Die marianische Gnadenkapelle in Altötting

 

In Altötting, einem anmutigen Städtchen im schönen Bayernland, das deutsche Loretto genannt, befindet sich die von tausenden und abermals tausenden frommen Wallfahrern besuchte hochberühmte Gnadenkapelle mit dem uralten Wunderbildnis der Gottesmutter. Alles in der Kapelle ist dazu angetan, um zu gläubigem Versenken in inniger Andacht anzuregen. Das Gnadenbild steht auf einem silbernen Altar hinter einer Glastafel in einem gleichfalls silbernen Tabernakel. Es ist aus Holz gearbeitet und bemalt. Das Kleid ist rot mit goldenem Saum; der Mantel, der über der Brust mit einer Spange zusammengehalten wird, ist weiß. Der Kopf ist mit einer Krone bedeckt. Auf dem rechten Arm hält Maria das Jesuskind, in der linken Hand ein goldenes Zepter, aus dessen Spitze eine goldene Lilie, das Sinnbild der Jungfräulichkeit hervorsprosst. Das Jesuskind ist ebenfalls mit einem roten Kleidchen angetan und hält in der rechten Hand eine blaue Kugel, das Sinnbild der Weltherrschaft. Die Gesichtszüge des Gnadenbildes kann niemand in der Nähe betrachten, ohne durch den himmlischen Sinn, der aus ihnen spricht, gerührt zu werden. Durch das hohe Alter und den Rauch der Kerzen und Lampen sind Gesicht und Hände mehr braun als fleischfarben. Da das Bild in prachtvolle Gewänder gekleidet ist, so kann man nur Gesicht und Hände der eigentlichen Statue erblicken. Rings um das Gnadenbild breitet sich ein silberner Thronhimmel.

 

In den zahllosen Votivtafeln und Gaben, die in der Gnadenkapelle aufgehängt sind, offenbaren sich Kummer und Sorge, aber auch Hoffnung und freudiger Dank der nach tausenden zählenden frommen leidbedrückten Wallfahrern, die seit Jahrhunderten zur Mutter Gottes von Altötting kamen und innerlich getröstet und aufgerichtet, wieder heimkehrten.

 Altötting

 

 

Eine Erzählung über Altötting um 1850 von Ida Gräfin Hahn-Hahn

 

Alten-Oettingen, gewiss eine der merkwürdigsten Stätten der Erde – so irdisch reizlos und so unirdisch reizend! Eine halbe Stunde vom Inn entfernt, flach, baumlos, unmalerisch, liegt auf der weiten Ebene zwischen München und Passau der kleine Marktflecken Alten-Oettingen, der aus ein paar Straßen und einem freien Platz besteht.

 

An diesem Platz, der weit und unregelmäßig ist, liegen drei Kirchen und verschiedene größere und kleinere Häuser: die Pfarrkirche, die Kapuzinerkirche mit dem daranstoßenden Kloster, und Kirche und Haus der Patres Redemptoristen. Das übrige sind Privathäuser. Alles ist ohne Schönheit der Architektur, ohne Pracht, so ungemein einfach und schmucklos, dass man, wenn man an Loretto oder Einsiedeln in ihrer großartigen Majestät denkt, ganz vergebens nach der Wallfahrtskirche mit dem Heiligtum sich umsieht, während man dort nichts anderes sieht. Dann liegt mitten auf dem freien Platz eine kleine Kapelle, achteckig, mit spitzem Dach und vor dem Achteck, das man auch den Chor nennen kann, ein Langschiff; das ganze umgeben von einem schwerfälligen niederen Bogengang, der Schutz gegen Regen und Sonnenschein gewährt.

