Alt, nicht veraltet!: Altötting.

 

Von P. Cölestin Muff

Benediktiner des Stiftes Einsiedeln

Kevelaerer Marien-Kalender, 1898

 

„Schrecklich! Nicht mehr Mode, veraltet!“ sprach Tante Lisabet bei sich, und schob ein Altes, aber noch gut erhaltenes Seidenkleid zuhinterst in den Schrank. Onkel Fritz hatte bisher mit einer alten, guten Kielfeder geschrieben; jetzt aber warf er sie eines Tages in den Papierkorb, indem er rief: „Die passt nicht mehr, die ist veraltet!“ Und noch ein ähnliches Stücklein! In der Stadt N. kam der Rat zusammen und beschloss, das neue elektrische Licht einzuführen; denn das alte Gaslicht sei eben veraltet, nicht mehr zeitgemäß.

 

So geht’s auf allen Gebieten; das Alte, Gute ist den modernen Leuten nicht mehr gut, weil es veraltet sei. Ja, auch die bald 19hundertjährige (1898) katholische Kirche soll in unsre Zeit nicht mehr passen, soll altfränkisch, veraltet sein. Und was von der Kirche im allgemeinen, das wird besonders auch gesagt von ihren Gebräuchen und Einrichtungen, ihren Klöstern, Wallfahrten und Gnadenorten.

 

Nun eben von einem solchen Gnadenort möchten wir erzählen und da zeigen, dass er zwar alt, aber nicht veraltet ist. Dieser Ort liegt draußen im lieben Bayernland, dort, wo in der Nähe die bläuliche Donau des Inns dunkle Wasser aufnimmt, die von den Schweizer- und Tirolerbergen mutwillig heranstürmen. Dort erhebt sich inmitten eines freien Platzes, der von Kirchen und sonstigen Gebäuden umgeben ist, eine mit steilem Satteldach versehene, altertümliche Kapelle. Die Stelle des Chores nimjmt ein Turmbau ein, der in ein Zeltdach ausläuft; rings um die Kapelle führt ein Rundbogengang, der dem Ganzen ein eigentümliches Gepräge verleiht. Es ist die Gnadenkapelle von Altötting, das Kleinod der Diözese Passau und des Bayernlandes, das deutsche Loretto, der Mittelpunkt der Verehrung Mariens aus nah und fern.

 

Altötting! Nomen est omen, sagt der Lateiner, d.h. die Bedeutung des Ortes liegt in seinem Namen. Denn wirklich der Ursprung der Kapelle und der Ortschaft ist alt, uralt. Einer glaubwürdigen Überlieferung gemäß soll der Turmbau einstens in den Zeiten der Römer ein heidnischer Tempel gewesen sein. Im 6ten Jahrhundert sodann kam der heilige Rupert (+ 27. März 718), ein Franke von Geburt, in die Gegend von Oetting, verwandelte den heidnischen Tempel allhier in eine christliche Kirche und stellte in ihr das mitgebrachte Muttergottesbild auf. Seither befindet sich in der heiligen Kapelle dies so berühmt gewordene Gnadenbild, das wegen seiner wundertätigen Wirkungen die Gläubigen in Menge anzog.

 

Das Bild ist aus Holz geschnitzt, 66 cm hoch und in Farben gefasst. Der Gesichtsausdruck ist so lieb, mild und anmutig, dass man sich nie sattsehen kann; wahrhaft heiliger, himmlischer Sinn spricht aus der ganzen Darstellung. Die Statue ist für gewöhnlich in weißseidenes Gewand gekleidet, darüber ein schwarzsamtnes Skapulier, das mit Diamanten und kostbaren Perlen und Kleinodien besetzt ist.

 

Alt wie das Bild und die Kapelle ist auch der Wachtdienst, der bei ihnen unterhalten wird. Die ersten, die diesen Dienst versahen, waren die Söhne des großen, heiligen Ordensstifters Benediktus. Um 876 baute ihnen König Karlman bei der heiligen Kapelle ein schönes Kloster samt einer großen Kirche. Von da an begann der Aufschwung Altöttings und es erreichte bald einen hohen Grad von Berühmtheit und Wohlstand. Denn von Altötting aus ging die Verbreitung des Christentums und der Kultur in die ganze Umgegend; dort weilten oft fromme Fürsten und Kaiser und verursachten dadurch den Zusammenfluss der Großen und Edlen geistlichen und weltlichen Standes aus ganz Deutschland; dort wurden auch viele Fürsten- und Volksversammlungen, Hof- und Gerichtstage gehalten; dorthin endlich richtete sich die Verehrung des gläubigen Volkes und dorthin strömten die Wallfahrtszüge von nah und fern.

