Bornhofen, die Marienwallfahrt am Rhein

 

(Von Josef Liensberger, „Ave Maria“, 1911, Heft 7)

 

Im Sommer 1910 gelang mir wieder die Fahrt ins romantische Land, die Rheinfahrt. Vorüber eilte das Schiff an sagenumkränzten Burgen und rebenumrankten Bergen, vorüber auch am Loreleifelsen, wo früher so mancher Nachen vom wilden Strudel erfasst worden ist:

 

Ich meine, die Wellen verschlangen

Am Ende Schiffer und Kahn:

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.

 

Die Lorelei, die dämonisch Frau der Sage, die unheimlich zum Abgrund lockt und ladet, es erscheint als echtes Bild der trugreichen Frau Welt. Dagegen schwebt vor der Seele des Pilgers trostreich das Bild der himmlischen Mutter, die dort am grünen Strande des Rheins ihren Gnadenthron errichtet hat. Nach Bornhofen pilgern jährlich wohl hundert Prozessionen, und traulich ertönt von manchem Pilgerschifflein das Liebfrauenlied:

 

Geleite durch die Welle

Das Schifflein treu und mild

Zur heiligen Kapelle,

Zu deinem Gnadenbild!

 

Freundlich winkte mir nahe der Landungsstelle Kamp im Glanz der Mittagssonne das ersehnte Ziel. Vom Turm klang die Glocke silberhell zum Gruß des Engels. In den Hallen der Kirche hielt eine Pilgerschar bald die Kreuzweg-Andacht mit Beten und Singen. Reicher Kerzenkranz umstrahlte das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter am Marmor-Altar der Seitenkapelle. Tiefergreifend war es, wie die Pilgerschar wehmütig Abschied nahm. Ich konnte diesen Tag da bleiben und ruhig meinen Betrachtungen nachgehen.

 

Hoch über dem friedlichen Dörflein ragen Sternberg und Liebenstein, die Burgen der feindlichen Brüder. Was meldet davon die Sage? Die beiden Brüder betrogen erst ihre blinde Schwester um das Erbgold und gerieten dann selbst in Fehde, bis blutig die Wunden klafften. Wir denken an jenes Brüderpaar nahe den Pforten des Paradieses, wie der gottlose Kain den frommen Abel erschlug. Eva sieht die blutenden Wunden und hält vor Trauer den Leichnam Abels auf ihren Armen – das erste Vesperbild! Noch größeren Schmerz empfindet aber auf Kalvaria, umloht vom blutroten Abendglühen, die Mutter des göttlichen Heilandes.

 

Nun liegt er wieder auf dem Schoße

Als kalte, bleiche, erstarrte Leiche!

Aus beiden Händen, aus beiden Füßen

Und aus der Seite quillt sein Blut;

Es quillt und tröpfelt aus grimmen Wunden,

Die ihm gegraben mit bitt`rem Hohne

Die Königskrone, die Dornenkrone!

Du beugst dich nieder in Not und Jammer,

Und sieben Schwerter durchbohren glühend

Dein Mutterherz!

 

Dies Vesperbild erscheint dem christlichen Volk so segensreich. Zur schmerzhaften Mutter eilten immer die Bedrängten

 

Und Betrübten kindlich vertrauend, zumal im glaubensinnigen Mittelalter. Damals erblühte die Wallfahrt zu Bornhofen, wie die Urkunde vom Jahr 1311 meldet. Wie viele tausend und tausend Pilger haben seit sechshundert Jahren da Trost und Hilfe gesucht! Vernehmen wir nur, was eine Mutter aus Koblenz treuherzig erzählt:

 

Ich bemerkte, dass mein Knabe schon frühzeitig zu lügen anfing, und belehrte und ermahnte ihn deshalb in Liebe und Ernst, aber ohne Erfolg. Ich wendete verschiedene Strafen an – auch sie nützten nichts, der Knabe fuhr fort zu lügen. Ich hoffte immer, er werde später, besonders wenn er einmal zur ersten heiligen Kommunion gegangen ist, in sich gehen und diese schlimme Gewohnheit bekämpfen wird. Allein auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Im Kummer, der mein Herz fortwährend drückte, kam mir der Gedanke, ich wolle mich durch ein Gelübde verbinden, mit ihm eine Wallfahrt nach Bornhofen zu machen, um von Maria, die Zuflucht der Sünder und Trösterin der Betrübten, Hilfe für ihn und für mich zu erhalten.

