Die Wallfahrt Aufkirchen in Südtirol

 

(Von Josef Liensberger in „Ave Maria“, Heft 12, 1914, Seite 261)

 

Im Hochpustertal, nahe dem Ursprung der Rienz und Drau, erhebt sich Toblach, vielen Sommergästen wohlbekannt. Von Toblach führt ein leichter Feldweg hinaus nach Aufkirchen. Dort ragt die gotische Kirche mit schlankem Turm. Von den Mauern des Turmes grüßt farbenfrisch das Bild des heiligen Christophorus. Treten wir in die hohen, kühlen Hallen und begrüßen ehrfürchtig unseren Herrn im allerheiligsten Sakrament! Begrüßen wir am Hochaltar auch das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter! Tief ergreift die Darstellung, wie die Mutter des Heilandes seinen lilienbleichen, mit rosenroten Wunden bedeckten Leib auf ihrem Schoß hält, während Johannes und vier heilige Frauen innigstes Mitleid bekunden:

 

Unterm Kreuze sitzt die bleiche,

Hehre Mutter mit der Leiche

Ihres Sohns im schwachen Arm,

Schauet Hand und Fuß durchstochen

Und das Herz vom Speer erbrochen,

Das am ihren schlug so warm.

 

Ach, sein Antlitz voller Güte

Ist verblichen wie die Blüte,

Die des Winters Frost gepflückt,

Da die Peiniger zum Hohne

Ihm von Dornen eine Krone,

In die Stirne tief gedrückt.

(Josef Seeber)

 

Dies Gnadenbild wurde seit Jahrhunderten hoch verehrt. Jetzt noch kommen viele Wallfahrer, besonders in der ernsten Fastenzeit. Durch die Fürbitte der schmerzhaften Mutter hoffen sie Hilfe in Leiden und Trübsalen oder doch milden Trost, die Gnade der Geduld und Ergebung. Da versteht so mancher Pilger erst recht die Geheimnisse des schmerzhaften Rosenkranzes, versteht auch die sinnige Grabschrift nahe dem Hauptportal. Im Sommer 1900 machte mich auf diese Grabschrift ein Mitpilger aufmerksam, der selbst in bitteren Leiden hier Trost suchte:

 

Das Leben ist ein Rosenkranz

Von Widerwärtigkeiten;

Der Weise lässt ihn ohne Scheu

Durch seine Finger gleiten,

Er faltet fromm die Hände

Und betet ihn zu Ende.

 

https://www.suedtirol.info/de/erleben/marienwallfahrtskirche-zu-aufkirchen_activity_66821