 

Allein bald brach eine furchtbare Schreckens- und Leidenszeit über die Gnadenstätte herein. Die damals noch heidnischen Ungarn, die halb Europa mit Raub, Brand und Mord heimsuchten, kamen 910 auch nach Altötting, wo sie den ganzen Ort, die Stiftskirche samt dem Benediktinerkloster und alle übrigen Gebäude plünderten und niederbrannten. Mönche und Einwohner fielen unter dem Schwert oder wurden als Sklaven mit fortgeschleppt. Aber welch ein Wunder vom Himmel! Die heilige Kapelle blieb in diesem schrecklichen Brand und während all der folgenden, mehr als 50 Jahre dauernden Streifzüge der Ungarn ganz unversehrt.

 

Ja wohl! Und schon damals zeigte Gottes sorglich waltende Hand, dass Altötting trotz seines Alters nicht veraltet sei. Aus dem Schutt erhob sich wieder neues Leben. Begünstigt von Fürsten und beschützt von den Bischöfen, konnte die Wallfahrt bald wieder neuen Aufschwung nehmen, indem an Stelle des zerstörten Benediktinerklosters ein Chorherrenstift errichtet wurde (1228). Fürsten und Bischöfe wetteiferten in Schenkung von Gütern und Erteilung von Rechten und Privilegien an die neuaufblühende Stiftung. So gelangte sie im Laufe der Zeiten zu hohem Ansehen; sogar Söhne bayerischer Herzöge bekleideten die Würde eines Stiftspropstes, und einer dieser Pröpste wurde zum Kardinal erhoben. Groß war der Segen, den dieses Stift zur Beförderung der Andacht zur Mutter Gottes am altehrwürdigen Gnadenort verbreitete. Immer stärker wurden die Wallfahrten zur heiligen Kapelle von Altötting nicht nur aus Bayern, Schwaben und Franken, sondern auch aus Österreich, Böhmen, Ungarn, ja selbst aus Frankreich und Italien. Der Raum der Stiftskirche wurde bald zu klein und aus den reichen Opfergaben der Wallfahrer musste der Bau einer größeren Wallfahrtskirche in Angriff genommen werden; Propst Johann Mayer legte am 1. August 1499 den Grundstein dazu.

 

So wirkte das Chorherrenstift einige Jahrhunderte hindurch mit großem Segen. Doch abermals begann ein Sturm zu toben und mächtig zu rütteln an den Grundpfeilern der Gnadenstätte. Allein auch er hatte nach Gottes weisem Ratschluss nur den Zweck, vor aller Welt den Beweis zu erbringen, dass jene Grundpfeiler zwar alt, aber nicht morsch und veraltet seien. Dieser Sturm wurde eben heraufbeschworen durch die Lehre Luthers im 16ten Jahrhundert. Auch in Bayern, auch in der nächsten Umgebung von Altötting wurde das verderbliche Gift nicht ohne Erfolg verbreitet. Schon so weit war es gekommen, dass in der Nähe Altöttings das Bauernvolk die heiligen Bilder zerstörte, die Pfarrer zur Spendung der heiligen Kommunion unter Weinsgestalt förmlich zwang und einen Priester, der mit einem Kreuz nach Altötting wallfahrtete, tödlich misshandelte.

 

Da waren es nun Herzog Albrecht von Bayern und sein Sohn Wilhelm V., die Gottes Hand auserkor, um das brave Bayernvolk vor dem Abfall zu bewahren und dem katholischen Deutschland seine Gnadenstätte Altötting zu erhalten. Ersterer Fürst berief die Jesuiten, darunter besonders den hochberühmten, seligen Canisius, nach Ingolstadt, München und Landshut, die nun die festeste Schutzwehr für die Erhaltung der Rechtgläubigkeit bildeten. Wilhelm V. erlangte sodann auch für den Wallfahrtsort Altötting einige Väter aus der Gesellschaft Jesu. Hiermit war sein sehnlichster Wunsch erfüllt, denn Altötting erkannte er als das Herz des Landes, da sollte drum der alte Glaube, der nie veraltet, und die alte Verehrung Mariens wieder neu belebt werden.