 

Aber sieh! Alles Gemäuer des Bogenganges ist mit Votiv-Tafeln bedeckt und schwere Kreuze, welche büßende Pilger getragen haben, stehen an den Pfeilern; denn dies unscheinbare, ja dürftige Gebäude, so unansehnlich und gering, wie die Grotte zu Bethlehem, ist die Gnadenkapelle. Auch im Inneren ist etwas von der Dunkelheit, der Stille, dem Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte. Das kleine Langschiff, 36 Fuß lang und 24 breit, hat zwei Altäre und einige Kniebänke; über der Eingangstür die Orgelbühne. In der inneren Kapelle, dem Achteck, steht über dem Altar in einem silbernen Schrein das kleine uralte Gnadenbild: Maria mit dem Jesuskind auf ihrem rechten Arm und in der Linken den Zepter, aus dem die Lilie hervorblüht. Maria, als Mutter und Königin; die Liebe in ihrer Zärtlichkeit und in ihrer Macht, in allem, was sie Großartiges hat. – In der Dicke der Mauer sind Nischen angeracht und vor ihnen Kniebänke aufgestellt, um den engen Raum möglichst wenig zu beschränken. Über den Nischen befinden sich auf schwarzem Grund hinter Glasscheiben kostbare Votiv- oder auch Liebesgaben, Hals- und Armbänder, Ringe, Münzen, Kreuze, köstlich gefasste Reliquien. Fünf herrliche Lampen hängen vor dem Altar und das ewige Licht in ihnen leuchtet mild durch das Dunkel und wirft hie und da einen Glanzblick auf den reichen Schmuck. Die Herzen Bayerischer Landesfürsten, unter ihnen Kaiser Carl VII., + 1745, und Maximilian I., + 1825, ruhen einbalsamiert in silbernen herzförmigen Gefäßen an der Wand, welche dem Gnadenbild gegenüber sich befindet. Trotz Purpur und Krone betteten sie sich zur letzten Ruhe unter den Schutzmantel der heiligen Mutter Gottes von Alten-Oettingen.

 

Ein lindes Säuseln verhallt nie in diesem geheiligten Raum, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet ist. Das Flüstern des Gebetes, die leisen Seufzer, die Atemzüge der Andächtigen, das Rauschen eines Kleides, der Fall einer Kugel des Rosenkranzes, das Umschlagen der Blätter im Gebetbuch – diese Laute, welche man sonst kaum bemerkt, sind in dieser tiefen Stille hörbar, wie am Abend ein Säuseln durch den Wald geht, oder wie man in weiter Ferne die Wellen des Sees ans Gestade rieseln hört.

 

In eine wunderbar tiefe Ferne sinkt hier die Welt und das Leben, und das Treiben der Leidenschaft und der Kampf in der eigenen Brust zurück. Wie man von einem hohen Berg ringsum den Horizont schaut so weit, so weit, dass Erd und Himmel ineinander schwimmen, aber Städte und Dörfer nicht mehr zu sehen sind: so geht es der Seele in diesem Raum, der seit mehr als einem Jahrtausend nichts gewesen ist, als eine Stätte des Gebetes. Es gibt andere berühmte Orte, wohin auch seit langer Zeit die Menschen reisen, um Kunstwerke oder Naturschönheiten, oder prachtvolle Paläste, Kirchen, Gärten oder merkwürdige und interessante Sammlungen und Anstalten zu bewundern, und sie suchen sich dabei zu unterhalten, zu bilden, zu belehren, oder die Zeit zu töten und das Geld zu verschwenden. Die Bewunderung bildet eine Art von Glorie um solche Punkte und eine gewisse geistige Atmosphäre, deren Einfluss sogar stumpfe und äußerst prosaische Menschen etwas empfinden. – Welch eine geistige Atmosphäre muss um einen Punkt sich gebildet haben, den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat, als zu beten! – seit mehr als tausend Jahren – nur um zu beten, nur um die Tiefen des Herzens vor Gott auszuschütten! Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf die andere, zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein, lässt sich nicht stören durch den Wechsel, den ein Jahrtausend in alle Verhältnisse der Menschheit bringt; wird unterbrochen von der Ungunst der Zeiten, und hebt jenseits derselben gerade so wieder an, wie er notgedrungen diesseits aufgehört hatte! – Seitdem der heilige Rupert im 7. Jahrhundert das Christentum in Bayern gründete und das Muttergottes-Bild nach Alten-Oettingen brachte, sind Reiche und Völker auf- und untergegangen, sind Throne und Kronen gesunken und aufgerichtet; aber die andächtige Wallfahrt zu der Stätte, wo die Mutter Gottes so gnädig ist, geht jetzt gerade so wie damals fort – ein Strom lebendiger Einheit im Glauben und Liebe, der aus Millionen von Herzen bricht und in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt, ewig wiederholend die Wallfahrt der Könige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von Bethlehem! –