 

Eines Tages nun weckte ich den Knaben schon morgens um 1 Uhr und sagte: „Steh auf, kleide dich an, wir wollen nach Bornhofen gehen!“ Das freute ihn sehr, er wusste noch nicht, um was es sich handle. Vor dem Mainzertor angelangt, blieb ich stehen und sprach: „Nun höre, mein Kind! Du weißt, wieviel Kummer du mir seit Jahren mit deinem Lügen gemacht hast, und wie alle meine Reden, Bitten, Ermahnungen und Strafen bei dir nichts gefruchtet haben. Ich habe jetzt das Gelübde gemacht, mit dir nach Bornhofen zu wallfahrten, damit doch Maria dir helfe, das abscheuliche Lügen zu lassen.“ Ich zog sodann meine Schuhe und Strümpfe aus und gab sie ihm zu tragen.

 

Da ich nie barfuß ging, taten mir bald die Füße weh und ich fing an zu hinken. Er bemerkte das und sagte nach einiger Zeit: „Mutter, ziehe doch deine Strümpfe und Schuhe an!“ – „Nein, mein Kind!“ antwortete ich, „ich habe gelobt, die Wallfahrt barfuß zu machen, und will ja gerne die Schmerzen leiden, wenn du dich nur besserst.“

 

Bornhofen ist von Koblenz ungefähr sechs Stunden entfernt. Man kann den Weg etwas abschneiden, wenn man den Fußsteig über einen Berg nimmt. Dieser Steig ist aber sehr steinig und holperig. Da fingen meine Füße an zu bluten. Der Knabe, der sonst ein gutes Herz und mich lieb hatte, bemerkte auch bald das Bluten meiner Füße. Er blieb stehen und sagte mit Tränen in den Augen: „Ach, Mutter, ich bitte dich, ziehe doch die Schuhe an, deine Füße bluten ja!“ – „Nein, mein Kind!“ wiederholte ich, „ich habe versprochen, die Wallfahrt barfuß zu machen und will mein Versprechen auch halten. O, wie gerne vergieße ich dieses Blut für dich, wenn nur du das Lügen dir abgewöhnst, wodurch du mir schon so viele Tränen verursacht hast!“

 

Lange haben wir vor dem Gnadenbild gekniet, und auch er hat andächtig gebetet. Zu den Füßen der Mutter der Barmherzigkeit und Gnaden sprach er zu mir: „Mutter, du wirst sehen, ich lüge nicht mehr, ich verspreche es dir!“ Und er hielt Wort, fortan hat er nicht mehr gelogen.

 

Gerade dieses rührende Beispiel hatte mich mächtig nach Bornhofen gezogen. Immer von neuem schwebte mir das Bild der guten Mutter vor, wie sie hier vertrauensvoll ihr Kind dem Schutz der Mutter Gottes empfohlen hatte. Im nahen Franziskaner-Kloster erzählte mir Bruder Michael vom Festglanz der großen Wallfahrten: Beim Klang der Glocken ziehen die Pilger zum Heiligtum. Abends halten sie feierliche Lichterprozession mit lautem Beten und Singen. An diesem Abend waren aber nur wenige Pilger hier. Lange blieb ich im Klostergarten und lauschte dem sanften Rauschen des Rheins:

 

Ruderschläge fallen sacht

Und die Welle plätschert leise;

An dem Abendhimmel lacht

Stern an Stern in alter Weise –

Stille Nacht und stille Reise.

 

Wie Sterne blicken die Mutteraugen Marias vom Himmelsthron ins Tränental. Das fühlte mein Herz so tröstlich. Morgens erblühte mir die Freude, das hochheilige Messopfer am Gnadenaltar zu feiern, wo von meinen Freunden einer seine Primiz gehalten hatte. Da wurde Bornhofen erst recht zum Gnadenborn, dass die Bitte reichlich Erhörung findet: „O schmerzhafte Mutter, durch dich schöpfen wir das Heil aus den Wunden des Heilands!“

 

http://www.wallfahrtskloster-bornhofen.de/gnadenbild/