 

Kurz vor dem Ende des Jahres 1591 trafen die berufenen Väter aus der Gesellschaft Jesu am uralten Gnadenort ein. Bald gewann er eine ganz veränderte Gestalt. Unterstützt von den Mitgliedern des immer noch fortbestehenden Kollegiatstiftes, gaben sich diese Väter alle Mühe, um durch gründliche Belehrung auf der Kanzel und im Beichtstuhl das Volk zu gewinnen. Sie führten unter anderem das 40stündige Gebet an den Fastnachtstagen ein und die Marianische Kongregation, um so auf das Familienleben einzuwirken. Am schönsten aber gab sich ihr aufopfernder Seeleneifer kund in der grausigen Pest, die im Jahr 1649 Altötting und dessen ganze Umgebung verwüstete.

 

In der sturmbewegten Zeit des 30jährigen Krieges wachte Marias Schutz und Gnadenhilfe ebenso auffällig wie früher in ähnlichen Schreckenstagen, über die heilige Kapelle und ganz Altötting. Zwar musste das Gnadenbild wiederholt versteckt werden, und wiederholt war die Gefahr der gänzlichen Verwüstung des Gnadenortes aufs Höchste gestiegen, - immer aber wandte Gottes schützende Hand die Katastrophe ab, und das Gnadenbild wurde gerettet.

 

Der Westfälische Friede brachte wieder ruhige Zeiten, und war dadurch für das kirchliche Leben von den wohltätigsten Folgen. Namentlich zeigte sich dies in den zahlreichen Besuchen der Gnadenkapelle zu Altötting aus nah und fern, so sehr, dass selbst die vermehrte Zahl der Jesuitenpatres und der Chorherren den immer sich steigernden Ansprüchen der Wallfahrt nicht mehr zu genügen vermochte. Darum bewirkte der fromme und eifrige Propst, Graf von Wartenburg, im Jahr 1653 die Errichtung eines Franziskanerklosters. Ebenso gründeten auch die Väter Kapuziner, die Kurfürst Maximilian I. im Jahr 1600 nach Bayern berufen hatte, in Altötting eine Niederlassung. So wirkten die Söhne der heiligen Ignatius und Franziskus und die Chorherren des Stiftes eifrig zusammen in der segensreichen Besorgung der Wallfahrt. Nur der spanische Erbfolgekrieg, in den auch Bayern verwickelt war, brachte in das stille Wallfahrtsleben eine vorübergehende Störung.

 

Jetzt kam die Zeit der französischen Revolution, jene Zeit, von der ganz besonders die Worte gelten: „Das Neue drängt herein mit Macht, das Alte, das Würdige scheidet.“ Doch der Gnadenstätte vermochte das schlimme Neue nichts anzuhaben. Von Gottes Hand beschützt, blieb Altötting, blieb alt, nicht veraltet. Einen schweren Schlag erlitt es allerdings, da ihm durch Aufhebung des Jesuitenordens (1773) seine treuen Wächter entrissen wurden, und als das Aufhebungsdekret aller Klöster Bayerns im Jahr 1803 auch die dortigen Ordens-Familien der Kapuziner und Franziskaner und selbst das Chorherrenstift auf den Aussterbe-Etat versetzte. Seit dem Jahr 1826 jedoch durften die Väter Kapuziner in Besorgung der Wallfahrt wieder ihre volle Tätigkeit entfalten und wurden zugleich unterstützt von einem Kollegium von Wallfahrtspriestern. Bischof Heinrich von Passau berief 1841 die Kongregation der Redemptoristen, die zur Förderung der Wallfahrt aufs segensreichste wirkten bis zu ihrer Verdrängung durch den Kulturkampf (1873). Seither besorgen die Väter Kapuziner in zwei Klöstern die Wallfahrt und zwar mit bestem Erfolg. Zeugnis dafür ist die Tatsache, dass sich die dortige Wallfahrt von Jahr zu Jahr hebt, und dass die jährliche Kommunikantenzahl durchschnittlich die Höhe von 230.000 erreicht und in einzelnen Jahren weit übersteigt.

 

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Altötting ist alt, aber nicht veraltet; das lehrt seine Geschichte, das lehrt aber auch die Geschichte seiner Wallfahrt. Groß war die Verehrung, die alle Schichten der Bevölkerung Bayerns und des Auslandes der Gnadenmutter Altöttings von jeher entgegenbrachten. Darunter waren namentlich die bayerischen Fürsten selber, wie z.B. Herzog Albrecht V., Wilhelm V., der große Kurfürst Maximilian I. und seine erste Gemahlin Elisabetha von Lothringen; ebenso die Kurfürsten Maximilian Emanuel und Karl Theodor und in neuerer Zeit auch König Ludwig I.

