihn begraben. Soldaten trugen seine Leiche in dunkler Nacht auf den Heiligen Berg und der General, zu dessen Front der Heilige Berg gehört, gab ihm mit einigen Offizieren das Geleit. Oben begruben sie ihn andächtig um 11 Uhr nachts, am 15. April.

 

P. Franz war ein echter Held! Dies hat auch das Militärkommando bestätigt. Es wurde nämlich ein Buch herausgegeben mit einer Abbildung der Helden unserer Isonzofront und inmitten dieser Helden befindet sich der Heldenpriester P. Franz. Der Kommandant der Isonzoarmee gab dem Buch mit den inhaltsreichen Worten das Geleit: „Seine unvergleichlichen Helden an der Isonzofront grüßt auch auf diesem Weg Boroevic, G.d.I.“

 

P. Franz wurde nach dem Tod von Sr. Majestät mit dem Ritterkreuz des Franz-Josef-Ordens mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet.

 

Was P. Franz in diesen zehn Kriegsmonaten inmitten des Kampfgebietes mit unermüdlicher Ausdauer, Geduld und Tatkraft geleistet hat, übersteigt hundertfach das, was andere durch viele Jahre getan haben. Sein Name bleibt für alle Zeiten mit dem Heiligen Berg verbunden. Und wenn das geliebte Heiligtum aus seinen Trümmern wieder neu erstehen wird, werden die frommen Pilger voll Dankbarkeit und Verehrung auch das Grab des seligen P. Franz aufsuchen und noch nach vielen Generationen wird man voll heiliger Ehrfurcht von den Taten dieses heldenhaften Mönches erzählen.

 

Er starb in verhältnismäßig noch jungen Jahren, war am 2. Dezember 1874 in St. Martin bei Krainburg (Krain) geboren, trat am 25. August 1894 in den Orden des heiligen Franziskus und empfing am 30. Oktober 1898 die Priesterweihe. Seine Mitbrüder bestätigen, dass der Selige das Muster eines guten Ordensmannes war. Er war ein beliebter Prediger und Beichtvater und tüchtiger Katechet. Auch besaß er eine umfassende Sprachenkenntnis, die in den Gegenden seiner Ordensprovinz so notwendig ist. So war er überall an seinem Platz, am meisten aber in der jetzigen Kriegszeit, wo er sich als ganzer Held bewies.

 

Du trugst deine Herrin durch Flammen und Glut,

Hast die heilige Feste gehalten

Und siegeltest treulich mit deinem Blut

Des barmherzigen Heldentums Walten.

 

Du bist gestorben fürs Vaterland

Als Held auf der Liebe Felde.

Nun kröne dich, Ritter im Priestergewand,

Deiner Königin himmlische Sälde!

 

(Adele Billitzer)

 

In der schönen Franziskanerkirche in Laibach hat Unsere Liebe Frau vom Heiligen Berg während der Kriegsdauer eine schützende Heimstätte gefunden. Dort wurde das Gnadenbild am Altar des heiligen Deodatus zur öffentlichen Verehrung ausgestellt und seitdem kommen ungezählte Menschenkinder, um die Mutter Gottes vom Heiligen Berg aufzusuchen. Besonders sind es die Flüchtlinge aus dem Görzer Land, die ihr vieles Leid ihrer teuren Mutter klagen und die zu ihren Füßen ein Stück Heimat wiederfanden.

 

Die Madonna, die auf dem prachtvollen Hochaltar am Heiligen Berg als liebreizende Königin, mit kostbarem Geschmeide geschmückt, thronte, ist gegenwärtig allen Schmuckes entblößt. Auch die Kronen wurden dem Gnadenbild abgenommen, da die Mutter Gottes als Flüchtende in Laibach weilt und man auf der Flucht alle Kostbarkeiten ablegt.

 

Das Bildnis ist auf Zedernholz von Künstlerhand gemalt und wurde im Jahr 1544 vom Patriarchen Markus Grimani von Aquileja dem 1539 entstandenen und bereits in wenigen Jahren zu hohem Ansehen gelangten Wallfahrtsort geschenkt. Am 6. Juni 1717 hat man das Gnadenbild feierlich gekrönt und soll daher 1917 das 200jährige Krönungsjubiläum begangen werden. Möge uns der Allmächtige zu diesem Fest wieder friedliche Tage verleihen und die Liebe Frau am Heiligen Berg bald wieder ihren Thron aufschlagen, denn die Worte aus der Heiligen Schrift, die am Eingang ihres Heiligtums zu lesen waren: „Ego autem steti in monte sicurt prius“ – „Ich aber blieb am Berg stehen wie früher“ – werden ihre Bedeutung auf immerwährende Zeiten behalten.

 

http://www.kirche-in-not.de/kirchengeschichte/2015/11-17-der-heilige-berg-bei-goerz-beitrag-von-rudolf-grulich