Anaya – Ein Lourdes des Orients

 

(Aus „Digeste Catholique“, Löwen/Belgien, Nov 1950, von Robert Brassy „Das Wunder von Anaya“)

 

Das Folgende beruht auf einem Artikel einer arabischen Zeitschrift in Beirut, die bekannt ist für ihre genauen Informationen. Die Kirche hat sich zwar noch nicht zu diesen Außerordentlichen Geschehnissen geäußert (Stand März 1951), sie werden aber in Rom genauestens beobachtet. Ein Wunder wurde auch bereits im Vatikan im Zusammenhang mit dem Vorhaben, den Seligsprechungsprozess von Pater Charbel einzuleiten, registriert (Charbel Makhlūf wurde 1965 von Papst Paul VI. selig- und am 9. Oktober 1977 vom selben Papst heiliggesprochen)

 

Seit einigen Monaten häufen sich im Libanon in geradezu erstaunlichem Maß Fälle nicht erklärbarer Heilungen und erregen in christlichen und mohammedanischen Kreisen des Vorderen Orients Aufsehen und religiösen Eifer.

 

Unzählige Scharen strömen zum Grab eines einfachen maronitischen Mönches, der im Jahr 1898 starb, des Paters Charbel. Dort ereigneten sich Wunder, die aus dem kleinen Dorf Anaya bereits ein Lourdes des Orients machen. Wie in Lourdes können dort Gelähmte wieder gehen, Blinde sehen und Taube hören. Christen, Mohammedaner und Juden kommen jeden Tag zu Tausenden und suchen dort Heilung des Leibes oder Frieden der Seele durch die Vermittlung eines Mannes, den Rom zwar noch nicht heiliggesprochen hat, aber den der Glaube der Pilger und Zeugen des außerordentlichen Geschehens bereits als solchen betrachtet.

 

Heilig aber war dieser Mönch während seines irdischen Wandels. Im Jahr 1833 erblickte Charbel Makhlūf im Dorf Beka Kafra, etwa 100 Kilometer von Beirut entfernt, in der Nähe der legendenhaften Zedern das Licht der Welt. Seine Eltern waren einfache Bauern, sehr fromm, wie es die meisten Bergbewohner des Libanons noch in unseren Tagen sind, und pflanzten dem Kind von Jugend an die Gottesliebe ins Herz. Mit 18 Jahren trat Makhlūf in das Kloster St. Maron, das zum Dorf Anaya gehört, als Novize ein. Von diesem Zeitpunkt an war er der Welt abgestorben und hob seine Augen nur noch zum Himmel, nach dem er eine heiße Sehnsucht hatte. Durch seinen Gehorsam und seine Demut wurde er ein Beispiel für alle seine Mitbrüder. Nie kam die geringste Klage über seine Lippen, nie zeigte er den Anfall einer Laune. Wenn er nicht durch die schweren Arbeiten auf dem Feld abgehalten wurde – die Mönche sind dort arm und verdingen sich an die Bauern der Umgebung –, war sein Lieblingsaufenthalt Tag und Nacht in der Kapelle des Klosters, wo er kniend betete und Betrachtungen hielt.

 

Ganz zufrieden aber war Pater Charbel erst, als sein Wunsch in Erfüllung ging, als Einsiedler in der Zelle eines ehemaligen Gefängnisses leben zu dürfen. Schnell verbreitete sich sein Ruf als heiliger Einsiedler im ganzen Gebiet. Die Bauern kamen, um seinen Segen und Heilung von ihren Krankheiten zu erbitten. Aber nur auf ausdrückliche Weisung seines Obern empfing er sie.

 

Am 16. Dezember 1898 überfiel ihn im Augenblick der Wandlung, als er den Kelch in der Hand hatte, ein furchtbarer Schmerz am Herzen. In der Nacht des 24. Dezembers starb der fromme Einsiedler, als ob Gott gewollt hätte, dass er am Tage von Christi Geburt für den Himmel geboren würde.