 

Altötting

 

Lorenz Freiberger

gekürzt aus „Münchener Katholische Kirchenzeitung“, 1947

 

Warum bin ich wieder hierher gefahren im überfüllten Zug? Etwa aus bayerischem Nationalbewusstsein, weil die Bayern seit Tassilos und Karls des Großen Zeiten zu Fuß, zu Pferd, mit der Bahn und zuletzt mit dem Bus oder Pkw hierhergekommen sind? Weil von Kindes Tagen an einige Familienmitglieder jedes Jahr stellvertretend für alle zu Unserer Lieben Frau von Oetting gepilgert sind? All das mag im Unterbewusstsein mitgewirkt haben. Aber Altötting ist uns mehr als ein alter Brauch; es ist ungeschriebenes Gesetz; es ist ein Kapitel nachgelebtes Evangelium: Maria und Josef reisen mit dem Jesuskind nach Jerusalem.

 

Ich betrete die hl. Kapelle. Wenn Verfluchungen einem Ort anhaften und ihn unwirtlich machen können, dann müssen die Gebete, die seit 1000 Jahren hier geflüstert, geschluchzt und laut geschrien worden sind, im Raum schweben und selbst Sterne und Wände dieses Achteckes geheiligt haben. Alle Beter haben gefühlt, dass eine geheime Macht, die hl. Jungfrau, mit ihnen gerufen hat. Verzweifelnde, Belastete, Sünder, Verbrecher, aber auch fromme Jungfrauen vor dem Ordenseintritt, Brautleute, Priesterkandidaten, alle Stände, berühmte Namen, wie Bischof Ketteler, Generalissimus Tilly, sind hier in Glauben und Demut gekniet. Ich geselle mich zu ihnen: Ave Maria!

 

Im Kapellenumgang liegen die Holzkreuze. Wie oft sind sie schon symbolhaft für das eigene seelische oder häusliche Kreuz dem Herrn um das Heiligtum nachgetragen worden.

Die Votivtafeln an den Wänden, die die bayerische Mutter ihren zum ersten Mal mitpilgernden Kindern auszudeuten pflegt, künden laut, dass es für den einfach und wirklich Gläubigen nicht erst lange eine Metaphysik – ein Etwas hinter der Natur – gibt, sondern ein erlebtes Zusammensein von Gott und Welt und Mensch, so wie St. Paulus sagt: „In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ Diese Votivtafeln sind ein wundersames Bilder-Tedeum, das in tausend Abwandlungen erzählt, wie zu allen Zeiten der jeweilige Hiob auch im Unglück seines Herrn erkennt und ihn lobpreist.

 

Altötting ist nicht etwa nur Historie, es ist Gegenwart und Leben. Mai bis Juni 1947 trafen allein 45 große Sonderzüge ein. Täglich zogen das ganze Frühjahr hindurch die Bittprozessionen durch die Straßen. 600 Fußwallfahrer aus der Oberpfalz überwanden die furchtbare Hitze des letzten Jahres. Es gab große Pilgertage für Frauen, Jungfrauen, Jungmädchen, sogar für Kinder, für Männersodalen, Tertiaren, für ganze Stadtpfarreien.

Es riefen Flüchtlinge aus vielen Ländern zur himmlischen Mutter, 20.000 Deutsche aus dem Osten, 8.000 Ungarn, 4.000 Ukrainer, 3.00 Litauer. Wer hätte alle gezählt und ihr Leid gemessen!

 

Wer wagt es da noch, das 20. Jahrhundert in summa summarum als materialistisch und gottlos zu benennen? Es hat ein doppeltes Gesicht, ein teuflisches und ein himmlisches. Da ist die Anbetung der Materie, des Fortschritts, der Technologien, der Raketen- und Atomkraft, und dagegen steht demütiges Vertrauen in Gotteskraft.

 

Altötting, deine Buße, dein Beten, dein Geloben, dein Hymnus: behaltet euer Gewicht auf der Waage Gottes, damit nicht neuerdings die Zornesschalen über uns ausgegossen werden.