Das Alpenkirchlein

 

(Von I. Liensberger in "Ave Maria", Heft 5, 1911)

 

In einem Hochtal Tirols steht das St. Silvester-Kirchlein, ein gar merkwürdiger Bau. Die Sage meldet, hier hätten die alten Heiden ihre Opferstätte errichtet, die später ins christliche Heiligtum sei umgewandelt worden. Aus der ehrwürdigen Stiftskirche von Innichen wurde das Bildnis des heiligen Silvester hinaufgebracht und von den Hirten hochverehrt. Doch allmählich drohte dem alten Bau der Verfall. Da nahm sich Stiftspropst Walter tatkräftig des Kirchleins an, es stilgerecht zu erneuern.

 

Von Innichen aus ging ich gern den Bergweg hinan, der gegenüber den mächtigen Zinnen und Zinken der Dolomiten zum würzigen Fichtenwald und weiter ins stille Hochtal führt. Hoch über dem klaren Forellenbach ragt der steile Felsen und bildet den festen Grund fürs Kirchlein. Im Kirchlein selbst erfreuten mich die Wandgemälde aus dem 15. Jahrhundert. Wer möchte wohl so herrliche Blüten der Kunst in solcher Alpengegend erwarten? Die Bilder sind voll lieblicher, lichter Klarheit und Zartheit, wie sie eben nur das innige, sinnige Mittelalter bieten kann. Sie verkünden das Lob der lieben Gottesmutter. Seht das Bild Mariä Verkündigung und Mariä Heimsuchung! Das Bild Betlehems: „Die Hirten an der Krippe“ stimmt besonders gut für dieses Heiligtum im stillen Hirtental. Die Kapelle hoch auf dem Felsen, wie lebhaft erinnert sie an Uhlands allbekanntes Lied:

 

Droben stehet die Kapelle,

Schauet still ins Tal hinab;

Drunten singt bei Wies und Quelle

Froh und hell der Hirtenknab.

 

http://www.pfarrei-innichen.com/de/silvesterkapelle.php