Das Haus der Hl. Familie in Loreto

 

Ein berühmter Wallfahrtsort

 

(Aus: Katholischer Digest, Mai 1958, Nr. 5, S. 23)

 

Loreto, in einer der fruchtbarsten Landschaften der italienischen Provinz Marche die Spitze eines Hügels krönend, ist eine malerische Stadt von besonderem Charakter, deren Leben sich rings um die berühmte Kathedrale abspielt, die die „Casa santa“, das Haus der Hl. Familie, enthält.

 

Die Überlieferung berichtet, dass das Haus der Heiligen Familie – in dem Maria geboren war, in dem sich das Geheimnis der Fleischwerdung vollzog und in dem Jesus nach der Rückkehr von der Flucht nach Ägypten bis zu seinem 30. Lebensjahr lebte – am 10. Mai 1291, als die Sarazenen in Palästina eindrangen, auf wunderbare Weise von Engeln auf den Tersalto-Hügel bei Fiume gebracht worden war. Alessandro di Giorgio, der Bischof der Stadt, und Niccolò Frangipane, der Gouverneur von Dalmatien, beschlossen, als sie die Kunde vernahmen, Beauftragte nach Palästina zu schicken, die nachforschen sollten, ob das geheimnisvolle Gebäude auch tatsächlich bisher in Nazareth gestanden habe. Als die Abgesandten zurückkehrten, berichteten sie, in Galiläa die Fundamente gesehen zu haben, auf denen das Haus gestanden habe, bevor es durch die Lüfte nach Dalmatien entführt worden sei.

 

Am 10. Dezember verschwand jedoch das Heilige Haus plötzlich und erschien auf der anderen Seite des Adriatischen Meeres, unweit Recanati, inmitten eines Ahornwaldes. Da die Gegend von Räubern unsicher gemacht wurde, trugen die Engel es erneut hinweg, und zwar etwa einen Kilometer weiter zum Bauernhof zweier Brüder namens Simon und Stephan, die jedoch bald wegen des Besitzes dieses Schatzes in Streit gerieten.

 

Zum vierten Mal verschwand das Heilige Haus auf wunderbare Weise durch die Lüfte und wurde mitten auf einer Landstraße an der Stelle niedergesetzt, wo es sich noch heute befindet. Die ständige Überlieferung der wunderbaren Versetzung dieses Hauses wird offiziell bestätigt durch den Bericht Don Bartolommeo Teramos, eines Mönchs von Vallombrosa, aus dem Jahr 1483, der die Zeugenaussagen von Leuten enthält, die zur Zeit des Wunders lebten. Rings um das Heilige Haus entstand der kleine Ort Santa Maria, und zur Zeit Papst Leos X. wurde die Burg mit ihrer Mauerumgürtung errichtet. Papst Sixtus V. machte Loreto zum Sitz eines Bischofs. Der gleiche Papst entwarf den Plan der Straßen von Borgo di Montereale, und alle Städte der Region Piceno mussten auf seinen Befehl dort je ein Haus errichten.

 

Die Kirche in ihrem heutigen Zustand geht auf Papst Paul II. zurück. Sie umschließt mit ihren Mauern das Heilige Haus. Der Name des ersten Baumeisters ist nicht bekannt, doch wissen wir, dass Giuliano de Miasso den Bau vollendete.

 

Im Jahr 1500 errichtete Giuliano da Sangallo nach Plänen Brunelleschis den herrlichen achteckigen Dom, und Bramante fügte 1511 die Pfeiler und Stützmauern hinzu. Der Entwurf der Fassade mit dem Turm an der Seite und den Arkaden und Loggien des Apostolischen Palastes wird von manchen ebenfalls Bramante zugeschrieben, während andere annehmen, dass er auf Giuliano da Sangallo zurückgeht.

 

Wenn wir auch keine vollständigen Unterlagen darüber besitzen, steht doch fest, dass das Hauptportal des Palastes von Sansovino begonnen und von Sangallo, Nerucci und Giovanni Boccolini fortgesetzt wurde. Das Innere der Kirche zeigt die schmucklosen Wände des kleinen Heiligen Hauses. Die aus dem Holz einer Libanonzeder geschnitzte Marienstatue ist eine Stiftung Papst Pius` XI., der sie segnete und krönte, bevor sie von Rom nach Loreto verbracht wurde.

 

Das Heiligtum vermittelt starke religiöse Eindrücke. Über dem Altar finden sich die Worte „Hic Verbum caro faktum ist“ (Hier ist das Wort Fleisch geworden) eingemeißelt. Sie erinnern daran, dass dies der Ort ist, an dem der Überlieferung nach der Gottessohn menschliche Gestalt annahm. Die in aller Welt bekannte Statue U. L. Frau ist in ein langes, kostbares Gewand gekleidet, das ihr besonderes Aussehen verleiht.

 

Seit den Tagen seiner wunderbaren Versetzung wurde das Heilige Haus von Loreto ununterbrochen von zahlreichen Pilgerscharen aus allen europäischen Ländern besucht. Jahrhundertelang ließ es sich kein König oder Heerführer nehmen, es aufzusuchen und dem Heiligtum reiche Gaben zu vermachen. Papst Benedikt XV. bestimmte U. L. Frau von Loreto zur Schutzpatronin der Flieger.

 

Um U. L. Frau von Loreto verbreitete sich der Ruhm zahlloser Wunder, und alljährlich besuchen noch heute riesige Scharen gläubiger Pilger das Heilige Haus. Wie nach Lourdes verkehren auch nach Loreto weiße Sonderzüge für Kranke. Die Pilgerfahrten finden besonders an den hohen Marienfesten statt: Mariä Verkündigung am 25. März, Mariä Himmelfahrt am 15. August, Mariä Geburt am 8. September, Fest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember sowie am Jahrestag der wunderbaren Versetzung des Heiligen Hauses, dem 10. Dezember.

 

Loreto ist eines der berühmtesten und gefeiertsten Heiligtümer der Christenheit. Seine Entstehung, die der Statue entgegengebrachte Verehrung sowie die jahrhundertelange Fortdauer der Wunder, die endlose Ströme von Pilgern – gesunden, kranken und bedrängten Menschen – anziehen, haben das kleine Städtchen zu einem Zentrum religiöser Verehrung gemacht.