 

Glaubwürdige Zeugen bestätigen, dass sich schon zu seinen Lebzeiten Wunder ereigneten. Als eines Abends seine Öllampe leer war, trug sie Pater Charbel in die Küche, um sie füllen zu lassen. Ein Hausdiener wollte sich einen Scherz erlauben und füllte sie mit bloßem Wasser. Die Lampe brannte jedoch die ganze Nacht. Als der Obere von diesem Vorfall erfuhr, stellte er fest, dass die Lampe tatsächlich Wasser enthielt. Ein Einwohner des Dorfes Ihmege wurde von Raserei befallen und verbreitete unter den Seinen und den Nachbarn Furcht und Schrecken. Pater Charbel begab sich zu dem Unglücklichen, legte ihm die Hand auf das Haupt und betete über ihn. Da wurde der Kranke alsbald gesund und blieb es. Eines Tages stürzte sich eine Heuschreckenwolke über den Libanon und hinterließ auf ihrem Zug nichts als Verwüstung. Als die Gegend von Anaya ebenfalls bedroht wurde, besprengte Pater Charbel die bereits bestellten Felder der Gemeinde mit Weihwasser, und sie blieben verschont.

 

Noch am Abend der Beerdigung des Paters ereignete sich das erste Wunder nach seinem Tod: Bauern, die erst in der Nacht non den Feldern heimkehrten, nahmen einen leuchtenden Heiligenschein wahr, der sich über den Grabhügel herabsenkte. Von da an ereignen sich nun schon 24 Jahre lang die außerordentlichsten Wunder (Stand März 1951). Daraufhin ließ der Obere des Klosters mit Erlaubnis des Patriarchen die Leiche Pater Charbels exhumieren. Zum Erstaunen aller Zeugen fand man sie nach so vielen Jahren vollständig erhalten. Frisches Blut, vermischt mit Wasser, entquoll der linken Seite. Der erste Bericht des anwesenden Arztes Dr. Elias Onaissi lautet:

 

„Ich habe im Kloster St. Maron in Anaya die Leiche des Dieners Gottes Pater Charbel gesehen. Als ich mich dem Sarg näherte, nahm ich einen Geruch war, wie ihn Lebende verbreiten. Ich nahm wahr, dass seine Poren einen Stoff ausschieden, der dem Schweiß entsprach.  Das ist für einen so lange Jahre leblosen Körper merkwürdig und nach den Naturgesetzen nicht zu erklären. Ich habe danach noch mehrmals Gelegenheit gehabt, zu verschiedenen Zeiten die gleiche Untersuchung durchzuführen und habe dabei immer die nämlichen Erscheinungen festgestellt.

 

16. November 1921, gez. Dr. Elias El-Onaissi.“

 

Die arabische Zeitung „Al Bairak“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 17.6.1950 ein besonders aufsehenerregendes Wunder. Ein zweijähriges Kind wurde von seiner Mutter in einem Wasserbehälter ertrunken aufgefunden. Es atmete nicht mehr, sein verzerrtes Gesicht ließ auf Erstickung schließen. Man trug es sofort zum Grab des Pater Charbel, und alsbald begann es zu atmen und zu leben.

 

Gewiss wenden sogenannte „aufgeklärte Geister“ ein, dass man diese Wunder mit Suggestion erklären könnte. Es soll nicht verkannt werden, dass die Einstellung und der Glaube des Kranken viel bewirken kann. Aber die christlichen und nichtchristlichen Zeugen der Wunder von Anaya antworten darauf mit Recht, dass bei einem ertrunkenen Kind und bei wiedererlangtem Augenlicht von Suggestion keine Rede mehr sein könne.

 

 

Es ist unmöglich, hier alle Fälle nachgewiesener Heilungen aufzuzählen. In Anaya selbst wie an den verschiedensten Orten der Welt haben kranke Christen, Juden oder Mohammedaner durch bloßes Gebet, durch Wasser aus Anaya oder ein einfaches Bildchen des Heiligen, das man auf die Kranke Stelle legte (wie erst kürzlich eine gelähmte Brasilianerin tat) ihre Gesundheit wiedererlangt.