 

Nicht minder wetteiferte dann auch das benachbarte Haus Österreich mit dem bayrischen Fürstenhaus in der Verehrung U. L. Frau von Altötting, und zwar durch andächtigen Besuch und kostbare Weihegeschenke. Und wenn so Fürsten und Könige sich auszeichneten, ist es selbstverständlich, dass auch die hohe und niedere Geistlichkeit nicht zurückblieb. Ja sogar eines päpstlichen Besuches kann sich Altötting rühmen. Am 25. April 1782 traf nämlich Papst Pius VI. auf seiner Reise nach Wien abends 5 Uhr dort ein unter Glockengeläut und Kanonendonner und unter Paradierung von Infanterie und Kavallerie.

 

So erscheint diese Gnadenstätte als einer der berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt und wird mit vollem Recht Loretto in Italien, Maria-Einsiedeln in der Schweiz, Maria-Zell in Steiermark, Kevelaer im Rheinland und Lourdes in Frankreich würdig an die Seite gestellt. Das finden wir noch mehr bestätigt durch die Verehrung U. L. Frau von Altötting von Seiten der Städte, Dörfer und Gemeinden, die dorthin wallfahrteten und die kostbarsten Opfergeschenke dort niederlegten. Das katholische Volk bewies eben von jeher und beweist auch heute noch, dass es jenen Gnadenort als nicht veraltet betrachtet. Kommt ja doch seit 1839 alljährlich am 1. Sonntag im Juli ein stattlicher Pilgerzug (900 bis 1000 Teilnehmer zählend) aus der Hauptstadt zur Patrona Bavariae nach Altötting. Die Großartigkeit dieses Zuges, der feierliche Gottesdienst, der dabei gehalten wird, das andächtige, bis in die spätesten Abendstunden fortgesetzte, laute Beten der Münchener wirkt ergreifend und nachhaltig auf die Herzen der Teilnehmer.

 

Wenn wir dann erst noch die vielen Wunder und außerordentlichen Gebetserhörungen und Bekehrungen überblicken, die Gott seit mehr als einem Jahrtausend auf die Fürbitte seiner Mutter an ihrem Gnadenort gewirkt, dann müssen wir von ihm sagen: „Großes hat an ihm getan, der da mächtig und dessen Name heilig ist.“ Deswegen kann dieser Ort nicht veralten, und mag er noch so alt werden. Zwar finden wir viele Jahrhunderte hindurch keine urkundlichen Aufzeichnungen von Wundern, aber gleichwohl müssen sie zahlreich gewesen sein. Das ergibt sich aus der Tatsache, dass dieser Gnadenort zu allen Zeiten eine so außerordentliche Berühmtheit gehabt hat. Gewiss haben die Benediktiner viele dieser wunderbaren Begebenheiten aufgezeichnet, aber mit der Zerstörung ihres Stiftes sind auch die Schriftstücke verloren gegangen. In späteren Sammlungen jedoch finden wir hundert und hundert wunderbare Heilungen, außerordentliche Gebetserhörungen und Bekehrungen aufgezeichnet. Dazu kommen noch die zahllosen, an allen Wänden der heiligen Kapelle innen und außen hängenden Votivtafeln, die uns den ausgebreiteten Ruf dieses Gnadenortes erklärlich machen.

 

Und so sprudelt der Gnadenborn Altöttings auch heute wie ehedem unversiegbar fort, und erweist sich Maria ohne Unterlass als die mächtige und gütige Gnadenspenderin und Helferin in allen Anliegen des Leibes und der Seele.

 

Eine ganz besondere Eigentümlichkeit dieses Gnadenortes besteht darin, dass dort die Herzen der bayerischen Fürsten in der heiligen Kapelle beigesetzt sind. Es spricht sich in dieser Tatsache eine Bestätigung der göttlichen Worte aus: „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“, sowie das besondere Vertrauen auf den mächtigen Schutz der Himmelskönigin für den großen Tag der Auferstehung. Die ersten, deren Herzen ihrem Verlangen gemäß hier bestattet wurden, sind: Herzog Albrecht (+ 1666) und dessen Gemahlin Mechtildis; ferner Kurfürstin Elisabeth (+ 1635) und Kurfürst Maximilian I. (+ 1651); die letzten sind: König Ludwig II. (+ 1886) und Königin Maria (+ 1889). Ebenso ruht dort das Herz des großen Tilly.

 

Sorgen wir also auch dafür, dass unsere Liebe und unser Vertrauen zu Maria, unserer Mutter, die sich zu Altötting wie an all ihren Gnadenorten so mächtig erweist, nie veraltet, nie schwach werde, sondern stets neu bleibe und zunehme. Denn auch Marias Mutterliebe bleibt ewig jugendfrisch, sie zeigt sich alt, aber nicht veraltet.