Der heilige Garten in Arenberg

 

(Von Josef Liensberger in „Ave Maria“, Februar 1915)

 

An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein!

Mein Sohn, ich rat dir gut.

Da geht dir das Leben zu lieblich ein,

Da blüht dir zu freudig der Mut!

 

Trotz dieser schalkhaften Warnung des Dichters beschloss ich, im Sommer 1905 getrost die Rheinreise zu wagen. Vom goldenen Mainz stromabwärts, vorüber an alten Städten und Burgen, die von Sang und Sage reich umklungen erscheinen – welch frohe Wanderschaft! Das rebenumkränzte Koblenz lud mich aber auch freundlich zu frommer Wallfahrt ein, hinauf durch das lauschige Tälchen nach Arenberg. „Zum roten Hahn!“ Merkwürdig schien mir diese Bezeichnung der Wallfahrtsstätte. Früher mag wohl ein Gasthaus auf der Höhe so geheißen haben. Damals stand in Arenberg nur ein kleines Kirchlein, das kaum einige hundert Menschen fasste. Im Jahr 1834 kam Johannes B. Kraus als Pfarrer daher. Seinem erleuchteten Eifer gelang es, die große Wallfahrt zu begründen, freilich mit großen Opfern, wie er treuherzig meldet: „Gleichwie der Herr im Blut des Martyriums seine lebendige Kirche erwachsen ließ und verherrlichte, gleichwie er selbst die Erlösung der Menschen in großen Leiden vollbrachte, so ließ er auch diesen Tempel aus vielen Leiden erwachsen.“

 

Nahe dem herrlichen Haus Gottes pflanzte Pfarrer Johannes den lieblichen Garten Gottes, den heiligen Garten, wahrhaft geheiligt durch zahlreiche Bilder und Kapellen. Sehen wir die Einsiedelei des heiligen Franziskus von Assisi, wie traulich die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels ihm nahen, als verstünden sie seine Mahnung, den allmächtigen und allgütigen Schöpfer dankbar zu loben. Als treuen Jünger des heiligen Franziskus sehen wir den heiligen Antonius, dargestellt am Weiher, wo zwischen schneeweißen Seerosen munter die Fischlein spielen. Das Bild erinnert lebhaft daran, wie St. Antonius einst am Gestade des Meeres den Fischen predigte, um hartherzige Menschen zu beschämen.

 

Vor allem erfreuen uns im heiligen Garten die Erinnerungen an unseren göttlichen Heiland und seine reinste Mutter. Auf einem Hügel steht, von immergrünen Pflanzen umrankt, ein einfaches, armes Haus, erbaut aus Ziegelsteinen: die Nachbildung des heiligen Hauses von Nazareth. Da kniet betend die allerseligste Jungfrau und vernimmt demütig die frohe Botschaft des Engels. Rings um das heilige Haus leuchten in Bildern die Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes. Nahe den freudenreichen Bildern erblühen weiße Blüten, an den schmerzhaften blutrote, an den glorreichen goldgelbe. Die sinnreiche Anordnung der Farben mahnt ans freundliche Lied:

 

Meine Mutter liebt die Rosen,

Rosen, weiß und purpurfarben,

Goldig wie des Abends Glühen,

Wie des Sommers lichte Garben.

 

(M. v. Greiffenstein)

 

Wahrlich ein Paradies, ein Garten der Wonne. In seiner Nähe finden wir aber einen anderen Garten, den Garten des Leidens.

 

Getsemani! Ernst ragen hier Rottannen. Über der Gruppe der drei schlafenden Apostel glüht die Beleuchtung wie geheimnisvolles Abendrot. Die Angstgrotte selbst ist mit braunen Steinen und grauen Kristallen bekleidet. Wie tiefergreifend wirkt das Bild des blutschwitzenden Heilandes, der sein seelenvolles Auge bittend zum Himmel richtet und doch voll kindlicher Ergebung den Kelch des bitteren Leidens annimmt!

 

"Lass mich deine Leiden singen,

Dir des Mitleids Opfer bringen!“

 

So ertönt es aus Herz und Mund der Pilgerschar beim Anblick der nächsten Kapellen: hier steht Jesus, mit Stricken gebunden, dort im weißen Spottkleid. Durch die Birken-Allee führt der ernste Weg zur Halle der Geißelung. Unter dem Bild des Heilands, der mit Dornen gekrönt worden ist, steht die Bitte geschrieben: „O Jesus, als König verhöhnt, erlöse mich!“

 

Folgen wir jetzt unserem Erlöser auf seinem Kreuzweg nach. Wie sind die Stationen hier errichtet? Jede Station erscheint als Kapellchen, aus Sandstein erbaut. Das Relief besteht aus gebranntem Ton. Darunter zeigt ein trauernder Engel die aufgerollte Inschrift. Das Ablass-Kreuzchen ist aus Olivenholz gebildet, das von Jerusalem hergesandt wurde. Wie lebhaft mahnte mich hier alles an meine Pilgerfahrt ins Heilige Land! Auch die Stätte der Himmelfahrt fehlt nicht: Auf Felsen ragt ein Kapellchen aus schneeweißem Quarz. Da weist die Lichtgestalt des Engels mit der einen Hand zum Himmel, mit der anderen auf unseres Herrn Fußspuren: „Willst du zum Himmel gelangen, so gehe des Heilands Weg!“

 

Gar sinnreich erscheint auch die Kapelle des Herzens Jesu. Sie hat 7 Fenster, teils mit blauem, teils mit rotem Glas. Das Glasgemälde mitten im Chor stellt das göttliche Herz dar, glühend vom Feuer der barmherzigen Liebe. Blickst du durch die blauen Fenster des Vorraumes, so starrt dir düster ein Winterbild entgegen, als fiele kalter Mondschein auf schneereiche Zweige. Blickst du durch die roten Fenster des Chores, nahe dem Herz-Jesu-Bild, so lacht dir fröhlich ein Frühlingsbild entgegen, als scheint warmer Sonnenglanz auf Blumen und Blüten. So findest du hier anschaulich dargestellt, was sinnig P. Franz Hattler SJ erklärt im Buch „Garten des Herzens Jesu“: „Nahe dem warmen, lichtreichen und lebensvollen Gottesherzen gedeiht alles. Wenn aber jemand sein Herz von Jesu Liebe weg zur Weltliebe neigt, da wird es eiskalter Winter in seinem Herzen. Fern vom Herzen Jesu verkümmert alles.“

 

Suchen wir auch unseren Heiland selbst heim, der voll Liebe seines Herzens in der Wallfahrtskirche thront. Viel Sinnreiches bietet diese Kirche. Wir gehen aber sogleich zum Hochaltar. Da glänzt am Tabernakel tröstlich das Bild des Herzens Jesu, verkündet klar, dass im Tabernakel das Sakrament der Liebe bleibt:

 

Drinnen die Sonne, die ewig glüht!

Drinnen ein Frühling, der ewig blüht!

 

Über dem Altar ragt die Gruppe der Kreuzigung. Am Kreuz rankt ein Weinstock mit roten Trauben hinan und bezeichnet den göttlichen Heiland als den geheimnisvollen Weinstock, der auf der Kelter des heiligen Kreuzes all sein Herzblut zum Heil der Seelen sich auspressen ließ:

 

Jesu Herz, dich preist mein Glaube,

Dich mein einzig höchstes Gut.

Wahrer Weinstock, süße Traube,

Strömend ew`ge Lebensglut!

 

http://www.kloster-arenberg.de/kloster.html